Ewigschneefeld-Fiescherwand

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Von Heinrich Halter.

Um und um grau in grau. Kein Schrund, kein Fels, kein Himmel, keine Erde... Wo im Weltraum sind wir drei Gesellen? Leben wir und was soll dieses stundenlange Waten im Grauen? Ist die Erde tot und umschlingt uns schon ein riesiges, undurchdringliches Leichenlinnen?... Unheimlich, diese Stille, dieser Nebel, dieses Schneegestöber, dieses riesige, unsichtbare Ewigschneefeld. Der Föhn von gestern ist eingeschlafen, und nun fällt Schnee und Schnee und lastet Nebel und Nebel. Und irgendwo, ist mir, schleiche ein widerlicher, hinterlistiger Jäger und laure auf Beute. Er soll uns nicht erwischen. Wir sind jung, stark und trotzig. Wir vertrauen auch auf den Kompass und unsern Instinkt.

Und siehe da — undeutlich, aber nicht zu bezweifeln — eine dunkle Linie wird zur Rechten sichtbar. Sie verschwindet schon wieder. « Das war ein Stück vom Fieschergrat », behaupte ich. Die andern lachen. So habe ich zuvor nie lachen gehört. Das tönte, oder nein, es tönte gar nicht. Schlag an eine umwickelte Glocke, übersetze das Geräusch ins Lachen, und dann ist 's verwandt mit dem ekligen Lachen im Nebeldruck auf dem Ewigschneefeld. Und doch war es ein wunderschönes Lachen. Es brach etwas in uns entzwei: die Beklemmung, der Zweifel.

War's wirklich der FieschergratEine lächerlich inhaltlose Frage, denkt der Leser. Aber für uns war es ein Inhalt damals. Diese flüchtig auftauchende Linie bedeutete: wir sind auf dem rechten Pfad zum Unter Mönch- joch, zur Berglihütte in der Fiescherwand. Und nun blieben wir stehen, schauten einander fast feierlich und doch innerlich voll Zuversicht an. Rings kein Laut, keine Linie, keine Farbe. Nur wir drei Gesellen, verbunden durch das Seil und noch fester durch die Kameradschaft.

Mein Auge ist irr geworden. Als Vordermann weiss ich schon lange nicht mehr: Geht's firnan oder firnab? Die Fusse tasten; sie spüren es, sie sind die Fühler in Nebel und Schnee. Wenn es mich nach vorn schnellt, dann ist vor uns eben eine kleine Firnmulde, aber ich sehe sie nicht. Stösst der schwere Schuh beim Vorschritt am Schnee an, dann erhebt sich vor uns eine Firnwelle, aber ich sehe sie nicht... Das ist ein verteufelter Zustand. Die Hintermänner haben es besser. Sie sehen wenigstens meinen dunklen Rücken, das gespannte Seil: das sind Ruhe- und Einstellungsstationen für die unruhigen Augen, deren Pupillen gross und hungrig geworden sind...

Wie wohl tut so eine kleine Rast! Lunge und Herz haben ihr Bestes geleistet. Jetzt ebbt das Stossen und Hämmern in der Brust aus, der Schweiss wird kühl und labend, und ein wohliger Schauer überrieselt den überhitzten Leib... Der Magen knurrt und verlangt nach Speise und Trank... Aber im Rucksack — o Jammer — findet die suchende Hand weder Milch noch Honig-seim, nur noch wenige Zwetschgen, noch weniger Zuckerwürfel, und in der Aluminiumflasche gluntscht kalter, bitterer Tee. Ja, mager ist unser Vorrat, bedenklich mager. Und so an einem düstern Wintertag auf 3500 m oben möchte man essen: heiss und vieil — Es war uns die Tage zuvor übel ergangen: Schon im Rottal hatten wir wegen Neuschnee einen Tag warten müssen; dann war ein langer, saurer Gang über die vereisten Felsen und den Jungfraugipfel getan worden und ein eiskalter Nachtmarsch vom Rottalsattel, den wir erst abends 6 Uhr im Einnachten erreicht, den Jungfraufirn hinunter zur Konkordiahütte; hier endlich hatten wir einen lauwarmen Föhntag in Ruhe und wundersamer winterlicher Hochgebirgspracht gekostet. Infolge all dieser unerwarteten Verzögerungen waren die Büchsen und Rollen und Würfel, Brote und Speckschnitten verschwunden — wir wussten selbst nicht wie.Und darum lagen jetzt die Ruck-säckeschlampig und flockenleicht auf dem Schnee, gaben würgend das bisschen Inhalt her...

