Grosshorn-Nordwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ernst Feuz.

Mit meinem Bergfreund und Schulkameraden Walter von Allmen verliess ich die einfache Sennhütte auf der Tanzhubelalp, Sonntag, den 8. Juli 1934, 230 Uhr. In knapp drei Stunden erreichten wir die oberste Randkluft an dem Beginn der Grosshorn-Nordwand, die am 25., 26. und 27. Juli 1932 von Willy Weizenbach, Alfred Drexel, Hermann Rudy und Erich Schulze erstmals durchstiegen wurde 1 ).

Jenseits des Bergschrundes legen wir Seil und Steigeisen an. Voller Zuversicht arbeiten wir uns rasch auf hartem Firn empor. Bald aber wird die Firnschicht dünner, die Wand um einige Grade steiler, und die abgebogenen Knöchel halten den Schmerz nicht mehr aus. Wütend beissen unsere Pickel in das kristallklare Eis und glitzernde Splitter sausen in die Tiefe. Stufe um Stufe schaffen wir uns auf der wunderbaren Treppe zum Himmel hinauf.

Plötzlich fährt mir die Unbill des Steinschlages durch den Kopf. Der Gedanke ist erschütternd. Wir nähern uns der Felszone mitten in der Wand. Unter uns liegt schon ein grauenhafter Absturz. Ich blicke hinauf. « Steinschlag » rief ich laut! Da — als ob ich es geahnt hätte, surrt es über unseren Köpfen. Wie Kugeln schwirren sie durch die Luft. Oben, wo diese unheimlichen Geschosse zuletzt auftrafen, spritzen Eisschollen auf und hüpfen über die spiegelglatte Eisfläche in die Tiefe. Dann rieseln eine Weile, leise rauschend, Schneekristalle an uns vorbei. Machtlos stehen wir da, vor dem Gericht dieser lauernden Gefahr. Über meinem Rücken prickelt ein Grausen. Der Atem will mir stocken. Wir bücken uns stumm in die Augen. Sein oder Nichtsein; der Berg hat uns in seinem Bann.

Stillschweigend reihen wir wieder Stufe an Stufe übereinander. Der Mittag rückt heran. Wir werden etwas schneller steigen müssen. Erst aber eine kurze Rast und ein stärkender Imbiss. Dann queren wir eine Rinne und ersteigen eine immer steiler werdende Felsrippe. Um 1500 Uhr erreichen wir die Höhe vom ersten Biwak der Partie Weizenbach ( Skizze Alpen 1933, Seite 103 ), befinden uns aber 100 Meter links davon auf einer Felsrippe. Jetzt wieder in die Eiswand. In zermürbendem Kraftaufwand entstanden Hunderte von Roule 1 am 16. Juli 1924 durch Capt. J. P. Farrar und Miss E. R. Wills mit Peter Almer ( Vater und Sohn ) und Fritz Boss.

Route 2 am 2. August 1895 durch Claude A. Macdonald mit Chr. Jossi sen. und Peter Bernet.

Route 3 am 18. August 1922 durch Dr. Oskar Hug und Dr. Hans Lauper.

Route 4 am 31. Juli 1866 durch Rev. J. J. Hornby, Rev. T. H. Philpott und F. Morshead mit Chr. Almer, Chr. Lauener, Jak. Anderegg. Route 5 am 10. August 1923 durch Capt.

J. P. Farrar und Miss Wills mit Peter Almer ( Vater und Sohn ). Route 6 am 4. Juli 1934 durch Dr. Kurt Dahlem und Ernst Feuz. Route 7 am 3. August 1908 durch G. H. Bul- lock, H. E. G. Tyndale, R. J. G. Irving. Route 8 am 16. Juli 1880 durch Dr. H. Dübi mit Fritz Fuchs und Fritz Graf sen.

Stufen im klaren Eis. Nur langsam ist unser Vordringen und ganz unbemerkt eilen die Stunden des Tages dahin. Wir denken nicht mehr an die lauernde Tiefe, an den furchtbaren Tiefblick ins Tal. Wir ringen tapfer und erreichen das Gipfelbollwerk. In schwindelnder Höhe türmt es sich über unseren Köpfen. Die abwärtsgestuften Felsen und das Eis darauf bringen uns in eine immer heiklere Lage. Nirgends bietet sich Steh- oder Sitzgelegenheit als Biwak-plätzlein. Zurück und ausweichen können wir nicht. Meine Kraft ist am Erlahmen. Die Müdigkeit der Nerven will zur Gleichgültigkeit werden. Die immerwährende Konzentration widerspiegelt sich in den hart, hart gewordenen Zügen auf Walters Gesicht.

