Gedanken über die Ödlandnatur

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VON KARL GREITBAUER, WIEN

( ZUR FRAGE DER PSYCHOLOGISCHEN ERFASSBARKEIT DER ALPINEN ÖDLANDÄSTHETIK ) Der Mensch muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen. « Nietzsche » Vorbemerkung: Immer wieder wird in gewissen Zeitabständen die Forderung nach Erhaltung des alpinen Ödlandes in den alpinen Nachrichtenblättern abgehandelt, wobei allenthalben auch auf die psychische Bedeutung dessen für die Bergsteigerei hingewiesen wird. Schon vor Jahrzehnten schrieb der unerschrockene Alleingänger und sprachgewaltige Schriftsteller Dr. E. G. Lammer in seinem « Jungborn »:

« Und darum sind die echten Alpinisten Feinde aller Bergbahnen, aller Höhenhotels,... alles Verkünstelns der rauhen Bergnatur, weil durch derlei Scheinverbesserungen der Asylraum für die Kulturflüchtlinge immer mehr eingeengt wird. » und zitiert anschliessend den Plan jenes Engländers, der ernsthaft-(scherzhaft ) meinte:

«... man müsste einen alpinen Nihilistenbund gründen, der in den eigentlichen Hochalpen alle Schutzketten und Drahtseile vernichte, die künstlich geschaffenen Felsenwege absprenge, die Schutzhäuser niederbrenne, um die wilde Keuschheit der Berge von ehedem wieder herzustellen. » Da nun einmal der Ödlandgedanke aus der alpinen Literatur nicht mehr wegzudenken ist, hat man es mir in einigen Besprechungen meiner Psychologie des Bergsteigens als entscheidende Unterlassung angekreidet, dass ich nichts über das alpine Ödland geschrieben habe. Man war der Ansicht, dass die Ödlandnatur « in ihrer durchaus psychischen Einwirkung auf den Bergsteiger » ein « Zuwenig » des Buches wäre, und meinte, die « psychologisch sehr wohl erfassbare alpine Ästhetik » beschränke sich doch nicht nur auf klassisch-schöne Felswände und elegante Kletterstellen. Schuld-bewusst greife ich daher zur Feder und beginne diese Abhandlung über die Ödlandnatur zuerst, versteht sich, unter dem Blickwinkel ihrer psychologischen Erfassbarkeit.

Ein Wort zuvor dem aufmerksamen Leser: ich verspreche nämlich nicht, nunmehr, hingewiesen von meinen Besprechern und angespornt von dem Vorwurf eines Mangels, gewaltige psychologische Aussagen über das Ödland nachzuholen. Denn: - seid nicht erschüttert, Bergfreunde - es gibt keine psychologische Erfassbarkeit der psychischen Wirkung der Ödlandnatur. Und wenn einer eine Psychologie der alpinen Ästhetik schreiben will, dann wird das eine sehr unverdauliche Angelegenheit werden. Warum das so ist, werde ich mich bemühen, im folgenden darzulegen.

Es ist vor allem Frage, was man überhaupt psychologisch erfassen kann. Doch wohl nur Verarbeitungen seelischer Inhalte, niemals aber Lebensgefühle selbst. Man kann wohl psychologisch erfassen, wie sich ein Mensch den Widrigkeiten der Natur gegenüber verhält, aber man kann das normale Erleben der Pracht der Natur nicht mit psychologischen Spürnasen beschnüffeln wollen, ohne banal zu wirken. Denn was soll man aus primären und nicht weiter analysierbaren Lebens-gefühlen, wie Freude, Staunen, und psychischen Grundstimmungen, wie Erwartung, Zufriedenheit, Glücksgefühl, schon gross « Psychologisches » herauslesen? Das erkennen zu müssen, ist das ABC aller Psychologie, wenn sie noch ernst genommen sein will.

