Frühlingsskifahrten im Bergell

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 4 Bildern.Von Conradin Steiner.

Forno, Albigna, Bondasca: belanglose geographische Bezeichnungen im täglichen Leben, Königreiche für den Bergfreund, vorab den Kletterer, dem sie unter dem Sammelnamen « Bergell » zum Begriff geworden sind. Für die Jünger der Skizunft aber, insbesondere für jene, .die sich an den offiziellen Skiturenführer der Schweiz zu halten gewohnt sind, ist jenseits des Malojapasses gewissermassen Niemandsland. Solches zu erspähen, um abseits der Allerweltspisten das Naturerleben zu suchen, sind letztes Jahr, kurz nach Pfingsten 1937, zwei unverbesserliche Individualisten ausgezogen. Was sie dabei gefunden haben, ist von dem einen photographisch, vom andern mit der Feder festgehalten worden.

An einem herrlichen Maimorgen verliessen wir Luzern und erlebten auf der schönen langen Reise bis hinauf zum Malojapass den Wechsel der Jahreszeiten vom Vorsommer zum Winter innerhalb weniger Stunden. Anderntags schnallten wir gleich vor dem gastlichen Hotel Post die Ski an die Füsse, und uns selbst beluden wir mit den « Vergissmeinnichtern », wie rundlich und gewichtig sie eben für achttägige Unternehmungen dieser Art zu sein pflegen. Unsere Absicht war, eine « haute route de montagne » im Bergell mit Ski zu begehen, und zwar von Maloja nach Promontogno. Wie wir erst nachträglich den Eintragungen im Hüttenbuch von Albigna entnahmen, ist diese Durchquerung auf Ski vor uns zweimal und beidemal unter Führung von Walter Risch ausgeführt worden. Der Grund hierzu mag darin zu finden sein, dass der Zugang zu den beiden Gletschertälern von Albigna und Bondasca im Winter nur mit erheblichen Schwierigkeiten und Gefahren zu erzwingen ist. Nun, es schienen die günstigen, ja geradezu idealen Verhältnisse auf uns zwei gewartet zu haben, denn im wahrsten Sinne des Wortes kamen, sahen und siegten wir. Vielleicht gerade weil wir uns in aller Bescheidenheit und Ehrfurcht diesen wilden, granitenen Berggestalten genähert hatten.

Anfänglich schienen allerdings die nötigen Voraussetzungen zum Gelingen unseres Vorhabens nicht gegeben zu sein. Das Wetter in den höhern Regionen war keineswegs « bock ». Schon im Gebiet des Cavlocciosees peitschte uns der Wind heftige Regenböen ins Gesicht. Kaum hatten wir uns selbzweit in der geräumigen Fornohütte eingenistet, brach auch schon ein orkanartiger Sturm los, der dann volle 48 Stunden um unser Refugium heulen sollte. Eine kurzweilige Beschäftigung bildete in dieser Zeit u.a. die Lesung des Hüttenbuches, besonders die mit feinem Humor und auch beissender Satire gewürzten Randbemerkungen auf die « Ordnungsliebe » der Hüttenbenützer..

Während des Unwetters beobachteten wir eine langsame roströtliche Verfärbung des Schneefläche rings um die Hütte, ja selbst des ganzen Fornogletschers. Die Überleitung zum Finale bildeten Blitz und Donner, und schon tanzten die Flocken wie im tiefsten Hochwinter. Als es dann am Die Alpen — 1938 — Les Alpes.15 dritten Tage unserer Haft in der Fornohütte allmählich aufzuklaren begann, entschlossen wir uns, da nach einem so ergiebigen Schneefall noch nicht an grössere Unternehmungen gedacht werden konnte, die für den vorgesehenen Ruhetag gedachte Abfahrt nach Maloja zur Besorgung der Nachschubes gleich vorwegzunehmen, um dann nachher freie Hand zu haben. Wir boten damit dem Himmel Gelegenheit, sich noch mehr zu bessern, was er denn auch pflichtschuldigst getan hat. Den Faktor « Wetter » muss man stets als einen der wichtigsten in Rechnung stellen, da ein Witterungsumschlag beispielsweise die Täler von Albigna und Bondasca für den Skiläufer unweigerlich zur Mausefalle werden Hesse.

Im Anschluss an die Rückkehr von Maloja stiegen wir zur Sella del Forno an, von der Hütte aus ein Spaziergang von einer halben Stunde, und bewunderten den Gegensatz der Farben, vom übersatten Grün der Täler bis zu den von der Abendsonne rötlichgolden bemalten Bergen des nahen Italien.

