Gebirgsreisen in der Schweiz gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

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Eine kulturgeschichtliche Skizze. II.

Schon ein Jahr vor Ebels « Anleitung », also 1792, erschien anonym ein « Handbuch für Reisende durch die Schweiz », von einem Zürcher, Heinr. Heidegger, das allerdings lange nicht an Ebels Arbeit heranreicht. Während z.B. die zweite, alphabetische Abteilung von Ebels Buch lauter Angaben enthält, die für den Reisenden wirklich von praktischem Nutzen sein konnten, gibt Heidegger hier meist nur historische Notizen über die aufgeführten Örtlichkeiten. So wird z.B. Zofingens Vergangenheit in sechzig enggedruckten Zeilen behandelt; von den bestehenden Verhältnissen aber erfahren wir nichts, als dass « dermalen sich viele Bürger mit Fabriken, andere noch von Feldbau nähren », und dass in der Stadt eine im Jahre 1693 angelegte Bibliothek mit Münzkabinett existiere. Dass aber einem Reisenden, der mit knurrendem Magen und müden Gliedern in Zofingen ankommt, der Hinweis auf ein gutes Wirts- und Gasthaus lieber sein muss als all der historische Kram, scheint der gelehrte Verfasser nicht begriffen zu haben. Doch etwas für damalige Verhältnisse recht Praktisches enthält das Buch. « Ungeachtet der vielen Tagebücher und Reisebeschreibungen », sagt Heidegger, « mangelt es doch an kurzem Unterricht, wie man mit Zeit- und vielem Geldersparnis vieles sehen könnte und wie man sich einen zweckmässigen Reiseplan machen sollte. Die meisten kommen in die Schweiz, gehen in ein paar Hauptstädte, dann in den Grindelwald und wieder zum Lande hinaus, ohne das gesehen zu haben, was sie mit Aufwand von einigen Tagen mehr und ohne viel grössere Kosten hätten sehen können. » Um diesem Mangel abzuhelfen, beschreibt er nun, nachdem er allfällige Reiselustige durch gewissenhafte Belehrungen über Reisebedürfnisse, Eistäler, Gletscher, über Struktur der Berge und ihre Steinarten, über Kristalle, Metalle, Tiere, Lawinen würdig vorbereitet hat, ausführlich eine gefahrlose Reiseroute, die, soweit sie Berggegenden betrifft, im grossen und ganzen den Strich bezeichnen mag, welchen der Zug der Durch-schnittsturisten damals genommen hat. Schliessen wir uns einmal als « Musterreisende » diesem Zuge an, immerhin mit dem Vorbehalte, uns da und dort von Heideggers allzu väterlich besorgter Führung ein wenig zu emanzipieren, und sehen wir zu, wie nach zeitgenössischen Berichten eine solche Reise sich etwa anliess und was man da alles besichtigte.

Angenommen, wir seien vom Bodensee her nach Zürich gekommen, so haben wir unter keinen Umständen versäumt, dem Schaffhauser Rheinfall, der in früherer Zeit für eine der allergrössten Sehenswürdigkeiten der Schweiz galt, die schuldige Bewunderung zu zollen. Den Rheinfall musste ein Schweizerreisender so gut gesehen haben als ein Romfahrer den Papst. In Zürich 16 logieren wir, wenn immer möglich, im Gasthof zum Schwert an der Gemüse-brücke, in welchem bekanntlich auch Goethe zu verschiedenen Malen abstieg, und dessen Besitzer, Rittmeister Ott, den Ruf des landeskundigsten schweizerischen Gastwirtes genoss, der den Reisenden bereitwilligst mit Rat und Tat an die Hand ging. Auch besorgte er Diener und Führer für die ganze Schweiz. Im Erdgeschoss seines Hauses befand sich ein Verkaufsmagazin für Reise-artikel, und von den gegen Süden schauenden Fenstern der oberen Stockwerke genoss man, gewissermassen als Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit, eine prächtige Alpenaussicht. Kurz, das « Schwert » war vor hundert Jahren der Brennpunkt des schweizerischen Turistenverkehrs und in der guten Jahreszeit fast immer überfüllt.

