Gib mir den Alpenführer !

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Pierre Vittoz, Lausanne

Meine Bibliothek enthält ein ganzes Regal davon. Zuerst natürlich die SAC-Führer mit den Walliser, Waadtländer, Berner, Urner und Graubündner Alpen, dazu den Jura und die französisch-schweizerischen Voralpen. Dann gibt es da auch die Vallot-Führer vom Mont-Blanc-Massiv, solche vom Salève und den Engelhörnern und andere bis nach Norwegen und Kaschmir, nicht zu vergessen die Übersetzungen: die Engländer haben sorgsam den Vallot abgeschrieben, so wie es die Deutschen mit den « Dolomiti » der Italiener gemacht haben. Fügen wir noch einige Broschüren über die kleinen Massive, die zur Freude der Bergsteiger im Anfängerstadium gereichen, hinzu, von den Ecoles d' escalade vaudoises bis zu den Calanques via Dentelles de Montmirail und Baou de St-Jeannet. Ferner muss man die Fiches Mythra und die noch in Bearbeitung befindlichen ioo plus belles courses des Mont Blanc und des Oisans zählen - diese Ausgaben gebären ständig Junge. Es amüsiert mich übrigens festzustellen, dass die erste Auswahl dieser Ausflüge, die ich besitze, keineswegs von Gaston Rébuffat oder von Walter Pause ist, sondern der Guide illustré des Alpes suisses, an welchem schon 1906 der berühmte Marcel Kurz mitwirkte!

Zur Verstaubung kommen diese Bücher nicht. Ich öffne sie des öfteren, um Erinnerungen oder Plänen nachzugehen. Und in die Berge gehe ichregelmässig mit dem einen oder anderen - oder zumindest mit der Kopie einiger Seiten und einer Skizze.

Und siehe da, es gibt Leute, welche diese Literatur nicht bedingungslos zu lieben scheinen. Man fragt, in welchem Masse sie zweckdienlich sei und ob sie die Bergwelt darlege oder im Gegenteil nur verberge. Erstes Anzeichen dafür: die Trägheit, mit welcher sich einige Handbücher verkaufen. Sogar der Führer unserer schönen Waadtländer Alpen fand im Jahre 1975 nur 216 Käufer. Die sechs Bände über Tessin, Jura, Savoyen, Waadt und Freiburg übertrafen den Durchschnitt von 170 verkauften Exemplaren nicht.

Ein anderes Anzeichen ist vielleicht die Schwierigkeit für den SAC, Autoren und Mitarbeiter für die Redaktion solcher Bücher zu finden. In der Ostschweiz häufen sich schon seit etlichen Jahren die vergeblichen Suchereien nach einem Kenner der Graubündner Alpen, der für diese Aufgabe bereit wäre. Was die Auskünfte betrifft, welche die verschiedenen Bergsteiger erteilen könnten, das ist wieder ein anderes Kapitel. Schon 1930 beklagte sich Marcel Kurz über das vorhandene Schweigen bezüglich der Walliser Alpen, und sein Nachfolger Maurice Brandt zählt seine Enttäuschungen schon gar nicht mehr. Sogar der Vallot-Führer glänzt nicht immer: die 1975« Ausgabe seines Bandes III weist Ungenauigkeiten und Fehler im Trient-Massiv auf, und zwar aus unserem Verschulden heraus, da wir Westschweizer Kletterer die Gegend sehr wohl kennen, es aber versäumt haben, den Autoren unsere Notizen und Korrekturen zu schicken.

Ich war dabei, meine Führer weiter durchzugehen, als ich erfuhr, dass die amerikanischen Kletterer ( die uns schon ein paar Sachen im Alpinismus gelehrt haben ) das Prinzip der deskriptiven Bücher an sich in Frage stellten und die Reaktion darauf dazu führte, dass sie beschlossen, gewisse Regionen ihres Landes überhaupt nicht in die Führer und Handbücher aufzunehmen. Die Franzosen schnitten ihrerseits das heikle Thema an, und La montagne et alpinisme, ( 104, 2/1976 ) enthält eine lange Diskussion zwischen den Autoren und verantwortlichen Verlegern des CAF. Aus dieser Diskussion möchte ich den Widerhall mit in « Die Alpen » bringen, um die Debatte in der Schweiz zu eröffnen. Es kommt allerdings für mich nicht in Frage anzugreifen, was wir bis anhin geschätzt haben. Die Führer-Handbücher haben sich « eingebürgert » in unseren Rucksäcken, und sie haben uns so viele Dienste geleistet -sie halfen uns, so schöne Ausflüge zu entdecken und durchzuführen -, dass es ebenso dumm wie anmassend wäre, ihren Wert zu leugnen und ihr Verschwinden vorzuschlagen. Aber ein Gedankenaustausch zwischen ihren Benutzern, Anfängern und Routiniers, könnte sowohl ihren Autoren wie auch dem SAC und vielleicht dem Alpinismus selbst zum Vorteil gereichen.