Wie wir so standen, kauten und lauschten, begann ein seltsames Lichter-spiel, das ich nie vergessen werde. Erst fiel es mir an mir selbst auf. Meine Hände — die Handschuhe waren irgendwo in den Rottalflühen hängen geblieben — sahen plötzlich nicht mehr so totengrau aus, sondern grünviolett, und die Joppe wurde so sammetgrün wie das zarteste Waldmoos. Ein Blick auf die Kameraden — und siehe: ihre Augen waren grösser, glänzender als zuvor, die harten Wangen milder und voller, die Kleider schöner und farbiger. Und auf dem Schnee und im Nebelgrau wurde es heller und heller, ein halb verschneiter Spalt gähnte zur Linken, gradaus begann es sich grünlich-weiss zu wölben wie ein Firnrücken, und rechts — o Freude — ein scharfes kantiges Gratstück von Nebel umbrandet.

« Vorwärts! Wir sind ganz nah am Mönchsjoch... Wir müssen diese kostbaren Minuten zur Erkundung nützen!... » Nie in meinem Leben bin ich in VII5 tiefem Schnee so gelaufen wie damals. Wir stürmten buchstäblich das ersehnte herrliche Joch, hielten oben an, rasend pochte das Herz, und spähten nach der Berglihütte in der Tiefe unten... Da stoben tückische Nebel und Schneeschwaden daher, verschlangen Abgrund, Grat, Schrund und uns, ehe wir nur genau feststellen konnten, wieviel zu weit rechts unser Standort augenblicklich war. Dass wir zu nahe an den Fieschergrat geraten, schien uns allen klar. Aber wie nun nordwestlich auf die richtige Abstieglinie gelangen, ohne mit den ansehnlichen Eisklüften, die uns nicht unbekannt waren, einen zeitraubenden Streit zu beginnen? Ich tat einige Schritte nach vorn, plötzlich senkte sich der Firn und so jäh, dass ein gelinder Schreck mich durchfuhr.

« Zurück! Gerade vor uns der Absturz der Fiescherwand! » Ein rasches Weichen schräg links rückwärts, dann ein harrendes langes Weilen... « Wann will dieser verfluchte Nebel mores lernen? » knurrte Peter, der stärkste und gemütlichste von uns dreien. So standen wir ein Viertelstündchen, guckten in die Siegfriedkarte, kompassierten, machten weise Angaben über wieviel links und wieviel rechts und wie weit nach Grindelwald und wie lang die Winter-freude. Ein lausiges Tröstlein für uns war, dass es Führern anderswo im Nebel und Schneegestöber vor einigen Jahren ebenso ergangen, ja sie hatten sogar zwei Stunden lang eine Schlaufe geschlingert, ohne es zu merken.

« Das Schreckhorn, das Schreckhorn! » — Ich weiss nicht mehr, wer es zuerst gerufen. Und wahrhaftig, aus einem gewaltigen Nebelriss starrte ein dunkler Turmbau mit weissen Streifen empor. Ein unsagbar dämonisches Bild. Und zwischen uns und ihm lag unsichtbar im wogenden Nebelgebrodel die Eis- und Schneewildnis des Fiescherkessels, in den hinab wir heute noch tauchen wollten. Während ich ob der grandiosen Landschaft die Hauptsache schier vergass, spähten die andern wie hungrige Bergvögel in die gähnend sich öffnende Tiefe und suchten die Berglihütte und die Pfadrichtung dahinab. Der scharfäugige Peter erblickte sie zuerst und wies hinunter mit seiner grossen, knochigen, vor Kälte geballten Fausthand. Richtig, dort sass sie, nein, klebte sie, klein und winzig, ein überschneites Refugium an trotziger Fluh. Und wieder wallten und wirbelten die Nebel herauf, herab, und nichts mehr blieb sichtbar als wir selbst. Aber « Sieg » jubelte es in der Brust; denn nun war kein Weg mehr zu verlieren, keine lähmende Irrfahrt konnte uns erschöpfen. Wie in solchen Minuten der Zuversicht eine Kraft durch die Glieder strömt, wie das Blut so munter kreist und Nerv und Muskel schwellen! Lust und Seligkeit ist 's.

