Grenztour Schweiz - Rückblick auf ein alpinistisches Medienereignis

Robert Bösch, Oberägeri

Andrea Vogel, der ( Grenztour-Gänger ), auf dem Piz Bernina Bedeutung und Gewicht des publizistischen Umfeldes Sensationelle Leistung oder hochgespieltes Medienspektakel?

( Einer will der ganzen Welt beweisen, dass das scheinbar Unmögliche möglich istEi-ner geht auf der Grenze an seine persönliche GrenzeFernsehen, Presse, Begleitteam mit Bus, ärztliche Betreuung. Mancher mag sich gefragt haben, ob heute eine aussergewöhnliche Leistung nur noch mit hochge-spieltem Publizitätsrummel - wo entscheidende Zwischentöne fast zwangsläufig wegfallen - und grossem materiellen und organisatorischen Aufwand durchführbar ist. Ein Unterfangen im Stil der Grenztour wahrscheinlich zwangsläufig: Drei Monate unterwegs zu sein mit Rennvelo, Mountain Bike, Gleitschirm, Kajak und zu Fuss, ohne den vorgegebenen Grenzkorridor zu verlassen, erfordert logistische Unterstützung. Und das kostet Geld. Doch Sponsoren schenken normalerweise nichts, sie wollen Gegenleistungen sehen - zunächst einmal in Form von Medienpräsenz. Sicher, dem Akteur war das Aufhebens um seine Person wohl ebenfalls nicht unerwünscht, bei welcher aussergewöhnlichen Leistung ist nicht auch immer der Wunsch nach Anerkennung und Ruhm mitbeteiligt? Allerdings, soll die Leistung bewertet werden, darf man nicht der Gefahr erliegen, diese nur auf Grund des Medienwir-bels zu beurteilen. Dadurch entsteht fast zwangsläufig ein falsches, zumindest aber ein einseitiges Bild der alpinistischen Aktivitäten. Neben den gross ausgeschlachteten Unternehmungen finden nämlich immer noch viele herausragende Leistungen in den Medien kaum Erwähnung. So sind einigen Schweizer Spitzenalpinisten Besteigungen gelungen, die, von den Medien und der Schweizer Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen, im internationalen Vergleich zu den absoluten Topleistungen zählen und diejenigen viel bekannterer Sportler zum Teil weit in den Schatten stellen.

Nicht primär alpinistische Ziele Wegen des typisch schweizerischen Grenzverlaufes ist die Grenztour zu einem wesentlichen Teil ein alpinistisches Unterfangen und darf deshalb an diesen Kriterien gemessen werden. Auch wenn Andrea Vogel Frühmorgendlicher Aufbruch vom Bivacco Colombo oft gezwungen war, an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu gehen - und das will etwas heissen -, zählt die Grenztour bestimmt nicht zu den grossen alpinistischen Leistungen, als die sie oft dargestellt wurde. Der drei Kilometer breite Grenzkorridor ist in diesem Gelände zu breit. Eine wirkliche Herausforderung wäre eine Alpentraversierung, die sich exakt an den Grenzverlauf hielte. Trotzdem zählen einige Etappen zu den anspruchsvollen hochalpinen Überschreitungen, und abenteuerliche Situationen hatte Andrea Vogel mehrere zu bestehen. Denn wegen seines Zeitplanes konnte er bei Schlechtwetter oder gefährlichen Verhältnissen nicht einfach umkehren oder abwarten. Die Grenztour'war aber ein Unterfangen, das nicht in erster Linie ein alpinistisches Ziel 1 Dauer: 83 Tage. Start am I. Juli 1991 in Basel; Ankunft am 21. September am selben Ort.

verfolgte, sondern bei dem das Durchhaltevermögen im Rahmen eines mehrmonatigen Willens- und Konditionstestes im Vordergrund stand. Die sind entsprechend beeindruckend: 1882 km Luftlinie, 120 km Höhenunterschied, 4000 Leistungskilo-meter, 151 Gipfel, 83 Tage sozusagen täglich unterwegs, oft zwölf und mehr Stunden, immer innerhalb des vorgegebenen Grenzkorridors von 3 km ( mit zwei Ausnahmen ).

