Erste Winterbegehung der Tödi-Nordostwand

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Albert Schmidt, Engi

Am 1 i. und 12.Januar 1969 gelang den beiden Bergführern Heinz Leuzinger und Hans Fischli und den Alpinisten David Schiesser und Albert Schmidt die erste Winterbegehung der Lauper-Route ( Röticouloir ) durch die Tödi-Nordostwand.

Der erste Versuch, den meine Kameraden kurz vor Weihnachten unternahmen, endete schon unter der Hütte im Schneesturm des spät einbrechenden Winters. Am nächsten Tag besuchte mich Heinz, und es bereitete ihm keine Mühe, auch mich für das Unternehmen zu begeistern. Eifrig besprachen wir die Probleme dieser Tour; aber bei den kräftig einsetzenden Schneefällen wagte ich nicht auf ein baldiges Gelingen zu hoffen.

Drei Wochen später, am Freitagabend, telephoniert mir David: « Kommst Du mit auf den Tödi? » - Die Überraschung verschlägt mir fast die Sprache; aber auch ihm ist es so ergangen. Er kam von der Arbeit heim und fand einen Zettel an der Haustüre: « Wir sind in der Fridolinshütte und erwarten euch morgen. Gruss Heinz und Hans! » « Gut, ich komme; ja... aber... das Wetter? Und die Verhältnisse? » Doch unsere Wenn und Aber verflüchtigen sich schnell angesichts der Entschlossenheit, mit der unsere Freunde gehandelt haben. Der Samstag bringt eine milde Föhnlage; ins helle Blau des Himmels zeichnen sich zerzauste Wolkenschleier, und blasser Sonnenschein liegt über den Bergen. Am Mittag fahren wir ins Tierfed. Im Tierfed, sagen die Besucher, sei die Welt zu Ende, verriegelt durch riesige graue Felswände, die den Himmel zusammendrücken, durch unzugängliche Schluchten und steilen Bergwald. Aber für die Glarner beginnt die Welt der Berge, Ursprung vieler Sagen, mit den hohen Alpen, der Pantenbrugg und seit einigen Jahren mit dem Lim-mernstausee und den kühnen Seilbahnen die Welt der Kraftwerke. Und für die Bergsteiger öffnet sich ein schmaler Zugang zum Reich des Tödi ( 3614 m ).

Die Seilbahnen wurden wieder abgebrochen; also laden wir uns die üblichen schweren Säcke selbst auf, schnallen jedoch mit Genugtuung die leichten Kurzski an die Schuhe.

Im Pulverschnee steigen wir das Tal hoch in die Enge der Linthschlucht, deren Wände sich erdrückend auftürmen. Langsam weitet sich die Schlucht zum tiefen Trogtal von Vorder und Hinter Sand; allmählich rückt der Tödi in unser Blickfeld, bis er endlich mit seinen wuchtigen Felsbollwerken und dem dicken Gletscherhaupt das ganze Tal beherrscht. Aus dem Schatten treten wir in gleissendes Sonnenlicht. Neben der Spur streckt ein Edelweiss seinen Kopf aus dem Schnee.Verwundert bücke ich mich, um meine Entdeckung aufzuheben, und sehe, dass der Stiel abgebrochen ist. Der Föhn hat wohl die kleine Pflanze von einem hohen Grat abgerissen und bis hier heruntergewirbelt.

Und wie wir so Schritt für Schritt den langen Weg nach Hinter Sand zurücklegen und immer wieder zum Tödi hinaufschauen, fühle ich eine stille und dennoch überströmende Freude in mir, dass ein neues Abenteuer begonnen hat, und keine Ungewissheit, sondern Vertrauen und Erwartung verbinden mich mit diesem mächtigen Berg. Vergangene Erlebnisse ruft er in Erinnerung. Da ist die erste unbekümmerte Besteigung mit der JO über die Pianura und die Westflanke, dann eine Besteigung aus dem Val Russein im denkwürdigen Tödi-WK des Bat. 85: im September mit den Ski im metertiefen Pulverschnee! Und ich denke an die abenteuerliche Erkletterung des mit Recht berüchtigten Nordgrates und an eine missglückte Winterbegehung mit einer ungewollten drolligen Einlage.

