Erinnerungen um die Treschhütte

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Armin Rühl

( Zürich ) Liebe, kleine, braune Hütte im Fellital oben, du bist noch eine der wenigen C. Hütten, die diesen Namen zu vollem Recht tragen. Deine Tage sind gezählt; bald wird droben im Vorder-Waldi eine neue Hütte, ein Haus entstehen, komfortabler, grosser, solider, ein wenig uniform wie die meisten neuen Steinbauten des S.A.C. Ich werde dich missen, wenn ich wieder ins Tal komme und du nicht mehr am altgewohnten Platz stehst. Du warst eine der ersten C. Hütten, die ich besucht, und eine der wenigen, denen ich langjährige Treue bewahrt habe. Warum ich dich liebe? Du bist klein und einfach eingerichtet. Du stehst nicht auf freier Warte, von deinem Standpunkt aus geniesst man keine gewaltige Fernsicht, nicht einmal ein Gipfel, bei dem du als Stützpunkt dienst, ist zu sehen. Bei all den Besuchen, die ich dir abgestattet und bei denen du Ausgangspunkt zu Gipfeln hättest sein sollen, war es mir nur einmal vergönnt, einen solchen zu erreichen. Ich liebe dich wahrscheinlich um deiner selbst, um der Erinnerung an frohe unbekümmerte Stunden der Jugend willen, die ich in deinen Räumen und deinem Bereich verbracht habe. Ich kannte dich schon, bevor du durch die Sektion « Am Albis » erworben wurdest. Später, 1928, erhieltest du einen Kehrfirstaufbau, da du der Schar der Kletterfreudigen, die sich am Sonnig Wichel, an Rüchen-, Rienzen- und Bristenstock gütlich tun wollten, nicht mehr genügen konntest. Auch die Zahl der Skifahrer, die hauptsächlich die Fellilücke zum Ziel haben, wuchs von Jahr zu Jahr.

ERINNERUNGEN UM DIE TRESCHHÜTTE Ja, ich liebe dich, kleine braune Treschhütte, liebe dich, wildes Tal und die dich umgebenden trutzigen Berge und Gräte, liebe euch, trotzdem ihr euch mir gegenüber so abweisend verhalten habt. Vielleicht gerade deswegen. Erfüllung ist schön, schöner aber vielleicht noch ist Sehnsucht. Und ich sehne mich nach euch.

Nie vergessen werde ich Pfingsten 1929. Freund Fritz und ich hatten im Sinn, den Sonnig Wichel zu besteigen, und zwar von der Pörtlilücke aus. Wir waren jung, voller Tatenlust und ziemlich unerfahren in den Bergen. Vom 18. auf den 19. Mai nächtigten wir in der Hütte, erst waren wir allein, in der Nacht rückten noch drei Hüttenbesucher mit prallen Säcken und Ski an. Mitte Mai und Ski, wir machten unsere Glossen darüber. Wie gesagt, wir waren e Greenhörner », was alpines Wissen anbelangt und, was uns erst später aufgegangen ist, wir waren auch unvorsichtig und frech. Schon im Aufstieg am frühen Morgen zum Vorder-Waldi mussten wir grössere Schneeflecke passieren. Im Pörtlital sah 's weiss aus, mit Ausnahme von apern Stellen an den Südhängen unter dem Pörtlistock und dem Rüchen. Auf hartem Lawinenschnee ging 's anfänglich gut, und wir gewannen rasch an Höhe. Dann wurde es mühsamer und mühsamer, wir hielten links im Aufstieg. Leichter Nebel umhüllte alle Spitzen und Gräte; ein diffuses Licht, bei dem Steilheit und Distanz schwer zu schätzen waren, herrschte. Wir verloren die Orientierung. Steiler und steiler wurde es, bis wir nicht mehr weiter konnten. Wieder abwärts und weiter, wo es eben ging, aber nicht etwa zurück. Wir waren jung, voller Kraft und Tatenlust. Wir arbeiteten uns durch den Schnee, manchmal bis zu den Hüften darin versinkend. Stundenlang. Plötzlich tauchten aus dem Nebel Gestalten auf, Skifahrer, unsere Skifahrer aus der Treschhütte. Wir lachten nicht mehr über die Ski. Die Leute meinten es gut mit uns, rieten uns zur Umkehr. Aber nein, konnten wir den Sonnig Wichel schon nicht machen, so wollten wir wenigstens zur Etzlihütte hinüber. Wir sagten es ihnen. Es dunkelte schon. Dichter Nebel ringsum; von weit unten, wie es uns schien, hörten wir Wasser rauschen. Die Skispuren, die uns bis vor kurzem den Weg gewiesen, hatten wir verloren. Wir hielten, liessen uns in den Schnee fallen, wir konnten einfach nicht mehr, waren erschöpft, vollkommen erledigt. Nur ein Gedanke beherrschte uns, liegen, ruhen, schlafen. Wir dösten schon halb, als Lichtschein und Stimmen uns weckten. Wieder waren es unsere Skifahrer aus der Treschhütte, die sich Sorgen um unser Ausbleiben gemacht hatten und uns suchen gegangen waren. Bald erreichten wir die Hütte. Erst bekamen wir eine Lektion zu hören, die ich heute noch nicht vergessen habe, dann erhielten wir heissen Tee und Reste eines feudalen Pfingstnachtessens. Wir lachten auch nicht mehr über die vollen Säcke, die unsere Retter mit sich geschleppt hatten.

