Flimser Skitage

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 1 Bild.Von Edwin Weber

( Zollikon-Zürich, Sektion Uto ).

Allgemeines.

Die Flimser Skiberge überhöhen das Dorf mit seinen 1100 m über Meer um rund 2000 m. Durch die unmittelbare Zugänglichkeit dieser Berge ohne ermüdende Anmarschwege kann diese grosse Höhendifferenz restlos in flüssigen Abfahrten ausgekostet werden. Als eigentliche Skiberge können in diesem Tourengebiete genannt werden: Vorab 3030 m, Piz Grisch 2902 m, Piz Segnes 3102 m, Piz Sardona 3059 m und Trinserhorn 3028 m. Keine von diesen Spitzen ist von Flims sichtbar. Die himmelwärts geschichteten Felswände des Flimsersteins und der steile Bergwald im Westen lassen das grosse Skigebiet nicht ahnen. Über dem einzig sichtbaren Skigelände gegen den Segnespass begrenzen die obersten Türme der Tschingelhörner den Horizont. Durch die von der Sektion Piz Terri auf der Südseite des Piz Grisch auf Alp Nagiens in 2100 m Höhe erbaute und bewirtschaftete Hütte wird das ganze Gebiet in idealer Weise erschlossen. Der grosse Niederschlagsreichtum der Glarneralpen garantiert auch für das Gebiet von Flims weit in den Frühling hinein sehr günstige Schneeverhältnisse. Der Skifahrer durchfährt von den eisigen Spitzen lange Gletscher, weite Alpen und herrlichen Bergwald und rastet an braunen Hütten am sonnigen Hang. Überall ist er auf der Sonnenseite der Alpen. In jeder Beziehung! Und zudem bringt ihn das Postauto in bequemer Fahrt von Chur direkt nach Flims.

Aufstieg.

Dem düsteren Hochwald zum Dreibündenstein entfliehen die letzten Nebelfetzen verspäteter Wintertage. Etwas wintermatt noch steht die Sonne über dem blauenden Berghintergrund am leuchtenden Märzenhimmel. In Reichenau, dort wo die Wildwasser des Vorder- und Hinterrheins ihr Geschiebe zu breiten Kiesbänken vereinigen, verlässt der Wagen die grosse Rheinebene und überquert den Fluss nach dem engwinkligen Tamins hinauf. Mit weitender Aussicht fahren wir die steilen Südhänge entlang nach Trins. Schafe tummeln sich auf der frühlingswarmen mageren Weide. Nach Trinser-mühle ändert sich das Bild. In der Tiefe liegt im schweren, kalten Schatten des grossen Flimserwaldes noch halberstarrt der Crestasee. Noch um eine scharfe Ecke, und durch die winterlich weisse Ebene rollt der gelbe Wagen in das saisontote, aber sonnenüberstrahlte Flims.

Auf einer ebenen Matte hinter dem Dorf rüstet sich das erwartungsvolle Skivolk zur Bergfahrt. Durch das gleiche Ziel bilden wir eine kleine Gemeinschaft. In geruhsamem Tempo, wie immer am Anfang, schlendern wir den sanften Wiesenplan hinauf und zwischen urzeitlichem Blockwerk hindurch am kleinen Stausee vorbei gegen den abendlichen Bergwald über dem Laaxerbach. Als ob der Berg Menschen verschlinge, verschwindet die Kolonne unvermittelt aus dem grellen Sonnenglanz im tiefen Dunkel der stark über- waldeten Felsstufe, die sich an die 1000 m hoch zur Alp Nagiens hinauf verliert. Gleich am Waldrand beginnt die grosse Steilheit. Im Sommer mag hier eine Wegspur sein. Jetzt deckt der Schnee noch klaftertief Fels und Weg. In engstem Räume gedrängt, zwischen den Schneepyramiden des Jungholzes und den hochstämmigen Tannen hindurch, klettern wir auf schmaler Spur den Berg hinan. Nur keuchender Atem und das Einsetzen der Stöcke ist hörbar. Wir kommen rasch höher. Nach einigen hundert Meter Steigung weitet sich das Bild. Die Sonne wirft breitere Lichtkegel zwischen die Tannen, und die Skifelle finden wieder eine flachere Spur. In der tiefen Stille des schweigenden Winterwaldes und in der ersehnten Musse des Aufstieges ergeben wir uns den unerschöpflichen Betrachtungen über unsere Beziehungen zur gesuchten Umgebung und zu den zeitlichen Ereignissen. Der Höhenwanderer darf sich am allerwenigsten der im gegenwärtigen Geschehen offenbarten abgründigen Tiefe des menschlichen Geistes entziehen. Wir können die Dinge nicht einfach vom Standpunkte der Bequemlichkeit und des Gesättigtseins an uns vorbeirollen lassen, ohne uns die Frage zu stellen: « Wo stehen wir? » Wir sind mitschuldig an dieser unerhörten geistigen Katastrophe. Auch wir haben eine Selbstprüfung notwendig, wollen wir nicht die Höhen entweihen, nach denen wir streben.