Die Umsetzung einer Idee Das Aussergewöhnliche der Grenztour liegt eher in einem anderen Bereich und hebt sie deshalb über den Charakter eines reinen Konditionstestes hinaus: Spätestens nach der Diretissima Schweiz wird wohl in diversen Köpfen die Idee von einem logischeren, aber ebenso schweizerischen Projekt aufgetaucht sein. Statt einer mit dem Lineal gezogenen Linie zu folgen, die zwangsläufig nichts mit den natürlichen Gegebenheiten ei- ner Landschaft gemein hat, gäbe es doch -wiederum dank der idealen Grösse unseres Landes - die Möglichkeit, die Schweiz zu umrunden. Eine vernünftigere Routenwahl ist damit garantiert, denn die Grenze hält sich ja über weite Strecken an markante Ge-ländeverläufe. Andrea Vogel ist mit Sicherheit nicht der einzige, der sich die Umrundung der Schweiz ausgedacht hat, doch er hat seine Idee umgesetzt, hat alles oder zumindest vieles auf diese Karte gesetzt, um seinen Traum zu verwirklichen. Und damit unterscheidet er sich grundsätzlich von allen andern. Von jenen, die später sagten, dass sie diese Idee schon lange gehabt hätten, aber auch von denen, die bei irgendwelchen organisierten Härtetests und ähnlichem ebenfalls versuchen,

Eindrücke aus einer anderen Perspektive Während der ganzen Tour wurde Andy Vogel vom Begleitteam unterstützt. Dieses sorgte für Verpflegung, Übernachtungsmöglichkeiten, Materialnachschub und Kontakt zur Aussenwelt. Insbesondere mussten Treffpunkte und alle sonst wichtigen Fragen mit den jeweiligen Begleitern von Andrea Vogel vereinbart und besprochen werden. Auf vielen Abschnitten wurde er von ( Spezialisten ) und Gebietskundigen begleitet: Bergführern, Gleitschirm-Passagierpiloten, Seglern, Velofahrern usw. Ich begleitete Andrea Vogel als Fotograf und Bergführer während fünf Tagen. Die ( Übergabe ) an mich erfolgte in der Fornohütte, von wo aus wir das Berninamassiv durchquerten und weiter der Grenze südwärts folgten bis nach Campogo-logno hinunter. Während dieser Zeit lernte ich Andrea Vogel und das Unternehmen Grenztour näher kennen - und einiges sah anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte.

Am Piz Glüschaint, auf der zweiten Tagesetappe zum Bivaco Paravicini Andrea Vogel - Herr der ( Grenz-)Steine Erster persönlicher Kontakt ( Wie war 's, mit diesem Vogel unterwegs zu sein ?) Die Frage des Fernsehreporters an den Bergführer Erwin Kilchör liegt auf der Hand: Andrea Vogel, zur Zeit Schweizer Grenzgänger, hat offensichtlich den Ruf, seinem Namen gerecht zu werden. Ein einsamer Vogel assoziiert geradezu das Attribut ( komisch ). Und Andrea ist ein einsamer Vogel auf seiner Schweizer Runde.

Ich habe einiges an Ungereimtem im Zusammenhang mit dieser Grenztour gehört, und das erfüllt mich nicht gerade mit Zuversicht für die kommende Zeit. Hier in der Fornohütte im Bergell findet die ( Stabübergabe ) an mich statt: Die nächsten fünf Tage werde ich der Begleiter von Andrea sein. Ich bin froh, dass Erwin sich lobend über das Können und die Leistungsfähigkeit von Andrea äussert. Ich kenne Andrea nur vom Telefon Photo: Robert Bosch und einer kurzen Fernsehsendung. Im Moment wirkt er müde, fast etwas apathisch. Trotzdem muss noch vieles besprochen und organisiert werden. Ich habe den Eindruck, er ist nicht gerade mit Eifer bei der Sache, obwohl es wichtig wäre, denn die nächsten paar Nächte werden wir in kleinen Biwakschachteln verbringen, ohne Bewirtung und weit weg von jeder Zufahrtsstrasse.

