Gang über den Grat (Mischabel)

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON EBERHARD KRESS, TÜBINGEN

Mit 1 Bild ( 15 ) Es ist 3.30 Uhr; wir treten vor die Mischabelhütte. Eine sternklare, kalte Nacht umfängt uns. Die Eishäupter von Dom und Täschhorn recken sich silhouettenhaft in den Nachthimmel. Sonst ist im Augenblick noch nichts zu sehen. Wir verlassen die uns so traulich gewordene Hütte. Wie ein Adlerhorst klebt sie an den Felsen hoch über dem Saaser Tal.

Nun steigen wir zu den Felsen des Schwarzhorns empor, allmählich kommen wir höher, und das Aufblinken der Laterne des Kameraden verrät mir die Spur.

Über den Hohbalengletscher streben wir dem Windjoch zu, dem Beginn des bekannten Nadelgrats. Im Wallis gilt er als eine der schönsten Gratüberschreitungen. Über mehrere Viertausender führt die Route.

Langsam beginnt es heller zu werden, hinter der Weissmiesgruppe sieht man den ersten roten Streifen am Himmel. Auf einmal schiesst ein goldgelber Sonnenstrahl zwischen Laquinhorn und Weissmies hindurch auf das riesige Wolkenmeer über dem Saastal. Wie Korallenriffe in der Brandung des Meeres, so stechen die Gipfel aus der Nebeldecke in den jetzt tiefblauen Himmel. Die Wolken leuchten in allen Farben, vom zartesten Rot bis zum hellsten Weiss. Und wir sind über ihnen und blicken gebannt auf dieses grossartige Naturschauspiel. Ein herrlicher Tag erwartet uns!

Der Grat nimmt uns auf. In westalpinem Tempo geht es dem Gipfel des Nadelhorns zu. Friedvolle Ruhe umgibt uns, nur das Atmen des Kameraden und der Tritt in den Firn sind zu hören. Majestätisch grüsst die steile Nordostwand der Südlenzspitze zur Linken, und rechts fallen die Eiswände Hunderte von Metern zum Riedgletscher hinab. Fels wechselt jetzt mit Eis, und eine steile Traverse leitet nach rechts in eine Scharte, von der aus die letzten Meter zum Nadelhorn, 4330 m, über vereisten Fels zu steigen sind. Was für eine überwältigende Schau bietet sich doch hier oben unseren Augen! Gipfel reihen sich in der Runde. Über Täler weit gleitet der Blick bis hinüber zum Mont Blanc.

Nach einer schönen Gipfelrast machen wir uns an den kurzen Abstieg bis zur Scharte. Äusserste Vorsicht ist mit den Steigeisen im vereisten Fels geboten. Ein Felsvorbau des Nadelhorns muss überklettert werden. Plattige Türme und vereiste Kanten bauen sich vor uns auf. Doch bald kommen wir tiefer zur Fortsetzung des Eisgrates. Der Grat ist manchmal so schmal, dass wir die Schneide zwischen den Füssen haben. Hier wird gesichert, doch sonst, .ausser im Fels, ermöglicht das Gelände ein gleichzeitiges Gehen. Immer wieder müssen grössere Wächten rechts umgangen werden. Das Stecknadelhorn rückt merklich näher, und allmählich ist es Mittag geworden. Leichte Wolken umgeben den Grat; sie mahnen zur raschen Fortsetzung der Tour. Der kommende Fels- grat bis zum Stecknadeljoch nimmt uns ganz in Anspruch Immer wieder wehen Wolkenfetzen über den Grat und umhüllen uns für kurze Zeit. Zwei Freunde gelangen noch zum Hohberghorn, während wir den Abstieg über die steile Eis- und Felsflanke zum Hohberggletscher beginnen. Ein kurzer Gegenanstieg leitet zum Festijoch hinauf, dem Übergang zur Domhütte, am unteren Festigletscher. Mächtige Eistürme glitzern über uns in einem zarten Blaugrün. Es ist schon Spätnachmittag, und wir schreiten im weichen Schnee talwärts.

Ein erlebnisreicher Tag liegt hinter uns, aber auch ein Tag der Ruhe und des Geniessens. Wir standen den gewaltigen Eisbergen des Wallis gegenüber und durften das Spiel der Wolken erleben.

Überglücklich betreten wir die gastliche Domhütte am Abend.

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