So viele Menschen in unserer Kolonne, so viele Schicksalsträger schleppen ihre Sorgen und Freuden den Berg hinan. Wohl mancher der ganz Stillen möchte der Unrast dieser Welt in die Einsamkeit entfliehen. Er kann aber seiner inneren Last nicht entrinnen und entdeckt sich bald als sein lästigster Begleiter. Alle, die hier aufwärtsstreben, erwarten vom Berge Hilfe und Erfüllung.

Wir sind unversehens aus der Tiefe des Laaxergrabens in die Kampfzone des Waldes geraten. Die Sonne ist untergegangen. Ihre verglühenden Strahlen zeichnen noch die bizarren Formen der vielgestaltigen Signinagruppe. Um einen letzten Gratrücken herum, und wir stehen plötzlich vor einer bäum- und steinlosen Weite von Schnee. Wie im uferlosen Meer wissen wir kaum, nach welcher Richtung wir uns wenden sollen. Das matte Licht eines versinkenden, klaren Winterabends liegt über der unendlichen Leere. Kalter Bergwind haucht uns an. Wir gehen schneller und entdecken in den obersten sonnigen Hängen die Nagienshütte. Sie liegt noch in der Glut der abendlichen Röte und zieht uns mächtig an. Der willkommene Duft ihres Herdfeuers dringt zu uns. Wir eilen, als ob uns die kalte Nacht das Obdach rauben könnte. Es ist erreicht! Der fürsorgliche Hüttenwart und die Wärme geben uns das frohe Gefühl der Geborgenheit. Kaum sind wir dem Gewühle der Stadt in die ersehnte Einsamkeit entflohen, wird uns diese schon wieder zur Qual, und es drängt uns zur Stätte, wo wir wieder Menschen finden. So wirkt das eine als Heilmittel gegen das andere.

Höhenweg.

Es dämmert. Ein gelber Lichtstreifen im Osten verkündet den neuen Tag. Über dem weissen Gebirge verblasst im lichtenden Raum das Heer der funkelnden Sterne. In der Tiefe der lichtlosen Täler ruht aber noch lange die schweigende Nacht. Im Westen stehen die weissen Pyramiden der Vorabgruppe wie Grabmäler am schwarzen Horizont. Über Hügeln und Gräben liegt wie ein ungeheures Leichentuch die winterliche Decke. Aus dem fahlen Zwielicht des werdenden Tages erhebt sich schreckhaft ein Bild des Todes. Die fratzige Scheibe des scheidenden Mondes verbreitet ein erbarmungslos kaltes Licht. Aber am östlichen Himmel wächst hinter scharfzackigen Gipfeln das helle Erwachen zur goldenen Flut. Grünlichblauende Farben steigen steil zum Zenit.

Hinter den Hügeln versinkt mit zunehmender Helle der dunkelblaue Schatten der Erde. Auf seinen ungeheuren Scheitel wirft der junge Tag einen rosigen Kranz. Aus der Morgenröte steigt über das Dunkel der Täler die glühende Kugel zum leuchtenden Himmel. Geblendet wenden wir uns zu den Gipfeln. Auf alle Höhen senkt sich das purpurene Licht und fliesst über die glitzernden Hänge bis zu unseren Füssen. Wolkenloses Blau überspannt den weiten Horizont. In der Tiefe rufen die Glocken zum Früh-gebet. Es ist Tag!