Es ist ein eigenartiges Kapitel um das Thema « Der Mensch in der Natur ». Das Ödland nämlich ist des Menschen angestammtes Milieu, das beweist uns die Geschichte, wenn jemand einen solchen Beweis für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit überhaupt verlangen sollte, Und wenn jemandem, der eingepfercht in die Menschenherde rund um die russigen und stinkigen Futtertröge der Industrien, das Gekeife und Gezanke der Massen und der geistes- und gefühlslähmende Alltags-trott bis in die Seele hinein zuwider ist und er sich in das Ödland und in die Einsamkeit hinein-flüchtet, sich seiner Ursprünglichkeit und seines urtümlichen Menschseins besinnt, dann bin ich wahrlich der letzte, dem es einfallen könnte, darüber eine « Psychologie der alpinen Ästhetik » zu verzapfen. Das einzige, was in mir dabei als Assoziation anfällt, ist die leise Trauer einer Erinnerung an eine lebensstarke Zeit frühen Pioniertums der Menschheit, verweht, verblasst und heute nur noch greifbar in literarischen Zeitgemälden, bei deren Lesen wir den bitteren Beigeschmack unseres Wissens um das « Heute » nicht ganz hinunterwürgen können. Denken wir an unser alpines Ödland, dann denken wir in einem an ein Stück früher Menschheitsgeschichte und sehen im Spiegel das « Heute », das seine Mitte verloren hat. Nicht aber vielleicht im spezifischen Sedlmayer sehen Sinn - nein, viel menschlicher: Die Mitte des Menschseins ist endgültig dahin, Herr der Welt ist die Maschine. Und wir, wir erinnern uns in unserer kargen Freizeit an glückliche Sonntage und Urlaubstage unseres urtümlichen Menschseins -, wenn wir ganz frei und auf uns selbst gestellt hineinwandern in eine Landschaft voll Ruhe und Frieden, voll Zerrissenheit und Wildheit, voll von Klarheit und Widersprüchen, voll von freundlichem Entgegenkommen und starr abweisender Erhabenheit. Wir klettern an sonnigen Graten der Höhe entgegen. Und wir wandern in schweigenden Wäldern dem Abenteuer entgegen. Wir sind voll Erwartung des Kommenden...

Was allein aber kommt, ist der Abend, die Heimkehr, das « Morgen » und mit dem « Morgen » der Alltag, die Fron, die Unterordnung und Einordnung, der Schweiss um das tägliche Brot im Schatten des Götzen « Man », den sich der Mensch selber geschaffen hat und der ihn nunmehr völlig beherrscht.

Der Mensch jedoch, der sich seiner « Mitte » wieder besinnt, ist mit seiner Seele im Ödland zu Hause, er ist im Ödland « verwurzelt ». Was er dort macht und wie er sich in diesem Ödland bewegt, ist letztlich unerheblich. Ob er herumwandert darin, von einem Gipfel zum anderen oder von Berg zu Berg, von Tal zu Tal - oder ob er, von Haus aus ein Kämpfer, dort Wände, Grate, Kanten hart anpackt oder bloss zum Forellenfang in ein und dasselbe einsame Gebiet immer wieder zurückkehrt, oder ob er als Künstler die Pracht der Landschaft in Farben einfängt - das alles ist letztlich unerheblich. Alles schaut auf irgendeiner Stufe aus wie « zweckfreies Tun in zweckfreier Landschaft ». Denn der Maler will seine Bilder gar nicht verkaufen, die er malt, ihm ist die schöpferische Darstellung alles. Der Forellenfischer will mit seinem Fang keineswegs ein Geschäft machen, ihm ist das Abenteuer am Gewässer alles. Und schon gar der, der hineinzieht in die Landschaft wie ein Vagabund, heute da, morgen dort - immer nur unterwegs, dem das Wandern alles ist -sie alle gleichen sich in einem: im « zweckfreien Tun 1 », wie es Wenninger 2 ausdrückt, das im Grunde einen einzigen Zweck hat: das Hervorkehren des je einzelnen, eigenen besonderen Menschseins. Sie « existieren sich », das heisst, sie bringen sich ihre menschliche Existenz im « Sich-selbst-Erleben » zu Bewusstsein. « Hier bin ich Mensch, hier darf ich 's sein », das ist Wenningers zweckfreies Tun. Dass der Existenzialismus dazu « sich existieren » sagt, macht ihn für uns als vielleicht gültige Philosophie interessant.