Das Problem wurzelt in der ausserordentlichen Zunahme der Bergsteigerzahl. Dies ist augenfällig für jedermann, der die Berggipfel seit zwanzig oder vierzig Jahren durchzieht: einige Routen sind nun mit Menschen überfüllt, mit unnützen Felshaken besät, voller Abfall. Sicher trägt der ganze Trend viel dazu bei, auch die Qualität des Materials. Ebenso aber schriftlich festgelegte Anleitungen, von den verlockenden Photos der Aus-flugswahl bis zu den Handbüchern, die eine Region im Detail darstellen. Sollen wir nun damit weiterfahren, aus Routine all unsere Anstrengungen daraufhin zu richten, möglichst viele Leute in die hohen Berge zu locken, was in vergangenen Zeiten gerechtfertigt war, es aber heutzutage nicht mehr unbedingt ist, wo doch der Alpinismus und die Bergwelt Gefahr laufen, durch die menschliche Invasion beschädigt zu werden?

Die Frage wird deutlich zu Beginn des Bandes V der Alpes valaisannes aufgegriffen, in dem Maurice Brandt mit gleicher Sorgfalt wie Kompetenz ungefähr goo Routen zwischen den Pässen des Simplon und der Furka — eine den Kletterern wenig bekannte Kette - beschreibt. In seinem Vorwort schreibt das Zentralkomitee des SAC: « Es ist unsere grosse Aufgabe, unberührt zu be- wahren, was anscheinend bald eine der letzten Reserven für die Erholung darstellt, die für unser hektisches Leben so nötig ist. Es geht nicht bloss darum, diese Gegend vor den technischen Einrichtungen zu beschützen, sondern auch vor der touristischen Entwicklung zu bewahren, um diesen Hafen des Friedens unversehrt zu lassen. » Merkwürdige Art, ein Buch vorzustellen, dessen Tausende von Exemplaren dazu dienen, uns in jenen Hafen des Friedens zu führen... Zwei Seiten weiter bemerkt der Verfasser: « Diese Gegend hatte den Vorzug, bis jetzt am Rande der grossen touristischen Strömungen zu bleiben. Wäre es nicht am Platze, sie weiterhin davor zu bewahren? Dies ist eine Frage, die ich geneigt wäre, sofort bejahend zu beantworten. » Im gleichen Zug fragt der Verfasser richtigerweise, ob der SAC nicht « darauf verzichten könne, weitere Hütten in der Gegend aufzustellen. » Und die Veröffentlichungen?

Vielleicht hat ein Führer mehr Einfluss, als es scheint. Zuweilen hat der Alpinist seine Wahl bereits getroffen und schlägt im Führer nur nach, um sich über die Route zu informieren. Es kann aber auch sein, und ich glaube, dies ist meistens der Fall, dass er in seinem Führer blättert, um ein Ausflugsziel zu suchen, und er wählt sein Ziel nach Kommentaren wie « interessante Route », « verdient, klassisch zu werden », « sehr schöner Ausflug » usw., welche der Verfasser Seite um Seite angehäuft hat. Es ist ganz verständlich, dass die Ratschläge der Kenner befolgt werden, aber schlussendlich bringt es der Führer oder das Handbuch soweit, dass ein Gipfel überfüllt ist, ein andrer hingegen vernachlässigt wird. Wie steht es nun mit jenen ( hier muss ich mich schuldig bekennen ), die öffentlich darauf hinweisen, dass dieser oder jener Hang noch unberührt ist? Muss man sie als « Kuppler » verurteilen?...