Die Tour zum Vorab ist von der Hütte aus eine Wanderung über weichgeformte Rücken bis zum flach ansteigenden Gletscher, der zu den beiden Schieferpyramiden des Bündner- und Glarnergipfels führt. Ihr Anfang und Ende verbindet ein glückhaftes Verweilen auf dem obersten Firste der Berge, die uns aus der Tiefe Weite und Sehnsucht bedeuten. Es ist eine ununterbrochene ferne Sicht über Gipfel von Ost bis West. Und der März schenkt uns ein Licht von wundersam durchsichtiger Leuchtkraft. Der frühe Morgen zeichnet mit seinen blauvioletten Schatten in diese Fülle von Gold ein Bild von tiefster Ergriffenheit. In diese Welt ziehen wir durch ein Meer von buntglitzernden Diamanten die einzige menschliche Spur zum sichtbaren Ziel. Zickzackspuren eilender Grattiere kreuzen unseren Weg. Wir betrachten unsere vorauseilenden langen Schatten und das funkelnde Spiel der über den Skispitzen zusammenfliessenden Schneekristalle. Die beschauliche Wanderung offenbart uns die Unendlichkeit des lichtvollen Raums.

Nach sorglosem Schlendern durch den sonnigen Schneeraum haben wir den Bergfirn hinter uns und kurven über die verblasene Westseite zum Gipfel des Bündner Vorab hinauf. Beim Steinmann lassen wir uns zur glücklichsten aller Rasten nieder. Ohne Rast und Ruhe kein inneres Erleben. Die Skifelle, die treuen Gefährten, legen wir nach getaner Arbeit an die Sonne. Einige Orangen löschen Hunger und Durst zugleich. Dann ein dankbares Schauen über Höhen und Tiefen. Wir sind erstaunt über das geringe Mass von materiellen Gütern, die wir für diesen Zustand des Glückes bedürfen. Und jedem gesunden Menschen schenkt die Natur das erforderliche Gut. Wie schwer fällt es uns, diese Erkenntnis in die Tiefe des Alltags zu bringen. Zu schnell erliegen wir wieder den Eindrücken unserer gewohnten Umgebung und der Begehrlichkeit durch der Umwelt Besitz. Allzu rasch verlieren wir wieder den frohen Sinn naturgebundener Erkenntnis und steigen in die Niederung menschlicher Irrungen hinab. Wie oft flüchten wir dann vor unserer eigenen Untreue, um uns in der Stille des Waldes, der einsamen Höhe oder gar in der Kirche wieder zu finden. Im einen wie im andern Fall erfüllt sich die Tragik unseres Daseins.

Noch einen letzten Blick über die silberglänzende Gipfelflur von der Königsspitze bis zu den Walliser Riesen, zur wuchtigen Tödigruppe und dem nahen Segnesmassiv. Über den Ebenen des Tieflandes, bis weit nach Norden, gondeln silberne Frühlingswolken im Rhythmus der Ewigkeit.

Der Aufstiegsspur folgend, fahren und wiegen wir uns wie in einem glückseligen Traume zur Hütte zurück. Fröhlich gestimmte Menschen ergeben sich der mittäglichen Ruhe und schlürfen vor der Hütte süssen Tee.

Aber der lange Tag lässt uns nochmals zur Höhe steigen. Über Punkt 2363 m traversieren wir die lange Ostflanke des Piz Grisch hinauf in die Lücke 2739 m und in steilem Anstieg zu diesem selbst. In langem Sinnen schauen wir auf die weite, von unseren Spuren gezeichnete menschenleere Fläche des Bergfirnes hinab. Wie eine Vision ersteht vor uns das Erlebnis des heutigen Morgens, und erst die Wucht der abendlichen Schatten lässt uns von der Höhe scheiden. Die steileren Südhänge führen uns zur Hütte zurück. Hinter der Sagenserfurka versinkt der sonnenwarme Wintertag und lässt an den Bergen und den Himmelshöhen noch lange sein stilles Leuchten zurück.

Ein Ziel.

