Expeditionssplitter

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ruedi Schatz

( Aus dem Tagebuch. ) Abschied. Man geht weit weg, ins lockende Unbekannte. Kommt man zurück? Man geht und will so gehen, dass man nie mehr zurückkommen muss, um eine Lüge zu korrigieren.

Auf dem Schiff. Herr Wehrli ist auch an Bord. Ein guter Schweizer, solid vom Umfang bis zur Dächlikappe. Und er weiss viel. Das Schiff z.B. ist viel zu hoch konstruiert, zu wenig mit Ballast versorgt, und der Kapitän steuert die hohen Wogen des Indischen Ozeans an wie ein Schiffsjunge. Das alles würde er, Herr Wehrli, anders machen. Unsere Tüchtigkeit ist manchmal beängstigend.

In Aden kaufe ich ein Hemd. Feilschen, handeln; nach einer Stunde ist der Preis um 40 % gesunken. Stolz klemme ich meine Beute unter den Arm, stolz zeige ich sie, in Cello-phan gepackt und mit « Du-Pont-Nylon»-Etiketten versehen, meinen Kameraden. Die erste Anprobe: an den Ärmeln keine Knopflöcher und nach einmaligem Waschen nur noch als Löschpapier verwendbar. Wer zuletzt lacht...

Bombay, 1947:1,5 Millionen Einwohner, heute 5 Millionen. 3 Millionen, die in Benzin-kanisterhütten und auf den Strassen leben, die nachts unpassierbar sind, weil die Schläfer das Pflaster bedecken. Die Menschen kämpfen um jede Rupie, um jeden Anna, und kleine Krüppelkinder schreien einem in die Ohren: « Wo Papa, wo Mama, Anna! » Es braucht viel Abhärtung, um nicht zu zerbrechen an diesem Elend.

Die indische Eisenbahn. Sieben Tage lang begleiten zwei Kameraden unsern Material-güterwagen durch Indien. Bei jeder Kreuzung, tags und nachts, eilen sie hinaus, um aufzupassen, dass er nicht abgehängt wird... einmal ist er ihnen doch entwischt!

Warum geht man hinaus? Aus Sehnsucht nach der Weite, aus Liebe zum Abenteuer, weil man den Bergen verfallen ist, weil man einmal frei, fröhlich, einfach, hart leben will, weil die Höhe uns in ihre eisige Klarheit zieht. Wenn man dann draussen ist, dann denkt man oft an die Heimat und an eine Liebe, die man vergessen will.

Taj Mahal, schöner als jedes Bild, eine lichte Silberwolke im Mondlicht, unirdisch leicht und heiter. Hier darf nur die Flöte singen, und jeder Mensch geht gläubig mit nackten Fussen.

Darabang im Mayangdi Khola. Noch nie war ein Weisser dort. Aber der Grossbauer hat einen Fussball und die Schweizer Nationalmannschaft, verstärkt mit Sherpas, erringt wieder einmal einen Sieg - wenn es auch nur gegen Nepal ist.

Nachtessen bei nepalischen Bauern. Gewürze kosten viel Geld; man will uns zeigen, dass man sich etwas leisten kann. Curry ist süss neben dem Dschili, dem nepalischen Pfeffer. Unsere Kehlen brennen, und während der Pfeffer- und Angstschweiss in die Teller rinnt, krächzen wir mit verbrannten Kehlen, wie gut es sei.

Unsere Kulis. Fast nackt, mit dicken Waden, immer lachend, kleine Kerle; barfuss stampfen sie auf nadelscharfe Bambusstümpfe, und wenn man ihnen etwas sagt, das sie nicht verstehen, dann rufen sie fröhlich zurück: « Acha, Saab, acha! » Und nächtelang singen sie am Feuer.

Ang Tharkey, unser Sirdar. Wie er kochen kann! Beste französische Küche. Eine duftige Omelette, Zwiebelgemüse, ein Huhn, Pommes frites, und den Spinat sammelt er am Wegrand, wo für gewöhnliche Leute nur Unkraut steht. Zum Dessert die herrlichen Nepal-Bananen.

Der Himalaya-Mann und seine Qualitäten. Was muss er können? Geduld haben, Geduld haben, Sardinen schleppen auf endlosen Gletschern, 14 Stunden im engen Zelt liegen und wochenlang keine Kleider wechseln. Wie wenig braucht es, bei Toilette und Badzimmer sauber zu leben. Wie schnell kann man sich zum Ferkel verwandeln, wie wohl tut es, ein Ferkel zu sein, wenn nichts anderes übrig bleibt.

( Aus dem Tagebuch. ) Lager 3. Verrücktes Nebelwallen. Schwarze Schwaden im Tal, die Séracs, blau leuchtendes Eis, dann und wann der gleissende Gipfel. Schnee, Schnee: wenn das nicht aufhört, das ewigs Schneien, ist alles umsonst. Sturmböen, unsinnige Szenerie, kaum vorstellbar. Nass kriechen wir ins Zelt, fröstelig. Ich denke an Bouillabaisse.

Kochstunde im Lager 3. Die Omelette ist fertig, das Fett brutzelt noch in der Pfanne. Ich bitte Kamin, sie zu reinigen. Er lacht und nimmt den Schlafsack seines Freundes, der die Ölflecken als zusätzlichen Wärmeschutz freudig begrüsst.

Polchara. Auf dem Heimweg. Wir sind ausgehungert. Die Sherpas sammeln Eier. Und sechs Sahibs essen innert 12 Stunden 170 Eier.

Das Unsympathische: wie die Zeitungen das Bergsteigen heroisieren! Aber da sind keine Helden, die etwas für andere leisten. Die Bergsteiger gehen aus Freude, in Fröhlichkeit, aus Abenteuerlust, nie aber aus Heldentum und zum Ruhm des Vaterlandes.

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