Gletscherbrief (Traversierung der Brandlammhörner)

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( Traversierung der Brandlammhörner...

Von Hans StaneI

Mit 3 Bildern ( 82—84Zofingen ) T.,,.,, ,,Lauteraarhütte, den...

Lieber Bergfreund I Erinnerst Du Dich j enes herrlichen Sommerabends vor zwei Jahren, als wir hier oben vor der Hütte sassen? Die granitene Mauer war noch warm von der Tageshitze und liess uns die Kühle der hereinbrechenden Nacht leicht ertragen. Du blicktest durch den leichten Nebel Deiner nie erlöschenden Pfeife hinunter zum Grimselsee, in dem sich das letzte Licht des Tages spiegelte. Ich hatte meine Beine in den viel zu grossen Holzschuhen weit von mir gestreckt und blinzelte hinauf zum feingeschwungenen Südgrat des Brandlammhornes, das sich als schwarze Silhouette vor den bleicher werdenden Nachthimmel schob. In ungestümem Aufbäumen schiesst der Grat aus der Bergschulter, die nach Süden in runsendurchfurchten, plattigen Hängen zum Unteraargletscher abstürzt. Nach einem ersten wilden Aufschwung verflacht der messerscharfe Grat, als wollte er gleichsam einen Anlauf nehmen, um nachher um so kraftvoller zur feinen Spitze zu stürmen. Erinnerst Du Dich?

Damals äusserte ich den Wunsch, diesen prächtigen Grat einmal anzugehen. Der Hüttenwart, den wir noch am selbigen Abend befragten, konnte uns keine Auskunft geben. Er glaube nicht, dass schon jemand an diesem Grat herumgeklettert sei, wie auch das Brandlammhorn selbst — sehr zu Unrecht — ein richtiges Stiefkind der Gegend sei. Auch der gute alte « Dübiführer » wusste nichts von einer Besteigung zu erzählen. Sollte das nicht erst recht ein Grund sein, ihn zu versuchen? Doch jener Sommer verstrich und auch der folgende. Andere, « berühmtere » Fahrten lockten, und beinahe wären die Brandlammhörner mit ihrem unbekannten Südgrat in Vergessenheit geraten.

Nun war doch noch der « gute alte Dübiführer » schuld, dass ich mit meinem Freund Hans und dem für Neufahrten stets begeisterten Franz von Bergen über den luftigen Grat geklettert bin. Der Band V des « Hochgebirgsführers durch die Berner Alpen » soll nun endlich doch entstehen, womit eine oft empfundene Lücke in diesem Werk geschlossen werden dürfte und das herrliche Alpengebiet östlich des Finsteraarhorns bis zur Grimsel seine verdiente Würdigung erfahren wird. Gab es eine bessere Gelegenheit, meinem alten Schwärm die Reverenz zu erweisen?

Der erste Anstieg durch die schuttdurchsetzte, steile Rasenmulde des Triftbaches brachte keine Schwierigkeiten. Wir hatten nur einige Mühe, mit unseren etwas zu kurz geratenen Beinen den weitausholenden Schritten des Haslitalers zu folgen. Heute werden Dir noch einige Steinmannli den bequemsten Weg auf die Trümmerterrasse weisen, die sich hoch über dem Unteraargletscher am Fuss der vielzackigen Gratkette vom Bächlistock bis zum Juchlistock hinzieht und als lohnender Höhenweg von der Lauteraarhütte zum Grimselhospiz bezeichnet werden darf.

Wir querten durch die Firnmulde hinüber zum Südgrat, der sich hier in seiner ganzen imponierenden Länge und scheinbaren Unnahbarkeit präsentiert. Ein aufgescheuchtes Gemsrudel floh in mächtigen Sätzen talwärts. Im kalten Morgenschatten verbanden wir uns durch das Seil. Mit der Behendigkeit einer Katze arbeitete sich Fränzel über die gutgriffigen Platten, die links eine tiefe Rinne am südlichen Gratfuss begrenzen. Seillänge um Seillänge schoben wir uns durch die Verschneidungen empor, und eine halbe Stunde nach dem Einstieg konnten wir beglückt auf dem Gratkamm die wärmende Morgensonne begrüssen. Es war nicht leicht, auf diesem « Messerrücken » einen einigermassen bequemen Sitzplatz für uns drei zu finden. « Déjeuner, deuxième Service » verkündete mein Freund, während ich mir zwischen zwei Gratzacken auf dem Reserveseil einen luftigen Thron zurecht nistete.