Hinauf und hinunter: Begegnungen und Gedanken unterwegs Kurz vor fünf Uhr stehen wir auf. Frühstücken, dann marschieren wir im ersten Dämmerlicht ab. Ein schmaler Fusspfad, später Geröll, einige Schneefelder. Nach einer guten Stunde haben wir den ersten Übergang erreicht. Kurt, der uns bis hierher begleitet hat, ist vollkommen verschwitzt, strahlt aber immer noch Begeisterung und Zuversicht aus. Er gibt uns noch seinen Tee, bevor er sich auf den Rückweg macht. Sibylle, eine Freundin Andreas, will noch ein Stück weiter mit uns kommen. Über Geröllfelder und Grashänge steigen wir zum Murettopass hinunter. Um sieben Uhr sind wir dort. Ein älterer Mann kommt heraufgeschwitzt.

Sibylle verabschiedet sich von uns, von Andrea. Sie steigt ab Richtung Maloja, während wir über steile Geröll- und Grashänge ostwärts aufsteigen, immer der Grenze nach. Ich beginne zu ahnen, was diese Grenztour bedeutet: Rauf und runter, rauf und runter und nochmals rauf und runter, ohne Ende.

Die heutige Etappe stellt uns allerdings vor keine allzugrossen Probleme. Zehn Stunden sind wir trotzdem unterwegs und legen dabei zweitausend Höhenmeter zurück, bis wir an unserem Tagesziel eintreffen, dem Bivacco Colombo. Die kleine Blechschachtel liegt auf etwa dreitausend Meter, oberhalb einer weiten Gletscherfläche auf einem Felssporn. Ein herrlicher Platz.

Seit wir unterwegs sind, ist Andrea viel gelöster, wir verstehen uns gut. Hier gibt es nichts zu organisieren, keine Filmaufnahmen, keine Fragen, keine Probleme. Andrea ist gelaufen wie eine Maschine, scheinbar unermüdlich, doch jetzt holt ihn die Müdigkeit ein.

In sechs Stunden über sechs Dreitausender Der nächste Tag wird kürzer, weniger anstrengend, aber alpinistisch interessanter: Wir werden uns fast genau an die Grenze halten und über den oft scharfen Fels- und Firngrat klettern, der das Rosegtal nach Süden begrenzt. Sechs Dreitausender stehen auf dem Programm. Noch vor Tagesanbruch beginnen wir mit dem Frühstück. Andrea kommt kaum aus den Wolldecken. Seit Wochen steht er in der Dunkelheit auf, egal wann er am Abend zuvor ins Bett kam und wie kaputt er war. Doch sobald er die Grenze wieder unter die Füsse nimmt, scheint die Müdigkeit verschwunden. Er geht einfach.

Wir klettern ohne Seilsicherung über die Felswand, die gleich hinter der Biwakschachtel beginnt. Schon bald kommen wir auf den Grat, dem wir in kurzweiliger Kletterei zum Piz Glüschaint folgen. Stellenweise ist er so scharf, dass wir uns regelrecht an der Grenzlinie festhalten. Nach sechs Stunden erreichen wir das Paravicini-Biwak. Eine schöne, nicht sehr anstrengende Etappe liegt hinter uns. Andrea ist froh darüber. Denn der morgige Tag wird mit Sicherheit anstrengender und schwieriger. Er weiss, dass er mit seinen Kräften haushälterisch umgehen muss. Einige Male schon war er gezwungen, auf seiner Grenztour weit über seine Grenzen hinauszugehen. Mehrmals war er restlos ausgepumpt und vollkommen erschöpft angekommen. Und am nächsten Morgen musste er weitergehen. Viel Auf-munterndes vom Begleitteam habe er in solchen Situationen nicht erlebt, beklagt er sich. Oft fühlte er sich im Stich gelassen. Zwischen ihm und den Leuten, die ihn begleiten, läuft bei weitem nicht alles reibungslos.

