Erste photographische Expedition auf den Mont Blanc. 1861

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VON EMILE GOS, LAUSANNE

Mit I Illustration im Text Heute, wo das Photographieren im Hochgebirge dank kleiner Apparate jedem Bergsteiger möglich ist, müssen wir die Willenskraft und Beharrlichkeit der beiden Franzosen Bisson, Photograph, und Loppé, Maler von Talent, bewundern, die vor hundert Jahren mit einer grossen Karawane von Führern und Trägern die erste photographische Expedition auf den Gipfel des Mont Blanc unternahmen und erfolgreich durchführten. Denn, vergessen wir nicht, dass schon die Besteigung des Mont Blanc, besonders über die damals übliche gefährliche Passage des « Corridors » bis 1860 eine ungewöhnliche Tat bedeutete. Um wieviel schwieriger aber war das Unternehmen mit einem jener mächtigen Plattenapparate, wie man sie damals hatte, zu bewerkstelligen.

Ausser den Werken des Malers Loppé, Mitglied des Alpine Club, existierten noch keine Darstellungen aus dem Hochgebirge. Das war der Grund, warum M. Bisson vom Photohaus Bisson Frères in Paris den Entschluss fasste, eine Expedition auf den Mont Blanc zu unternehmen, um die « Tableaux magiques des solitudes de glace et des points culminants festzuhalten, die, um eine exakte Vorstellung von diesen Wundern zu vermitteln, noch von so wenigen Pinseln und Stiften wiedergegeben werden konnten ».

Unter der Führung von Auguste Balmat, dem würdigen Erben dieses Namens, wurde eine imposante Karawane zusammengestellt. Fünfundzwanzig starke Männerschultern trugen die Traggestelle, auf denen die umfangreiche Zubehör mit der « Lanterne daguerrienne », dem damaligen Photoapparat im Format von 30 auf 40 cm! befestigt wurde. Das Arsenal von Zyankali- und Kollodium-fläschchen, die Stative, Strickleitern, das Zelt, die Feldmatratzen und die Lebensmittel wurden in Tragkörben transportiert. Und die eindrückliche Karawane erreichte die Grands-Mulets-Hütte.

« Wir sind », berichtet Bisson, « um 2 Uhr morgens aufgebrochen. Von unserem opferbereiten Chefführer betreut, gelangen wir in wohlabgewogenem Marsch ohne zu grosse Ermüdung zum Grand Plateau. Der gefährliche „ Corridor " wird ohne Unfall passiert, und am Mittag erreichen wir die Petits Mulets, die Basis der Gipfelkalotte, ohne des von Süden her aufziehenden Gewitters gewahr zu werden. Ein 300 Fuss hoher Gletscher verdeckt uns die Sicht.

Schon hüllt uns dichter Nebel ein, und Schnee und Hagel schlägt uns ins Gesicht. Wir halten an, ungewiss, wie die Situation ausgehen wird. Schlaf und Kälte übermannen einige unserer Träger. Da Bewegungslosigkeit ebenso gefährlich werden kann wie ein unsicheres Weitergehen, entscheidet sich Balmat für den Rückzug. Der Neuschnee hat unsere Spuren schon zugedeckt, Lawinen donnern, und der intensive Nebel verunmöglicht fast jede Orientierung. Wir verhehlen uns gegenseitig unsere Befürchtungen. » Sie gelangen trotz allem heil zum Plateau hinab, wunderbarerweise! wenn man weiss, wieviele tödliche Unfälle hier passieren. Auf dem Plateau lässt Bisson das Zelt aufschlagen und deponiert die Apparate und was vom Gepäck nicht unbedingt gebraucht wird, bis die Karawane den Aufstieg wieder aufnehmen kann. Es herrscht fast vollständige Dunkelheit, keine Spuren sind mehr zu sehen, und der Kompass hilft nichts mehr. So steigt man, geführt von Balmat, weiter ab und macht von Zeit zu Zeit Appell, ob keiner von Müdigkeit übermannt ist, keiner fehlt, und kommt endlich, Gott weiss wie! zum Asyl, von wo man am Morgen aufgebrochen ist.