H. Isselin, Verfasser berühmter Monographien, glaubt, dass der Bergsteiger die Bergwelt zu lange als Turnhalle betrachtet und die darin lebende Bevölkerung hochnäsig missachtet hat. Es scheint, unsere schweizerischen Handbücher entsprechen allzusehr dieser Optik. Mittels ihrer technischen Angaben verleiten sie immer mehr zu einer athletischen, ja sogar wettkampfmässigen Annäherung an die Berge. Was das Leben im Gebirge angeht, da erwähnt man gelegentlich die Fauna, wie Gemsen ( Jura, Waadtländer Alpen ) oder die Vipern ( Freiburger Alpen ) usw., aber nicht die Menschen. Bei den « Urner Alpen » sind trotz der ausdrücklichen Anweisung des SAC meist auch die Erstbesteiger nicht erwähnt. Wir behaupten nicht, dass ein geschichtlicher Abriss der Dörfer und eine Wirtschaftsgeographie der Gegend notwendig sei, aber möglich ist es sicher, die Bergwelt so darzulegen, dass mehr menschliche Aspekte berücksichtigt werden. Unsere Handbücher sollen kein trockenes, beschränktes Bild der Berge entwerfen, das kein Leben enthält.

Birgt der Clubführer auch Gefahren? Nicht direkt; ausgenommen in ganz speziellen, extremen Fällen, ist noch niemand verloren gegangen, weil ihn der Führer irregeführt hätte. Im Gegenteil, gerade indem sie auf die Schwierigkeiten hinweisen, vor allem mit der bekannten Einteilung nach Schwierigkeitsgraden, vermindern diese Handbücher viele Risiken und Gefahren - und sicher auch Unfälle.

Und doch steckt darin eine heimtückische Gefahr, nämlich die: die Initiative, ja sogar die Be-obachtungsfähigkeit des Bergsteigers wird abgestumpft. Der Führer schlägt ihm nicht nur ein Ausflugsziel vor, er gibt ihm oft auch das mitzu-nehmende Material an sowie die Zeit aufzustehen, die Anseildistanz, die zu vermeidenden Hindernisse, die Stelle, wo die Steigeisen anzuschnallen sind, die zu benutzenden Felshaken, den versteckten Griff... er präsentiert ihm sogar einen « Frühstücksplatz ». Die Gefahr ist nämlich dabei die, dass sich der Alpinist dadurch blindlings von seinem papierenen Führer leiten lässt, wie andere schlafwandelnd ihrem lebendigen Bergführer folgen.

Kürzlich, als wir auf einem der Diablerets-Gip-fel sassen und bereits gut zehn Minuten die Aussicht bewundert hatten, fragte mich doch mein Nebenmann: « Wie heisst das hier eigentlich? »... Und was unterscheidet den Menschen eigentlich vom Maulesel? B. Amy erzählt folgende wahre Begebenheit: « Zwei Alpinisten ziehen zum For-bes-Grat ( Chardonnet ) bei herrlichem Wetter; aber mitten auf dem Grat lassen sie den Clubführer in eine Spalte fallen. Was tun sie wohl? Kehrt-wendung! Weil sie, ohne Führer, nicht imstande sind, einem gradlinigen Grat zu folgen, der sie bis zum Gipfel geführt hätte, wo ihnen die Menschenmenge den Abstiegsweg gezeigt hätte. (... ) Alpinisten, Ausflügler und Touristen wurden daran gewöhnt, mit der Nase im Handbuch um-herzulaufen, wobei die Augen kaum hervorgucken. » Die Anweisungen des SAC erteilen den Verfassern von Handbüchern den Befehl, vollständig zu sein, alle Berge des Sektors zu beschreiben und all die dazugehörenden Routen. Aber kann man vollständig sein? Selbstverständlich nicht. Wenn einerseits einige Leute sich bemühen, die kleinste Variante und winzigste Winterbesteigung anzugeben, sagen andere nie etwas. Der grösste Zufall war für mich notwendig, um zu erfahren, dass der Sailles-Grat im Muveran vollständig 1937, und nicht 1945, erklommen wurde. Aber wie viele Kletterer meldeten weder eine Erstbesteigung noch eine wichtige Korrektur einer seit vielen Jahren gedruckten Beschreibung?

Ausser für kürzeste Besteigungen ist es eine Illusion zu glauben, dass eine Beschreibung wirklich ganz vollständig und exakt sei. Es gibt weniger gut merkbare Stellen als andere, und dann staunt man entweder über eine Lücke im Text oder man hat den Text vor sich, die beschriebene Stelle ist aber bereits vorbei. Es besteht die Ungenauigkeit der Sprache, die den Verfasser veranlasst, als Kamin zu bezeichnen, was für Sie nur ein Riss ist, und als Felsplatte, was Sie Mauer nennen würden. Da ist der überhängende Fels oder der y-för-mige Riss, für den Autor charakteristisch, welche Sie jedoch nicht unterscheiden können. Und der mittlerweile geschmolzene Firn als Kennzeichen angegeben. Und der Felshaken verschwun- den oder verdreifacht. Was die Stellen angeht, die, mit IV bewertet, für Sie III oder V sind, da könnte man sich lange streiten. Die subjektiven Faktoren sind allzu zahlreich, als dass die Genauigkeit, welche Beschreibungen und Skizzen vorgeben, gewährleistet wäre.