Schon in einer halben Stunde standen wir — auf der Berglihütte, wenigstens mir ging es so. Riesige Eiszapfen hingen vom Dach in den Schnee, und der Zugang zur Türe musste mit dem Pickel erzwungen werden. Wir waren geborgen und warfen uns ohne langes Besinnen auf das Stroh, um zu ruhen. Doch nicht lange, so rumorte der Magen, wir hatten empfindlichen Hunger... Die alte Berglihütte war damals den Sommer über probeweise verproviantiert gewesen. Wir suchten nun nach Spuren davon, fanden etwas Zucker, Tee und Vulkan und bereiteten daraus ein warmes Gebräu, das uns herrlicher dünkte als irgendein Labetrunk je zuvor...

Und nun kam eine ernste Sache, nämlich die Überlegung: « Hier bleiben, hungernd besseres Wetter abwarten? Oder — sofort Abstieg über die Fiescher- wand nach Grindelwald? Oder — sofort Rückzug übers Ewigschneefeld zur Konkordia und Heimkehr durchs Wallis?... » Wer schon in ähnlicher Lage war, weiss, dass solche Beratungen Tod und Leben als Worte zwar nicht aussprechen oder nur ungern, aber es ist, als klängen sie dennoch mit, selbst in einem von Ironie und Witz erfüllten Kraftsatz. Gegen das Abwarten in der Hütte sprachen der Hunger und das bösartige Wetter, das noch einige Tage so sein konnte; gegen den Umweg durchs Wallis eiferten das Geldbeutelein und das Selbstvertrauen. Für die Fiescherwand traten ein der Mut und die Kürze des Weges ins rettende Tal. Gegen die Fiescherwand wetterten das Bedenken wegen der zahllosen Schrunde, die Sorge um liederliche Schneebrücken und vor allem der Anblick des Nebels und Schneegestöbers... Wir gelangten bald zur Überzeugung, dass der kürzeste Weg jetzt zwar der gefährlichste, aber dafür der beste sei. Und so wagten wir nach einer Stunde Rast den ernsten Gang. Es war um Mittag.

Die Berglifelsen unter dem Mönchjoch sind im Hochsommer zumeist leicht und rasch zu überwinden, namentlich in neuester Zeit, aber auch damals schon. Allein im Einwintern bei hohem pulverigem Neuschnee und Sturm ist es kein kurzweiliger Spaziergang hinunter, vielmehr eine ernsthafte Sorgfalt erheischende Arbeit. Wir bekamen das bald zu spüren. Da der Schnee nirgends fest an seiner Unterlage haftete, so durfte ihm kein Schritt, kein Sprung anvertraut werden. Es begann ein mühsames Kratzen und Wegschieben mit Händen und Füssen. Dass zwischen Schnee und Fels eine dünne, glatte Eiskruste lag, gefiel uns gar nicht; wir hatten an der Rottalwand mehr als genug davon zu schmecken bekommen. Normal verlangt der Abstieg über diese obern Felsen etwa zwanzig Minuten; wir brauchten schon mehr als eine Stunde, wovon freilich auch das Orientieren im Nebel seinen Teil hatte.