Der wiederum aufmerksame Leser wird jetzt schon eines bemerken: dass ich von der Unzustän-digkeit der Psychologie in Belangen der Ödlandbeziehung zum Menschsein ausgegangen bin und zum Existenzialismus als vielleicht gültiger Philosophie für den Bergsteiger hingeführt habe. Aber nicht etwa, um der Existenzphilosophie als solcher das Wort zu reden - das liegt mir sehr ferne. Ich will keine philosophische Richtung in das Bergsteigen hineinpflanzen, da ich wohl mit Leib und Seele Bergsteiger, aber recht wenig Philosoph bin - im Sinne der reinen Philosophie, meine ich. Meine philosophischen Ambitionen hinsichtlich des Bergsteigens erschöpfen sich bereits in einem einzigen Akt: dass ich von der Warte des Bergsteigens hinüberschaue in die Bereiche der Philosophie und mit dem Finger bedeutsam auf den Existenzialismus weise: weil ich dort den Spiegel finde, in dem ich mich in meinem bergsteigerischen Tun wiedererkenne - im « Sichexistieren », und in den entscheidenden Grenzsituationen. Weil weiters das, was die Bergsteiger sagen - sehr unklar meistens sagen -, dort in sehr klaren Worten interpretiert zu sein scheint. Und letztlich deshalb, weil Bergsteigen, dieses Tun, « weil 's einen freut », unabweisbar eine philosophische Lebenshaltung ist, bei der es nicht schaden kann, wenn man auch den Titel dafür parat hat.

1 Es gibt natürlich bei jeglichem menschlichen Tun niemals ein « zweckfreies » Tun. Es sieht nur in manchen Kategorien des Tuns manchmal so aus, « als ob ». Alles « Tun » eines Lebewesens ist nämlich Reaktion, also Antwort auf einen Reiz.

2 Dr. Heribert Wenninger, Mitteilungen des ÖAV, Heft 7/8, 1952.

Das einzige Psychologische im Zusammenhang mit dem Kapitel « Ödland » jedoch, das ich aufzeigen kann, ist die offenbare Angst all derer, die darüber schreiben, dass sie es verlieren könnten. Wenninger geht in seiner Angst sogar so weit ( und mit ihm sinngemäss der eingangs von E.G. Lammer zitierte Vernichtungsplan jenes Engländers ), dass er im Nichtverstehen der Gründe der Ver-technisierungen unserer alpinen Landschaft glaubt, « verborgener, abgründiger Hass gegen die unberührte Natur 1 » sei die letzte Wurzel solcher Unternehmungen. Sein Hass gegen die Eindringlinge in den alpinen Raum ist so gross, dass er in der Dynamitpatrone die letztmögliche Rettung gegen die Vertechnisierung des Ödlandes sieht.

Die Angst nun, das Ödland zu verlieren, ist durchaus begründet: Die Ödlandeinengung ist eine steil aufsteigende Progression. Es sind keine prophetischen Worte, sondern eine nüchterne Feststellung, wenn ich sage, dass über kurz oder lang die ganze Ödlandfrage im Sinne der Erklärung einzelner Gebiete zu Naturschutzgebieten gelöst sein wird, der Rest wird zur Verbauung freigegeben werden.

Dass das Bergsteigen als geistige Bewegung heute in akuter Gefahr ist, hat Wenninger ebenfalls aufgezeigt. Aus dieser Situation heraus zeigt er zwei mögliche Wege auf: eine neue Hinwendung zum Wesenskern des Bergsteigens - oder das Ende des Bergsteigens in dem Sinne, wie wir das Wort noch verstehen. Für ihn existiert damit füglich nur ein Weg: zurück zum Wesenskern -, und dieser Weg ist nur gangbar über einen zweiten Satz: Erhaltet das Ödland als den Entwicklungs-boden für echtes Bergsteigertum.