Nota bene: Wir hatten, um von der Treschhütte zur Etzlihütte zu gelangen, vierzehn Stunden gebraucht.

Sechs Wochen später waren wir wieder im Fellital. In der Treschhütte ruhten wir geraume Zeit, kochten uns Suppe und Tee ( hier muss man mit dem Holz nicht geizen ) und zogen gegen Abend weiter bis zur Pörtlialp, wo nach der Karte eine Hütte hätte stehen sollen. In Ermangelung einer solchen machten wir es uns unter einem überhängenden Granitblock so bequem wie möglich, verbrachten ein paar Stunden mit Schlafen, Teesieden und Zähneklappern, um dann in aller Herrgottsfrühe wieder dem Wichel zuzustreben. Diesmal wollten wir den Aufstieg durch das mit Schnee gefüllte Westwandcouloir ausführen. Der Schnee war hart, sehr hart, Steigeisen besassen wir keine. Fritz, der mehr Übung und Erfahrung besass, führte. Seilsicherung wollten wir erst in den Felsen gebrauchen. Ich weiss nicht mehr, wie es gekommen ist, weiss nur noch, dass ich krampfhaft versuchte, mit dem Pickel die tolle Fahrt zu bremsen, doch ohne Erfolg; weiss noch, dass ich fürchtete, bei der leichten Biegung des Couloirs an die Felsen zur Rechten geworfen zu werden, und dann war 's aus mit der Erinnerung. Als ich wieder bei Bewusstsein war, glaubte ich erst, alle Knochen gebrochen zu haben, so schmerzten mich alle Glieder. Ich lag in einem Haufen harten Lawinenschnees, der mit Steinbrocken gespickt war. Bös sah ich drein, aber die Verletzungen waren nicht ernster Natur. Trotz früher Tageszeit, schönstem Wetter sowie den ermunternden Reden von Freund Fritz konnte ich mich nicht mehr zu einem zweiten Versuch aufraffen. Durch in voller Blüte stehende Alpenrosenstauden — vor sechs Wochen lag hier der Schnee noch metertief — ging 's unter Geächz und wiederholter Kriegserklärung an den Wichel zur Hütte zurück, wo gejodet und verbunden wurde.

1. August 1931. Beim Einnachten langten wir dort an, wo auf der Karte Klüsergaden steht und eine Hütte eingezeichnet ist; halbverfallenes Gemäuer und ein paar Balken waren alles, was wir antrafen. Aus den gemütlichen Hüttenstunden am Herdfeuer wie aus der Schlafgelegenheit im Heu, die wir ersehnt hatten, wurde nichts. Man durfte ruhig von einem Biwak reden. Unsere zwei Kameraden, die die Treschhütte als Unterkunft benützten und mit denen wir am Morgen Rendez-vous in der Klüserlücke verabredet, um gemeinsam den Bristen-Südgrat zu begehen, hatten entschieden den bessern Teil gewählt. Zur Feier des Tages wurde eine Büchse Fruchtsalat verspiesen, während auf den Höhen ob Gurtnellen Augustfeuer aufflammten. Nach Mitternacht wurden wir durch Blitz und Donner aus unserem Halbschlaf geweckt. Nicht lange währte es, bis der Himmel seine Schleusen öffnete und durch das notdürftig aus Balken und Steinen hergestellte Dach das Regenwasser in Miniaturwasserfällen auf uns herabstürzte. Rückzug zur Treschhütte. Durch die steile, teils felsige Kehle stiegen wir in schönstem Regen zum Talboden des Fellibaches hinunter, von wo wir in kurzer Zeit unter das schützende Dach der Hütte kamen. Lebhafte und etwas schadenfrohe Begrüssung von Seiten unserer Kameraden. Regen — Regen — den ganzen Morgen, den ganzen Tag. Tief herab hingen die Wolken an den umliegenden Bergen, während einzelne Nebelschwaden durchs Reusstal zogen. Es wurde ein gemütlicher Hüttenhock mit Jassen, Singen, Plaudern. Wieder eine unprogrammässig verlaufene Tour, aber dennoch gehört dieser Sonntag in der Treschhütte mit zu meinen besten Erinnerungen.