Und nun betraten wir die Schrundwildnis der in die Tiefe des Talkessels abstürzenden Eishänge, auf die wir vor Stunden vom Fieschergrat nicht ohne Grauen hinabgeblinzelt hatten... « Schräg rechts hinunter, dann gradaus in die Schrunde, hier Brücken und Quergänge suchen, etwas links halten, dann einen grossen Sprung von oben über einen breiten Spalt tun, und hierauf die Firnmulde beim obern Kalli betreten »: so etwa lautete die Weisheit in unserm Gehirn. Es ist zu bemerken, dass vor einem Gletscherabsturz der Kompass ruhig in der Tasche bleiben kann. Wir wussten das damals schon. Aber auch die übrige Weisheit taugte nichts. « An der Fiescherwand möchte ich bei Schlechtwetter und Neuschnee nichts zu schaffen haben », sagte mir einmal ein Glctschermann, der sie genau kannte. Nun wir waren jetzt drin: in der Wildnis und im Nebel und im Schneetreiben. Was soll ich weiter sagenWir wateten, standen, taten Sprünge, hackten Stufen, krochen über lockere Brücken, liefen durch Spaltenquergänge, gafften an grünlich schillernde Eiswände hinauf, die plötzlich wie Riesen aus dem Nebel vor uns zum Schlage drohten, wichen ihnen schleunigst aus, stiegen hinauf — hinab, hierhin — dorthin... bis es Abend und Nacht wurde.

Und immer noch waren wir in dem unheimlichen Spaltenlabyrinth mit seinen zahllosen Möglichkeiten zu entwischen und ebensovielen zu verschwinden. Umsonst erinnerte ich mich, dass zwei Meister in den Alpen, Christian Almer und W. A. B. Coolidge, hier im Nebel einen Durchschlupf zum Zäsenberg hinüber gefunden hatten, allerdings im Sommer. Wir entdeckten nichts dergleichen, sahen mit Besorgnis, wie es finster wurde um uns, ehe wir die Firnhalde am Kalli erreichen konnten. Um keinen Preis wollten wir hier in den Schrunden Nachtquartier beziehen, vielmehr um jeden Preis in die Berglifelsen zurück. Und wirklich, eher als wir gehofft, gewannen wir die untern Abstürze derselben. Nicht ohne Glück dabei; denn dicht vor uns, ehe wir an günstigem Ort unterschlüpfen durften, jagte ein Eishagel hinunter... Kalt lief es mir über den Rücken... Und dass wir bald darauf nicht abstürzten, verhütete das gute Seil, das der Hinterste vorsichtig um einen Felsblock gelegt und so gesichert hatte. Wir waren müde und fühlten Hunger. Eine trauliche Felsennische, die vor den übermächtigsten Eislauenen schützte, nahm uns auf. Die Nacht kroch mit uns hinein, so dass wir eine Kerze anzündeten, Zigaretten entbrannten und in aller Ruhe und Sicherheit die augenblickliche Kampflage und die Fortsetzung des Feldzuges zu besprechen begannen.

« üass wir diese Nacht hier aushalten, ist klar, » sprach einer gelassen, « weniger deuLlich aber dünkt mich der Ausgang aus dem Winkel morgen früh. Vielleicht müssen wir doch daran sinnen, wie wir wieder zur Berglihütte » — « Warum nicht gar! » fuhr der zweite auf. « Ich weiss genau, dass man bei schlechten Spaltenverhältnissen auch über die untern Berglifelsen hinabklettern kann. » — « Du bist ein Schlaukopf, » lachte der dritte, « erst irrst du mit uns schweigsam einen halben Tag in den Fiescherschründen herum und dann erklärst du am Abend grossartig: ich weiss, wo es am besten geht. » — « Was und wieviel haben wir noch zu beissen? » fragte der friedliebende Peter, dem diese Unterhaltung nicht mehr gefiel. « Drei Zwetschgen und zehn Zucker-würfel, dazu als Nachtisch etwas Unschlitt und siebzig französische Zigaretten », lautete nach kurzer Prüfung die Botschaft der Auskunftei. « Nehmen wir von unserem eigenen Fett noch was dazu, dann langt es wohl bis morgen... » Wir rückten unsere fröstelnden Glieder zusammen, glätteten das rauhe Lager, entfernten lästige und schmerzhaft drückende Steinchen, Eissplitter und Schneebrocken, schoben die Rucksäcke als Kopfkissen zurecht und rieben und prügelten uns warm. Nach gewonnener Bequemlichkeit hob ein langes Rauchen und Singen an; denn an Schlaf war nicht zu denken. Peters rauhe gewaltige Stimme tönte schauerlich durch die düstre Nacht, und von derEiger-wand her klang dumpfes, grollendes Echo.