Als gebildete Leute hätten wir nun eigentlich die moralische Pflicht, andern Tages wenigstens bei dem berühmten Prediger, Dichter und Physio-gnomiker J. C. Lavater vorzusprechen sowie die Stadtbibliothek und einige « Kabinette », d.h. naturhistorische Privat-Raritätensammlungen, in Augenschein zu nehmen. Da wir aber möglichst rasch den Bergen uns nahen wollen, müssen wir hierauf verzichten, ebenso auf den von Heidegger empfohlenen Besuch der Lägernhochwacht, von welchem Punkte aus auch eines der Ebelschen Panoramen aufgenommen ist. Wir überschreiten also den Albis und besuchen zunächst als gute Schweizer das Schlachtfeld von Kappel, wie man überhaupt ehemals — es muss zum Lobe unserer Vorväter gesagt sein — historisch denkwürdigen Stätten im allgemeinen grössere Pietät zuwandte als heutzutage. Weiter wandernd finden wir vielleicht mit J. M. Afsprung ( « Reise durch einige Kantone der Eidgenossenschaft 1784 » ) die Lage von Zug deswegen besonders schön, weil « keine gen Himmel starrende Felsen da sind, sondern lauter grünende, fruchttragende sanfte Hügel, die sich dem See nach in eine lachende Ebene verlieren ». Dem « sehr schönen Flecken » Arth — heute möchte man Arth eher ein düsteres Städtchen nennen — widmen wir, bevor wir uns Luzern zuwenden, noch einen kleinen Abstecher, nicht nur, weil wir auf dem Wege den « sehr grossen » Rigi, den « ungeheuren » Rossberg und die « fürchterlichen » SchwyzerhakenMythen ) anstaunen können, sondern auch, weil in der Umgebung von Arth nach L. Meisters Befund die Weibspersonen « sehr schön, weit schöner als im Berner und Freiburger-gebiet » sein sollen, und wir bewundern die Naturschönheit, in welcher Gestalt sie sich auch bieten möge. Luzern nun, eine Stadt, die damals, wenigstens nach der Versicherung ausländischer Reisender, bloss von Ackerbau und Viehzucht lebte, deren Lage aber dem Sachsen Küttner « gross und majestätisch, sozusagen schauderhaft » erscheint, bietet uns fast nichts Sehenswertes als das ehemals geradezu weltberühmte Pfyffersche Gebirgsrelief, dessen noch lebenden Schöpfer die Fremden viel besuchten und in Reise-angelegenheiten zu konsultieren pflegten. Keiner, der nach Luzern kam, versäumte, wenigstens das Werk zu besichtigen, das wie ein Wunder angestaunt wurde und unzählige Male enthusiastisch beschrieben worden ist. Von einer Besteigung des sagenumwobenen « furchtbaren » Pilatus, der « unsere Blicke schreckt », wollen wir absehen. Noch galt eine solche Besteigung, wenn auch nicht mehr für ein eigentliches Wagnis, so doch für eine besondere Leistung, und General Pfyffer, der beste Pilatuskenner seiner Zeit, scheint in seiner schon erwähnten Monographie « Spaziergang auf den Pilatusberg im Kanton Luzern » etwas darauf ausgegangen zu sein, dem Berge den Nimbus des Grossartigen und Geheimnisvollen möglichst zu wahren. Die wunderbaren Erlebnisse wenigstens, die er aus verschiedenen seiner Besteigungen zum besten gibt, erfordern von Seiten des Lesers manchmal einen ziemlich starken Glauben. Wir möchten deshalb auch einigen Zweifel in seine Angaben setzen, der Pilatus beherberge noch Steinböcke, um so mehr, als andere Reisende das Vorkommen dieses Hochwildes in der Schweiz überhaupt schon für die damalige Zeit in Abrede stellen.

Schiffen wir uns am Nachmittag, nachdem wir, um nicht nachträglich geprellt zu werden, mit den Schiffleuten den Preis gehörig verabredet haben, auf einer Ruderbarke zur Fahrt auf dem Vierwaldstättersee ein! Schon bald müssen wir diese unterbrechen, um ein von allen Reisenden erwähntes ( heute vollständig verwittertes ) Denkmal zu besichtigen, das der französische Geschichtsschreiber und Aufklärungsphilosoph Abbé Guill.Thom.François Raynal auf dem Inselchen vor dem Meggenhorn dem Andenken der sogenannten drei Teilen errichtet hatte, nachdem ihm die Erlaubnis, dasselbe auf dem Rütli aufzustellen, von der Urner Regierung mit richtigem Takte verweigert worden war. Es ist ein Obelisk aus Geisbergerstein, auf allen vier Seiten mit lateinischen Inschriften versehen. Auf der Weiterfahrt nähern wir uns bald Weggis und dem Rigi, und obschon uns Heidegger zum Genuss der Aussicht bloss die Besteigung des vorgelagerten Tanzenberges zumutet, so wollen wir doch unter Führung eines Eingeborenen den Weg zur Höhe des Rigi unternehmen. Ungleich häufiger allerdings als von Weggis wurde der Rigi von den zugänglicheren Orten Lowerz und Arth aus bestiegen; ja, der bereits genannte J. H. von Orelli berichtet, in Arth gebe es Leute, die sich bloss durch Führerdienste auf den Rigi ein Vermögen erworben hätten. Die Nacht verbringen wir entweder bei den Kapuzinern des Klösterleins oder in einem der in der Nähe befindlichen mittelmässigen Wirtshäuser, wenn wir nicht ein Heulager in einer Sennhütte vorziehen, und zum Sonnenaufgang besteigen wir, so sauer es uns auch werden mag, den Kulm. Empfindsame Naturen, wie wir als Menschen des vorigen Jahrhunderts sind, brauchen wir geraume Zeit, bis wir uns von dem überwältigenden Eindruck des Schauspiels, das sich uns hier bietet, erholt haben; entwickelten doch auch sonst nüchtern und sogar frivol angelegte Leute, wie der mehrmals erwähnte Zürcher L. Meister, bei solchen Anlässen eine Gefühlsschwelgerei, die uns heutzutage geradezu lächerlich vorkommt « Aber nunmehr auf dem Scheitel des Berges, » sagt er in seinem « Spaziergang auf den Rigiberg », « wie ward mir? Hoch begeistert erhob sich zur nahen Sonne die Stirne, und gierig verschlang mein Geist den grossen unermesslichen Luftraum; plötzlich warf mich tiefes Erstaunen zu Boden; von heiligem Schauer ergriffen, fiel ich aufs Knie, faltete die Hände, betete Gott an, und mich selber fühlte ich nicht mehr, bis ein Tränenstrom aus meinem Auge hervorbrach » usw. Und der Schwabe Afsprung weint bei Betrachtung der Aussicht von der Vögeliseck « Tränen der süssesten Wollust ».

Den Abstieg vom Rigi nehmen wir wieder nach Weggis, fahren weiter seeaufwärts und senden einen Gruss nach der um ihrer Kleinheit und ihrer Schildbürgereien willen viel verspotteten und geneckten « Republik » Gersau hinüber. Die Gersauer sollen übrigens manchen Schabernack, den man ihnen spielte, witzig heimbezahlt haben. So hingen einmal die Luzerner einen Strohmann an den Gersauer Galgen, der dicht am See stand. Die Ehre der Republik war dadurch verletzt. Man beratschlagte und überlegte und beschloss endlich, den Mann herabzunehmen, ihm eine Luzerner Standeslivree anzulegen und ihn wieder aufzuhängen. Beim Rütli, Teilsplatte und Tellskapelle vorbeirudernd, erinnern wir uns natürlich, wie jeder gute Schweizer, dankbaren Herzens der Urväter unserer Freiheit, wenn man auch bedenken muss, dass zur Zeit unserer fingierten Reise Schillers « Teil » noch nicht existierte und daher auch jene Stätten noch nicht das nämliche allgemeine Interesse erregten wie im 19. Jahrhundert.