Doch dann lässt mich der strenge Aufstieg von Hinter Sand ins Tentiwang, einen Talkessel unter dem Bifertenfirn, wieder mit dem Heute beschäftigen. Der letzte steile Hang unter der Hütte ist hartgeblasen, und unsere Ski finden kaum noch Halt. Wir ziehen sie aus und steigen über eine schneefreie, abschüssige Rippe auf. Erst jetzt merken wir, dass unter dem dürren Gras überall Wassereis liegt. Mühsam krabbeln wir höher, binden bald die Ski auf den Rucksack und nehmen den Pickel zur Hand. Erst eine Viertelstunde unterhalb der Hütte können wir wieder mit den Ski steigen.

Die Fridolinshütten finden wir verlassen vor. Während David Feuer macht, fragen wir uns, wo die Freunde wohl sein mögen... Wir brauchen nicht lange zu überlegen. Zweifellos sind die beiden auf Erkundung, wahrscheinlich aber, begünstigt durch gute Verhältnisse, überraschend schnell vorangekommen, bis sie an einem Punkt anlangten, von dem aus der Weg über den Gipfel schneller als der Rückstieg war... Nach dieser Erkenntis sind wir einen Moment « muff »; doch dann sagen wir uns, sie hätten wohl recht getan, das heutige gute Wetter auszunützen. Denn wer weiss, wie es morgen aussehen wird.

Wir treten vor die Hütte. Die Nacht bricht herein; von den Graten, auf denen ein bleigrauer Himmel lastet, fallen scharfe Windstösse.Von unsern Freunden ist nichts zu sehen. Drinnen in der Hütte aber macht David plötzlich einen Luftsprung!

« Die beiden Stürmi geraten in ein Winterbiwak! » meint er schadenfreudig. « Jawohl, das ist die Strafe! » Eine Stunde später gehe ich nochmals vors Haus. In der Dunkelheit springen mir sofort zwei kleine Lichter in die Augen. Da sind sie! Wir rufen, und zwei übermütige Jauchzer antworten uns. Entweder sind sie beim Grün-hornhüttli oder dann direkt dahinter noch auf dem Gletscher. Beruhigt setzen wir wieder Wasser auf den Herd.

Und wieder gehen wir nachschauen. Jetzt sollten sie doch da sein, denn es ist mehr als eine halbe Stunde vergangen; aber da gibt 's weder etwas zu sehen noch zu hören. Dann auf einmal ein Ruf... Aha, die erfolgreichen Bergführer suchen die Hütte! Gehorsam stellen wir eine Kerze in die Fensternische und blinken mit der Lampe. Endlich klirrt Eisenzeug, und die « Verlorenen » tauchen hinter einer Kuppe auf. Sie sehen müde aus, aber ihre Augen leuchten. Und ihre ersten Worte nach der Begrüssung: « Seid ihr uns nicht böse? » Jetzt lachen wir. Wir sind ja Kameraden und keine Konkurrenten. « Nein, nein, kommt jetzt herein! » Während sie Anzüge und Schuhe ausziehen und fast gleichzeitig Tee und Suppe ge- niessen, erzählen sie uns voll Begeisterung von ihrer Besteigung. Der Aufstieg im Banne der riesigen Hängegletscher hat sie gewaltig beeindruckt. Unterdessen packen wir unsere Säcke für morgen, und nach einem gemütlichen Hock kriechen wir bald unter die Decken. Trotz der — 3 Grad Innentemperatur fühlen wir uns warm und behaglich in der einsamen Hütte, die in ihrem Winternachtschlaf am Berg liegt.

Ohne Wecker erwachen wir zur vorgesehenen Zeit, um halb 4 Uhr. Der Himmel ist voller Sterne... also auf! Nun geniessen unsere Freunde das seltene Vergnügen, in den warmen Decken liegenzubleiben und uns bei unseren Hantierungen zuzuschauen. Sie kosten das behagliche Gefühl aus und machen sich über uns lustig...

Sie kommen aber doch vor die Hütte, als wir eine Stunde später zum Aufbruch bereit sind. Das Schweigen einer herrlichen Winternacht empfängt uns; es ist klar und beruhigend kalt. Auch die Gletscher sind still. Riesig und finster steht die Steilwand des Bifertenstocks da, aber hinter dem leuchtenden Schnee des Gipfels ist der Himmel etwas heller und verrät den Mond. In sein geheimnisvolles Licht taucht der Gipfelaufbau des Tödi, fern und unendlich hoch.

