Ferien in den Aiguilles von Chamonix

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON FRANÇOIS MATTERN

Mit 4 Illustrationen ( 99-102 ) Zum viertenmal bin ich nach Chamonix gekommen, nicht ohne Pessimismus, aber auch nicht ohne Hoffnung. Dreimal schon habe ich versucht, den legendären Granit der Aiguilles kennenzulernen. Das erste Mal hielt uns ein Schneesturm in der Requinhütte fest. Nachdem uns ein zweiter Versuch bis an den Fuss des Couloirs am Dru gebracht hatte, machte uns ein Steinschlag rasch kampfunfähig. Beim dritten Besuch schlenderten wir mutlos im damals so unfreundlichen Chamonix herum und brachten die meiste Zeit in der « Potinière » und andern öffentlichen Etablissements zu. Das Wetter liess so gar keine Hoffnung, dass wir schwuren, nie mehr in diese unwirtliche Gegend zurückzukehren. Aber glücklicherweise sind solche Schwüre nie ernst zu nehmen.

Tatsächlich befinde ich mich eines Abends auf Plan de l' Aiguille, in Gesellschaft meines Freundes Eugène Bender. Auf der Schwelle der Hütte stehend, schauen wir melancholisch hinaus, wie der Regen fällt; weiter oben schneit es. Am Morgen ist das Wetter gar nicht befriedigend. Dennoch steigen wir zur Aiguille du Midi auf und traversieren nach Torino hinüber. Der Regen macht unsere enormen Säcke noch schwerer. Wir sind in jenem Zustand, wo man einfach automatisch marschiert, wo man keine Anstrengung mehr spürt und der Geist ausschweift in Träume, wo Wünsche wahr werden. Ich fühle die Nähe des Capucin. Ich sehe ihn nicht; aber ich empfinde seine Gegenwart irgendwo in diesen Wolken. Diese leicht verschleierten, rieselnden Platten, sind sie der Ausgangspunkt für diese Tour, die die Kräfte des Bergsteigers fast übersteigt? Der Geist klammert sich schon an diese Wand, denkt sich einen Weg aus, verliert sich in der Unermesslichkeit der Wolken...

Die alte Torinohütte - die neue übersteigt unsere Mittel und wäre uns zu luxuriös - ist nicht sehr sympathisch und stark besetzt. Der Platzmangel zwingt uns, unsere Sachen auf die Strohsäcke zu plazieren. Unser « Bleuet »-Rechaud erweist sich als sehr nützlich.

Am andern Morgen ist das Wetter schön. Während die Aiguilles de Chamonix schon von der Sonne beschienen sind, ist die Dent du Géant, die wir über die Südseite besteigen wollen, von dicken Wolken verdeckt. Gerade im Augenblick, wo wir dann ihren Fuss erreichen, wird sie für ein paar Sekunden durch einen Wolkenriss sichtbar und erscheint so noch begehrenswerter. Und doch macht mich die ausserordentliche Vision etwas ängstlich: die Flanke ist vollständig vereist! Wir warten, bis sich die Wolken endgültig auflösen, um dann festzustellen, dass wir die Aiguille heute unmöglich besteigen können. Die eisige Kälte nimmt jede Hoffnung, dass das Eis so bald schmelzen werde. Aber der Anblick ist wundervoll und erlaubt einige gut gelungene Diapositive.

Eugène ist mit mir der Meinung, dass wir diesen « verlorenen » Tag nachholen müssen, und wir entschliessen uns, dafür unverzüglich, das heisst schon morgen, den Grand Capucin in Angriff zu nehmen... Den Capucin! Wie manches Abenteuer habe ich im Geiste mit ihm schon erlebt. Wie oft habe ich in Gedanken seine Wände erklettert. Und doch erscheint mir nun die Tatsache, dass die Besteigung in wenigen Stunden Wirklichkeit werden soll, traumhafter als je.

* Der harte Schnee trägt angenehm. Im Augenblick, wo wir unsere Säcke unter dem Bergschrund niederlegen, um uns anzuseilen, treffen die ersten Sonnenstrahlen auf den Gipfel 450 m über uns. Das Wetter ist gut; der Aufstieg kann beginnen und das Ganze wird einfach sein.

