Frühlingsfahrten im Triftgebiet

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JVon Alfred Ruef

Mit 1 Bild ( 17Brienz ) Das Gespann war etwas ungleich, das sich da für einige Tagesfahrten ins unvergleichlich schöne Triftgebiet aufmachte. Hannes, braun gebrannt, gut trainiert, vor der Rekrutenschule stehend, und ich mit mehr als tausend Diensttagen, im Territorial-Dienstalter und ohne weiteres Skitraining. Gerne hätten wir die Fahrt zu dreien angetreten; aber der Kampf ums tägliche Brot liess keinem unserer Kameraden die nötige Freiheit, und da in den hohen Lagen die Schneeverhältnisse als ausgezeichnet gemeldet wurden und das Wetter strahlend schön war, wagten wir die Zweierfahrt ohne Bedenken.

Genau um Mittag begannen wir von Kurzentännlen den Aufstieg zum Gelmersee. Der Schnee war leicht sulzig und trug recht gut. Zwischen mächtigen Felsblöcken und durch ausgefegte Lawinenrunsen stiegen wir gemächlich aufwärts. Nach einer Stunde rasteten wir auf aussichtsreicher Kuppe neben der Staumauer. Nach einer gehörigen Stärkung suchten wir den Weg weiter dem rechten Seeufer entlang. Gewaltige Eisblöcke und Lawinenabstürze sperrten den Durchgang. Das Auge flog prüfend über die gefrorene Seedecke. Das gestaute Wasser war ziemlich abgesenkt, und rings an den Ufern hingen die nachgestürzten Blöcke auf die Eisdecke hinunter. Zeitweise schimmerte das Wasser verdächtig deutlich durch das Eis. Im gleichmässigen Gleitschritt würde sich aber das Gewicht auf eine grosse Fläche unter den Ski verteilen, und darum wagten wir die Querfahrt über den See. In ruhigem Schritt und gehörigem Abstand glitten wir über die ebene Fläche. Schon näherten wir uns dem hintern Ende, wo gurgelnd die Schmelzwasser des Diechtergletschers sich unter dem Eis verloren. Plötzlich krachte es hinter mir. Ich blickte rückwärts. Hannes lag auf dem Bauch — das Seewasser gurgelte durch ein Eisloch über die gefrorene Decke. Mit den hintern Skienden war mein Begleiter eingebrochen, hatte sich sofort nach vorn geworfen und war wie ein Indianer aus der gefährlichen Stelle herausgekrochen. Bis an die tropfnassen Kleider war der Unfall glücklich abgelaufen. Gut, dass die Sonne vom wolkenlosen Himmel niederbrannte. Erleichtert verliessen wir nach wenigen Schritten die trügerische Eisdecke und begannen den steilen Aufstieg zur Gelmerhütte.

In langen, nicht zu steilen Kehren gewannen wir Höhe, ruhten gelegentlich und erreichten die Hütte in dem Augenblick, als die steilaufragenden Zacken der Gelmerhörner die letzten Sonnenstrahlen eben verschluckten. Gerne stellten wir die Rucksäcke ab. Wie angenehm war doch die Stille des Abends. Nach einem kurzen Plauderstündchen bei Kerzenlicht schliefen wir dem neuen Morgen entgegen.

Wieder lachte ein strahlender Frühlingshimmel! Gipfel und Gletscher leuchteten in der Morgensonne in blendender Helle. Der Steilaufstieg hinter der Hütte auf den Moränenkamm mit den geschulterten Ski war recht mühsam. Teilweise waren die rundgeschliffenen Steine vereist, oder der unbeschla- gene Skischuh rutschte auf der losen Geröllmasse. Angewandtes Morgenturnen! Endlich standen wir am Fusse des Diechtergletschers, holten nach kurzer Rast stark rechts aus und kamen in gleichmässiger Steigung gut aufwärts. Nach einer ausgiebigen Rast und Stärkung auf dem Gratkamm stiegen wir weiter zum Diechterhorn und erreichten den Gipfel am frühen Nachmittag. Wir hielten lange Rast auf dieser aussichtsreichen Warte. Immer noch war der Himmel wolkenlos und die Fernsicht von überwältigender Fülle. So wenig wie Widmann bin ich ein Freund der « Bergspitzennamenerklärungsmenschen », wie er sich in den « Spaziergängen in den Alpen » etwas spöttisch ausdrückt. Um so ausgiebiger aber liessen wir die Augen schweifen über das Meer von Gipfeln, Gräten, Kämmen, Schrunden, Gletschern und Tälern, und manche Sommer- und Frühlingsfahrt erstand wieder vor dem geistigen Auge. Ganz besonders haftete der Blick auf den Viertausendern um Saas-Fee, mit denen wir in einem militärischen Hochgebirgskurs recht harte Bekanntschaft gemacht hatten.