Während nun Heidegger seine Reisenden von Brunnen nach Schwyz und dann zurück nach Buochs, Stans, Engelberg und über den Jochpass nach Innertkirchen oder über den Brünig nach Meiringen führt, nehmen wir nach der Landung in Flüelen unser Nachtlager in dem wegen seiner schönen Lage, seines originellen Gepräges und seiner guten Wirtshäuser von den meisten Reisenden gerühmten Altdorf, um andern Tags unsern Weg nach dem Gotthard unter die Füsse zu nehmen. Wir verzichten um so lieber auf eine Seerückfahrt, als uns der Vierwaldstättersee, abgesehen von seiner berüchtigten und gefürchteten Sturmgefährlichkeit, gar nicht so sehr imponiert hat. Boden-und Bielersee dürften viel mehr nach unserem Geschmack sein; die nackten Felsen haben anfangs beängstigend, nachher ermüdend auf uns eingewirkt, so dass nach und nach der Wunsch in uns aufgestiegen ist, bald von der Fahrt erlöst zu werden. An den Ufern kein Leben; « nur selten », sagt Meiners, « sieht man ein verlornes Geisschen, das bei der Annäherung eines Schiffes mit einem kläglichen Jammergeschrei ans Ufer herabläuft, als wenn es aus seiner traurigen Heimat entführt zu werden wünschte, und noch seltener nimmt man mit Herden bedeckte Alpen oder Häuser oder Dörfer wahr. » Welcher Kontrast gegenüber dem bunten Treiben, das heutzutage alljährlich in den Sommermonaten die Gestade des Sees belebtImmerhin gab es auch im 18. Jahrhundert schon Leute, deren Ansichten über den Vierwaldstättersee sich eher mit den heutigen decken. Bourrit z.B. findet in seiner « Beschreibung der Penninischen und Rhätischen Alpen » ( aus dem Französischen übersetzt 1782 ): « Der Luzernersee ist einer der angenehmsten auf der Erde; denn nebst dem reizenden Perspektiv, welches er darbietet, hat er so viele Buchten und Krümmungen, dass das Perspektiv alle Augenblicke verändert wird. Verliert man den Ort, wo man zu Schiff geht, aus dem Gesicht, so entdeckt man neue Ufer und abwechselnde Berge und Landschaften. » Sicherlich aber gehörten solche Ansichten zu den Ausnahmen.

Andern Tages also geht 's den Fusssteig reussaufwärts, vielleicht bis Amsteg, einem Flecken Erde, welchem der Verfasser einer 1793 erschienenen « Promenade durch die Schweiz » das Grab weit vorzöge, vielleicht aber auch auf der Gotthardstrasse, die man sich allerdings nur so breit vorzustellen hat, dass zwei Saumpferde einander ausweichen können, weiter bis Andermatt. Die Schöllenen, diese « schrecklichste Wüstenei », mit ihren himmelhohen, einsturzdrohenden Felsen und tosenden Wasserfällen, die kühne Teufelsbrücke, das schon seit 1707 bestehende Urnerloch, in welches man sich kaum hineinwagt und hierauf der so kontrastierende Ausblick ins freundliche Urserental: all das wird auch bei uns die potenzierten Empfindungen wachrufen, welche für den Menschen des achtzehnten Jahrhunderts charakteristisch sind.

Endlich beim Hospiz angelangt, wo zwei Patres unentgeltlich, aber in sicherer Erwartung einer entsprechenden Spende, uns bewirten und nötigenfalls beherbergen, haben wir nun den « berüchtigten und lebensgefährlichen » Gotthard bezwungen; denn auf die umliegenden Gipfel, die Bourrit für die höchsten in der Schweiz hält, wagt sich keines Menschen Fuss. Überhaupt fällt uns die grosse Unsicherheit auf, welche noch am Ende des 18. Jahrhunderts in Höhen- und Distanzschätzungen und -angaben herrschte. So hält der gebirgskundige Pfyffer den Titlis für den höchsten Gipfel der Schweiz, und ein Zürcher Gelehrter ist — bloss auf Pfyffers Autorität hinderselben Meinung. Ein anderer Alpenkenner, Minister Daniel von Salis in Chur, erklärt als die Könige der Schweizerberge Crispait und Tödi, und Bourrit, der manchmal mit einer Verwegenheit übertreibt, welche heutzutage literarisch und wissenschaftlich nicht ungestraft bliebe, gibt dem Urserental eine Länge von 9 und eine Breite von l½ und der Strecke von Realp bis Andermatt eine Länge von 4 Stunden. Der Lucendrosee auf dem Gotthard wäre nach ihm zwei Stunden lang und drei Viertelstunden breit, der Brienzersee 5-6 Stunden lang; die Strecke vom Montblanc bis zum Gotthard berechnet er auf 80 Stunden. Das Stärkste aber leistet Bourrit dadurch, dass er sich alle Mühe gibt, zu beweisen, die südamerikanischen Anden seien im Vergleich zu unseren Alpen nur Zwerge auf grossen Fussgestellen, und der Chimborazo schrumpfe, neben den Montblanc gestellt, zu einem mittelmässigen Berge zusammen!

Die Bewirtung im St. Gotthard-Hospiz wollen nicht alle Reisenden rühmen, wenn auch Goethe, der ja unter unzähligen Vorzügen vor andern Menschen auch die glückliche Gabe besass, jeder Lebenslage die günstigste Seite abzugewinnen, befriedigt gewesen zu sein scheint. Als einmal ein unzufriedener Reisender einem der Patres die schöne Einrichtung des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard beschrieb, meinte der Pater schlau: das glaube er wohl; ihr Haus aber sei ein SeelenhospitiumWir aber verlassen, nachdem wir uns mit einigen entweder selbst gefundenen oder erworbenen Gotthardmineralien versehen haben, unser Quartier, um die Reise über die Furka fortzusetzen.