Aber schon der Bergschrund bereitet uns Schwierigkeiten. Ich steige mühsam ohne Steigeisen. Einige zehn Meter Schneecouloir, dann ermöglicht uns gestufter Fels in wenig Zeit hundert Meter Höhe zu gewinnen. Nun aber die Enttäuschung: der Schnee der letzten Tage ist nicht aufgetaut, ja, was noch schlimmer ist, er hat den Kamin, der zum Gipfel des Petit Pilier führt, mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Es heisst also Haken einschlagen. Unterdessen begrüssen wir zwei Engländer, die uns eingeholt haben. Es ist 11 Uhr; wir haben drei Stunden mit dem Kamin verloren. Seltsam! Obwohl wir uns doch bereits mit seinen Schwierigkeiten abgeben, scheint mir der Capucin noch nie so fern gewesen zu sein. Wir machen unser Klettermaterial bereit und steigen etwas tiefer bis zur Einstiegsplatte. Die Schwierigkeit ist VI. Grad, und der Vallot-Führer rät, sie mit Pendelquergang zu umgehen. Dieser Rat soll uns zum Verhängnis werden.

Ich entdecke einen Nagel, den Eugène schnell erreicht und mit einem Seil versieht. Ich pendle nach ihm. Aber als ich das Seil zurückziehen will, sind alle meine Anstrengungen, die von meinem Platz aus besonders erschwert sind, vergebens. Eugène steigt nochmals zu mir hinüber, und mit vereinter Kraft gelingt es: das Seil klappert, schlingert durch die Luft und kommt zum Anhalten ( ich hatte es vorsorglich an meiner Brustschlinge befestigt ). Das zweite Pendel ist schon bereit; die Engländer waren so freundlich, ihr Seil hängen zu lassen. So gelangen wir zur Grotte, wo die eigentliche Kletterei beginnt. Unsere englischen Freunde sind schon im Angriff.

Wir machen uns ebenfalls bereit; aber zuerst müssen wir das zweite Seil zurückerlangen, das immer noch im Fels hängt. Zu unserer Bestürzung widersteht es. Es heisst also mit überlegter Technik vorgehen. Ich rüttle es langsam und ziehe dann sorgfältig. Ich lasse locker und beginne von vorn. Dieses Manöver wiederhole ich immer wieder und jedesmal mit grösserem Kraftaufwand, bis ich erschöpft auf dem Boden der Grotte liege. Eugène löst mich ab; dann vereinen wir wieder unsere Anstrengungen; aber alles ist umsonst.

Der Capucin? Welche Illusion! Es ist schon über Mittag, unser Seil ist 40 Meter weiter unten im Gestein verklemmt. Für ein Biwak in der Grotte fehlen uns die Nahrungsmittel; wir können den Angriff also nicht auf morgen verschieben. Ohne ein Wort leeren wir die Feldflasche; das bedeutet nichts Gutes. Die Ironie des Schicksals will es, dass das Hämmern der Engländer, welche ihre Haken einschlagen, bis zu uns herabdringt. Als der erste Ärger vorüber ist, wechseln wir ein paar bittere Worte, die bald in philosophische Betrachtungen übergehen, über welche ich schweige: der Leser, der Ähnliches erlebt hat, wird sie sich ohne Mühe ausdenken können.

Es bleibt nur die Hoffnung, dass wir das Seil, ohne dessen Hilfe wir nicht absteigen können, doch noch zurückzuerlangen. Wir bewerkstelligen den zweiten Pendelgang zurück, was gar nicht einfach ist ( ein Glück, dass es uns gelang! Wenn nicht - was hätten wir getan ?). Endlich gelingt es Eugène, sich zum verkeilten Seil abzuseilen, um es zu lösen, während ich ihn mit dem andern sichere. Welche Erleichterung, als mich mein Freund wissen lässt, dass sein Versuch gelungen ist! Er quert ein paar Meter nach links, und ich kann mich zu ihm auf eine kleine Terrasse abseilen.

Wir steigen zum Gipfel des Pfeilers ab, den wir vor fünf Stunden verlassen haben. Es ist nun 4 Uhr. Leb wohl Capucin! Auf Wiedersehen, vielleicht!

Der Abstieg ist nicht leicht. Als wir uns über den inzwischen gefährlich gewordenen Bergschrund auf den Gletscher abgeseilt haben, ist es Nacht. Das Wetter hat sich in wenigen Stunden geändert, und nun schneit es. Nur mühsam finden wir unsere Spur vom Morgen. Stumm erreichen wir die Torinohütte.

Aber der Traum nimmt neue Gestalt an und beherrscht unsern Sinn.