Von der Envers-des-Aiguilles-Hütte aus sieht man südlich des Tour Rouge das Couloir aus 400 Meter Distanz. Kürzlich sagte mir der Hüttenwart, dieses Couloir sei, da gefährlich, abzuraten und seit langem verlassen. Die drei Beschreibungen jedoch, die ich von dieser Seite des Grépon besitze, machen daraus einen normalen und sicheren Weg. Lachen wir niemanden aus ausser diejenigen, die ihre Erinnerung und persönliche Ansicht für unfehlbar halten. Und belächeln wir die Worte, mit denen die Zeitungen das Abenteuer von « zwei unglücklichen Bergsteigern » oberhalb Vallorbe geschildert haben: « Der Führer, verfasst von den Brüdern Rémy, den sie zu Rate gezogen hatten, sagte eine bereits mit Felshaken versehene Route an. Tatsächlich aber — so Herr J. P. haben wir eine ungenügend mit Nägeln ausgestattete Route als « Zweite » realisiert, da zwei Nägel fehlten (... ), um die Verbindung herzustellen, dieweil die meinigen sich im Kofferraum meines Wagens befanden. » Während fünf Stunden blockiert, haben beide wenigstens Zeit gehabt, über den zweckmässigen Gebrauch von Clubführern und Handbüchern nachzudenken.

Der Gipfel wäre, den Redaktor des Handbuchs für das Schmelzen des Firns oder für das Verschwinden des gewünschten Felshakens verantwortlich zu machen. Und doch! Ist es angemessen, als Kennzeichen ein vergängliches Stück Schnee anzugeben? Sich bei der Wegbeschreibung an Details und Felshaken zu halten? Mit andern Worten: was muss man und was nicht in eine Beschreibung einbeziehen? Da wir natürlich unsere Handbücher nicht in Spalten werfen: wie kann man sie verbessern? Was könnte man den Verfassern vorschlagen?

Beginnen wir mit dem Genauigkeitsgrad. Mir scheint, dass wir im grossen und ganzen mit der Zahl der gelieferten Auskünfte sichtlich übertrieben haben. Sicher notwendig ist die Angabe des Schwierigkeitsgrades der Route im gesamten und der Zeitplan, die Beschaffenheit des Gesteins und der verschneiten Abschnitte, damit der Tourist abzuschätzen vermag, worauf er sich einlässt. Ebenfalls müssen der Einstiegsort der eigentlichen Route, die allgemeine Linie des Aufstiegs und die von weitem sichtbaren Anhaltspunkte vorkommen. Wichtig sind auch die Namen der Ersterkletterer und das Datum ihres Aufstiegs, was oft über die Art der Besteigung etwas aussagt, über das rein Technische hinausgeht, zur Bescheidenheit zwingt... Zu denjenigen Auskünften, deren Nutzen weniger sicher ist, gehören - mit Ausnahmen - die Angabe von Standplätzen, Ratschläge über die Art, ein Hindernis zu überwinden, der Schwierigkeitsgrad einzelner Passagen und die Lage der Felshaken; aus diesem Gesichtspunkt, aber nur aus diesem, sind gewisse Führer der Urner und Graubündner Alpen beispielshaft knapp.