Das nächste Zugstück nun, überhaupt einer der Glanzpunkte unserer Reise, bildet der Rhonegletscher, ehemals auch Furkagletscher genannt. Seit Jahrhunderten hatten die Gletscher nicht nur bei den Gelehrten, sondern auch bei Laien reges Interesse erregt. Die Herkunft dieser merkwürdigsten Gebilde der Alpenwelt aus geheimnisvollen, unerforschten Gebieten, ihre gewaltige Ausdehnung, ihre wunderbaren Formen, ihr Farbenzauber, ihr Wachsen und Schwinden, ihre Moränen: all das beschäftigte die Phantasie um so leb- hafter, je weniger man den Gletschern selbst so recht auf den Leib zu rücken wagte. Auch nachdem durch Saussure ihre Natur wissenschaftlich erforscht und richtig erkannt worden war, glaubte doch sozusagen jeder Reisende, der sich einem Gletscher genähert hatte, die Welt mit einer eigenen, wenn auch noch so lächerlichen Gletschertheorie beglücken zu müssen. Einen Gletscher zu begehen jedoch galt in den meisten Fällen noch für ein lebensgefährliches Unterfangen, wenn nicht für überhaupt unmöglich. So scheint auch der Rhonegletscher im letzten Jahrhundert nie von Reisenden begangen worden zu sein, und da wir selbst nicht als Hochgebirgspioniere reisen, sondern als blosse Turisten, so verzichten wir natürlich ebenfalls auf dieses Unternehmen und erklettern dafür, nachdem wir den Gletscher von unten eingehend besichtigt haben, die steile Mayenwand, um zum Grimselhospiz zu gelangen. Auch so leisten wir Aussergewöhnliches; Ebel rät, die Besteigung unter allen Umständen nur unter handfester Führung zu wagen, indem keine Spur eines Fusssteiges oder Weges sich zeige, und Schwindlige sollten überhaupt davon abstehen. Die Reisebeschreiber wissen denn auch nicht genug von den Mühen und Gefahren zu berichten, welche sie bei diesem Aufstieg zu überwinden hatten.

Im Hospiz auf der Grimsel — oder, wie man ehemals gewöhnlich sagte, auf dem Grimsel —, wo der Spitalmeister arme Gänger unentgeltlich zu bewirten hat, treffen wir bereits etwas bessere Zustände als Reisende früherer Jahre. Während z.B. der seinerzeit bekannte Alpinist Pfarrer Jakob Samuel Wyttenbach von Bern 1771 hier « eine schlechte und traurige Behausung, ein dunkles und melancholisches Zimmer und eine Gesellschaft von irrendem Gesindel » antraf, Küttner 1778 das Spital « eine schlechte Hütte » und der allerdings etwas anspruchsvolle Bourrit um 1780 « die abschreckendste Einkehre, die in den Gebirgen zu finden ist, » nennt, hatte in den achtziger Jahren die Berner Regierung, um den Beschwerden der Fremden abzuhelfen, zwei neue Zimmer anbauen und diese mit vier Betten versehen lassen, so dass Meiners 1788 nur über den vom Stall herauf dringenden widerlichen Geruch sich beklagt, im übrigen den Spitalmeister « einen freundlichen Mann » nennt und aus dem Fremdenbuche ersieht, dass im betreffenden Sommer Reisende aus fast allen Gegenden Europas eingekehrt sind. Im Hospiz stossen wir vielleicht auf Reisende, welche genau nach Heidegger von Meiringen oder Innertkirchen heraufgekommen sind und, weil derselbe von einem weiteren Vordringen ins Gebirg « wegen der vielen Gefahr und Beschwerlichkeit » abrät, auch diesem seinem Rate folgen. Gelüstet es uns hingegen, dem Unteraargletscher einen Besuch abzustatten, um namentlich die Gletschertische zu bewundern, so dient uns auf dieser damals offenbar schon ziemlich häufig unternommenen kleinen Wanderung der Spitalmeister als Führer.

Vom Hospiz steigen wir « auf entsetzlich steilem Weg » am vielbewunderten Handeckfall vorbei abwärts ins Haslital, zunächst bis Guttannen. Eine « abscheuliche Reise » nennt Wyttenbach diese prachtvolle Partie, und das freundliche Guttannen selbst findet in den Augen damaliger Reisender nicht viel grössere Gnade. Wenigstens kommt noch Küttner die Gegend als « eine grosse Wildnis » vor, während ungefähr zwanzig Jahre früher Gotti. Sigm. Grüner in seinem Werke « Die Eisgebirge des Schweizerlandes » sich bei der Beschreibung des Ortes zu den Worten versteigt: « Es scheint, als habe die Natur in diesem kleinen Tale alles Fürchterliche und Scheussliche zusammengetragen. » Indem wir unsern Marsch weiter fortsetzen, werden uns wohl auch die schönen und starken Haslitalmänner auffallen, während über die körperlichen Vorzüge und besonders über die Kleidertracht der Weiber die Reisebeschreiber geteilter Ansicht sind. Das besondere Interesse der Reisenden für die Haslitaler mag zum Teil auch darin seinen Grund haben, dass man diese Völkchen allgemein für reine Abkömmlinge entweder schwedischer Einwanderer oder der alten Goten hielt.

