Ernst Schlatters alpine Kunst

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Von Rudolf Hägni.

Ernst Schlatter, am 27. November 1883 als Sohn eines Schlossermeisters in Zürich geboren, erledigte daselbst eine Lehre als Graphiker, besuchte die Kunstgewerbeschule und die Lehr- und Versuchswerkstätte in Stuttgart, sah sich noch ein Jahr in München um und wurde hierauf als Lehrer für Landschaftszeichnen und angewandte Graphik an die Kunstgewerbeschule seiner Vaterstadt berufen. 1920 siedelte er in das stille Fischerdorf Uttwil am Bodensee über, wo er seitdem seinen künstlerischen Träumen lebt und auch als angewandter Graphiker sich betätigt. Von Zeit zu Zeit schliesst er die Ateliertüre hinter sich ab, um bald in Italien, bald am schweizerischen oder deutschen Rhein oder in den heimatlichen Bergen künstlerischen Studien sich hinzugeben.

In seiner neuen, selbstgewählten Heimat hat er sich in freier, aussichtsreicher Lage ein eigenes Heim gebaut. Unmittelbar zu Füssen dehnt sich der mächtige Spiegel des Schwäbischen Meeres, am deutschen Ufer schliessen sanfte Moränenzüge das Bild ab, gegen Morgen und Mittag begrenzen die Berge des Vorarlbergs und des Alpsteingebiets den Blick. Es ist also eine Landschaft durchaus idyllischen Charakters, die sich der Künstler zu seinem Wohnsitz erwählt hat, aber dennoch grosslinig und weiträumig und immerhin mit hochaufragenden Bergen am Rande.

Man könnte in dieser Landschaft ein Symbol für das künstlerische Schaffen und die Persönlichkeit Schlatters sehen, dessen Werk aus eben diesen Quellen sich nährt. Die Landschaft überwiegt bei weitem und darunter wieder die Gestaltung still in sich ruhenden, umfriedeten Seins. Das sind seine Motive: Eine verträumte Bucht mit einem Fischergransen, von Urzeiten her derselbe und wie ein Stück Natur anmutend, ein Fischer darin, seinem patriarchalischen Gewerbe obliegend oder am Ufer Netze aufspannend, ebenfalls wie vor tausend und abertausend Jahren schon und ebenso naturnah und urwelthaft berührend wie der erwähnte Nachen. Ein einsames Weglein, das am Ufer entlang führt und von einer mächtigen Pappel überragt wird. Eine alte Dorfkirche mit einem verwilderten oder verfallenen Friedhof. Ein Acker mit einem pflügenden Ochsengespann. Eine übersonnte Wiese mit einer malerischen Baumgruppe und dem See im Hintergrund. Der still dahinziehende Rhein mit einem Kloster oder einer Burg irgendwo in der Ferne... Und daneben stehen die Darstellungen aus den Bergen: neben dem umfriedeten und einfriedenden Sein der Lockruf aus der Höhe, wie eine Mahnung gleichsam, sich über diesem Frieden nicht zu verlieren, nicht bis zur Selbstaufgabe darin unterzutauchen, so wie ja auch der aufragende Turm der Dorf kirche uns daran erinnern will, dass es noch ein Höheres gebe als die selbstzufriedene Pflege des Ich — eine Welt über diesen Welten...

Schlatter hat einmal von sich gesagt, dass nicht in erster Linie der Ge-fühlston einer Landschaft, einer Erscheinung für die Wahl seiner Objekte bestimmend sei, sondern das Tektonische, die plastische Gestalt und die Stellung dieser Gestalt im Räume. Und in der Tat: er baut und stuft seine Darstellungen stets mit untrüglichem Blick, mit nie versagender Hand. Und eben dieses Bedürfnis nach klarer Umgrenzung, nach einem festen Gefüge wird nun durch die Landschaft, die der Künstler zu seiner zweiten Heimat erwählt hat, in glücklichster Weise gestillt: in den Waagrechten der Uferlinien und des Moränenzuges und in den Senkrechten der Berge.

Schlatter komme von der Gebrauchsgraphik her, hörten wir. Diese stellt sich, wie man weiss, bewusst auf die Wirkung, die äussere Wirkung ein. Sie trägt die Gesetze, die dieser Wirkung zugrunde liegen, von aussen an die darzustellenden Gegenstände heran, sucht z.B. die Aufmerksamkeit darauf hinzulenken durch in die Augen springende Gruppierung, geschickte Aufmachung, starke Akzente. Sie ist also in mancher Hinsicht das gerade Gegenteil der reinen Kunst, die sich von innen her einer Erscheinung zu bemächtigen sucht, obwohl sie selbstverständlich des dekorativen Elementes auch nicht ermangeln kann. Aber was dort Selbstzweck ist, ist hier nur Mittel zum Zweck. Ein Künstler, der wie Schlatter von der angewandten zur reinen Kunst hinüber wechselt, wird also die unbedingte Hingabe an sein Objekt — oder, wie man auch sagen könnte: das Horchen auf die innere Stimme — erst noch lernen müssen. Das Wissen des angewandten Künstlers um die Wirkung aller äussern, technischen Mittel wird sich dem reinen Künstler zuerst selbstherrlich zwischen den Gegenstand und seine Gestaltung stellen und ihn am reinen, zweckfreien Schauen hindern.