Dieser Kassandraruf wird jedoch im leeren Raum verhallen. Was, höre ich, soll erhalten blei-ben«Echtes » Bergsteigertum? Ja, was ist denn das eigentlich? Machen wir es kurz: echtes Bergsteigertum ist natürlich immer das Bergsteigertum einer jeweiligen Persönlichkeit, die voll und ganz im Bergsteigen ihrer Zeit aufgeht. Die Betonung liegt hier auf « ihrer Zeit ». Hier wird « echt » selbstredend ohne Anführungszeichen geschrieben. Wer aber heute vom « echten » Bergsteigen redet, macht einen Fehler. Er denkt statisch und erklärt das pionierhafte Bergsteigen des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts zum « echten » Bergsteigen. Ein solcher Standpunkt aber ist nicht haltbar. Wer so denkt, lebt seinen egozentrischen Tendenzen. Er wird nicht gewahr oder will es nicht wahrhaben, dass die Zeit nicht stehen bleibt, sondern alles im Fluss ist. Man wird gut tun, sich zu vergegenwärtigen, was Bergsteigen vom Standpunkt der Menschheitsentwicklung überhaupt ist. Dann wird man bestürzt feststellen, dass Bergsteigen nichts anderes ist als eine Nebenerscheinung der allgemeinen Expansion des menschlichen Geistes. Als es an der Zeit war, überflutete der menschliche Geist den alpinen Raum, griff dort nach Möglichkeiten, erschloss, organisierte, klassifizierte, behauptete sich durch technische Geräte wie Karte und Kompass, begann zu bauen - erst Unterstände, dann Hütten, dann Häuser, die sich Hütten nannten; Wege erstanden, Markierungen, versicherte Steige für die weniger Tüchtigen, die auch zur Höhe wollten. Das war eine Zeit! Die Gründerzeit, die Zeit der Pioniere, denen die « echten » Bergsteiger auf dem Fusse folgten. Der « echte » Bergsteiger tat, was in seiner Kraft stand, um das Ödland zu erschliessen. Heute bauen die anderen weiter.

Wo ist der Unterschied? Den Einwand des gewaltigen Unterschiedes, der doch vorhanden sei, können wir mit einer Handbewegung abtun: jeder, der in seiner Zeit lebt und der aus dem Erlebnis seiner Zeit heraus handelt und wirkt, glaubt, dass das, was er getan und gewirkt hat, das einzig Wahre, Richtige gewesen sei. Er war eben als echter Mensch seiner Zeit zum Beispiel auch ein « echter » Bergsteiger. Er muss das schliesslich auch glauben, denn die Handlungen eines Men- 1 Ein hervorragendes Beispiel für das psychologische Phänomen der Projektionen. 138 sehen in seinem Leben sind ja letztlich die Essenz seines Lebens. Aber er möge doch nicht so in seinem Gesichtsfeld eingeengt sein, zu glauben, dass der junge Bergsteiger von heute, vor dem die Dinge so ganz anders liegen, deshalb nicht auch ein echter Mensch seiner Zeit und damit ein echter Bergsteiger sei.

Ich bin kein junger Bergsteiger, aber ich weise im Namen der Jungen Ausfälligkeiten von traditionsverhafteten, im statischen Denken fixierten Bergsteigern zurück, wie sie z.B. geprägt werden: « die ins Kraut schiessenden Klettertouren VI. Grades an 50-Meter-Wänden oder die Verkümmerung des Schilaufes zum blossen Pistenrasen ». 50-Meter-Wände VI. Grades sind nämlich beinahe alles, was die echten Bergsteiger mehrerer Generationen noch unerschlossen den heutigen Jungen übriggelassen haben, und das heutige Pistenrasen ist nichts anderes als hochentwickelter Skilauf und seine Beherrschung höchste Leistung, die ein herrliches Lebensgefühl vermittelt, auf welches es letztlich ankommt.