Und ein Morgen steigt wieder herauf und schüttet sein Wunderhorn farbenfroher Strahlenbündel segnend und ewig erneuernd über Berge und Menschen. Sein Licht wirft schon eine feine Schattenlinie auf unsere Spur zu Punkt 2207 m. Wir bewundern das Licht- und Schattenspiel an den Felstürmen der Tschingelhörner und lenken unsere Bretter den Steilhang zur alten Segneshütte hinab. Der Passwind trägt hier oft grosse Mengen Flugschnee vorüber, und diese Stelle erheischt bei Schneebrettgefahr Vorsicht. In nördlicher Richtung durchschreiten wir die Sohle der an dieser Stelle engen Schlucht und halten uns in Richtung auf einen immer sichtbaren grossen Felsblock unmittelbar unter dem steilen Felsrücken, der sich zum Punkt 2349 m hinaufzieht. In kurzen Kehren folgen wir genau der immer sicheren Gratkante und vermeiden es bei starkem Neuschnee, rechts in die Hänge zu spuren. In der Fallirne klettern wir mit unseren Seehundsfellen den Grat hinauf und über Moränenhügel in die grosse Ebene von Segnes-sura hinunter. Von Norden fliesst uns der vom Verbindungsgrat des Piz Segnes zum Piz Sardona herabhängende Segnesgletscher entgegen; links und rechts flankiert von den beiden Felsbastionen des Piz Atlas und Piz Dolf. Wir halten uns vom nördlichen Ende des flachen Bodens an den linksseitigen Hang und gewinnen in gleichmässiger Steigung rasch an Höhe. Hoch über unseren Köpfen flattern vom Wind gepeitschte Schneefahnen um die verwächteten Gipfel und Firnschneiden. Unten im weiten Firnkessel ist es völlig windstill, und der sonnenvolle Morgen schenkt uns angenehme Wärme.Vom ebenen Gletscherrücken auf Punkt 2840 m lässt uns eine kurze Rast die Fortsetzung des Firnhanges bis zur Höhe des Trinserhornes überblicken.

Ein Trinkei spendet neue Energie, und im munteren Anlauf kurven die Höhenhungrigen die gut begehbare Nordflanke zur schneeigen Gratschneide hinauf. Je nach den Schneeverhältnissen geht es zu Fuss oder mit Ski dem zierlichen Wächtenkranz entlang zum Steinmann. Unser Verweilen dauert nicht lange! Die Kälte und das weitere Ziel lassen uns bald wieder die bogen-reiche Abfahrt zurücklegen.

Wir stehen am Fusse der steilen Gletscherstufe zum Piz Segnes und Piz Sardona. Was vom Trinserhorn leicht zu überblicken war, verliert sich von hier als eine unübersichtliche Schneewand zum tiefblauen Himmel. Der trockene Pulverschnee lässt uns geraten erscheinen, dieselbe ohne Ski anzugehen. In kürzester Linie legen wir eine tief spurige Treppe zur Höhe an. Dort wo sich der Hang zum Piz Sardona hinüberdehnt, klafft ein breiter Schrund. Er ist im Frühjahr immer gut zu überschreiten. Wer zum Sardona hinüber will, trägt seine Bretter zum Sattel hinauf und hat nachher ein leichtes Wandern über den breiten Rücken zum nahen Gipfel. Zum Segnes hinauf bleiben wir auf dem Firngrat zur Linken und arbeiten uns mühsam über hartgefegte Windgangeln und tiefen, zusammengeblasenen Pulverschnee empor. Auf der Höhe des Sardonarückens springt uns eiskalter Ostwind an. In harten Stössen peitscht er uns den Flugschnee um die Ohren und erschwert uns den Atem. Öfter als schicklich taumeln wir auf der luftigen Schneide von einer Stufe in die andere. Ein kurzes ebenes Wegstück gewährt eine willkommene Atempause und führt an die letzte steile und breite Wandstufe zum Gipfelgrat. Das glanzvolle Wetter und die Nähe des Zieles lassen uns die Mühen des unsichtbaren und rauhen Begleiters leicht ertragen. Der Wind trifft uns nun direkt im Rücken, und er stösst uns förmlich die Stufen unserer steilen Himmelsleiter hinauf. Oben treibt er sein Unwesen in voller Stärke und empfängt uns mit ganzen Wolken eisiger Nadeln. Um die gewaltigen Wächten führt er einen wilden Tanz. Die ganze ungebrochene Macht des späten Winters scheint sich in ihm noch auszutoben. Immer und immer wieder jagt er die weissen Massen in langen Fahnen über die eisige Kante ins Bodenlose hinaus, um sie im nächsten Moment in die blaue Höhe zu reissen. Kurz vor dem Ziel, über einer wunderlich geformten Wächte, will uns die Wucht eines stehenden und rasend drehenden Wirbels endgültig dem Berg entführen und uns den letzten Zugang verwehren. Mit schmerzenden Augen erreichen wir dennoch die ersehnte Spitze. Sonderbarerweise ist hier, wo die drei Gratkanten von Nord, Süd und West zusammenlaufen, der Wind einigermassen erträglich. Gerne lehnen wir uns hinter den Steinmann zur verdienten Rast. Unsere Blicke fallen über die mächtige Wand zum Dörfchen Elm hinunter, das am heutigen Tage das seltene Ereignis des Sonnen-durchblickes durch das Martinsloch erlebt. Die mittäglichen Schlagschatten an der Nordseite der Vorab-Hausstockkette gestalten diese Berge zu gewaltigem Ausmass. Vom Arlberg bis zum fernsten Westen strahlt über dem Gebirge noch des Spätwinters höchster Glanz. Die Täler im Norden verlieren sich aber schon im Dunste des ahnenden Frühlings.