Hans und Heinz ziehen sich wieder in die Hüttenwärme zurück, und wir beginnen im Schein der Stirnlampen den Aufstieg. Auf hartem Schnee schreiten wir durch eine Talmulde dem Hinter Rötifirn entgegen, bis wir seine rechte Seitenmoräne ersteigen können. Ihr spitzer, sogar schneefreier Kamm leitet uns direkt zum grossen, vorgelagerten Felsaufbau, den uns die Kameraden « wärmstens » als Aufstieg empfohlen haben. Schwarz, im Mondschatten des Biferten, baut er sich verschlossen und steil vor uns auf. Wir könnten ihn mit einem langen Schräganstieg, über einen Schneehang zum Bifertengrätli, umgehen, aber die Felsen versprechen den interessanteren Durchstieg, und entschlossen folgen wir den vorhandenen Fussstapfen. Wir seilen uns an, klettern in eine Scharte hoch und stehen vor einem senkrechten Aufschwung. Der Fels ist ganz kleingriffig und mit glitschigem Flugschnee überstäubt. Dadurch kann ich die Schuhsohlen nicht flach auf den Fels stützen und kralle mich noch etwas unbeholfen an die kleinen Rauhigkeiten. Da entdecke ich einen Riss, verkeile den Pickelhammer darin, steige vorsichtig darauf, und mit einem schnellen Klimmzug bin ich über das Schlimmste hinweg. Bald darauf weisen die Spuren nach rechts in die sich ins Dunkle verlierende Gratflanke und führen uns in einer heiklen Querung durch verschneiten Fels und vereiste Schrofen. Dann nehmen die Schwierigkeiten um einen Grad ab, und eine abwechslungsreiche Kletterei bringt uns allmählich höher. Heinz hat uns auf die interessanten, schönen Gesteinsarten dieses Grates aufmerksam gemacht, aber wir klettern immer noch im Stirnlampenlicht und sehen leider zuwenig. In den Mondschein treten wir erst mit der beginnenden Dämmerung. Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir am Ende des Grates eine Kuppe, die der Steilterrasse unter dem Gipfelstock vorgelagert ist. Wohlgefällig schauen wir auf die Uhr und halten unsere erste Rast.

Es ist ziemlich kalt, und der prächtige Morgen lässt einen schönen, durch eine Föhnlage gezeichneten Tag erwarten. Die Verhältnisse sind ausgezeichnet. Der Föhnsturm, der anfangs der vergangenen Woche wütete, hat jede Mulde und jeden Hang vom Neuschnee freigefegt und ihn in alle Winde zerstäubt. Dies alles stimmt uns freudig, und zuversichtlich betrachten wir die Fortsetzung des Weges. Von hier aus haben wir einen ausgezeichneten Blick in die Steilrampe der Route, über der sich jetzt die Eisbrüche und Hängegletscher in voller Grösse wölben.

Wir schlüpfen in Überhosen und schnallen die Steigeisen unter. Wie ich mich wieder aufrichte, beleuchtet schon die Sonne mit einem zarten Rosa die Felsen und Gletscher des Gip- fels. « Jetzt sollten wir schon im Couloir sein », sage ich zu David, einer Gewohnheit der Sommerzeit folgend.

In diesem Moment hören wir ein fernes Rumpeln; es schwillt rasch an zu einem Grollen, das tief aus dem Berg zu kommen scheint. Endlich entdecken wir auf der Terrasse, hoch oben zwischen den Gletscherbrüchen, polternde Eisblöcke. Immer mehr kommen zum Vorschein, jagen durcheinander und schiessen schliesslich durch einen Trichter über den grossen Abbruch hinaus. Eine Eislawine! Mehr und mehr stürzen nach, zerschellen fallend an den Felswänden des Couloirs, und wie ein Fallschirm entfaltet sich eine Staubwolke, wächst zu riesenhafter Grösse an und jagt durchs Couloir, während sich der Lärm zu einem ohrenbetäubenden Krachen steigert. Nun fegt die Staubwolke der Lawine über den darunterlie- genden Hang, springt über die nächste Felsstufe, verschwindet, breitet sich unten auf dem Rötifirn aus und sinkt zusammen unter verstum-mendem Rollen, ähnlich einem sich legenden Fallschirm...