Entwicklungen aber kann man nie zurückschrauben, wie auch die Einsamkeit der Berge unwiederbringlich ist. Diesen Satz hat bereits Maduschka im Zusammenhang mit der Ödlandfrage niedergelegt. Wenningers « zurück », rund zwei Jahrzehnte später ausgesprochen, ist unabweislich ein Irrlicht. Denn es hiesse gegen die vierte Dimension, gegen den allnichtenden Chronos anrennen zu wollen, hätte man ernstlich den Wunsch, die Vergangenheit neu aufleben zu lassen. Die heutige Bergsteigerschaft erlebt zwar im Augenblick einen neuen Pionier-Aufschwung im ausseralpinen Ödland, aber das ändert nichts an unserer Situation. Das « echte » Bergsteigen ist tot, der Alpinismus als entscheidende Erscheinung, als Problem, hat seinen Abschluss erreicht. Das hat bereits Maduschka vor mehr als zwanzig Jahren festgestellt. Und doch lebt das Bergsteigen noch -weil eben jede Leistung « ihren untilgbaren persönlichen Wert » hat und weil die bergsteigerische Leistung « für den Betreffenden zu einem unvergleichlichen Erlebnis werden kann » ( Maduschka ). Und wenn jemand sagt, auf den Sinn im Leben eines Menschen käme es an, so muss man es dem je betreffenden Menschen schon selber überlassen, sich diesen Sinn selber so herauszukristallisieren, wie er die Möglichkeiten dazu hat und wie sich ihm die Dinge darbieten. Lasst heute die drei Musketiere auferstehen, und ihr werdet drei Narren vor euch haben, obwohl in ihrer Zeit ihr Leben allen Sinn hatte. Und der « echte » Bergsteiger ist heute bereits auch schon etwas antiquiert - und trotzdem ist den Jungen ihr Bergsteigen sinnvoll - weil es auch in der Form, wie sich das Bergsteigen heute darbietet, Werte vermittelt, Erlebniswerte, die trotz Seilbahnen, Hotels und Stauwerken unvergleichlich sind.

Die Zeit der Seilbahnen und des erweiterten Fremdenverkehrs mit seinen technischen Einrichtungen ist eben die neue Zeit, auch eine Entwicklung nur, und sie produziert als solche einen neuen Menschenschlag, der sich sehr wohl darin zurechtfindet. Es ist daher zwecklos, sich gegen sein Altern zu wehren und seine Zeit festhalten zu wollen. Man kann lediglich eines: Leute suchen, die in der Verwirklichung eines Naturschutzgedankens eine Aufgabe für sich sehen. Die Meinung mancher Leute, eine Rettung des Ödlandes zu sehen in der Verhinderung des kleinsten Hüttenbaues, jeglicher Markierungsanlage - Wenningers « prineipiis obsta » also -, wäre ein Sicherschöpfen in Kleinkram. Den Naturschutzgedanken bei der Regierung zu erwecken allein lohnt; allerdings nicht in dem Sinn, den Bergsteigern ihr Ödland zu erhalten, sondern Ödland in seiner Ursprünglichkeit von Flora und Fauna zu bewahren.

Die Forderung nach Naturschutzgebieten im alpinen Raum ist mithin die Quintessenz der Ödlandfrage. Im übrigen aber braucht niemand Angst zu haben, Werte, die für ihn alles waren, zu verlieren. Für jede Generation nämlich ist der Zustand des Ödlandes - im grossen Querschnitt gesehen - praktisch gleich, und es ist ein ehernes Gesetz, dass wir uns mit den Dingen ändern.

Und es ist ebenso auch eherne Erfahrung, dass die Alten die Jungen nicht mehr verstehen, das heisst, dass die vergangene Zeit die neue nicht versteht - weil der Mensch letztlich die Summe seiner Erfahrungen und Erlebnisse ist, und weil eben jede Zeit ihre spezifischen Probleme, ihren eigentümlichen Rhythmus, ihr charakteristisches Kolorit, ihre je besondere Erlebnis- und Erfah-rungsmöglichkeit hat. Der echte Bergsteiger im alten Sinn war ein Produkt damaliger alpiner Probleme. Die Probleme sind gelöst, die pionierhafte Erschliessung hat im Kehraus zwingend die technische Erschliessung und damit die Vermassung zur Folge, und die neue Zeit stellt an ihre Menschen neue Forderungen.

Wir wollen aus dieser Erkenntnis heraus nicht den im Gehäuse verhärteten « echten » Bergsteiger wieder heraufbeschwören, sondern mit der Zeit gehen und die Dinge nehmen, wie sie sind: was man nicht kennt, das hat man nicht verloren...

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