Die Aiguille du Midi ( 13. August 1959 ). Müde vom Berg, besteigen wir die Seilbahn, um nach Chamonix zurückzukehren. Als wir aber bei der Aiguille du Midi ankommen, gibt uns die Sonne neuen Mut, und wir entschliessen uns, morgen die SO-Seite der Nadel zu besteigen. Wir können sie in Musse betrachten, während wir uns zur « Météo » begeben, zur meteorologischen Forschungsstation, welche Bergsteigern, die am Morgen früh auf dem Platz sein möchten, für die Nacht Gastfreundschaft gewährt. Gaston Rebuffat befindet sich gerade hier mit einer Filmequipe, was uns wie gewünscht kommt; denn er ist es, der die Route, die wir versuchen wollen und deren Beschreibung uns nicht mehr gegenwärtig ist, eröffnet hat. Nachdem wir die gewünschten Auskünfte erhalten haben, pflegen wir angenehmer Ruhe.

Der Anmarsch ist kurz: ein kleiner Spaziergang von zehn Minuten führt zum Fuss der Nadel und bietet uns Gelegenheit, mit ihr Fühlung zunehmen. Die Sonne beleuchtet plastisch den ausserordentlich farbigen Fels, der sich als für den Aufstieg sehr geeignet erweist. Ich hätte mir nie gedacht, dass die Adhäsion so ausgezeichnet sein könnte.

Nach einem kleinen Granitsplitter stossen wir auf die ersten Schwierigkeiten, die nicht mehr aufhören bis zum Gipfel. Eine senkrechte Mauer, die unter ein Dach führt, empfinden wir als ausserordentlich schwierig, wenig geübt in dieser Klettertechnik, wie wir es sind. Eugène weicht dem Dach nach links aus und wagt sich mit Hilfe eines nach S führenden Risses in die Platten hinaus. Selbst nach Anbringen der Haken reicht die Passage an den VI. Grad heran und erheischt Scharfsinn und grosse Präzision.

Das Spiel hat begonnen. Bei jedem Standplatz sehe ich den Seilbahnkabinen zu, die kaum 100 Meter entfernt ruhig hinauf- und hinabgleiten. Das hebt die Moral: die Gegenwart von Zuschauern!... aber die Kletterei verliert die Atmosphäre des Geheimnisvollen und Unbekannten, die zum Hochgebirgserlebnis gehört.

Eine schwierige Kletterpassage löst die andere ab, alles wundervoll frei, bis zu einem kleinen Couloir das in einer Verschneidung mit Felskeil endet. Von meinem Kameraden gut gesichert, bewältige ich die Stelle in freier Kletterei und verschmähe die Hilfe von Holzpflöcken. Es ist Schwer-athletik, vermittelt aber ausserordentliche Befriedigung.

Dann stehen wir plötzlich und unerwartet auf dem Gipfel des Contaminpfeilers, 20 Meter unter dem Hauptgipfel, der von hier aus unzugänglich aussieht. Ohne Zweifel führt der Weg über die N-Seite. Wir lassen uns in einer Kerbe des Pfeilers nieder... und sehen uns - welch komischer, unerwarteter und unnatürlicher Anblick300 Zuschauern gegenüber, die womöglich noch überraschter dreinschauen als wir: die Seiltouristen der Aiguille du Midi.

Aber die Fahrt ist noch nicht zu Ende. Es handelt sich noch um eine kleine Abseilung, um einen Riss auf der N-Seite zu erreichen... und dabei gute Figur zu machen; denn es ist eine Vorführung vor Zuschauern! Natürlich gerate ich viel zu weit hinab. Einige alte Haken beweisen mir, dass ich nicht der erste bin,der sich täuscht. Ich muss über eine Schneezunge wieder zurück; dann gewinne ich mit Hilfe der Steigbügel, die schon in Eugens Sack versorgt waren, einen ganz kleinen Standplatz, wohin mein Freund, nach einem epischen Kampf mit zwei durcheinandergeratenen Seilen, nachkommt. Ich gehe voraus, einem schönen schrägen Riss entlang, und dann sitzen wir schon rittlings auf dem Gipfel.

Wir sitzen uns gegenüber, etwas verlegen vor all den Zuschauern. Sie trüben die Freude, die man sonst empfindet, wenn man in friedlicher Bergeinsamkeit sich die Hand drückt. Eine Abseilung, und alles ist zu Ende.