Risiko und schonungsloser Leistungsdruck Andrea, ob im Recht oder Unrecht, blieb nichts anderes übrig als wegzustecken. Seine Aufgabe war und ist klar: Weitergehen, immer weiter. Rauf und runter, über Stock und Stein, über Geröllhalden und knietiefen Schnee, über blanke Gletscher, durch Folgende Doppelseite Am dritten Tag auf der vom Piz Bernina zum Piz Palü undurchdringliches Gebüsch, über ausgesetzte Grate und haarsträubende Abseilstrecken. Immer nur ein Ziel vor Augen: Das Tagesziel, nur dies gilt es zu erreichen. Und hat er es erreicht, dann möchte er nur noch eines, nämlich nichts mehr. Doch das geht nicht. Treffpunkte mit dem Begleitteam müssen exakt festgelegt werden, die Presse will Interviews, und fürs Fernsehen und Fotografen muss oftmals noch einiges nachgestellt werden. Die Geister, die er rief, die wurde er nicht mehr los. Darf er nicht mehr los werden, denn sonst geht bald nichts mehr. Andreas Stärke ist nicht so sehr seine ( gute ) Kondition oder seine Technik in den verschiedenen Disziplinen, vielmehr ist es sein Wille.Vielleicht ist es auch die Situation: So einfach kann er nicht mehr aussteigen. Die Schweiz schaut mal wieder auf ihre Grenze. Andrea trifft mit seinem Unterfangen auf eine Öffentlichkeit, die mehr als zugänglich ist für solche . In einer Zeit, in der immer mehr Schweizer zu erkennen glauben, dass sie verkannte Abenteurer der ganz harten Sorte sind, und dies kundtun, indem sie sich täglich mindestens zweimal mit ihrem Fourwheeldrive-Jeep durch die verstopften Strassen von Zürich kämpfen oder, wenn es hoch kommt, sich zu einer Pfadi-Mutprobe a la Bungi-Jumping hinreissen lassen, da ist natürlich das Interesse an einem solchen Abenteuer-Härtetest schon vorhanden. Doch für Andrea Vogel wurde seine Idee zu einem Test, bei dem nicht nur Härte und Durchhaltewille, sondern auch Risikobereitschaft und Nerven gefragt sind. An vielen Orten bestand die einzige Sicherheitsgarantie nur darin, keinen Fehler, keinen Fehltritt zu machen. Kein exakt berechnetes Gummiseil hätte den Fall kurz vor dem Aufprall sanft abgebremst. ( Risiko gehört nun mal zu dieser Grenztour. Wäre ich nicht bereit, eine gewisse Portion Gefahr in Kauf zu nehmen, hätte ich gar nie zu starten brauchen ), ist seine realistische Einschätzung.