Die Kälte lässt uns erschauern. Nach kurzem Aufenthalt eilen wir wieder zum Skidepot hinab. Mit dem Gesicht direkt gegen den Wind und wirbelnden Schneestaub schwanken wir die Stufenleiter hinunter und landen beglückt und beschämt zugleich bei unseren Brettern. Auf den weissen Kämmen treibt der Gewaltige sein ewiges Spiel. Unten in der windstillen Mulde suchen wir Ruhe und Erholung. Still und sinnend sitzen die Skifahrer auf ihren Hölzern. Alle sind von der Urkraft des Naturgeschehens erschüttert und beziehen das Unfassbare bescheiden auf die Nichtigkeit ihres Daseins. Mit Ehrfurcht und Demut beugen wir uns vor der Macht dieser stummen Zeugen weiser Schöpfung und erleben das glückliche Ereignis als ein Geschenk der Gnade... Der Berg ist weder eine Illusion noch ein Speku-lationsobjekt. Er ist eine Wirklichkeit! Er verträgt keine Überheblichkeit und keine Schwäche. Wer sich an Grosses wagt, muss vor sich selbst bestehen. Im inneren Erleben seiner hohen Fahrten findet der Bergsteiger die Nahrung seiner Seele. Sein Ziel sei denn auch eine vom Höhenlicht geläuterte Gesinnung,treu an sich selbst und treu seiner Idee.

Frisch gestärkt und von der Wahrheit erfüllt, drängen wir zur Abfahrt. Mit einem einzigen Bogen zum Trinserhorn hinüber, sausen wir im Schuss den spaltenlosen Gletscher hinab und bummeln gemütlich wieder über die Ebene vom Segnes-sura zu Punkt 2349 m. Je nach den Schneeverhältnissen bieten sich für die weitere Fahrt nach Flims hinunter verschiedene Möglichkeiten. Bei Lawinengefahr oder unsichtigem Wetter zirkeln wir am sichersten genau die Aufstiegspur am grossen Steilhang hinab zur Segneshütte.Von dort durch die grosse Blockhalde östlich bis über das Bachbett hinaus, linksseitig über Startgels zu den Hütten von Muletg und am Stauseelein vorbei zum Dorf zurück. Die Abfahrt von Segnes-sura hart südlich unter dem Piz Atlas durch ist nicht empfehlenswert. An den Nachmittagen ist sie oft gefährlich und bedingt den Rückmarsch über die Ebene von Segnes-sut zur Hütte am Pass.

Heute treffen wir die besten Verhältnisse. Die kalte Nacht liess den Schnee erst in der Nachmittagssonne sulzig werden. Also lassen wir uns unterhalb Punkt 2349 m in einer atemlosen Fahrt durch die endlosen Südhänge der Alp Cassons direkt zu den aussichtsreichen Hütten von Narraus am Flimserstein hinunter tragen. In tollem Übermut schwingen wir den führigen Sulz hinab zum Berghaus Foppa. In den späten Abendstunden findet unsere glückliche Fahrt ihr Ende. Auch die Bauern in den braunen Hütten von Flims haben ihr Tagewerk vollbracht. Durch die Schmelzwasser der engen Gassen tragen wir unsere Hölzer ins Dorf hinein.

Die Quelle.