Endlich im vielgeprüften, damals noch fast ganz hölzernen Meiringen angekommen, finden wir im « Wilden Mann » gute Verpflegung, die wir zu den unser wartenden Strapazen auch nötig haben. Bevor wir uns aber auf den auch von Heidegger empfohlenen Weg über die grosse Scheidegg begeben, dürfen wir den Besuch des Reichenbachialles, der ziemlich allgemein für den schönsten Wasserfall der Schweiz galt, nicht unterlassen. Der Zugang ist allerdings nach Meiners « äusserst beschwerlich, und wenn man nicht vorsichtig ist, selbst gefährlich ». Die « Fatiguen » nun der Scheideggfahrt zu verringern, konnte der bequeme Reisende schon damals bis auf die Höhe Pferde benutzen; wir hingegen werden uns wohl mit Schuhmachers Rappen begnügen, um so mehr, als es unterwegs an Rast- und Erfrischungsorten nicht fehlt. Freilich müssen wir uns überall, das Rosenlauibad ausgenommen, wo man für schweres Geld eine leidliche Bewirtung erhält, mit Brot und Milchspeisen begnügen; dafür sind aber diese nach dem übereinstimmenden Zeugnis der Reisenden von allererster Qualität, und besonders der Senn auf der Schwarzalp genoss den Ruf, die « beste Nydle » im ganzen Lande zu haben. Ob wir, wie Bourrit, auch Sennen finden, welche das ihnen angebotene Geld durchaus nicht annehmen, weil wir ihnen mit Brenngläsern ihre Pfeifen anzünden, oder « reizende Weiber », die uns Kirschen anbieten, ohne etwas dafür zu begehren, lassen wir dahingestellt. Den ganzen Weg über die Scheidegg findet Meiners, der ihn allerdings in umgekehrter Richtung gemacht hat, höchst anstrengend und ermüdend. « Niemals », so klagt er, « habe ich einen betrügerischem Berg als die Scheidegg bestiegen. Wenn man ihn von Grindelwald aus sieht, so glaubt man, dass man ihn in einigen Stunden ersteigen könnte, und ebenso bildet man sich während des Klimmens selbst ein, dass die nächste Anhöhe die letzte sein werde. Aber immer zeigen sich neue Gipfel, bis man zuletzt fast Kräfte und Geduld darüber verliert. » Wir kommen nach Grindelwald, oder, wie es damals hiess, nach dem Grindelwald. « Nur ein Wirtshaus; wenn es da zu voll, so ist der Herr Pfarrer so gefällig, Fremde zu beherbergen », meldet Ebels Handbuch. Und doch war der Ort das « Mekka » aller Schweizerreisenden des 18. Jahrhunderts. Hier und im benachbarten Lauterbrunnen befand man sich, ohne viel Mühe aufgewendet zu haben, so recht inmitten der gewaltigsten und herrlichsten Silberhäupter, deren Anblick jedes fühlende Menschenherz mit frommem Schauer erfüllte, weil sie, anscheinend ewig unersteiglich, mit ihrem Scheitel gewissermassen in überirdische Regionen hineinragten, ein Bindeglied zwischen Erde und Himmel bildeten; hier stand man dicht vor den Pforten einer fremden Welt, welche mit dem ganzen Zauber eines unenthüllbaren Geheimnisses, das sie umschloss, zu locken schien. Jemals zu einer genauen Kenntnis dieser Gebiete zu gelangen, hielt man einfach für unmöglich. « Es ist nicht zu erwarten, » sagt Küttner, « dass wir je eine gute Charte von diesem Stück der Welt bekommen werden. Wer will eine richtige Lage von Bergen geben, deren Spitzen er nur von ferne sieht? » — Bereits beginnen zur Zeit unserer Gebirgsreise in Grindelwald sowohl als an anderen Orten des Berner Oberlandes auch jene bekannten Schäden sich zu zeigen, die uns noch heute vielfach den Genuss der grössten Naturwunder unseres Vaterlandes verbittern: Überforderung und Bettelei. Für den ersteren Übelstand machen Placquet und Heidegger wohl nicht ganz mit Unrecht die vielen reichen Engländer verantwortlich, welche die Schweiz durchstreifen und Wirte, Schiffer, Fuhrleute und Führer verderben, und was die Bettelei betrifft, so war eben nicht jedermann so optimistisch gesinnt wie Küttner, der die Art und Weise, wie die Leute Reisenden Geld abnehmen, hübsch findet. « Hier bringt Ihnen ein Mädchen ein Körbchen mit Blumen, dort einen Strauss von Erd- und Heidelbeeren; ein anderes reicht Ihnen eine Hand voll kleiner Kristalle hin und noch andere bringen schöne Raupen auf Grashalmen. » Trotzdem muss er weiter unten gestehen, dass ihm « das ewige Bestreben der Eingeborenen, den Fremden auf alle Art zu überteuern, wehe tut ». Andere Reisende äussern sich jedoch viel ungehaltener über die zudringliche Bettelei. Unsere Ausflüge von Grindelwald aus gelten natürlich der Eiswelt, und zwar dem oberen sowohl als dem unteren Eismeer. Beide scheinen gleich häufig besucht worden zu sein, während bekanntlich heutzutage der untere durch beständiges Zurücktreten so zusammengeschrumpft ist, dass sein Besuch sich nicht mehr empfiehlt. Allgemein war der Glaube, dass die beiden Gletscher sich hinter dem Mettenberg vereinigten und Ausbuchtungen eines bis zur Grimsel reichenden zusammenhängenden Eistales seien. Bourrit, der den unteren Gletscher aufwärts verfolgte, behauptet sogar, « von hinten des Eigerberges»den Punkt gesehen zu haben, wo er bei seinem Vordringen auf dem Unteraargletscher Halt gemacht hatte, so dass es ihm damals ein leichtes gewesen wäre, nach Grindelwald hinüberzugelangen. Jedenfalls aber hat sich in der Phantasie Bourrits eine Strahlegg- oder Finsteraarjochfahrt weit einfacher gestaltet, als er sie in Wirklichkeit gefunden hätte. Nicht minder fest stand die Überzeugung, dass ehemals ein gewöhnlicher Pass den unteren Gletscher entlang ins Wallis geführt habe, und zum Beweise zeigte man in Grindelwald ein bis zum grossen Brande von 1892 noch vorhandenes Glöcklein mit der Jahrzahl 1044 aus einer Kapelle der hl. Petronella, welche auf einer später in ewigem Eis vergrabenen Stelle gestanden habe x ). Im 18. Jahrhundert sollen nur drei Menschen aus dem Wallis herübergekommen sein, im Bürgerkrieg von 1712 durch Walliser gefangen genommene Grindelwalder, welchen es gelang, zu entfliehen und über das Gebirge unter unsäglichen Mühen und Gefahren die Heimat zu erreichen, wofür sie denn auch in der ganzen Talschaft sich grosses Ansehen erwarben. Ob diese drei Gletscherfahrer eine der heute bekannten, vom Eggishorn ausgehenden schwierigen Routen über das Jungfrau-, Eiger-, Mönch-, Fiescher- oder Agassizjoch eingeschlagen haben und welche von ihnen, lässt sich heute wohl nicht mehr feststellen. Dass trotz dem nicht unbedeutenden Fremdenzuflusse von Grindelwald aus keine grösseren Bergfahrten unternommen wurden, daran waren, nach Bourrits Meinung, die Bewohner Grindelwalds selbst schuld, die, wie überhaupt die Schweizer, zu bequem seien, ähnlich wie die Männer von Chamonix in gefahrvollen Probefahrten ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um dann den Reisenden als Führer zu dienen. Bourrit spricht indessen doch den Wunsch aus, es möchten sich einige Führer von Grindelwald die Mühe nehmen, den Bergliebhabern etwas merkwürdigere Gänge zu verschaffen und, anstatt sie nur den Fuss der zwei Gletscher beschauen zu lassen, sie hinter und um den Mettenberg und über den andern Gletscher wieder zurückzuführen. Über die Gefühle und Gedanken, welche uns bei der Besichtigung oder gar beim Betreten der Grindelwaldgletscher erfüllen mögen, wollen wir keine Vermutungen anstellen; nur darauf sei aufmerksam gemacht, dass mit dieser Gletscherexkursion der Höhepunkt unserer Reise erreicht ist und wir nur noch das Lauterbrunnental zu besuchen brauchen, um allenthalben als Leute zu gelten, welche die schweizerische Alpenwelt aus eigener Anschauung gründlich kennen gelernt haben.