Vorbereitungen für eine hochalpine Tagesetappe Dass er nicht einfach den Weg des geringsten Widerstandes gehen will, beweist die morgige Etappe. Wir könnten innerhalb des Grenzkorridors bequem das ganze Berninamassiv durchqueren. Doch wir haben geplant, auf einer der anspruchsvollsten Routen auf den Piz Bernina zu klettern. Andreas ursprünglichen Plan, über die Nordwand des Piz Roseg ab- und anschliessend über die Westwand des Piz Bernina hochzuklettern, erachtete ich bei den herrschenden hohen Temperaturen wegen der Steinschlaggefahr als zu riskant. Andrea lässt sich von meinem Vorschlag - den Piz Bernina über den Gipfel des Piz Scerscen zu erreichen - überzeugen. Weniger anspruchsvoll ist diese Route bestimmt nicht. So ist eigentlich alles klar für den nächsten Tag - sofern es mit dem Materialnachschub zu uns herauf klappt. Und es klappt. Plötzlich hören wir Gejohle. Neben der Biwakschachtel erscheint Kurt mit einem riesigen Rucksack und genauso verschwitzt, wie wir ihn vor zwei Tagen verabschiedet hatten. Er lacht über das ganze Gesicht: Seine erste Bergtour! Mit seinem Begleiter, Robert Ruckstuhl, der sich dazu kurzentschlossen zwei Freitage genommen hat, ist er heute im Morgengrauen mit dem Mountain Bike ins Rosegtal gefahren und von dort in sieben Stunden über den zerklüfteten Gletscher hochgestiegen, um uns das notwendige Material zu bringen. Jetzt steht der Tour von morgen nichts mehr im Wege. Nach einem kurzen Schlaf beginnen wir um ein Uhr mit Kaffeekochen und stopfen Müesli in uns hinein. Die kauende Stille wird plötzlich vom Prasseln der Regentropfen auf dem Blechdach gestört. Wir schauen hinaus. Aus wolkenverhangenem Himmel regnet es in Strömen, und im Norden blitzt es. Ausgerechnet heute, vor der längsten und schwierigsten Etappe, schlägt das Wetter um. Der Regen wird immer stärker. Was sollen wir tun? Nochmals in die Wolldecken und wei-terdösen! Um halb fünf hört der Regen endlich auf. Ich rechne nochmals die einzelnen Wegstrecken zusammen. Wenn wir auf den Gipfel des Piz Roseg verzichten und von dessen Schulter direkt zum Beginn der ( Eisna-sen-Route ) des Piz Scerscen absteigen, sollte es noch reichen. Während der ganzen Tour werden wir ausschliesslich auf steinschlagsicheren Graten klettern und brauchen uns deshalb keine grosse Sorge wegen der durch die relativ späte Tageszeit bedingten Wärme zu machen. Und der Wetterbericht ist ja eigentlich gut.

Eine bergsteigerische Gewalttour Elf Stunden brauchen wir bis zum Piz Bernina. Die Kletterei ist stellenweise heikel, mehrmals müssen wir die Steigeisen anschnallen und wieder abziehen. Der Grat, der knapp unter der Viertausendermarke vom Piz Andrea Vogel auf seinem weiteren Weg um die Schweiz: Auch mit dem Mountain Bike geht es der Grenze entlang.

Scerscen zum Piz Bernina führt, ist eine Angelegenheit. Andrea ist überrascht von den Schwierigkeiten. Doch er bleibt ruhig, nimmt gelassen, was da noch kommen mag. Mal klettern wir exakt auf der Schneide des gezackten, auf beiden Seiten steil abfallenden Grates, dann wieder sind wir gezwungen, in die brüchige Südseite auszuweichen. Einige Male müssen wir abseilen - in diesem losen Gestein eine heikle, nervenkostende Angelegenheit. Endlich gelangen wir auf den schmalen und stark verwächteten Firngrat, der sich steil zur Gipfelwand emporschwingt. Diese ist mit einer feinen Neuschneeschicht überzuckert-viel-leicht die Schlüsselstelle der ganzen Tour. Äusserst vorsichtig klettere ich die ersten vierzig Meter hoch, um ja keinen losen Griff 83 Gleitschirm-(Passagier-Flug hinunter ins Rheintal in die Gegend von Sargans zu belasten oder mit dem Steigeisen einen Stein zu lösen, denn der Standplatz von Andrea befindet sich genau in der Fallirne. Ebenso vorsichtig steigt Andrea nach, und nach zwei weiteren Seillängen erreichen wir den Vorgipfel und wenige Minuten später den Piz Bernina. Der letzte Viertausender auf seiner Tour. ( Von nun an geht 's bergab ), sinniere ich über Andreas Weiterweg. Ja, das habe er auch schon einmal gesagt, auf der Dufourspitze, lacht Andrea. Es sei inzwischen aber doch noch einige Male wieder bergauf gegangen. Recht hat er. Auch heute führt unser Weg noch einige Male nach oben. Wir lassen es uns nicht nehmen, im Vorbeigehen den Piz Palü zu besteigen. Nach insgesamt fünfzehn Stunden erreichen wir um etwa acht Uhr abends das Sasso-Rosso-Biwak, eine kleine Biwakschachtel auf der Südseite des Piz Palü. Zehn Dreitausender und ein Viertausender, das die Bilanz der letzten Tage.