Bewegungslos sind wir dagestanden auf unserer Kuppe in 300 Meter Entfernung und haben, wie von einer Theaterloge aus, sprachlos das Schauspiel des Berges verfolgt. Jetzt löst sich der Bann, verdrängt durch einen Sturm der Erregung. Eine Stunde früher wären wir an der engsten Stelle gestanden! Und was für eine Gefahr hat gestern über unseren Freunden gelauert! Wir werden jetzt die Verhältnisse im Couloir sein? Nun, sehen wir uns die Bescherung einmal aus der Nähe an... Im stillen bewundere ich David, denn es ist noch nicht lange her seit jener Eislawine am Liskamm, der er nur verletzt entrann. Auch er weiss, dass sich durch die Erschütterung noch mehr Eis gelöst haben kann.

Der Lärm hat Hans und Heinz sicher vom Lager ans Tageslicht gejagt, und wir johlen aus Leibeskräften in die Tiefe, um ihre Befürchtungen zu zerstreuen. Dann queren wir in ihren Spuren in das breite und steile Schneeband hinein. Nach der ersten Hälfte sind die Tritte immer mehr zugedeckt und verschwinden schliesslich ganz. Als wir in den Bereich des Couloirs gelangen, merken wir, dass wir gleichzeitig den Schutz der Felswände am Sandgipfel verlassen haben. Nicht nur von links und der Mitte her, auch von rechts hängt jetzt ein gewaltiger Eisabbruch über der Wand. Nein, hier ist nicht der Ort, wo lange Überlegungen angezeigt sind! Der direkte Aufstieg in den Engpass des Couloirs wäre kurz, aber die Gefahr zwingt uns zu einem Umweg. Wir steigen etwas ab, hasten über einen vereisten Bach und können nun in geringer Deckung eines Felskopfes über einen sehr steilen Hang aufsteigen. Der Schnee ist durch die Lawine hart und zerfurcht geworden.

So gelangen wir in den Grund des riesigen Trichters, der den Aufbau des Tödi prägt. Über diesem düsteren Kessel wuchtet der Berg in gewaltiger Grösse, Wände und Kanten bauen sich auf aus schwarzem Fels, der glatt und abwärtsgeschichtet ist und von Wassereis überzogen, durchfurcht von Kaminen, Rissen und Verschneidungen, die mit Schnee gefüllt sind und mit diesem weissen Netz aus Armen und Spinnenbeinen die Felsen überspannen. Und darüber in kaltem Blau und Grau die Gletscherfronten, nur zuoberst, vor dem hellen Himmel, glitzernd im Sonnenlicht. Kühn fällt der mittlere Abbruch hinunter in den Felstrichter und endigt nicht weit über uns. Mit Bewunderung, aber auch mit Unruhe nimmt der Bergsteiger diese Eindrücke in sich auf, schweigend und still für sich, denn hier fühlt er sich klein und nichtig, geduldet als Gast in einem stolzen Reich...

Zum Glück beginnt hier der Felskopf mit einem Überhang. In seinem Schutz holen wir die Eisausrüstung aus dem Rucksack zu Hilfe; dafür verschwindet der Photoapparat darin. Sein Gebrauch ist uns jetzt zu zeitraubend! Die nun folgende Schlüsselstelle besteht aus einem steilen Felsaufschwung, der jedoch durch eine Wasser-eisschicht von 20 bis 30 Zentimeter zugedeckt ist. Die Stelle verlangt eine sichere Eistechnik, dazu aber grösste Eile, denn sie liegt schutzlos in der Fallirne der Eislawine. Wir schauen hinauf. Kleine Eissplitter springen, vom Wind getrieben, herab; sonst ist es ruhig. Im Blankeis quere ich schnell hinaus und gehe sofort das senkrechte Eis an. Die teilweise noch vorhandenen Stufen der Kameraden sind mir eine Erleichterung; ich muss sie jedoch erneuern. Nur zwei Eisschrauben bringe ich an, dazwischen behelfe ich mich mit dem kurz eingeschlagenen Eishaken, der mir für die linke Hand Halt gibt. Das Eis ist gut, so dass ich mich oft nur auf die äussersten Spitzen der Frontzacken verlasse. Auf abschüssigem Stand sichere ich David an einem Haken. Ersteigt schnell nach, ruhig, wie es seine Art ist. Kaum ist er da, klettere ich weiter an abschüssigem Fels, auf dem meist Eis und Schnee hohl aufliegen. Deshalb verliere ich keine Zeit mit dem Versuch, eine Zwischensicherung anzubringen; aber erst vom Stand aus erkenne ich die ausserordentliche Steil- heit. Während David den Standhaken herauspik-kelt, kann ich es doch nicht unterlassen, schnell ein Bild vom eir drücklichen Tiefblick in die Schlüsselstelle zu machen. Dann klettern wir in einer 50 Grad steilen, harten Schneerinne weiter. Nach einigen Seillängen leitet uns eine exponierte Kehle auf eine felsige Rippe.