Für den folgenden Tag hatten wir die Doppelbesteigung von Monte Sissone, 3331 m, und Cima di Rosso, 3363 m, festgelegt, wahrscheinlich die gebräuchlichste Skibergfahrt dieser Gegend. Der Weg führt von der Hütte auf den Gletscherboden hinunter, dann allgemeine Richtung Torrone Occidentale bis an den Fuss des Steilhanges hinter dem markanten Westsporn der Cima di Rosso. Die Bilgeriharscheisen erleichterten uns den Aufstieg wesentlich. Beim Punkt 3156, welche Rundschau! Der Anblick des Monte Disgrazia ist so einzigartig, dass es schwer fällt, nicht in epischer Breite über diesen Eindruck zu berichten. An Erhabenheit und Majestät der Erscheinung könnte am ehesten das Weisshorn, gesehen vom Bieshorn aus, damit verglichen werden. Die geplanten Besteigungen wurden soweit als möglich auf Ski, dann zu Fuss, ohne eigentliche Schwierigkeiten ausgeführt. Am Monte Sissone begnügten wir uns mit dem Vorgipfel, dagegen war der vergwächtete Gipfelgrat der Cima di Rosso eine luftige Angelegenheit. Für die Abfahrt den Steilhang hinunter trafen wir just den günstigsten Augenblick. Bei tadellosem Sulzschnee kurvten und schwindelten wir uns um etliche « Briefkasten » herum zum Fornogletscher hinab, dass es eitel Freude war.

Da unsere Ferienreise zeitlich und geldlich gebunden war, mussten wir uns im Fornogebiet auf diese zwei Gipfel beschränken. Bei günstigen Verhältnissen können mit Ski begangen werden: Colle di Vazzeda, Monte del Rosso, Monte del Forno, östlicher Castellogletscher ( von Punkt 2795 aus ) zum Sattel zwischen Castello und Cantone.

Als Übergänge zur Albignahütte kamen für uns in Betracht der Passo dei Cacciatori, 2943 m, der sich vorteilhafter in umgekehrter Richtung begehen lässt, und der Colle Casnile Sud, 2950 m, dem wir den Vorzug gaben.

Für die Abfahrt ins Albignatal erwischten wir wiederum den günstigsten Firnschnee zum mühelosen Hinunterschwingen und -gleiten. Es zeigte sich denn auch während des ganzen Verlaufs unserer Bergellerfahrt, dass Erfassen und Ausnützen des richtigen Zeitpunktes für die Abfahrt eigentlich Alpha und Omega der technischen Schwierigkeiten waren. Wir hatten bald heraus, dass es für die meist in Frage kommenden Westhänge die Zeit zwischen 10 und 10% Uhr war, also eine kurze Spanne, die es zu nützen galt. Um diese Grosse X drehten sich Tagesbefehl und Arbeit, besonders aber die Tagwache, die wir je nach Bedarf früh und noch früher ansetzten. Dieses planmässige Vorgehen erst hat uns die genussreichen Abfahrten ermöglicht, und nicht vergessen seien die wohligen Ruhestunden am Nachmittage.

Vom Colle Casnile fuhren wir also talwärts über die Vedretta di Cantun, eine Feinkost für eingefleischte Steilhangtechniker. Dieser Gletscher mündet in den von Albigna, wo der Albignabach aus dem Gletschertor rauscht. Über das zugefrorene oder ausgelaufene Stauseebecken zogen wir unsere Spur talaus bis zur Staumauer des Albignawerkes, um nach kleinem Wiederanstieg die Hütte zu gewinnen, 2129 m.

Am folgenden Morgen trotteten wir bei fahlem Mondenschein neuerdings gletscherauf und zweigten dann ab zur Vedretta di Castello Nord. Zunächst mussten wir einen unerhört steilen Hang hinan, dann in der dem Cantone-nordwestgrat angelehnten Gletschermulde hinauf zum Plateau zwischen Cantone und Castello. Mit den Brettern rückten wir fast bis auf den Nordwestgrat des Cantone vor und über diesen selbst dann zu Fuss auf den Gipfel der Cima del Cantone, 3356 m. Von der Skiablage führte uns eine kleine Abfahrt zu einer Einsattelung im Westgrat des Castello ( östlich Punkt 3155 ) hinüber auf die Fläche des südlichen Castellogletschers und von da hinauf zu einem Sattel im Südwestgrat des Castello. Die letzten 200 Meter dieses Grates bis zum Gipfel bewältigten wir mit den Steigeisen, da der Firn stellenweise schon in hartes Eis übergegangen war. Auf der schönen Cima di Castello, 3381 m, der höchsten Erhebung der südlichen Bergellerberge, genossen wir eine Stunde ungestörter und ungetrübter Gipfelschau. Für das, was sich dann anschloss, ist das Wort « Abfahrt » eigentlich zu gewöhnlich, denn es war ein rhythmisches Abwärtsgleiten, das in einem Traume nicht schöner geschehen könnte. Aus lauter Übermut spielten wir selbzweit « Der weisse Rausch », bis eben auch dieser sein Ende nahm. Zu gerne hätten wir zum Augenblick gesagt: « Verweile doch, du bist so schön! » Natürlich kann auch der südliche Castellogletscher zur Talfahrt locken; er ist gleichmässig steiler, dafür aber kürzer, und ein allzu langer Flachlauf den ganzen Albignagletscher hinab würde sich anschliessen.