In der Tiefe zitterten zarte Nebelschleier über dem Stausee und verloren sich gegen Osten in bläulichem Dunst, über dem die wohlvertrauten Urner Berge ein goldig gleissendes Diadem in den klaren Morgenhimmel zeichneten. Ich schaute über unseren Aufstiegsweg hinunter zur schmucken Hütte auf dem weit in den Gletscher hinausragenden Felskopf. Ein feines, blaues Räuchlein stieg kerzengerade zum Himmel und durchschnitt als duftiger Faden die graue, wuchtende Ostwand des Finsteraarhorns im Hintergrund. Weit drüben leuchtete der Silbermantel des Gross Lauteraarhorns, dem noch das Schreckhorn über die Schulter schaute.

Ein Zupfen am Verbindungsseil weckte mich aus meinen TräumereienJa, wirklich, der Weg war noch weit und konnte noch allerlei Überraschungen bringen. Besonders der letzte Aufschwung zum Gipfel versprach, aus dieser Perspektive gesehen, eine harte Probe zu werden. Zuerst in leichter, abwechslungsreicher Kletterei über unzählige kleine Gratzacken und Scharten, bald links, bald rechts um messerscharfe Platten turnend, erreichten wir bald eine breite Scharte, die nach Westen als steile Platte abfällt. Hier bäumt sich der Grat plötzlich in abweisender Steilheit auf. Eine leicht überhängende, ca. 3 m hohe Wandstufe sperrt den Weiterweg. Rechts schiesst die Gipfelwand ungegliedert in die Tiefe, kein Durchkommen! Fränzel stieg nach rechts einige Meter über die Platte ab und verschwand, nachdem er die Schulter meines Freundes als Trittbrett benützt hatte, um die Felskante. Aber auch dort schien der Durchstieg sehr heikel. Unendlich langsam kroch das Seil um die Kante. Einmal fuhr polternd ein riesiger Block in die Tiefe. Seit Jahrtausenden mochte er wohl an diesem Platz gelegen sein, bis ihm nun ein menschlicher Fuss das Gleichgewicht raubte. Minuten vergingen, und noch waren kaum zehn Meter Seil ausgelaufen. Da, endlich tauchte ein lachendes Gesicht über dem Überhang auf. Er hatte es bewältigt. Doch wies er uns an, direkt den Überhang anzugehen — « nume em Wägli no ». Aber was für ein WegleinI Ich beobachtete meinen Freund, der, voll ausgestreckt, einen winzigen Griff zu erhaschen suchte. Kraftvolles Anziehen, ein zweiter Griff, aber noch immer fanden die Füsse keinen Halt. Der kleine Appenzeller schnaufte und pustete, wie Anno dazumal sein heimatliches Bähnchen. Dazu ein schadenfrohes Lächeln, von oben und von unten 1 Er hatte es wirklich nicht leicht, diese Stufe zu überwinden. Aber auch mir war nachher das Lächeln weggeblieben! Trotzdem ist die Stelle ohne technische Hilfsmittel zu bewältigen und gibt der Fahrt jenen prickelnden Reiz, den junge, tatenfrohe Bergsteiger nur begrüssen können. Das letzte Gratstück zum Ostgipfel war wohl etwas luftig, bot jedoch trotz der Steilheit keine besonderen Schwierigkeiten mehr.

Gipf elrast — ewig neues Erleben 1 Ich lag auf dem Rücken und betrachtete eingehend den unendlich langen, vielzackigen Verbindungsgrat zum Brunberg hinüber. Steingewordene Flammen, wild, ungezähmt und doch so lockend 1 — Neue PläneWerden sie gelingen? Im Norden trotzt das Ritzlihorn über dem Gleissen des Bächlifirns. Auch ein « vergessener » Riese im Berner Oberland!