Hier sind wir ausserhalb des unmittelbaren Gefahrenbereichs und gönnen uns eine kurze Rast. Direkt neben uns stürzt sich der Gletscher wie ein erstarrter Wasserfall in die Tiefe, blaugrau, grün und mit dunklen Spalten und Klüften. Aber wir schauen auch hinunter ins ferne Tal und auf seine umliegenden Höhen und weissen Gipfel, die im hellen Sonnenschein glänzen, und da entdecke ich auf einmal die Schönheit, die dieser seltene Ausblick vermittelt. Der Gegensatz zwischen der düsteren, schattigen Fels- und Eiswildnis, in der wir uns befinden, und dem freundlichen und sonnigen Föhntag mit seinem blauen Himmel wird mir in seiner Herrlichkeit unvergesslich bleiben.

Bald aber steigen wir weiter über die Rippe, die sich nach einigen Felsen im obersten Teil der Rampe verliert. Wie in einer schmalen Eiswand geht 's gerade empor; der Schnee ist hart, der Schuh sitzt bei kräftigem Auftritt wie angegossen. Selten trifft man in einer sommerlichen Eiswand derart gute Verhältnisse an. Erst hier oben kommen die gestrigen Spuren wieder zum Vorschein.

Endlich endet die Rampe und bricht unvermittelt in eine zerrissene Schlucht der Ostwand ab. Wir traversieren die sehr steile Flanke nach rechts zu einem Felsriegel und erreichen, vom Stand abwärts querend und einen Schrund überspringend, die Gletscherterrasse. Über diese Terrasse führt die Route aus den Eisbrüchen hinaus und auf die Gipfelabdachung.

Nun liegen wieder drohend die zwei obersten Abbruche über uns, und jetzt gewahren wir auch darin die Ausbruchstelle der Lawine. Ihre Sturzbahn ist mit Trümmern übersät. Schnell rennen wir hinüber. Unter uns bricht die Terrasse ins Leere ab; auch entdecken wir am Rand mehrere frische Risse. Zwischen einigen Eistürmen durch führt uns der Weg wieder steil bergan in einen grossen Hang, den vereinzelt Spalten durchziehen. Die Spuren verschwinden wieder, verweht vom Wind, aber wir brechen höchstens schuhtief ein. Unser Tempo ist langsamer geworden, und wie sich der Hang etwas verflacht und rechts über uns der Sandgipfel auftaucht, hocken wir uns in den Schnee und essen etwas. Endlich scheinen wir die Höhe des Bifertenstocks erreicht zu haben!

Ein kalter Wind bläst vom Gipfel her Triebschnee über uns weg. Bald wird die Rast ungemütlich, und wir raffen uns wieder auf. Endlos erstrecken sich die Hänge hinauf zu den beiden Gipfeln. Langsam, aber unbeirrbar kommen wir höher; kleine Spalten bringen etwas Abwechslung, und der Schnee, vom ewigen Wind gefurcht, wird wieder gepresster. Mit zunehmender Höhe umgibt uns eine immer grenzenlosere Weite; die Beleuchtung ist vom schattigen Dunkel der engen Wand in eine verschwommene Helle aus zartem Blau, Gelb und Silber übergegangen, und die wilden Formen der Felsen und Gletscher werden hier oben abgelöst von den ruhigen Flächen der Gipfelkappe und den klaren Linien der sie begrenzenden Grate.

Um 15 Uhr reichen wir uns auf dem Simlergrat, dem Sattel zwischen beiden Gipfeln, freudestrahlend die Hände. Dann ersteigen wir noch die runde Kuppe des Glarner Tödi ( 3586 m ).