Am späten Nachmittag erhielten wir Besuch von einer Gruppe italienischer Schmuggler, welche Zucker- und Kaffeesäcke im Schütze der Dunkelheit über die Grenze tragen wollten. Ihr schwerer Weg führte sie von Vicosoprano über die 2800 m hohe Forcola di Zocca zur Capanna Allievi. Für die C. Sektionen, welche Clubhütten an der Landesgrenze besitzen, ist es ja eine bekannte Tatsache, dass in deren Gebiet nicht nur ehrliche Menschen verkehren, denn für dergleichen müsste nicht jeder Hüttengegenstand mit dem Wort « Rubato » geziert werden. Nachdem sich die Schmuggler entfernt hatten, rüsteten wir uns für den letzten Streich, nämlich den Übergang über die Bocchetta Cacciabella Sud zur Sciorahütte. Wiederum verdankten wir es den Bilgerieisen, dass wir die anfänglich überaus steilen Hänge zu der ( auf der Karte allgemein mit Cacciabella bezeichneten ) Terrasse über dem Albignagletscher erklimmen konnten, und zwar in verhältnismässig kurzer Zeit und ohne Auswechseln der Bretter mit den Steigeisen.

Oben wechselte die Szenerie, auf das Sanfte folgte das Wilde. Wer möchte die Welt der Bondasca schildern! Nur Segantini hat es gekonnt. Ha, diese Scioraspitzen, diese Gemelli, dieser Cengalo, dieser Badile und dieser unbändige Vedretta della Bondasca mit seinem unerhörten Sturz ins tiefe Tal! Es verschlägt einem schier den Atem.

Der Abstieg über die noch unter meterhohem Schnee ruhenden Moränenfelder zur Sciorahütte, 2148 m, hinunter gestaltete sich wesentlich leichter, als es im Sommer in dieser steinreichen Gegend der Fall ist. Von der Capanna ragte erst die Dachfirst aus dem Schnee, trotzdem wir doch schon den 26. Maitag zählten. Zur Mittagsrast, einem fast unwirklichen Erlebnis, hockten wir uns auf den Giebel der Hütte, vor den Augen die funkelnde Gasse des Bondascagletschers und die trutzigen Gestalten, wie sie so urwüchsen eben nur im Bergeil stehen. Die Kontraste von weiss und schwarz treten in dieser Jahreszeit noch deutlicher hervor als im Spätsommer, wenn die Rinnen und Eisflanken von fortwährenden Steinschlägen mehr schmutzig als schnee-farben geworden sind.

Wären unsere Ferientage nicht gezählt gewesen, hätte sich die Besteigung der Cima della Bondasca über den Bondascagletscher hinauf noch anreihen lassen. Die Voraussetzungen für diese Möglichkeit dürften äusserst selten gegeben sein, denn hauptsächlich das Mittelstück ist so steil, dass es nur bei allerbesten Verhältnissen von ganz standfesten und seilgewandten Gletscherspezialisten befahren werden könnte.

Die letzte Abfahrt litt beträchtlich unter dem Tiefgang unserer Bretter in dem nachmittagweichen Schnee. Immerhin mussten wir diese erst kurz vor der Alp Laret auf 1400 m abschnallen, was Ende Mai nicht alltäglich sein dürfte.

Auf dem Wege nach Promontogno hinunter sahen wir gar oft sehnsüchtig zurück, erstaunten aber auch, wie während etwas mehr als zwei Stunden Abstieges ins tiefe Tal das Rad der wechselnden Jahreszeiten wieder vorwärts ging, vom späten Winter zum Frühsommer. Im untersten Bergell hatten die Kastanien schon verblüht und Sommerschwüle drückte. Der Postwagen trug uns rasch wieder hinauf nach Maloja. Hier schloss sich der Kreis unserer Frühlingsskifahrten im Bergell.

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