Grosse Wand am Finsteraarhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

am Finsteraarhorn

Heinz Leuzinger, Andermatt

Bilder i und 2 Der frühe Samstagnachmittag des 18. August sieht zwei schwer beladene Gestalten auf dem langen Weg zur Strahlegghütte. Gross ist die Hitze und mächtig der Durst. Im hellen Sommerlicht gleissen die Gletscher der Fiescherhörner rechter Hand des Aufstieges. Links wuchten die aperen Gneisfelsen in ihrer typisch rötlichen Farbe zum Gipfel des Schreckhorns empor.

Prüfend untersuche ich die Nordwandverhält-nisse und verspüre dabei ein etwas beklemmendes Gefühl. Die Bedingungen sind dieses Jahre seltsam: In den Eiswänden ist viel Blankeis und wenig Schnee sichtbar, während in den nordseitigen Felsen hoher, schwerer Schnee liegt. Kurt macht die gleiche Feststellung wie ich. Doch nur jetzt nicht zweifeln! Beide verleugnen wir voreinander die für die geplante Tour wenig aussichtsreiche Beobachtung, und gewaltsam ignorieren wir den wahren Sachverhalt. « Auf der Südseite des Ostwandpfeilers wird es sowieso schneefrei sein », wird argumentiert, während man vom Freund eine bestätigende Antwort erwartet.

Endlich, nach vier Stunden Eilmarsch - viele Leute haben wir überholt in der Hoffnung, noch einen Schlafplatz zu erhaschen -, erreichen wir die heimelige, grandios gelegene Strahlegghütte mit dem freundlichen Hüttenwart. Es sind schon viele Leute da, darunter auch Bekannte von uns. Gedankenaustausch: Wetter - Verhältnisse - Erfahrungen — morgiges Ziel. Auf die Frage, weshalb wir ausgerechnet in die im Führer als ausserordentlich brüchig beschriebene Route wollten, wissen wir nichts anderes zu antworten, als dass wir nun einmal feststellen wollten, ob der Führer recht habe oder nicht.

Früh beziehen wir das allzu überfüllte Lager. An Schlaf ist bei der Hitze und dem herrschenden Gedränge nicht zu denken. Einer älteren Dame, die — ausgerechnet neben mir - sich selber die verzweifelte Frage stellt, wie sie eigentlich in den Schlafsack hineinkommen soll, gebe ich den freundlichen Rat, dies kopfvoran zu versuchen, was im überfüllten Schlafraum natürlich Gelächter auslöst - Hüttenromantik.

Um i Uhr nachts wird es lebendig wie in einem Bienenhaus. Vorsorglich haben wir am Vorabend die gepackten Rucksäcke im Freien deponiert. Nun herrscht draussen ungewöhnliche Wärme, was man als Alpinist im Hochgebirge um diese Tageszeit nicht sehr gerne feststellt.

Nach einem herzlichen Abschied lassen wir noch vor 2 Uhr den hektischen Betrieb schnell hinter uns in der Dunkelheit zurück und sehen uns sehr schnell in der weiten Gletscherwüste uns selbst überlassen. Hell leuchtet der Mond, so dass die Stirnlampenbatterien gespart werden können. Sparen, für ein Biwak? Wir rechnen und hoffen, ohne ein solches auszukommen; also fort mit den negativen Gedanken!

Unendlich scheint der nächtliche Gewaltmarsch am Rande der unbegehbaren Spaltenlabyrinthe zum Finsteraarjoch, wo der junge Tag zu erwachen beginnt. Das Licht wischt die kalten und abstossenden Formen aus der uns um viele hundert Meter überragenden Wand und erwirkt eine entsprechende Wandlung in unserem Gemüt: Ein Glücksgefühl durchströmt mich augenblicklich; welche Freude, hier zu sein mit meinem alten Freund, am Fusse einer der ganz grossen Wände des Berner Oberlandes! Leider bleibt mir aber keine Zeit, den Anflug von Freude und Glück weiter auszubauen und auszukosten, denn es beginnt ernst zu werden. Daran erinnert mich Kurt, der bereits seine Eisausrüstung zurechtlegt. Als erstes Etappenziel in der Wand gilt es einen etwa 50 Grad steilen blanken Eishang horizontal zu traversieren, zum genau gegenüberliegenden Punkt 3199. Dieser Punkt bildet das unterste Ende des wuchtigen und gutausgeprägten Wand-pfeilers. Von hier zeigt sich dieser im Profil sehr steil und in eindrücklicher Geschlossenheit.