Menschenleere Grenzgebiete Während der nächsten zwei Tage kommen wir durch wilde und einsame Gegenden im Niemandsland zwischen der Schweiz und Italien. Zuerst noch stark zerklüftete Gletscher, ausgeaperte und steinschlaggefährliche Couloirs, dann nur noch Moränenschutt so weit das Auge reicht. Irgendwo in dieser gott- und menschenverlassenen Gegend begegnen wir auf einer von Grasbändern durchzogenen Felswand einem italienischen Kräutersammler. Er kennt sich hier aus und kann uns über den besten Weiterweg Auskunft geben. Trotzdem müssen wir immer wieder die Karte studieren. Doch endlich sehen wir weit unten die Alp, wo wir das Treffen mit dem Begleitteam vereinbart haben.

Allerdings sehen wir den roten Grenzbus nirgends. Ein genauer Blick auf die Karte erklärt alles: Es handelt sich um die falsche Alp! Zuerst müssen wir deshalb noch den Gebirgszug am Horizont überschreiten, bevor es dahinter wieder abwärts geht. Das ist wohl Grenztour-Alltag. Immer von neuem über einen Berg ins nächste Tal und auf seiner andern Seite wieder empor.

Mit dem Unvorhergesehenen leben Wegen eines Verständigungsfehlers klappt es nicht mit dem vereinbarten Treffpunkt, doch werden wir auf der Alp von der Familie Zanoli herzlich aufgenommen und bewirtet. Auch wenn es uns ärgert, dass wir das geplante Tagesziel nicht erreichen, geniessen wir es, einfach herumzuliegen. Wird es halt morgen eine lange Etappe werden. ( Das Unvorhergesehene gehört nun mal zu meinem Unternehmen. Mit dem muss ich fertig werden wie mit dem schlechten Wetter. ) Andrea verbeisst sich nicht in Probleme.

Empfang in Basel: Andrea Vogel hat nach fast 3 Monaten sein Ziel erreicht.

Er konzentriert sich auf seine Hauptaufgabe, weitermachen.

Um Mitternacht treffen die Begleiter doch noch ein. Und so können wir die schwere Bergausrüstung gegen leichte Wanderbekleidung tauschen. Der nächtliche Aufbruch beschert uns erst mal viel Ärger: In der Dunkelheit suchen wir verzweifelt nach vermeintlichen Wegspuren im nassen, steilen und unwegsamen Staudengelände. Doch der Rest des Tages wird zu einem richtigen Wandergenuss. Bei strahlendem Wetter ziehen wir über Alpen und Pässe südwärts, bis es durch steile Lärchenwälder nach Campo-gologno hinuntergeht. Für mich der Punkt, an dem ich mich wieder dem Landesinnern zuwenden kann, für Andrea nur ein nächster Etappenort.

Das Ziel ist noch fern Die folgenden Wochen wird es in gleicher Weise weitergehen: Am Abend wird er müde und ausgelaugt ins Bett sinken und frühmorgens ebenso angeschlagen aus den Wolldecken kriechen. Die Knie werden weiterhin schmerzen, die Muskeln verspannt sein. Und dann wird er wieder gehen, gehen, scheinbar unermüdlich. Nur ein Ziel vor Augen: Das Tagesziel - irgendwann wird es Basel sein.

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