Den Weg nach Lauterbrunnen nahmen die allermeisten Reisenden nicht über die Kleine oder Lauterbrunnen-Scheidegg; auch Heidegger wagt wegen des « zum Fürchten steilen » Abstieges nicht, denselben zu empfehlen, und hat ihn auch eingestandenermassen nie selbst begangen. Wir befolgen also, wenn wir auch vielleicht auf der Wengernalp Gelegenheit fänden, wie Bourrit, einem echten Berner Oberländer-Schwinget beizuwohnen, die Kraft der Männer und die Schönheit der Mädchen zu bewundern und das Volk um seiner Gesundheit und seiner Sitteneinfalt willen glücklich zu preisen, diesmal Heideggers Rat und reisen über Zweilütschinen nach Lauterbrunnen. Hier, wo wir wiederum entweder beim Pfarrer oder im einzigen Wirtshaus Aufnahme finden, sind es namentlich zwei Sehenswürdigkeiten, die uns fesseln: die Jungfrau und unter den zahlreichen Wasserfällen des Tales der Staubbach. Um erstere in ihrer ganzen Majestät betrachten zu können, bemühte man sich etwa auf die Höhe der Pletschenalp. Was der Jungfrau in den Augen der Reisenden älterer Zeiten einen ganz besonderen Nimbus verlieh, war der Ruf ihrer absoluten Unzugänglichkeit, womit man auch den Namen deutete; « unberührt von irgendeinem Wesen wird sie, rein, wie sie aus den Händen der schaffenden Natur emportrat, den Tag der allgemeinen Verwandlung erwarten », meint der Verfasser der « Promenade durch die Schweiz ». Wir wissen, wie es mit dieser Jungfräulichkeit heute schon steht und welch wunderbares, ungeahntes Geschick der ehemals so Spröden beschieden ist. Der Staubbach sodann fand nicht minder eifrige Bewunderer als der Rhein- und der Reichen- 17 bachfall; hundertmal ist er beschrieben, hundertmal mehr oder weniger gut gezeichnet und gemalt worden. Im Jahre 1776 begann der Buchdrucker A. Wagner in Bern unter dem Titel: « Merkwürdige Prospekte aus den Schweizerbergen » die Herausgabe eines Stahlstichwerkes mit begleitendem Text von Pfr. J. S. Wyäenbach, wozu der grosse Haller die Vorrede schrieb. Ein Maler aus Muri i. F., Kaspar Wolf, lieferte hierfür die Bilder, welche, an Ort und Stelle in verschiedenen Jahreszeiten aufgenommen, zum erstenmal einen richtigen bildlichen Begriff vom Hochgebirge zu geben geeignet waren, und darunter befanden sich namentlich zehn Zeichnungen aus dem Lauterbrunnental, die das allgemeine Interesse für den Staubbach und seine Umgebungen rege machten. Lange Zeit blieb es allerdings bei dem ersten herausgekommenen Heft, bis endlich, zehn Jahre später, das Werk in Holland fortgesetzt wurde.