Serge Coupé, Verfasser des detaillierten Führers Vercors-Chartreuse, drückt sich mit einer hier erwähnenswerten Autorität aus: « Die Details, die lese ich nicht einmal. Übrigens entweder vergesse ich den Führer bei mir zu Hause, oder er bleibt in meinem Rucksack. Daraus schliesse ich, dass es sich erübrigt, die dritte Aufteilung der X-Spalte zu kennen. Was not täte, wären, ohne sich im kleinsten zu verlieren, allgemeine Angaben, die Gesamtorientierung der Route, die Schwierigkeit, damit der Leser weiss, was er antreffen wird ( man soll die Leute nicht in den Tod schicken ). Aber es ist unnötig, Abschnitt um Abschnitt zu beschreiben und die Zahl der Felshaken anzugeben, die übrigens von Jahr zu Jahr, wenn nicht von einem Tag zum anderen, wechselt. Ich behaupte sogar, dass es gefährlich sein kann, zu viele Angaben dieser Art zu machen, zumal das Risiko, sich zu irren, mit der Zahl der Auskünfte wächst. (... ) Falls ich wieder etwas verfasse, werde ich weniger Einzelheiten, dafür mehr allgemeine Angaben, mehr Photos - und nicht nur Photos von Felswänden - von Bergbächen und Chalets geben. Ohne bis zur Lokalfolklore zu gehen, werde ich versuchen — aber wird es mir gelingenein-zuflüstern, was man in der Gegend sehen oder finden kann. » Ein anderer zur Diskussion stehender Punkt ist derjenige der Varianten. Einzelne Gipfel sind höchst variantenreich. Für die sehr bemerkenswerten Nordwände der Courtes und des Triolet weist die Mont-Blanc-Kette Skizzen auf, die mit so vielen punktierten Linien versehen sind, dass man den Berg kaum noch sieht. Und falls Sie sich für den SW-Kamm der Aiguille d' Argentière interessieren, schlägt Ihnen der Führer 24 Routen vor! In den Walliser Alpen, wo das Gestein nicht dieselbe Qualität aufweist, haben sich die Bergsteiger bemüht ( oder geirrt ?), indem sie die Berge mit zweifelhaften Varianten durchzogen. Der Südhang des Grand Combin weist neun im Führer beschriebene Routen auf, wovon nur drei als empfehlenswert oder wenigstens als ungefährlich dargelegt werden. Soll man die anderen dennoch beschreiben? Die Ostseite des Dom der Mischabelgruppe ist von fast ebenso vielen Routen wie Runsen durchzogen. Wieso alle aufzählen? Befinden Sie sich einmal an Ort und Stelle, so helfen Ihnen nur Ihre Augen, um diese oder jene Linie zu wählen, und zwar den momentanen Bedingungen entsprechend. Und falls Sie eine « Premiere » zu machen gedenken, obschon Puckle oder Williamson schon im vorigen Jahrhundert, allerdings unter ganz anderen Schneeverhältnissen, da gewesen sind: was ist denn schlimm dabei?

Unser Meister Marcel Kurz hatte eine klare Meinung über dieses Thema. Er schrieb 1947 in seinem Vorwort zu Alpes valaisannes II: « In der vorigen Ausgabe hatte ich schonungslos alle unnützen Varianten weggelassen. Mehrere Kritiker haben mir dies zum Vorwurf gemacht, in der Meinung, sie könne nur eigenmächtig und subjektiv sein. Vielleicht. Ich habe also versucht, objektiv und vollständig zu sein. (... ) Die Kürze in der Beschreibung gewisser Wege und Varianten steht im allgemeinen in Beziehung zu ihrem prakti- schen Wert... » Indirekte Art, subjektiv zu sein. Die detaillierte und umfassende Beschreibung dokumentiert das Wissen des Verfassers. Die Auswahl, welche ein Risiko aufweist, zeigt seine Auffassung vom Alpinismus.

Das Risiko der Wahl zeigt sich ganz besonders in den Büchern, die uns 50 oder ioo Wege für ein Massiv oder eine Besteigungsart vorschlagen. Diese Bücher sind herrlich und sehr nützlich. Aber sie streichen diese oder jene Besteigung besonders heraus, sie führen zu Wertmassstäben und Qualitätslisten und verwandeln den Berg in ein Stadion.

Eine andere offene Frage ist diejenige der Übereinstimmung von Führer und topographischer Karte. Wir beziehen uns wieder auf Marcel Kurz: Als er seine riesige Arbeit unternahm, schrieb er für Touristen, die den Siegfried-Atlas zur Hand hatten ( 1:50000 ). Dieser jedoch wies auf gebirgigem Gelände unzählige Fehler und Ungenauigkeiten auf, welche Kurz, von Beruf Topograph, anhand der ihm zur Verfügung stehenden Dokumente berichtigte. Mit der Landeskarte, vorallem im Massstab 1:25000, besitzen wir ein ganz anderes Hilfsmittel, wo sich die Luftaufnahme und das Talent der Zeichner bis zu annähernder Perfektion kombiniert haben. Kurz konnte 1930 noch schreiben: « Die Karte ist die Grundlage eines solchen Führers. Für den ernsthaften Alpinisten ist sie ein unentbehrliches Hilfsmittel, das selbstverständlich die Wegbeschreibung vervollständigt und veranschaulicht. » Rechtfertigt sich diese Auffassung heute immer noch ganz? Oder könnte man sie nicht umkehren, indem man den Führer als Hilfe zur Karte sieht, welche er dort vervollständigen kann, wo die Karte aus ersichtlichem Grund nicht genügend ist, kurz gesagt, auf den Kämmen und in den Felswänden? Tatsache ist, dass bei Gletschern, aber auch aufwies und Fels in massig steilem Gelände die Karte oft klarer und vollständiger ist als die Beschreibung. Sollten wir den Leser nicht für alle Wege in offenem Gelände auf die Karte verweisen? Tatsache ist, dass man in unseren Führern fünfzehn und zwanzig Zeilen lange Beschreibungen über Wege findet, die sowohl in der Karte aufgezeichnet wie auch im Gelände gut markiert sind!

