Grosser Windgällen-Westgrat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Daniel Bödmer

Mit 1 Bild ( 69Neu-Allschwil ) Der Regen treibt uns über den Stäfelgletscher hinab. In heftigen, rauschenden Stossen fegt er hinter uns her und verfärbt das Weiss der arg zerfetzten Schneedecke zu matten und stumpfen Tönen. Nur das blaugrün zutage tretende Eis glänzt noch im allgemeinen Grau.

Triefend erreichen wir die vom sonntäglichen Touristenstrom bereits geräumte Windgällenhütte. Schwerfällig und schweigsam lassen wir uns um den Tisch nieder. Das von den Kleidern herabrieselnde Wasser bildet kleine Pfützen am Boden. Ungeheissen hat uns das Hüttenwarts-Ehepaar brodelnden Tee vorgesetzt, den wir gierig einschlürfen. Mit dem Erwachen unserer Lebensgeister löst sich allmählich unsere Zunge. Aus den bruchstückartig hingeworfenen Äusserungen, seien sie auch nur wie kurze Blitzlichter, lässt sich der Ablauf unseres Tages erahnen.

Mühsamer Aufstieg im Dunkeln auf dem hartgefrorenen Schnee zum obern Furggeli, wo uns mit dem Tagesgrauen die ersten Tropfen empfingen. Schwere Wolkenzüge rollten von Westen heran. Die ausgedehnte Südwand mit ihren zahlreichen Wasserfällen und Steinschlagrinnen trennte uns von unserm Grat. Ein Blick belehrte uns darüber, dass ein Wetter-einbruch uns hier den Rückweg abschneiden könnte. Also bittere Entsagung. Wir zwängten uns im engen Schacht zwischen Schnee und Fels wieder hinab und querten zum Stäfelgletscher hinüber. Es wäre nun naheliegend gewesen, sich mit der Normalroute durch die Südostflanke zufrieden zu geben. Aber nein: nobel muss die Welt zugrunde gehen. So wandten wir uns dem Ostgrat zu. Waren wir doch kopflose Neulinge, dass wir in unserer Verblendung zuerst versuchten, den Stäfelpass, den Ansatzpunkt dieses Grates, von links her zu erreichen! Erst als uns die sich überdachenden Platten abgewiesen hatten, lasen wir im Führer nach, dass ein Band, von einem einzigen stufenförmigen Knick durchbrochen, quer durch die ganze Flanke des Stäfelhorns ( P. 2918 ) von rechts den Zugang vermittelt. Die aus diesem Fehlgang resultierende weitere Stunde Zeitverlust kassierten wir stoisch ein. Bald darauf steckten wir in den Steinbrüchen der Nordflanke und mühten uns ab, nach Umgehung des grossen Abschlusspfeilers die Grathöhe wieder zu gewinnen. Wir machten uns mit gewaltigen « Räumungsarbeiten » und zahlreichen Einzelaktionen an wenig einladenden Kaminen und Wändchen zu schaffen, ohne indessen eine gangbare Route zu entdecken. Allmählich war das uns heute gewährte « meteorologische Gnadenbrot » aufgezehrt, und die ersten Tropfen liessen uns schleunigst das unsympathische Feld räumen - bereits zu spät, um der gründlichen Dusche zu entrinnen.

Nun sitzen wir niedergeschlagen in der Hütte und brüten Rachepläne aus. Die geschäftige Hüttenwartsfrau kann schliesslich ihre weibliche Neugierde nicht mehr bezähmen und stösst verstohlen Vater Epp an: « Wo waren sie denn eigentlich? » Dieser antwortet ohne jede Eile, indem er erstmals seine Pfeife in die Hand nimmt, mit einem behäbigen « Niena! » Vernichtender hätte unser alpines Todesurteil nicht formuliert werden können. Ja, zählt denn eigentlich nur der Gipfel? Haben wir in den Altmeistern nicht oft gelesen, dass man aus einem Misserfolg oft mehr lernen könne als aus einem Sieg und dass eine « Unvollendete » oft wertvoller sei als ein Dutzend Gipfel? 12 Stunden lang nirgends! Galt das alles nichts? Wir fragten uns ernstlich, ob wir nach einer solchen Einschätzung unserer « Leistung » überhaupt noch das Essen verdient hatten.