Die Sonne ist schon hinter den Wolken verschwunden. Wir steigen nach Chamonix ab, wo uns der Regen zur Einkehr zwingt. Einige schöne Schachpartien im Gasthaus « Premier de cordée » ( sympathisch und billig ) verschaffen uns angenehme Entspannung.

Die Aiguille de I'M. ( 16. März 1959 ). In den Wiesen von Montenvers pflegen wir der Ruhe. Morgen: die Aiguille de FM.

Das Wetter ist gut; aber wie letztes Jahr ist die NW-Seite der Nadel in Nebel gehüllt. Immerhin ist die erste Verschneidung etwas weniger klebrig und unheimlich.

Der Felssplitter! Oh, ja! eine schöne Arbeit, in dieser engen Spalte, wo sich der Körper verdreht und die Willenskraft nachlässt. Wir kommen trotz allem durch, schnaubend wie müde Pferde.Schauen wir vorwärts, und vergessen wir die unangenehmen Augenblicke. Welcher Gegensatz zur Aiguille du Midi! Flechten; die Füsse gleiten auf feinen, feuchten Kieseln aus: gar keine einladenden Passagen. Und dazu fühlt man sich hier fast zu sehr allein und verlassen. Die exponierte und ziemlich schwierige Kletterei ist dennoch interessant.

Während der letzten, weniger schwierigen Seillängen, wo wir mächtige Blöcke erklettern, stellt sich dann die frohe Genugtuung ein, die man jedesmal empfindet, wenn man sich dem Gipfel nähert, wenn kein ernstes Hindernis mehr vor einem steht und der Geist sich entspannt. Ein paar Schritte auf dem Grat, und das Abenteuer ist zu Ende. Es ist noch früh; der Abstieg stellt keine Probleme. All das und die Tatsache, dass man es mit einem Seilgefährten zusammen erlebt, bewirkt dieses unbeschreibliche Gefühl glücklicher Entspannung, das der Uneingeweihte niemals nachfühlen kann.

Der wundervolle Weg, der uns nach Montenvers hinabführt, beschliesst den wohlverlaufenen Tag. In unserer Begeisterung nehmen wir uns vor, schon morgen die Aiguille de Roc am Grépon anzugehen. Die Aiguille du Midi und die Aiguille de I'M. sind mit TD+ bewertet, die Aiguille du Roc nur D +, das heisst, wenn nicht etwas Ausserordentliches dazwischenkommt, haben wir die Fahrt schon « im Sack ».

Gewöhnlich geht man von der Tour-Rouge-Hütte aus; aber da es uns hier im grünen Gras so gut gefällt, wollen wir nicht heute schon zur Hütte aufsteigen. Wir werden morgen direkt von Montenvers ausgehen. Es sind vier Stunden mehr, was aber nichts zu sagen hat, da ja keine grossen Schwierigkeiten in Aussicht sind. Wir sind zuversichtlich und glauben zum voraus, gewonnen zu haben... was selten ein gutes Vorzeichen ist in den Bergen.

In der Flanke der Aiguille de Roc-Grépon ( 17.18. März 1959 ). Es ist noch Nacht, als wir ins Chaos des Mer de glace geraten. Es besteht kein Zweifel: wir sind fehlgegangen. Zum Überfluss merke ich, dass wir den Pickel vergessen haben, den wir nun zum Umkehren so nötig hätten. Zum Henker! Wir machen es ohne.

Wir irren umher, so sehr, dass wir schliesslich bis an den rechten Rand des Gletschers geraten. Mit viel Mühe kommen wir aus dem Labyrinth heraus. Wir gehen auf der Moräne und suchen den besten Durchgang zu den Hängen hinauf, die zur Tour Rouge führen. Endlich kündigt sich die Andeutung eines Fussweges an, auf der Höhe eines Seeleins. Als ich bei einer kurzen Ruhepause die von der aufgehenden Sonne beschienenen Aiguilles betrachte, bemerke ich plötzlich in weniger als 200 Meter Entfernung eine ganz neue Hütte. Komisch! Die Tour-Rouge-Hütte befindet sich doch in der Flanke des Grépon und erfordert ein paar Kletterzüge.

Es wird mir klar, dass wir es mit der Envers-les-Aiguilles-Hütte zu tun haben. Welche Überraschung! Ohne die Fassung zu verlieren, sehen wir im Führer nach und entdecken - welche Chance - dass es ganz in der Nähe eine Contamine-Variante gibt. Wir traversieren den oberen Teil des Trélaporte-Gletschers- unbequem ohne Steigeisen — und erreichen die ersten Felsen. Zuerst etwas Geröll, dann betreten wir den schönen Granit. Die nicht sehr schwierigen Passagen bereiten uns Vergnügen. Wir erreichen das leichte Zwischenstück, das zur unteren Schulter führt, wo wir auf die ursprünglich gewählte Route stossen werden.