Noch einmal sind wir im Farbenzauber des Frühlichtes durch den an-dachtsstillen Schneeraum zum Vorab gestiegen. Heute früher wie sonst; denn wir wollen die grosse Abfahrt über Crap St. Gion ins Val Buglina geniessen. Mit steifen Fingern reissen wir auf dem Gipfel die gefrorenen Felle von den kalten Brettern. Den Rucksack schultern wir schützend auf den feuchtwarmen Rücken und ergeben uns schweigend der allmächtigen Ruhe. Gipfel an Gipfel stehen über walddunklen Tälern und leuchten mahnend wie Altäre zum Himmel.

Langsam und still gleiten wir seitwärts von der Höhe hinab, und erst in der Lücke nehmen wir erwachend die Hölzer fest unter die Knie. Eine rassige Abfahrt folgt über den Gletscher und in einem grossen Bogen über die Südhänge von Punkt 2895 m hinunter zur Sagenser Furka. Wir schöpfen Atem und kleben die Felle wieder auf. Mit Vorsicht spuren wir den tiefen Neuschnee an der steilen Ostflanke des Crap Masegn hinan in die Lücke südlich von Punkt 2514 m. Wir kanten noch einige Meter höher und fahren über den Grat zum Einschnitt auf Punkt 2411 m hinunter. Hart neben oder über dem leicht verwächteten Grätlein entlang erreichen wir in genussvoller Abwechslung Punkt 2478 m. Es ist dies ein weit nach Süden ausladender Sonnenbalkon der Vorabgruppe. Windstille Wärme lässt uns lange rasten. Vor uns senkt sich das endlose Skigelände vom Crap St. Gion bis nach Fellers und Ilanz hinunter. Über dem tiefen Einschnitt des Rheins grüssen die Höhen von der Mundaunkette bis zum Rheinwald und die weitverstreuten Weiler von Obersaxen. Hinter uns stehen die weissen Glarnerberge am schwarzblauen Himmel, und über aller Herrlichkeit der Alpenwelt liegt ein Meer von Licht.

Wir sollten endgültig scheiden und zögern, als könnten uns die kaum erlebten Erkenntnisse wieder verloren gehen. Und doch möchten wir den zu Hause gebliebenen von der Weihe des Berges erzählen. Mit diesen Gedanken drehen wir schon in den sulzigen Südhang hinein, und mit einem Jauchzer lassen wir die elastischen Bretter in die weiten ausgeglichenen Skifelder des Crap St. Gion hinunter flitzen. Felsköpfe und Schneekämme wachsen über uns empor — Berge verschwinden hinter nahenden Horizonten — Schneeraum rauscht vorbei, und die braunen Alphütten und dunklen Wälder kommen näher und steigen zu uns herauf. Alle Welt ist in Bewegung — nur wir stehen still und meistern unsern Lauf. Die Fahrt ist endlos. Es ist ein hindernisloses, glückseliges Dahingleiten durch eine Welt voller Schönheit — in einem sorglosen Taumel der hingebenden Freude. Das Höhenlicht hat uns mit einem Feuer beseelt, das wir wie eine Fackel in uns in die Tiefe tragen.

Am Ende des langen Kammes schwingen wir in kurzen Kehren zu den Hütten der Alp Dado hinab. Wenige Minuten Rast zur kurzen Besinnung, und schon geht der Bogenlauf weiter durch lichten Wald und ostwärts unter dem Felsen Punkt 1875 m durch gegen den obern Rand des steilen und schattigen Val Buglina. Wir können es kaum erfassen, dass in diese Schlucht eine geordnete Abfahrt hinunter führen soll. Und doch entdecken wir nach dem Einschwenken in die steilen Hänge eine ganze Anzahl übereinander liegender Heugaden, die naturgemäss miteinander verbunden sein müssen. Und siehe da, wie durch eine gewaltige Wendeltreppe führt uns die kurvenreiche und genussvolle Fahrt von Stufe zu Stufe den durchfurchten Hang in den Grund des Tales hinab. Eine schmale Schneebrücke bringt uns über den Bach, und wir bummeln gemütlich den flachen Talboden hinaus.

Es ist Abend. Auf einer sanften Anhöhe, dort wo sich die Schneehalde letztmals von der Sonnenseite durch den Hochwald zur Strasse von Laax nach Flims hinunter senkt, lassen wir uns vor einer heuduftigen Hütte zur letzten Rückschau nieder. Die von schmelzendem Sulz triefenden Bretter

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