Konzentriert und schnell « eilen » wir durch den blanken Eishang mit der Befürchtung, dass iooo Meter höher oben die Morgensonne Steinfall auslösen könnte. Die erste Rast gönnen wir uns endlich auf dem Punkt der untersten Pfeilerfelsen. Bereits tief unter unseren Füssen strebt in gewundenen Linien der mächtige Finsteraargletscher talauswärts, und wir ziehen Vergleiche, welcher Anmarschweg wohl zweckmässiger und kürzer sei: der von uns gewählte von der Strahlegg aus oder von der Lauteraarhütte. « Es wird auf dasselbe herauskommen », einigen wir uns, da dieses Problem ja bereits nicht mehr aktuell ist.

Überraschend leicht geht es in festem Fels und in gerader Linie über den hier wenig ausgeprägten Pfeiler höher. Einmal kommen wir an einer noch gut erhaltenen Bandschlinge, die um einen grossen Block gelegt ist, vorbei. Sie stammt wahrscheinlich von den noch nicht vor sehr langer Zeit erfolgten Wintererstbegehung der Ostwand.

Obwohl ich versucht bin, über den Führer zu schimpfen und den festen Gneis zu loben, werde ich sehr schnell eines Bescheideneren belehrt. Bei Kurt bricht nämlich ein grosser Block aus und wirft ihn fast aus dem Gleichgewicht, während der Stein in viele kleine Trümmer zerbirst und mit einer kleinen Steinlawine durch eine Rinne hinunterjagt, in den Schlund des breiten Bergschrundes. In der Tat haben wir für heute das letzte Mal einigermassen festen Fels gesehen bzw. unter die Füsse und in die Hände bekommen. Es wird auch immer steiler und schwieriger und somit ratsam, Seillänge um Seillänge auf Kosten der Geschwindigkeit zu sichern, jedoch zugunsten der Sicherheit. Der Pfeiler ist hier nicht so steil und präsentiert sich bald als runder Rücken, bald als messerscharfer Grat, wobei sich rechts fürchterliche Abgründe öffnen, während linker Hand ein sonnenbeschienenes Steinschlagcouloir in die Tiefe zieht. Bei einem zweiten Zwischenfall bricht unter dem Freund ein etwa 2 Kubikmeter grosser Turm unter den Füssen zusammen, um, im darunterliegenden Couloir zersplitternd, eine direkte Bahn hinunter auf den Gletscher zu finden.

Schon sehr hoch oben nähern wir uns dem ge- fürchteten, äusserst brüchigen grauen Turm. Im Vergleich zu diesem Fels ist die Matterhorn-Nordwand aus festem Gestein! Ausgerechnet ich bin an der Reihe, als es gilt, eine abdrängende, auf die Nordseite führende und mit losen Blöcken versperrte Rampe und an deren Ende eine leicht überhängende Verschneidung zu begehen. Zum Glück sieht mich der Freund nicht, wie ich den Kampf in der vereisten Schattenseite auszufechten versuche. Einen Haken kann ich nicht schlagen. Beim Versuch, einen Profilhaken zu plazieren, dröhnt die ganze rechte Begrenzungswand hohl, und ich ziehe es vor, das Unterfangen aufzugeben. Mit angehaltenem Atem erreiche ich wieder den sonnenbeschienenen Grat, staunend, dass selbst der in Nordwänden routinierte Kurt beeindruckt ist.