Franz aber schaute schon längst hinüber zum Westgipfel des Brandlammhorns, unserem zweiten Tagesziel.

Ein mächtiger, nach Norden überhängender Felsturm — eine Zipfelmütze — sperrt den Sattel zwischen den beiden Gipfeln. Seine brüchige Gestalt vermochte uns nicht zu locken, um so mehr, als er auf der Nordseite leicht zu umgehen ist. Der Westgipfel bricht nach Osten in einer äusserst steilen, ungegliederten Wand in die Scharte ab. Vergeblich suchten Fränzels erfahrene Führeraugen nach kleinen Rissen oder Griffen, die einen direkten Durchstieg erlauben dürften. Aus dieser aussichtslosen Situation half diesmal der « gute, alte Dübiführer ». Man muss ihn nur richtig zu lesen wissen und den darin erwähnten « Nordaufstieg auf das östliche Brandlammhorn » als Wegweiser zum Ostaufstieg auf den Westgipfel benützenDu denkst wohl, ich sei verrückt geworden? Vergleiche aber die Zeichnung der beiden Gipfel auf der alten Siegfriedkarte mit der neuen Landeskarte, so werden, Dir die Umstände sofort klar, und dem guten, alten Dübiführer ist gar kein Vorwurf zu machen...

Wir stiegen also ca. 50 Meter durch das Nordcouloir ab und fanden eine steile Rinne, die direkt auf den Nordgrat des Westgipfels führt. Ein schmales Bändchen leitete in die beinahe senkrechte Verschneidung. Die Sache wurde doch etwas schwieriger, als es von unten den Anschein hatte. Oft sah ich nur noch die Schuhsohlen meines Vordermannes auf kleinsten Leistchen balancieren, hörte sein Schnaufen und Pusten und von hoch oben das befreiende Lachen des Haslitalers. Eine ganze Stunde hatte uns diese Stufe gekostet; dann legte sich die Wand etwas zurück, der Fels wurde griffiger, und bald standen wir auf dem Nordgrat, wenige Seillängen unter dem Westgipfel. Zweifellos hatten wir hier den Weg der Erstbesteiger gewählt, die sich jedoch ob der falschen Kartenzeichnung am Ostgipfel wähnten.

Ich hätte noch gerne nach den Spuren der sicherlich spärlichen Besucher dieses schönen Felsgipfels gesucht. Eine drohende, schwarze Wolkenwand, die sich mit grosser Geschwindigkeit aus dem Gaulikessel über die obere Bächlilücke schob, liess uns aber keine Rast. Es galt so schnell wie möglich vom exponierten Grat wegzukommen. Franz hatte sich von unserem Seil gelöst und war vorausgeeilt, eine Abstiegsmöglichkeit nach Süden zu suchen. Wir folgten dem leichten Westgrat und liefen so der Gewitterfront entgegen. Eine schwarzgraue Masse mit sturmzerfetzten Rändern, oft für Sekundenbruchteile durch giftiggelbe Blitze durchleuchtet, weissliche Wolkentürmchen vor sich herjagend und gegen den stumpfblauen Himmel graue Rauchschleier nachziehend — so bot die heranwuchtende Gefahr trotz allem ein herrliches Naturschauspiel. Als wilde Böen überfiel uns der Sturmwind. Das Schauspiel wurde ernst. Doch hinter dem nächsten Block hatte Franz bereits sein 40-Meter-Seil ausgeworfen, das uns im Sausetempo freipendelnd in ein tiefeingeschnittenes Couloir hinunterführte. Noch während wir über die steile Schneezunge abfuhren, erreichten uns die ersten Spritzer. Ein riesiger Trümmerblock am Fusse des Firnfeldes bot gasth'cheUnterkunft, während « draussen » der hochsommerliche Schauer niederging.

Nun sitze ich wieder vor der sonnenwarmen Hüttenwand; die Füsse in den viel zu grossen Holzschuhen weit von mir gestreckt und schaue zurück zum feingeschwungenen Südgrat des Brandlammhornes. Der gute, alte Dübiführer war schuld...

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