Lange noch sassen wir auf den Felsblöcken der Gipfelkuppe in der wärmenden Frühlingssonne. Mit diesem geruhsamen Verweilen aber verpassten wir den günstigen Schnee zur Abfahrt in die Trifthütte. Teilweise sulzig und streckenweise verharscht, wurde die Gletscherfahrt nicht eitel Vergnügen. Dafür merkte man fast nichts von Schrunden. In dieser Beziehung trafen wir die Gletscher geradezu in idealem Zustand.

In der Klubhütte mussten wir erst einmal den See vor dem Kochherd einigermassen in Ordnung bringen. Durch ein Dachfenster hatte es Schnee hereingepresst, der nun vom oberen Boden ständig niedertröpfelte. Hannes schaufelte oben den Schnee hinaus, und ich bereitete das Nachtessen. Nachher sank Abend- und Nachtstille über die Berge. Wie gross und gesund wirkt doch diese Ruhe.

Am nächsten Morgen lockte das Steinhaushorn zur Höhe. Wo bei Sommerwanderungen die Schrunde einen Durchgang fast unmöglich machen, querten wir hart über dem Abbruch des Triftgletschers ohne jede Schwierigkeit. Von der Hütte aus scheint der Gipfel zum Greifen nah. Der Aufstieg erst erschliesst die Weite. So ist es in den Bergen überall — nichts wird geschenkt, alles will erkämpft sein. Die Gipfelsicht aber lohnt tausendfältig. In etwas weniger als drei Stunden waren wir oben. Fast senkrecht unter uns lagen die braunen Holzhäuschen von Guttannen. Aus dem Aareboden grüsste das saftige Grün der Frühlingsmatten, und über Brienz schieierte silbern der Mühlebach seine milchigen Schmelzwasser über die Fluh. Die schwarze Felspyramide des Kilchlistockes, die vom Tale her wie ein mächtiger Zahn zum Himmel aufragt, erschien merkwürdig klein und zahm. Nach der Gipfelrast trug uns der führige Sulzschnee in engen und weiten Schwüngen wieder hüttenwärts.

Der nächste Tag brachte den langen Aufstieg zum Dammastock. Beizeiten verliessen wir die Trifthütte. Immer noch strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Der Aufstieg mit dem fühlbar erleichterten Rucksack war eine prachtvolle Morgenwanderung. Vor der Triftlimmi bogen wir links ab die Steilhänge hinauf zum Weissen Nollen. Das wurde nun freilich ein hartes Stück Arbeit. Um nicht seitlings abzurutschen, mussten wir direkt in der Fallirne steigen. Als der Kopf sich den Skispitzen bedenklich näherte, versuchten wir es mit geschulterten Ski. Die Schneekruste aber war trügerisch, und bei jedem zweiten oder dritten Schritt brach der Schuh ein. Schliesslich blieb nichts übrig, als den Schlusshang in seitlichem Treppenschritt zu bezwingen. Als wir aus dem Schattenhang endlich oben wieder in die Sonne traten, lag der breite Buckel des Dammastockes wie vor unserer Nase. Und doch brauchten wir bis zum Gipfel noch eine gute Stunde. Die Rundsicht aber übertraf alle Erwartungen. Der Blick schweifte über Berner, Walliser, Urner, Glarner und Graubündner Alpen bis weit ins Tirolische hinein und im Westen bis an die in leichtem Dunst verschwommenen Jurahänge.

Im späteren Nachmittag trug uns die weite Mulde des Rhonegletschers hinunter zum Nägelisgrätli. Gegensteigungen nach ermüdenden Wanderungen sind bekanntlich nicht gerade beliebt, besonders wenn der Schnee sich wie Blei auf die Ski legt. Wir waren darum recht froh, als wir um 18 Uhr das Grimselhospiz erreichten und der Wärter des Grimselwerkes uns gastlich Obdach bot. Im Kreise seiner Familie verplauderten wir einen gemütlichen Abend bei einem guten Tropfen Walliser, und am nächsten Morgen wanderten wir wieder bei strahlendem Frühlingshimmel geruhsam talwärts. Damit schloss unsere Frühlingsrundfahrt. Das an Jahren ungleiche Doppelgespann hatte sich trefflich bewährt. Wir hatten weder irgendwelche Rekordfahrten noch -besteigungen beabsichtigt, sondern nur eine herzhafte Bergfahrt im Frühlingsschnee, und dank des herrlichen Wetters war sie uns ohne jeden schweren Zwischenfall geglückt. Und was haben wir dabei als grosses Bergerlebnis neu erfahren dürfen?

Das Wunder der unerhörten Ruhe und Stille unserer Berge. Wie kleinlich kommt einem dann das überhetzte Gejage und Gehast der Talstrasse vor. Wie nichtig fällt das überhebliche Getue der Menschlein ab gegen die Grosse unserer Bergwelt. Ein arabisches Sprichwort sagt mit Recht: « Alle Unruhe ist vom Teufel; die Ruhe aber aus Gott. » Zu diesem Gleichnis ist uns die Frühlingsbergfahrt neuerdings geworden.

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