Zwei Jahre später. Hüttenwart Epp empfängt uns wie alte Bekannte mit einem feinen Lächeln um den pfeifenbewehrten Mund. Diesmal wird Petrus, wenn nicht alle Zeichen trügen, uns keinen Streich mehr spielen. Aber wir, werden wir der grossen Fahrt gewachsen sein? Wie ein Himmelsgeschenk kommt uns der unerwartet ruhige Hüttenabend vor. Ist es wirklich möglich, dass man bei so lachendem Wetter noch eine Nacht in einer bekannten alpinen Unterkunft verbringen darf, ohne vom Massenbetrieb fast erdrückt zu werden?

Kurz nach 2 Uhr tastet sich die lockere Kette baumelnder Laternen durch die klare Nacht. Schade, dass uns das Gelände nicht erlaubt, an das heute besonders Sternenreiche Firmament emporzublicken. Der Hüttenwart sieht die Glühwürmchen allmählich steigen, scheinbar schwerelos, und doch empfindet man das tappige Gewicht eines Menschenkörpers nie stärker und störender, als wenn man im Dunkeln noch etwas schlaftrunken weglos über Moränengeröll stolpert, gegen unsichtbare Hindernisse stösst, ausrutscht und mühsam sein Gleichgewicht zu bewahren sucht. Schon nach anderthalb Stunden stehen wir zusammen mit einer grossen Schar Mittouristen wieder im obern Furggeli. Steil bäumt sich die Südwand der Windgälle als glatter Schuppenpanzer auf. Etwa drei Seillängen erheben wir uns kletternd an ihrer Basis, bis wir ein ausgeprägtes Schuttband erreichen, das zunächst um eine Rippe herum und dann durch die ganze, wild zerfurchte Südwestflanke läuft. Sooft der Geröllbelag sich verringert und man in die hellen, geschliffenen Platten gerät, weiss man, dass man sich in der Gefahrenzone befindet. Blickt man empor, so gewahrt man jene oft in bizarren Formen in den Fels gemeisselten und gewaschenen Schluchten, aus denen Wasser und Stein unheilbringend in reissendem Sturz zur Tiefe fahren können.

Wir hatten gehofft, uns an die Fersen unserer Vorgänger heftend, gleichzeitig auf die Schulter des Westgrats gelangen zu können. Der kleine Rückstand, den wir durch einen kurzen Fehlgang wegen zu sklavischer Anlehnung an den hier ungenauen Führer ( er spricht von einem absteigenden statt ansteigenden Band ) erlitten, kostete uns per Saldo anderthalb Stunden - jene Zeit nämlich, die mehrere Seilschaften für das heikle Umgehungsmanöver am Steilaufschwung in der Südwand benötigen. Und das kam so: Sämtliche « Abfalle » der Kletterarbeit trichtert nämlich ein Couloir, das den Ausstieg aus dem Band vermittelt. Als wir eben im Begriff waren, es zu betreten, begann auch schon eine schauerliche Kanonade, die einen undurchdringlichen Sperrgürtel zwischen uns und dem nahen Grat legte. Da kollerten bald grobe Brocken dröhnend in die klaffende Wunde des Berges, bald prasselte eine Salve gegen seine blankgescheuerten Lenden, bald pfiffen unsichtbare Kleingeschosse unheimlich durch die Luft. Vor den unberechenbaren Ricochet-Einschlägen mussten wir sogar noch ein Dutzend Meter zurückweichen und uns in eine kleine Höhle verkriechen. Endlich, als schon lange niemand mehr sichtbar war, beruhigte sich allmählich die Wand, und wir konnten uns beim Beginn der eigentlichen Kletterei aufstellen ( eineinviertel Stunden vom Obern Furggeli ).