Von Lauterbrunnen tiefer ins Tal hineinzudringen, was besonders mutige Reisende etwa taten, widerrät uns Heidegger. Und es muss wirklich als ein Glück betrachtet werden, dass er nicht zum Weitergehen ermuntert! Denn wer, im Vertrauen auf seine Angabe, von Lauterbrunnen führe ein nicht gefährlicher, aber sehr steiler und beschwerlicher Weg in 5-6 Stunden ins Leukerbad, den Übergang ins Wallis hätte unternehmen wollen, der wäre fürchterlich angeführt gewesen; gehören doch die mindestens 12 Stunden langen Fahrten über den Petersgrat, über das Schmadrijoch und durch die Wetterlücke ins Lötschental heute noch zu den grossartigsten und anstrengenden Gletschergängen. Damals aber galt der Übergang vom Wallis ins Lauterbrunnental gewöhnlichen Sterblichen nicht minder für verschlossen als der ins Grindelwaldtal. Im ganzen Jahrhundert wären nach Albrecht v. Haller nur einmal Menschen über die unermesslichen Eisgefilde nach Lauterbrunnen gekommen, und zwar reformierte Flüchtlinge im Zwölferkrieg; aller Wahrscheinlichkeit nach sind dieselben identisch mit den bereits erwähnten, welche nach Grindelwald gelangt sein sollen. Übrigens bestand, wie für das Grindel-wald-, so auch für das Lauterbrunnental die Sage von einem ehemaligen Pass ins Wallis, der später vereist sei. Dazu soll das Eis ein beträchtliches Dorf verschlungen haben, das auf dem Passe stand, und als Zeugnis zeigte man einen an der Quelle der Lütschine aufgefundenen Mühlstein, mit Begründung, man würde sich gewiss nicht die Mühe genommen haben, denselben dahin zu bringen, wenn man ihn nicht da nötig gehabt hätte. Auch der Name des Dorfes Sichellauinen ward zum Beweise herangezogen, dass hier einst mildere Lüfte wehten. Ehedem, hiess es, bediente man sich der Sichel, um die Gerste und das Korn zu schneiden, welches dieses jetzt mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge hervorgebracht habe.

Nun geht 's auf den Heimweg. Dem Saumpfad der Lütschine entlang folgend, erreichen wir Interlaken, im vorigen Jahrhundert gewöhnlich Hinter-lachen geschrieben, wo uns das Gemeindehaus, oder Unterseen, wo uns das Stadthaus nötigenfalls ein leidliches Unterkommen bietet, und über den Thunersee führt uns ein mit zwei Ruderknechten bemanntes Extraschiff gegen einen « Laubthaler » nebst gutem Trinkgeld, wenn wir uns nicht entschliessen können, auf der dreimal wöchentlich kursierenden « Kalber- flotte » die Fahrt billiger zwar, aber in Gemeinschaft mit dem lieben Vieh zu machen.

Mit der Ankunft in Thun, wo im « Neuen Hof » oft die für damalige Verhältnisse fast unerhörte Zahl von 50-70 Fremden aus allen Ländern Europas zusammen speiste, wollen wir unsere Gebirgsreise als abgeschlossen betrachten.

Selbstverständlich haben wir nicht alle Berggegenden berühren können, welche vor hundert Jahren von Reisenden etwa aufgesucht wurden. Wer z.B. zu besonderen Wagefahrten aufgelegt war, der unternahm einen Übergang über die Gemmi ( nach damaligem Sprachgebrauch über den Gemmi ), welchen Namen der biedere Scheuchzer « wegen der Höhe und wilden Rauhe » des Berges « a gemitu, vom Seufzen » ableitet, « weilen die, welche ihn besteigen, oft wegen der Arbeit und Gefahr frischen Atem zu schöpfen und zu seufzen Anlass und Ursache haben ». Besonders imponierte der 1737 bis 1740 erstellte, wendeltreppenartig zum Leukerbad abwärts führende Felsenpfad, welcher heute als ganz gefahrlos gilt, den Menschen des 18. Jahrhunderts aber doch als der Inbegriff alles Gefahrvollen und Schreckhaften erschien. In manchen alten Reisehandbüchern wird deshalb vor dem Übergang über die Gemmi eindringlich gewarnt. Die Wanderung muss auch wirklich nicht oft um ihrer selbst willen ausgeführt worden sein; wenigstens behauptet der Verfasser der « Promenade durch die Schweiz », man habe sich in Kandersteg gewundert, dass er und sein Begleiter zum blossen Vergnügen und nicht, um das Leukerbad zu gebrauchen, sich auf diesen Weg verirrt hätten. Jedenfalls waren auch die als höchst primitiv geschilderten Zustände im Leukerbad nicht dazu angetan, andere Reisende, als Heilungsuchende, anzulocken.

Vom Wallis sodann, vom heute so turistenreichen, besuchte und bewunderte man fast nur das Rhonetal und wandte sich darauf, falls man nicht von dorther gekommen war, den Gestaden des Genfersees zu, um in Erinnerungen an Rousseau und seine Romanhelden zu schwelgen. In die « schrecklichen » Seitentäler des Wallis einzudringen, scheint ausser Saussure und Bourrit, welche einen Teil der Gebirgswelt des Unterwallis bereisten, niemand gelüstet zu haben. Ein besonderer Umstand mag auch dazu angetan gewesen sein, von häufigerer und eingehenderer Bereisung des Wallis abzuschrecken: die allenthalben berüchtigte Unreinlichkeit der Bewohner. Über die diesbezüglichen Erfahrungen der Reisenden erfahren wir gar haarsträubende Dinge. Nur ein Beispiel, das Meiners von der wallisischen « Sauerei » erzählt! Kam da einst einer seiner guten Freunde mit einbrechender Nacht in ein abgelegenes Dorf und fragte die Wirtin, die eben mit der Säuberung des Kopfes ihres Kindes beschäftigt war, ob sie ihm wohl etwas zu essen und ein Nachtlager geben könne. Die Walliserin antwortete mit Ja, schüttelte den Schoss, in welchem sie das Ungeziefer aufgefangen hatte, nachlässig ab und ging fort, um das Abendessen zu besorgen. Die Unbefangenheit der Wirtin machte den Gast begierig, ihre Kochkunst etwas genauer zu beobachten. Sie ersparte ihta aber die Mühe, die Zubereitung der Speisen, die er geniessen wollte, zu erforschen. Ohne im geringsten zu argwöhnen, dass dem Fremden irgend etwas in ihrem Betragen aufgefallen sein könnte, kam sie bald mit verschiedenen Eiern wieder und schlug sie eines nach dem andern in ihren Schoss hinein, der noch kurz vorher ein Behälter des Ungeziefers gewesen war. Sobald Meiners'Freund hörte, dass das entsetzliche Gemische, das man vor seinen Augen machte, zu einem Eierkuchen für ihn bestimmt sei, eilte er, ohne ein Wort weiter zu sagen, aus dieser europäischen Hottentottenhütte weg und machte, seiner Müdigkeit und der dunklen Nacht ungeachtet, noch einen Weg von mehreren Stunden, um ein anderes Dorf zu erreichen. Auch Pfarrer Wyttenbach kann nicht viel Besseres melden. Im anscheinend besten Wirtshaus zu Brig wurde er, wie beinahe überall im Wallis, so erbärmlich und unsauber bewirtet, dass er versichert war, « es mitten unter den sonst unreinlicheren Mingreliern und Kamtschadalen besser angetroffen zu haben ».