Während wir sangen und an unsern Zyklopenschatten, welche die Laterne auf das schwarze Tuch der Nebelnachl da draussen zauberte, unsern Spass hatten und zuweilen teuflische Fratzen schnitten, erschien plötzlich ein grösserer Zauberer — der Mond. Durch eine Wolken- und Nebellücke guckte er neugierig auf die den ganzen Nachmittag von uns gesuchte Firnmulde hinab, untersuchte auch die Felsen, ohne unseren finstern Winkel zu finden. Gejauchzt hätten wir schier vor Freuden ob dieser köstlichen Offenbarung, und alsobald waren wir entschlossen, in das 80 m hohe Eiswändchen, das uns noch trennte vom Bergschrund unter uns, eine Treppe zu hacken für morgen früh. Im Nu lag die Seilschlinge um die kräftige Brust eines zähen Gesellen, den Pickel fasste die nervige Hand — und langsam, langsam liessen wir zwei andern von sicherm Felsband den Tapfern in die mondbeglänzte Tiefe gleiten, bis das Ende des Seiles kam. Es langte knapp. Und nun begann ein zweistündiges Pickeln und Ziehen, ob dem der müde Peter neben mir einnickte, an die Felswand zurücksank und schnarchte. Der Mond fand auch nicht mehr Gefallen an diesem Treiben in kalter Winternacht und verschwand... Allein der eiserne Max schlug unverdrossen Stufe um Stufe, auch Handgriffe, stieg höher und höher, begann lebhaft zu plaudern und schien nichts von Müdigkeit und Lungen zu wissen. Min letzter sausender Hieb in das steinharte, alte Eis, ein Ruck des geschmeidigen Körpers, und er stand neben mir tief aufatmend von der gewaltigen Anstrengung, doch ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wir hatten einige Mühe, den Schläfer hinter uns zu wecken.

« Ja, ja, die Nacht wird lang... » Bald begann es wieder zu schneien. Irgendwo sprang ein Wind auf und fauchte Schneestaub in unser offenes Schlafgelass. Das war eine schlechte Liegestatt und unruhig der Schlummer. Die Minuten wurden zu Stunden; mir war, als kauerten wir auf Spitzbergen hoch im Norden und die endlose Polarnacht habe uns überfallen. Wunderliche, sprunghafte Gedanken stoben durchs halbwache Gehirn: lüsterne Vorstellungen von Speiseplatten und Apfelhurden, von einer reizenden Kellnerin mit schäumendem Bier im Henkelkrug...

Peter murmelte etwas wie doppelter « Café complet in Grindelwald »... Alles recht sinnliche Dinge und leider so gar nichts von dem, was jenseits aller Erfahrung liegt und Grübler und Dichter beschäftigt. Eines gefiel mir nicht: der immer wieder auftauchende Zweifel: Wozu solches Wandern? Kräftigt das wirklich Leib und Seele? Wär's nicht gescheidter und sittlicher, für andere Werte des Daseins ebensoviel Energie und Entbehrung einzusetzenAuch die Augen der Mutter fühlte ich auf mich gerichtet... Allein schon sprang der rauhe Trotz auf und verlangte gebieterisch, hier seien weiche Gefühle und kritische Betrachtungen dasselbe wie Mangel an Einsicht in die augenblickliche Lage und Ermatten des heiligen Feuers...