Fünf Jahre vergingen, bis wir wieder einmal in dem uns liebgewordenen Hüttlein nächtigten. Ein drittes Mal soll 's dem Wichel gelten. Die Alpenrosen sind schon fast am Verblühen, wie wir uns zur Pörtlilücke hinauf- mühen. Alle beide sind wir nicht in Form, haben keine Lust zum Klettern, überhaupt keinen rechten Auftrieb. Oben auf der Lücke nehmen wir den leicht bedeckten Himmel zum Anlass, um unsere beabsichtigte Tour abzubrechen. Während Fritz faul ausgestreckt sich einem Schläfchen hingibt, steige ich langsam, nach Strahlen Ausschau haltend, zum Zwächten hinauf. Unterwegs begegne ich drei Gemsen, die erst bockstill stehen, um dann in elegantem Sprunge gegen den Steinstock hin zu entschwinden. Alpenrosen pflückend bummeln wir sodann wieder hinab zur Hütte und weiter, Gurtnellen zu. Trost für die im Sande verlaufene Tour bildete der Fund von einigen Kilo Eierschwämmen.

Ein andermal waren wir, von der Medelser Hütte kommend, am gleichen Tag in einem ungewöhnlich heftigen Schneesturm über die Fellilücke zur Hütte am Rhonastutz gekommen Auf der Höhe der Lücke ging ein scheusslicher orkanartiger Wind, und der Schnee lag gut fusstief. Es war dies anfangs August 1942. Anderntags ging 's über die Pörtlilücke ins Maderanertal, den Wichel liessen wir rechts liegen, ich aber wandte mich gegen den Zwächten, um der Leidenschaft des Strahlens zu frönen. Das ganze Gebiet ist reich an Bergkristallen, man muss heute aber gleichwohl Glück haben, ein schönes Stück zu finden Immerhin habe ich im Laufe der Jahre schon etliche Kilo mehr oder weniger schöne Strahlen aus dieser Gegend heimgeschleppt.

Im Sommer 1945 war ich anlässlich einer Sektionstour das letztemal im Fellital, in unserer Hütte. Ich darf jetzt wohl so sagen, da ich in jenem Jahr zur Sektion « Am Albis » übergetreten war, die seinerzeit, 1924, die Behausung des alten Strahlers J. J. Tresch — der 1902, 80jährig, am Bristenstock verunglückt und erst 1921 aufgefunden wurde — gekauft und zum C. Heim umgewandelt hat. Wir bestiegen den Federstock, um hernach über die Gämmertallücke zur Oberalp abzusteigen. Es war dies das erste Mal, dass ich, die Treschhütte als Ausgangspunkt benützend, einen programmässig festgelegten Gipfel erreichen konnte. Und nicht viel hätte gefehlt, so wäre auch diese Fahrt schon am frühen Morgen ins Wasser gefallen, und das ist wörtlich zu verstehen.

Der Sonnig Wichel steht auch auf dem diesjährigen Tourenprogramm. Wetterglück vorausgesetzt, wird 's diesmal gelingen, ich fühle es.

Dann werde ich dich noch einmal sehen, braune kleine Hütte, im Sommer darauf stehst du vielleicht schon nicht mehr. Wieder wird am Morgen, wenn man noch etwas schlaftrunken die Augen öffnet, der erste Gedanke sein: « Es regnet. » Streckt man dann den Kopf zum kleinen Fenster hinaus und sieht den Himmel voller Sterne, so weiss man, dass der plätschernde Brunnen vor der Hütte und der rauschende Fellibach einen wieder einmal mehr zum Narren gehalten haben.

Dort, wo man dich im Aufstieg zum Vorder-Waldi ein letztes Mal sieht, werde ich eine Weile stille stehen und von dir Abschied nehmen: Leb wohl, alte, kleine Treschhütte 1

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