Ein eindeutiger, für die Karte sprechender Vorteil: sie lässt die Tür der Initiative und sogar dem Abenteueroffen; sie macht keine zwingenden Wahlvorschläge, wie es der Führer zum Teil tut, vor allem das Buch ausgewählter Besteigungen, sondern sie stellt auf diskrete Art die gesamte Bergwelt dar. In diesem Sinne hält die Karte den Touristen in einem dem wahren Alpinisten eigenen Zustand der Aufmerksamkeit und des Beob-achtens, der auch sehr verschieden ist vom Ab-hängigkeitszustand des Robotermenschen, der « mit der Nase im Führer, wobei die Augen kaum einmal aufsehen », herumspaziert.

Ein gemeinsamer Fehler jedoch: sowohl Karte als Führer werden erst nach zehn oder fünfzehn Jahren revidiert, und während dieser Zeit können sich Routen verändern oder Gletscher kürzer werden. Ein Grund mehr, unsere « grauen Zellen » zu gebrauchen, wenn wir die uns zur Verfügung stehenden Dokumente zu Rate ziehen.

« Aber wer versteht schon die Karte richtig zu interpretieren? Wir müssen für diejenigen schreiben, die es nicht gewohnt sind und die dazu noch schlecht klettern! » sagte mir Maurice Brandt, Freund und Mit-Verfasser. Er hat recht, um so eher, als die beste Karte den besten Alpinisten in einem Gelände, dessen Tücken im Massstab I :25000 nicht ersichtlich sind, irreführen kann. Die Bemerkung gefällt mir aber besonders, weil sie auf den erzieherischen Wert, den ein Handbuch enthalten muss, aufmerksam macht.

Jedenfalls sollte man sich bezüglich des Vorbe-reitungsniveaus vieler Touristen und Kletterer keinen Illusionen hingeben. Unfällen und gelegentlich auch mehr oder weniger amüsanten Zwischenfällen liegen oft unglaubliche Unkenntnis und Leichtfertigkeit zugrunde. Sicherlich hat der Alpenführer in erster Linie eine pädagogische Rolle zu spielen. Natürlich muss er auch aufzeigen, wo und wie man aufzusteigen hat; darüber hinaus aber sollte er lehren, wie man gut geht und gut klettert, und zum Untersuchen, Beobachten und Denken anregen. Wichtig ist, im Leser das richtige Gefühl für den Berg zu wecken; das ist etwas anderes als lediglich die physische Fähigkeit, ein Hindernis zu überwinden. Man wird nicht in einem Klettergarten Alpinist, sondern indem man zuerst leichte, dann allmählich immer längere, anspruchsvollere und vielseitigere Touren unternimmt. Das Handbuch muss den Kletterer auch « auf den Geschmack » für eine Route bringen und den Sinn für die persönliche Verantwortung entwickeln helfen.

Das Handbuch meiner Träume? Dasjenige, das mit den nötigen praktischen und technischen Auskünften den Alpinisten herausfordert, sich mit Körper, Geist und Seele einzusetzen, ihm hilft, über die rein körperliche Anstrengung hinauszuwachsen und wirklich zu beobachten, was er sieht; ihn lehrt, sich zu orientieren, die Gefahr zu erkennen, die Suche und das Abenteuer zu lieben - kurzum, das Handbuch soll über das geschriebene Wort hinausführen, auf dass der Alpinist die Bergwelt, welche ihm das Büchlein dargelegt hat, besser verstehe, richtig einzuschätzen wisse und voller Ehrfurcht betrachte.Übersetzung

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