Ein kaum angedeutetes Gesims mit mosaikartigen, abschüssigen Trittchen und Stütz-griffen zieht sich diagonal durch die helle, glatte Kalkwand empor, unterbrochen, von zwei gegeneinander verschobenen, senkrecht nach oben strebenden Kaminen. Besonders der erste, durch einen Haken in 20 m Distanz gesicherte Abschnitt dieser Ausweichstelle ist heikel und wäre bei nassem Fels kaum zu begehen. Beim Erstemmen der Kamine konnte mein Kamerad die « Zweckmässigkeit » von Gestellrucksäcken ziemlich gründlich ausprobieren. Aus feuchtem Schlünde aufgetaucht, finden wir über eine schuttbedeckte Felstreppe bequem zur Grathöhe zurück, worauf wir einen bovistförmigen Felskopf auf feinen Leistchen nochmals in derselben Flanke umschleichen müssen. Erstmals eröffnet sich nun dem Blick der uns bevorstehende Zackengrat mit seiner orgelpfeifenartigen Struktur als weit ausladendes Hufeisen. Zunächst turnt man so richtig unbeschwert auf feingriffigem Fels der scharfen Kante entlang, bis die Kletterei sich beim Herannahen der Reihe von steil aufgerichteten, markanten Türmen wieder dramatisiert. Noch während des Abstiegs zur vorgelagerten Scharte scheint jeder Weiterweg verrammelt. Doch tut sich plötzlich ein Felsloch auf, durch das man schlüpfen und erstmals auf die Nordseite hinüberwechseln kann. Eine glatte Platte vermittelt einen längern exponierten Quergang in dieser Flanke. Auf hinausdrängenden mürben Bändern hangeln wir nun über eindrucksvollen Abgründen mehrere Seillängen an den grössten Hindernissen vorbei. In tiefgrüne Matten gebettet leuchtet der Seeweli-See blau herauf und schickt uns das Geläute der weidenden Kühe.

Nachdem der Gratkamm wieder erreicht ist, lässt die Spannung nach. Fast horizontal bietet er sozusagen einen Promenadenweg, über den man sich rasch dem Gipfelaufbau nähert. Nur ein gespaltener Doppelgendarm gibt uns nochmals eine Knacknuss zum Beissen auf. Kaum getraut man sich, das schmale, zerbrechliche Gebilde zu betreten und gar mit Spreizschritt seinen tiefen Einriss zu überbrücken. Wir schliessen hier einen Kompromiss zwischen dem allgemein bewährten Leitsatz, sich möglichst streng an die Gratschneide zu halten, und der Versuchung der scheinbar bequemeren Flankenumgehung. Wir gelangen derart in den Grund des trennenden Felseinschnittes, aus dem wir uns in grosser Beengung auf die zweite Hälfte des Gendarms emporarbeiten. Der Abstieg von dieser Schindmähre bleibt ein Problem, bis man ganz überraschend einen Längsriss gewahrt, der zwar exponiert, aber sicher in die nächste Lücke leitet. Dem benachbarten, unersteigbaren Turm geht man nochmals rechts aus dem Wege, und dann ist die abwechslungsreiche Kletterei, vor deren Länge einem anfänglich gegraut hatte, doch plötzlich allzu rasch beendet. Mitten aus den letzten Felstrümmern des nun stark verwitterten Grates ragt noch ein senkrechtes, solid gestuftes Wändchen auf, das uns einen unerwarteten Kletter-Dessert schenkt. Wenige Minuten später stehen wir auf dem Westgipfel. Sechs genussreiche Stunden liegen hinter uns, ohne Hast und unbehelligt von Wettersorgen, eine Kletterei, wo Anspannung und leicht-füssiges Dahingleiten einander ablösen, wo man nach Belieben Ruhepausen einstreuen und sich dem Zauber der Tief blicke und des Höhengefühls hingeben konnte. Zweimaliges Abseilen von zusammen etwa 35 m bringt uns in mühelosem Schweben in die Scharte zwischen den beiden Windgällen-Gipfeln. Und dann folgt als kurzes Nachspiel der einfache Normalabstieg vom Ostgipfel auf den Stäfelgletscher.

Wieder ist die Hütte bis auf den Hüttenwart leer, aber diesmal ziehen wir nicht mit hängenden Köpfen und zusammengepressten Lippen ein, sondern mit leuchtenden Augen und munterm Zuruf. Vater Epp teilt sichtlich unsere Freude, und ein breites Schmunzeln geht über sein wettergebräuntes Antlitz. Geduldiges Werben um den Berg, mögen die Misserfolge und die Enttäuschungen noch so anhaltend sein, findet immer eines Tages seine Belohnung, die um so beglückender empfunden wird, als sie bitter erkauft oder erdauert werden musste.

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