0 endlose, ewige Bergnacht! Sonne, wann sprengst ihre kalte Decke und rufst uns zum warmen Leben zurück?... Leise, leise begann es zu grauen, zu dämmern. Doch nirgends regte sich ein Wesen. Kein froher Laut kündigte irgendwo den nahenden Tag. Kein süsser Duft fächelte zum Fenster herein. Nur das feine Wispern rieselnden Schneestaubes und die unruhigen Atemzüge Peters waren vernehmbar. Max sass stumm und reglos an der Wand wie ein Buddha. Plötzlich erhob er sich, langte nach dem Pickel, tat einige vorsichtige Schritte bis zum Eis und begann wütend zu hacken, indem er dazu die wohlbekannte Melodie zur Tagwacht pfiff. Peter schoss in die Höhe, erfasste rasch die Bedeutung der Bewegung — denn ihn fror abscheulich — und griff auch nach seinem Beil. Und mich verlangte ebendasselbe. Also hob in den Berglifelsen unser Tagewerk an... Ich kann heute noch lachen, wenn ich dran denke... Und dann das göttliche Morgenmahl! Hm, just viel war es nicht: jedem eine dürre Zwetschge, ein Stücklein Zucker. Aber herrlicher duftete nie eine portugiesische Steinfrucht, süsser zerging nie eines tropischen Rohres gehärteter Saft auf menschlichen Zungen an winterlicher Felswand.

Unmerklich löste die Nacht sich von Firn und Fluh. Noch lasteten schwere Nebel auf dem Fiescherkessel. Doch wir sahen mehr als gestern, und das Beste:

der rettende Abstieg ins Tal, war nicht mehr zu verfehlen... Arm- und Bein-schwingen tat dringend not, wie Blei lag 's in den steifen Gliedern und eingefrorenen Gelenken.

Als uns die Luft hell genug schien, wagten wir den sauren Gang das Eiswändchen hinab. Die Stufen waren leider verschneit und zugeweht, und der Vordermann hatte Mühe, darin Stand zu fassen. Ich folgte als letzter, nicht ohne Ernst und Vorsicht und ständige Seilsicherung. Immerhin ist das Sichern in solcher Lage keine zuverlässige Sache; denn der Ruck eines plötzlich ausgleitenden Kameraden würde zumeist verhängnisvoll werden. Die jähe Stufenleiter dünkte mich endlos lang... Und doch war sie gut und ging nirgends entzwei. Der Mittelmann aber spielte einen argen Streich: Als er nur noch drei Stufen unter sich sah, sprang er — des gespannten Seiles vergessend — hinab und riss mich höchst unsanft nach. Ein starkes Wort ward mit dem Sünder gesprochen. Und dann hiess es: Da ist der gewaltige Bergschrund. Aber wo ist die BrückeNur eine schmale Eissprosse überspannte die klaffende Tiefe. Wird sie uns tragenMax feierte nicht lange und begab sich behutsam in Reitsitz, stützte die Arme vor sich auf, schob den Körper ruhig nach, und so fort — bis er eben drüben stand. Getrost folgten wir nach...

Leider führte die famose Eissprosse nicht horizontal auf die Höhe der untern Schrundlippe, sondern hing einige Meter tiefer unten. Daher war es geboten, Stufen bis zur Kante zu schlagen und darauf das letzte Hindernis dieser Station zu überwinden. Das geschah. Und schon standen meine Kameraden oben und plauderten vergnügt, ich wollte eben den linken Fuss vom ringelnden Seile befreien und ihnen folgen — da ein leichter Schrei... ein Ruck. Rasch den Pickel ins Eis... Sorgenvoll spähte ich, den Leib dicht an die Wand gepresst, nach oben, sah aber weder Hans noch Heiri, wohl aber stak ein einsamer Pickel, wo sie gestanden. Und ich harrte mit bangem Weilen ...und wetterte schliesslich los: « Alle Teufel, wird 's bald!»Wie aus Weltenferne tönte eine Stimme: « Gieb noche, mer gheie numme-n-i Schnee abe! Aber bring de's Bieli mit!»Es war zum Lachen, wenn es gut ablief.

Langsam schob ich mich in die Höhe, das schmerzende Bein mühsam aus der Schlinge zwängend. Das straffe Seil schnitt gehörig in den körnigen Schnee auf der Kante und rutschte knarrend und knirschend darüber. Deutlich spürte ich das Übergewicht der beiden Kameraden auf der andern Eisbuckel-seite, schon zog es mich wie von selbst hinan, und kaum hatte ich Peters Pickel erlangt, so flog ich schon über die Kante hinweg und hurtig hinab — in butterweichen, metertiefen Schnee. Nicht tief, bewahre! Zwar brummte der Schädel ein bisschen, sonst war mir alles zum Heile geraten.