Wenn möglich noch weniger bekannt als das Wallis war Graubünden. Nur Splügen und Oberalp bis zum « kleinen, schmutzigen, schlecht gepflasterten und schlecht gebauten » Chur wurden häufiger begangen; der grösste Teil des übrigen Gebietes war geradezu ein Fabelland, konnte doch Bourrit von den Hirten des Rheinwaldtales behaupten, sie seien so schwarz vor Kälte als die Afrikaner vor Hitze! In Glarus und Appenzell wurden die Haupttäler gelegentlich von Reisenden besucht.

Merkwürdig selten bemühte man sich auf Berggipfel. Ausser Rigi und Pilatus wurden etwa noch Stockhorn und Niesen erstiegen, welch letzterem Ebel einige Seiten widmet, und im Jura scheinen Dôle und Chasserai besondere Anziehungskraft ausgeübt zu haben. Sonst beschränkten sich die Reisenden meist auf Passübergänge, und wir können deshalb die hie und da begegnende Klage, dass man in den Schweizeralpen nur an wenigen Orten eine freie Aussicht geniesse, recht wohl begreifen: die günstigen Punkte wurden eben nicht aufgesucht, und auch wenn dies geschehen wäre, ist es zweifelhaft, ob die Bergsteiger die Aussicht immer nach ihrem Geschmack gefunden hätten. Wir dürfen sogar für sicher annehmen, dass ein bloss die erhabene Ruhe der leblosen Hochgebirgsnatur erschlies-sendes Panorama, wie es etwa der Piz Languard bietet, vor hundert Jahren dem Betrachter eher Grauen und Entsetzen eingeflösst als Vergnügen bereitet, zum mindesten ihn unbefriedigt gelassen hätte. Wenn das Tal den Blicken entschwunden war, wenn die Vegetation und die menschlichen Wohnungen aufgehört hatten, wenn sogar das Auge die Berührung mit dem Leben verlor, dann besass, trotz Haller und Rousseau, die Natur für den damaligen Menschen keinen Reiz mehr, dann war sein Gemüt beklommen, und sein Fuss strebte rastlos vorwärts, den Regionen des Todes zu enteilen und den Menschen wieder zum Menschen zu gesellen.

Wir wissen, wie anders es seither geworden ist. Sollen wir eine Parallele ziehen zwischen einst und jetzt? Sollen wir die kühne Unternehmungslust, den Mut und die Ausdauer des heutigen Menschengeschlechtes preisen, dem kein Gletschertal zu lang und zu zerklüftet, keine Eiswand zu steil, kein Gipfel zu hoch mehr ist? Oder sollen wir sittlich entrüstet einstimmen in die oft erhobenen Klagen über die gottlose Verwegenheit, welcher alljährlich so manches blühende Leben zum Opfer fällt? Sollen wir endlich den Kultur-dünkel in uns laut werden lassen und der modernen Wissenschaft und Technik ein Loblied singen, an deren grossartigen Errungenschaften mehr und mehr jeder Widerstand der Elementargewalten sich bricht? Wir verzichten auf all das; nur die Tatsache sei erwähnt, dass heute auch der gewöhnliche Bergfahrer in Hochgebieten heimisch geworden ist, welche auch der glühendste Forschertrieb ehemals nicht zu erschliessen vermochte. « Was soll », fragt Friedrich v. Tschudy, « was soll der Mensch da oben? Ist es nicht ein geheimnisvoller, unerklärlicher Reiz, der ihn anlockt, den überall lauernden Todesgefahren zu trotzen, sein warmes, zerbrechliches Leben über viele Meilen lange Gletscher zu tragen, oft in der selbsterbauten elenden Hütte und mühselig gegen tobende Stürme und tödlichen Frost zu bergen und dann, zwischen Tod und Leben hängend, mit kurzem Odem und zitternden Gliedern die schmale Sohle eines majestätischen Schneegipfels zu gewinnen? Ist es bloss der Ruhm, dort oben gewesen zu sein, dieser karge Lohn fast übermenschlicher Anstrengungen, der ihn auf diese Wolkenstühle ladet? Wir glauben es kaum. Es ist das Gefühl geistiger Kraft, das ihn durchglüht und die toten Schrecken der Materie zu überwinden treibt; es ist der Reiz, das eigene Menschen vermögen, das unendliche Vermögen des intelligenten Willens an dem rohen Widerstände des Staubes zu messen; es ist der heilige Trieb, im Dienste der Wissenschaft dem Bau und Leben der Erde, dem geheimnisvollen Zusammenhange alles Geschaffenen nachzuspüren; es ist vielleicht die Sehnsucht des Herrn der Erde, auf der letzten überwundenen Höhe im Überblick der ihm zu Füssen liegenden Welt das Bewusstsein seiner Verwandtschaft mit dem Unendlichen durch eine einzige freie Tat zu besiegeln. » Vielleicht zu hochsinnig gedacht manchem modernen Renommier-kletterer gegenüber... Und trotzdem: wie verschieden auch die einzelnen Beweggründe sein mögen, welche heute so viele Alpenwanderer in die unwirtlichen, höchsten Regionen führen, sie fliessen doch alle in ein ideales Gesamt -und Grundmotiv zusammen. Der wahre Mensch trägt es in seiner eigenen Brust; von dorther tönt ihm in den mannigfachsten Lebenslagen, jetzt tröstend, jetzt mahnend, jetzt anspornend entgegen: Excelsior — Höher hinaufIJulius Blaser.

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