Wir steigen gleichzeitig miteinander rasch weiter zur Schulter. Ruhepause. Mit den Augen suchen wir den Weg, der über ein prächtiges, 200 Meter hohes Plattendreieck führen muss. Eugène geht voraus, und schon zweifle ich. Diese kleine Verschneidung, die Bänder, der Quergang nach rechts, all das entspricht kaum der Beschreibung im Führer. Mein Freund aber scheint von der Route überzeugt zu sein und sagt kein Wort. Jedoch nach zwei Seillängen bleibt er stecken. Kein Zweifel, der Weg muss an einem andern Ort durchgehen. Wir steigen 40 Meter ab, queren nach links und überlegen. Eugène sucht die « Craquelures », die « Sprünge », die im Führer angegeben sind. Er fragt mich, was wohl damit gemeint sei. CraqueluresEin vager Ausdruck, der allerlei bedeuten kann. Das Wort regt mich auf! Wir suchen und glauben, den Weg zu finden; aber es ist wieder nichts. Querung nach links bis zum Grat, der das Dreieck begrenzt- und wieder sind wir in einer Sackgasse. Zurück. Eugène hat genug und beschliesst, einfach geradeaus aufzusteigen. Eine elegante Lösung, gewiss, aber diese Glätte! Und wir besitzen nur fünf Haken.

Ich habe das Gefühl, dass diese Seillänge entscheidend wird. Ich bin gespannt; denn die Sache scheint mir gewagt. Als die Reihe an mich kommt, frage ich mich, wie dieser Weltskerl von Eugène hier hinaufgekommen ist: 35 Meter, zuerst VI, dann V+, die Schwierigkeiten sehr gehäuft. Vorsichtig sammle ich die Haken ein. Sie hätten einen Sturz nicht bremsen können! Noch nie in den Alpen habe ich eine so schwierige Seillänge erlebt. Wie bewundere ich meinen Kameraden!

Wir haben den Grat am Dreieck erreicht. Er führt auf eine grosse, mit Blöcken bedeckte Terrasse. Es wäre ein wunderbarer Biwakplatz. Die Szenerie, die sich hinter uns von den Jorasses bis zum Géant hinzieht, nimmt alle Farbtönungen des beginnenden Abends an. Noch nie sah ich eine so überwältigende Alpenlandschaft. Die nächste Seillänge ist weniger schwierig, aber so erstaunlich schön, dass ich am liebsten meine Begeisterung hinausschreien möchte.

Ein kleiner Gendarm ist erstiegen und wir steigen wieder ab. Nun ist mir die Sache klar: es gibt nichts Besseres, als wenn man den Aufstieg wie ein Husarenstück unternimmt! Man braucht dann keinen Führer und weiss infolgedessen - wie du und ich - nicht, dass die Aiguille de Roc zwei Schultern besitzt! Von der ersten hätten wir ein leichtes Couloir benützen sollen, das zur zweiten führt, wo, wie uns sofort klar ist, die bewährte Aufstiegsroute beginnt. Der Weg ist nun leicht zu finden. Er ist ausgesetzt und wundervoll. Die « Craquelures »Da sind sie. Was das istWas soll ich sagen? Es sind eben « Craquelures »! Wir steigen geringschätzig über sie hinauf. Der Kamin, der zuletzt folgt, bringt uns ausser Atem. Welch ein Greuel, diese Kamine! Es ist 5 Uhr, und als wir sehen, was auf uns wartet, verzichten wir darauf, die paar letzten Meter, die zur höchsten Spitze der Aiguille führen, zu erklettern.

Die erste Abseillänge bringt uns auf eine verschneite Terrasse. Dann ein neuer Irrtum, der mir hätte verhängnisvoll werden können. Wenn ich den Führer konsultiert hätte, hätte ich erfahren, dass noch zwei Abseilungen von 29 und 12 Meter, die zweite auf die Seite hinaus, zu machen gewesen wären, um zur Scharte zu gelangen. Ich aber werfe mein Seil direkt gegen diese hinab und lasse mich abgleiten. Schreckliches Gefühl! auf einmal am Ende des Seils zu hangen, ein paar Meter über der Scharte, frei in der Luft vor einem Überhang! Im ersten Moment glaube ich mich verloren; denn es ist unmöglich, wieder hinaufzukommen. Was machenDen Kopf nicht verlieren und die Lage überdenken. Ich schaukle - was nicht einfach ist -, bis ich einen kleinen Griff fassen kann, von dem aus ich ein schmales Band erreiche. Ich bin gerettet! Aber als ich das Couloir betrachte, das unter meinen Füssen gähnt, beginnt meine Phantasie wieder zu arbeiten! Eugène kommt nach.