Langsam weicht die Sonne aus der Wand. Nur noch knapp vermag sie die Südseite dieses Ostwandpfeilers zu streifen, auf 4000 Metern Höhe wenig Wärme spendend. Dafür müssen wir jetzt keine Angst mehr haben vor den in der Gipfelwand hängenden Eiszapfen, die nun sicher wieder für mindestens zwölf Stunden an ihren Felsvorsprüngen festgefroren bleiben. So hat eben alles sein Gutes; dafür dringt die Kälte durch die leichte Kleidung, und die Finger, vom Schnee und Schmelzwasser ausgelaugt, werden klamm. Eine Uhr haben wir beide nicht dabei. Wie spät ist es wohl? Vor Stunden einmal sahen wir hoch oben am Grat der Normalroute einige Bergsteiger. Erschrocken lugten sie die Wand hinunter, als ich jauchzte. Obwohl der Höhenmesser mehr als 4000 Meter zeigt, liegen etwa goo Meter der Wand unter uns; von der Routenbeschreibung haben wir erst etwa die Hälfte gelesen. Die Schwierigkeiten befinden sich ohne Zweifel im oberen Teil. Die Begehbarkeit der Felsen lässt sich schlecht im voraus feststellen. Als « leicht » beurteilte Stellen zeigen sich überraschenderweise manchmal als nicht frei erkletterbar, sind sogar glatt und senkrecht. Die Steilheit in dieser Wand ist enorm. Die Beschreibung weist in einer 40 Meter langen « sehr heiklen » Querung nach rechts.

Da wir auch keine andere Möglichkeit sehen, versuchen wir es. Über einem senkrechten Absturz beginne ich die Traverse, alle paar Meter das ioo-Meter-Doppelseil an herausragenden Felstrümmern zur Sicherung einhängend. Ob die Blöcke auch alle wirklich halten? Ich überlasse die Entscheidung dem Schutzengel.

Endlich nähern wir uns dem Ausstieg. Der Nordwestgrat ist ganz in der Nähe, und seine obersten Zacken erstrahlen noch im wärmenden Sonnenschein, während in unserer Wand ein kalter Hauch durch Mark und Bein dringt. Kurt triumphiert: « Mit der nächsten Seillänge kommen wir in leichtere Kletterei hinaus. » Aber wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn diese letzte Seillänge erweist sich als die schwerste der ganzen Wand: links eine überhängende, mit Wassereis überzogene Wand, rechts eine eisgepanzerte Steilrinne. Langsam wird uns klar, dass wir den Ausstieg nur unter Einsatz technischer Hilfsmittel erzwingen können. Ruhig und entschlossen beginnt Kurt die letzten Meter. Er befindet sich nur knapp unter dem Grat, während sich unter mir eine bodenlose Tiefe in grausiger Kälte öffnet. Sicher haben wir den richtigen Ausstieg verpasst. Doch Kurt arbeitet sich mit sicheren Bewegungen höher und schlägt zur Sicherheit mehrere der hochwertigen amerikanischen Stahl-Profilhaken.

« Nachkommen! » ertönt der Ruf, und mit Freude schlage ich die guten Haken wieder aus dem Fels, um plötzlich und unvermittelt oben auf dem Grat und in der Sonne zu stehen.

Zwei glückliche Hände greifen nacheinander. Schon lange sind wir gute Freunde. Aus beruflichen Gründen wohnen wir zwar weit auseinander, doch noch jedes Jahr haben wir zusammen eine grosse Wand « gemacht ». Dabei klappte das Zusammenspiel immer so, als ob wir tagtäglich miteinander klettern gingen.

Dieses Jahr war es also die Finsteraarhorn-Ostwand. Eine sehr brüchige, sehr harte, aber grossartige Wand, die uns einmalige Szenerien vermittelt hat und die wir nicht so bald vergessen werden.

Noch einige Meter bis zum Gipfel. Wir stehen am Ende eines langen Weges — am obersten Ende der grossen Wand am Finsteraarhorn, die uns nun zu Füssen liegt - und am Anfang des zweiten Ge-waltmarsches von heute, dem Weg zurück über die Gemslücke zur Oberaarjochhütte. Wir erreichen sie mit schmerzenden und nassen Füssen beim letzten Tageslicht.

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