1 Stephen D' Arve, Les Fastes du Mont Blanc, Genève, Libr. A. Vérésoff 1876.

Crossing the Grand Plateau at night « Die dürftige Hütte ist bewohnt: drei Engländer, die vor uns angekommen sind. Sie sind bereit, etwas zusammenzurücken, damit wir unsere zerschlagenen Glieder auf den faulen Brettern, die als Lager dienen, ausstrecken können. » Während der Nacht wird das Wetter immer schlechter, was aber die Engländer nicht hindert, aufzubrechen und die Besteigung zu versuchen. Die Bisson-Karawane verbringt den Tag in Untätigkeit, bedauernd, die Apparate zurückgelassen zu haben, die nun vielleicht unter den Schneemassen dieser fürchterlichen Nacht begraben sind. Um Mitternacht des folgenden Tages, als das Barometer steigt, entschliesst man sich zum Aufbruch, und morgens 4 Uhr sind die Leute wieder auf dem Grand Plateau und geben ihrer Begeisterung Ausdruck, als sie ihr Zelt mit dem kostbaren Material unbeschädigt vorfinden, nicht begraben unter der Schneedecke, die während 36 Stunden gefallen ist.

Es wird wieder aufgeladen; der Aufstieg wird auf der Route von vorgestern fortgesetzt, und vier Stunden später kommt die Karawane glücklich auf dem Gipfel - « sur la chevelure neigeuse du colosse » - an. Bisson photographiert und ruht nicht, bis er das Bild jedes dieser « schönen Gletscher und dieser schlanken Spitzen » im Kasten hat. Der voluminöse Apparat wird nacheinander auf alle Gipfel gerichtet. Dann wird hier oben das Zelt errichtet und das Material für die Entwicklung der Klischees ausgepackt. Der Photograph wollte nicht umkehren, ohne das Resultat seiner Arbeit zu kennen.

« Aber da zeigt sich ein Hindernis, an das wir nicht gedacht haben », bemerkt Bisson; « es braucht reichlich Wasser, um diese Klischees ( 30/40 cm gross!, wie wir wissen ) zu wässern und um die Reagenzien aufzulösen. Das Wasser in den Kanistern ist gefroren, und wir müssen zum Schneeschmelzen auf dem Feuer Zuflucht nehmen. Aber bei der sanften Spiritusflamme, die wir unter dem Zeltdach zuwege bringen, zieht sich die Sache unendlich in die Länge, so dass wir am Erfolg zweifeln.

Den Männern ihrerseits, die den Schmelzvorgang beaufsichtigen, geht die künstliche Wärmeentwicklung im Zelt auf die Nerven. Sie werden von bleiernem Schlaf übermannt, aus dem wir sie mit Gewalt und Drohungen aufreissen müssen, um eine Blutreaktion, die ihren sofortigen Tod zur Folge haben könnte, zu verhindern.

Balmat vervielfacht seine Fürsorge. Er geht vom Zelt zum Apparat und vom Apparat zum Baro-meterpfosten, den er intelligenterweise seit einigen Jahren auf der Gipfelkalotte postiert hat. » Endlich kann Bisson seinen Gefährten ein unter so ungünstigen Umständen unerwartet gutes Resultat bekanntgeben, und ein schönes Klischee nach dem andern kommt aus der « féerique machine » zum Vorschein. Wenn man weiss, was es heisst, Platten von diesen Dimensionen in einem Laboratorium zu entwickeln, fragt man sich, wie diese Leistung auf dem Gipfel des Mont Blanc auf 4800 m Höhe im verdunkelten Zelt zustande kommen konnte.

In seinen Notizen über den Abstieg berichtet Bisson nichts über den gefährlichen « Corridor », den sie schon beim Aufstieg passiert haben; aber man kann sich wohl vorstellen, dass die Passage für diese Leute - beladen mit so empfindlicher Ware, wie sie diese eben entwickelten photographischen Platten darstellten - nicht leicht war.

Der Autor begnügt sich, den Beifall zu erwähnen, mit dem die Teilnehmer der Expedition bei ihrer Rückkehr nach Chamonix empfangen wurden, die vielfältigen Fragen, mit denen sie überhäuft wurden, die neugierige Musterung ihres Gesichtsausdrucks, als sie unter betäubendem Lärm von Mörserschüssen beim Hotel ankamen.

Nach Aussage von Stephen D' Arve sind Bissons Platten als Wunder zu bezeichnen, als « des impossibilités artistiques »: die Kette der Alpen und des Apennins aus der Vogelschau gesehen, der Monte Rosa, von der Schulter seines grösseren Bruders Mont Blanc aus aufgenommen. Eine Utopie von gestern, eine erregende Verwirklichung von morgen.

Erwähnen wir noch zum Schluss, dass ein anderer berühmter Photograph, namens Braun, ebenfalls aus Paris, in derselben Epoche bemerkenswerte Photographien in den « glaciaires de Chamouny » machte, immer mit dem schweren Apparat 30/40 cm, auf Kollodiumplatten.

« Diese mutigen Photographen », schrieb damals Théophile Gauthier, « haben damit für Kunst und Wissenschaft ein neues Element erschlossen und neue Bilder ermöglicht. » Übers.: F.Oe.

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