Zwei äusserst gefährliche Seillängen bringen uns durch das furchtbar zerklüftete Couloir hinab, wobei wir auf der Hut sind, mit dem Seil keine Steine zu lösen. Dann befinden wir uns an der Basis eines andern, sehr steilen und unheimlichen, 150 Meter hohen Couloirs, das zur Scharte zwischen Grépon und Bec d' Oiseau hinüberführt. Gar nicht erfreulich: Schnee, Glatteis, wacklige Blöcke. Wir besitzen nur ein Paar Steigeisen, und das Fehlen des Pickels macht sich grausam fühlbar. In einer guten Stunde wird es Nacht sein. Wir dürfen nicht zaudern. Eugène macht sich mutig an die Arbeit. Alpdruck, Kälte und ein Gefühl der Unsicherheit! Mein Freund schlägt mit dem Hammer ein paar Stufen. Ich bewundere die Gewandtheit, mit der er die Sache in diesem unsicheren Gelände meistert.

Als wir die Scharte erreichen, ist es Nacht. Wir sind auf dem Abstiegsweg vom Grépon. Als wir den Nantillons-Gletscher erreichen, sind wir uns klar über die Gefahr einer Begehung bei Dunkelheit. Also ein Biwak: das erste in meinem Leben, so oft herbeigewünscht, und jetzt kann ich es gar nicht gemessen.

Wir haben fast nichts gegessen und besitzen nur noch einige Biskuits. Die Nacht ist eiskalt. Wir kauern auf der einigermassen zurechtgemachten Plattform und unsere Zähne klappern. Ironie des Schicksals: in Montenvers, vier Kilometer von hier, liegen unsere Schlafsäcke und Duvetjacken. Was uns quält ist, dass der Körper nicht einschlafen will, trotzdem der Geist müde ist. Endlich gelingt es uns doch, eine kleine Stunde zu schlafen.

Ein neuer Tag. Ende der Qual! Ich wundere mich, dass ich nach 10 Minuten Marsch schon wieder durchgewärmt bin. Wie das die Lebensfreude schnell wieder weckt!

Der Bergschrund. Durch ein missratenes Abseilmanöver gerate ich in ein tiefes Loch und habe Mühe, mich wieder herauszuarbeiten. Der Eishaken, den wir bei uns haben, leistet mir guten Dienst im harten Schnee.

Wir begegnen Seilschaften im Aufstieg, die uns erstaunt ansehen. Sie warnen uns vor den Séracs des stark zerklüfteten Gletschers, die sich übrigens schon seit einiger Zeit durch Lärm bemerkbar machen.

Ein ungeheurer, 50 Meter hoher Eisturm. Wird er sich halten, bis wir vorbei sind? Wir zögern, dann Laufschritt! Nichts ist passiert... Und dann erfolgt plötzlich der Einsturz. Der Turm, einen Augenblick wie von einem unsichtbaren Drahtseil zurückgehalten, fällt auseinander und prasselt unter fürchterlichem Rollen hinter uns direkt auf unsere Spuren. Der Lärm ist beeindruckend in dieser morgendlichen Stille. Die Eisblöcke rollen mehrere hundert Meter weit in die Tiefe.

Montenvers. Unser « Bleuet » arbeitet hart, um unsern Hunger und Durst von dreissig Stunden zu stillen. Die Sonne scheint warm, und während der Siesta rollt der Film der letzten Tage noch einmal vor unserem innern Auge ab. Ein Film mit vielen Zurechtschnitten, ein Trickfilm: die wundervollen Stunden sind verzehnfacht, während die mühevollen Augenblicke von einem Schleier verhüllt sind, der nur flüchtige, gedämpfte Bilder durchscheinen lässt.

Unsere Ferien sind zu Ende. Haben sich unsere Hoffnungen erfüllt? Lassen sie sich je erfüllen?

Das Unvorhergesehene ist das Salz des Lebens.Übers.: F. Oe.

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