Dieser Weg lässt sich auch an Ernst Schlatters Werk aufzeigen, doch hat er, besonders auf dem Boden der Schwarzweisskunst, rasch jene innere Freiheit gefunden, die ihn zu vollwertigen künstlerischen Leistungen befähigte. Als Maler hingegen hat er den Raum, den er mit graphischen Mitteln lebendig, eigenartig und künstlerisch einwandfrei zu füllen versteht, zum Teil erst noch zu erobern.

ERNST SCHLATTER.

Dem Darsteller der Berge nun — um des besondern Anlasses wegen etwas näher auf dieses Thema einzutreten — drohen namentlich zwei Gefahren: entweder, dass er in der kühl-objektiven, leblosen Nachbildung der äussern Form sich erschöpft — vielleicht aus dem an und für sich richtigen Bemühen heraus, nicht in den Fehler der Verniedlichung, der « Vermenschlichung » zu verfallen — oder aber: er biegt die naturgegebene Form in einer Weise um, dass es einer Verzerrung oder Verwässerung des Gegenstandes gleichkommt, um nur ja nicht in der toten, unpersönlichen und darum unkünstlerischen « Abzeichnung » der äussern Gestalt stecken zu bleiben. Diesen Gefahren wird wohl derjenige Künstler am ehesten entgehen, der die Berge wirklich kennt, als Alpinist mit ihren lichten und dunkeln Seiten vertraut ist. Ein Hodler freilich brauchte nicht erst Alpinist zu sein, um Antlitz und Seele der Berge überzeugend zur Darstellung zu bringen, denn er hatte all das Schroff-Kantige, Steile, Herrische mit den Bergen gemein — so wie der spätgeborne ja auch aus seiner « Landsknechtspsyche » heraus die einer ganz andern Zeit entstammenden Landsknechtsgestalten mit wirklichem Leben zu erfüllen und auf die Leinwand zu bannen vermochte.

Mit den Bergen nun ist Ernst Schlatter als Alpinist sozusagen von Jugend auf vertraut, und besonders gut kennt er sich im Alpsteingebiet aus. Wir hörten ja, dass der Säntis und seine Anverwandten von ferne in seine Stube hineingrüssen und nie aufhören mit Locken und Rufen. Der Künstler bringt denn auch fast jedes Jahr einige Wochen in jener Gegend zu mit Klettern, Zeichnen und Malen, und da seine Kunst ausgesprochen linear gerichtet ist,auch in seiner Malerei geht er von der linearen Erscheinung eines Gegenstandes aus und verwendet die Farbe eigentlich nur dekorativ als Kolorist — kommen ihr die Berge mit ihrer klaren, festumrissenen, plastischen Form und die Felsenberge des Alpsteingebiets erst recht in besonderer Weise entgegen. Das will allerdings nicht heissen, dass er den sanften Auf-buckelungen und zarten Schwellungen eines Schnee- oder Grashangs nicht auch auf manchen seiner Blätter mit bestem Gelingen nachgegangen sei ( Zuozer Mappe ).

So wie aus seinem Werk im ganzen, spricht nun namentlich auch aus seinen Darstellungen aus der Welt der Berge vor allem die Achtung vor der naturgegebenen, gleichsam « gewachsenen », soll heissen: gewordenen Form. Er gibt die Natur stets so wieder, wie sie seinem — innern und äussern — Auge « erscheint ». Er trägt nichts von aussen, aus seinem Mensch-Sein, in die Natur hinein, was ihr nicht gemäss wäre, was nicht aus ihr selber stammt. Er gibt keine Deutungen « von aussen her », die, losgelöst von der natürlichen Gestalt, ein eigenes, selbstherrliches Leben beanspruchen. Er redet nicht über die Natur hinweg. Man sieht: er scheint demnach in seinen künstlerischen Anschauungen auf dem Boden Goethes zu stehen, trotzdem solche bewussten Überlegungen dem gerade zupackenden Wesen des Künstlers fern liegen mögenwonach wir in der äussern Erscheinung eines Naturgegenstandes zugleich auch seine Deutung, sein inneres Gesetz, seinen Sinn in den Händen haben, weil in der Natur innen und aussen eins, der « äussern Form » Sinn und Gesetz immanent sind.

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