Der Tag hat seinen warmen Glanz verloren. Die Sonne steht schon tief und sinkt, ihre Kraft verlierend, in Gewölk und Dunst. Rings um uns breitet sich eine unzählbare Schar weisser Gipfel aus, erstrahlend im letzten Licht, aber im Süden lauert eine grauschwarze Wolkenwand über den Bergketten, und aus den Tälern steigen schon die Schatten. Es wird Zeit zum Abstieg.

Vom Simlergrat steigen wir steil hinunter auf den Gletscher. Auf dem obersten Boden verfolgen wir noch eine Weile einen Nylonfäustling, den ich am Grat fallen liess und den nun der Wind neckisch vor uns hertreibt. Auch hier im Gletscherkessel sind die Schneeverhältnisse gut; wir bre- chen nur teilweise knietief ein. Dafür sind die Spalten noch sehr schlecht zugeschneit und erfordern grosse Aufmerksamkeit. Je weiter wir nach unten kommen, desto öfter fühlen wir unter uns die lauernde Tiefe. Hie und da sinken wir mit einem Fuss ein, einmal verschwinde ich plötzlich bis zum Bauch, werfe mich aber schnell nach vorn. Der Wind ist stärker geworden, die Stösse überfallen uns schneller und schärfer, und plötzlich, wie von Geisterhand, schiebt sich eine zerfetzte Wolkenlast über den Piz Urlaun. Durch ein Spaltenlabyrinth manövrieren wir uns mühsam hinüber zur Felsrippe des Frühstücksplatzes.

Nun müssen wir in einer steilen fallenden Querung die sogenannte Schneerunse erreichen. Pulverschnee - Hartschnee - dann Eis. Ich bin gezwungen, die Skistöcke zu versorgen und den Pickel zu nehmen. Der Sturm überfällt uns nun mit voller Wucht, orgelt in den Felsen, heult durchs Couloir und wirbelt stechenden Triebschnee im Kreise. Ich beobachte David, wie er vom Fels zu mir herübersteigt. Die Augen zusammengeknif-fen, klettert er ruhig und konzentriert in der abschüssigen Flanke durch den Wirbel der Schneekristalle. Er hat beinahe doppelt soviel Jahre auf dem Buckel wie ich und erhielt an der letzten Hauptversammlung das Veteranenabzeichen!

Einen kurzen Augenblick denke ich an ein anderes Erlebnis am Tödi; es war an seinem Nordgrat. Fritz Stüssi und ich bildeten die erste Seilschaft. Da löste sich vor mir durch das Seil ein mehr als faustgrosser Stein; eine kurze Unachtsamkeit - schon war er an mir vorbei und knallte weiter unten haargenau auf Davids Kopf. Welch ein Glück, dass er einen Heim trug! Mir fuhr der Schreck in alle Glieder, die Kameraden fluchten und wetterten, aber David stand auf seinem Tritt, betastete wortlos seinen Schädel und nahm es nicht tragisch... So einer ist er!

In der Schneerunse treffen wir trittfesten Schnee an, springen hinunter und eilen an ihrem Ausgang über die frischen Schollen eines Eissturzes. Nochmals zwingen uns halb zugeschneite Spalten zu Vorsicht und Umwegen, dann kom- men wir an den kurzen Gegenanstieg zum Grün-hornhüttli. 5 Uhr. Die graue Dämmerung verliert sich immer mehr in der Dunkelheit, und aus den verborgenen Graten fällt der Sturm in wütenden Stossen. Der Gletscherkessel und die aufragenden Wände verbünden sich mit der mächtigen Föhnmauer zu einer grossartigen Düsternis und Wildheit.

Die folgende Mulde wird uns zum mühsamsten Teil des Abstiegs. Wir versinken meist bis zum Bauch, und nur die kurzen Strecken harten Windharsches sind jeweils eine Erleichterung. Wir freuen uns auf die Hütte, auf ihren Schutz vor dem Wetter und ihre Einsamkeit. Müde gehen wir zu ihr hinüber. Schwarz stehen ihre Umrisse vor dem kaum helleren Himmel, und wie wir die Tür schliessen, lassen wir eine finstere Nacht hinter uns.

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