Pustend erhob ich mich, um abermals ein starkes Wort über Nachlässigkeit zu reden. Allein der Anblick, der sich bot, war zu drollig. Der mit mir hinabgestobene Schnee hatte nämlich den noch nicht aufgestandenen Peter vollkommen zugedeckt, und nun war der Begrabene eben daran, wieder lebendig zu werden und ans rosige Licht emporzutauchen. Der Schneehaufe neben mir wurde höher und höher, eine dumpfe Stimme fluchte darinnenUnd plötzlich fuhr der Schnee auseinander, und vor uns stand krebsrot im Gesicht der edle Jüngling. Wir barsten schier vor Lachen und uzten ihn, ob Schillers Taucher wahr gesprochen: « Der Mensch begehre nimmer zu schauen —? » « Vorwärts zum Café complet nach Grindelwald! » schnitt Peter den Hohn ab. Er hatte recht, der Magen knurrte bedenklich.

Die Firnmulde am obern Kalli gestattete einen raschen Abstieg. Bald standen wir am linken Rande des Gletschers, bevor er über jähe Platten abstürzt, seilten uns los, warfen einen siegesfrohen Blick hinauf zur eisgepanzerten Fiescherwand und zu den untern Berglif eisen... Und dann rasch von hinnen. Der steile Kallihang ist im Abstieg ein wahrer Knieschinder, und ich begreife es wohl, dass die Grindelwaldführer heute keinem Turisten raten, dort hinauf zur Berglihütte zu pilgern, sondern den mühelosen Umweg Jungfraubahn— Station Eismeer empfehlen.

Auf der vom Neuschnee überzuckerten Bäregg trafen wir einen Strahler. Er wunderte sich nicht wenig, zu solcher Frühwinterszeit so späten Bergwanderern zu begegnen.

« War's schön? » fragte er, und in seinen Augenwinkeln blitzte der Spott. « 0 — ja », lautete die gedehnte Antwort.

Und doch hatte sich im Abstieg eine neue Wandersehnsucht eingeschlichen angesichts des im aufheiternden Himmel immer gewaltiger und kühner vor uns aufstürmenden Schreckhorns. Eine verführerische Melodie klang: « Auch dort oben ist es schön 1 » — Geduld, Geduld, wir kommen schon, heuer zwar nicht mehr. Dann aber, ihr Armenseelentäubchen, die ihr ruhelos hoch oben im wilden Gewand haust, dann seid uns gnädig, wenn wir nahen in der Morgenfrühe...

Während wir so rasteten und standen, da regte sich 's droben in den verschneiten Flühen der Mittellegi am Eiger. Dumpfer Donnerhall echot von der Fiescherwand. Und schon poltert 's und brüllt 's herab im wütenden Sturze, dem brausenden, hoch aufschäumenden Giessbache gleich; hier aufschlagend und zurückspritzend wie Meeresbrandung am Felsensaum der Küste, dort in gleichmässigem Falle über eine kleine Wandstufe herab-gleitend, dann plötzlich sich zerteilend und wiederum zusammendrängend, durch ein enges Kamin sich würgend — und endlich aller Fesseln ledig über die untersten Felsstufen hinausspringend in die Tiefe des Gletschers. Langhin rollt und grollt der Donner der Laue und erfüllt die Seele mit Grauen. Aber wie herrlich wurde jetzt der Blick auf die Fiescherwand! Wir trauten unsern Augen kaum. Ist das noch dieselbe unheimliche Wildnis von gestern und der vergangenen Nacht? Sie ist 's und ist es nicht. Verführerisch schön glänzt jetzt ihr silbernes Gewand im Licht der durchbrechenden Sonne, und schon flattern wie holde Träume flinke Silberwölklein drüberhin. Mäus-chenstill verhält sich die Schöne. Das letzte Echo des Lauenendonners verhallt, die Himmelskönigin leuchtet über dem höchsten Firngrat, und schon spüren wir fröstelnden Menschlein tief unten im Urweltraum ihre leben-erweckende Kraft. Und nun hinab nach Grindelwald.

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