Wir stehen auf dem ersten schmalen Felsgürtel. Weiter können wir nicht. « Hätten wir nur dieses erste Felsabsätzlein nicht erklommen, aber wir können ja nicht zurück, ausweichen auch nicht. » Eine Weile denke ich verzweifelnd an das kommende Ungewisse, und wehmütige Gedanken durchfliegen meinen Kopf. Es bleibt nichts anderes übrig, als uns durch einige Querzüge am Seil der heiklen Lage zu entledigen und hinüber in eine Eisrinne zu gelangen. Als wir im Eise waren, wünschten wir Felsen, und jetzt, wo uns die Felsen so bitter enttäuschen, wünschen wir uns hinüber in diese furchtbar steile Eisrinne, wohl die steilste Partie des ganzen Aufstieges. An gut getriebenen Haken Roule Sα Variante im obersten Teil zwischen 7 und 8 am 17. August 1925 durch Dr. B. Hammer mit Karl Feuz und P. von Almen, Wildhüter.

Route 9 am 11. August 1924 durch Capt. J. P. Farrar und Miss F. R. Wills mit Peter Almer ( Vater und Sohn ).

Route 10 am 7./8. Juli 1934 durch Walter von Allmen und Ernst Feuz.

Route 11 am 25. bis 27. Juli 1932 durch Dr. W. Weizenbach, A. Drexel, H. Rudy und E. Schulze.

Route 12 am 26. Juli 1923 durch Dr. Hans Lauper und Max Liniger.

Route 13 am 4. August 1866 durch Rev. J. J. Hornby, R. T. H. Philpott und F. Morshead mit Chr. Almer, Chr. Lauener und Jakob Anderegg.

Route 14 am 26. Juli 1905 durch O. K. Williamson und H. Symon mit Jean Maître und Pierre Mauxys.

Route 15 am 12. August 1924 durch Dr. D. Chervet und Dr. W. Richardet.

Roule 16 am 14. September 1932 durch Dr. W. Weizenbach und E. Schulze.

können wir durch starkes Hinauslehnen über die bodenlose Tiefe Meter um Meter den Quergang überwinden.

Die Sonne nähert sich dem Horizonte, geht unter. Noch nie habe ich den Sonnenuntergang herrlicher gekostet und tiefer empfunden als in dieser Stunde. Wir stehen mitten im Alpenglühn. Glutrot leuchtet die Stelle, wo das Gestirn eben verschwunden ist. Ein feierliches Gefühl. In den Tälern blaut die Dämmerung. Bald leuchtet auch aus weiter Ferne Berns Lichtermeer zu uns herauf und friedlich glitzern die Lämplein von Wengen, Lauterbrunnen und Mürren. Dort unten legen sich Menschen zur Ruhe.

Gegen 23.00 Uhr erreichen wir die Eisrinne und geben das Weiterstreben auf. Wir hacken tiefe Furchen in die Eiswand, treiben Haken ein und binden uns fest. Mittlerweile ist es auch im Westen dunkel geworden, und über uns wölbt sich ein wunderbarer Sternenhimmel. Schweigend geniessen wir die nächtliche Stille und lauschen dem tosenden Schmadribachfall. Bald näher, bald wie ein ferner Orgelklang ertönt melodievoll sein Gesang. Wir hören das Rauschen des nahen Gipfels. Hin und wieder erreicht uns ein eisig kalter Hauch.

Wir versuchen die Lampe anzuzünden. Es ist eine verwickelte Sache. Nach langem Absuchen der Felswand finden wir eine Ritze, um den Haken festzutreiben, an dem die Kerzenlaterne aufgehängt werden soll. Der Hammer schwingt, doch der Eisenstift erwidert in dumpfem Ton; er hält nicht, die Ritze geht zu wenig tief. Eine zweite, eine dritte wird versucht. Endlich singt er hoch und beisst sich fest im harten Gneis. Nun beginnt das Zusammenpassen der vier Wände. Sie sind noch russig vom vergangenen Abend. Sehen kann man es nicht, aber fühlen. Nach langem Versuchen knaxt auch der letzte Haltedraht über den Aluminiumboden. Die Kerze wird in die Draht-klemme eingeschoben. Streichholz um Streichholz wird vom kalten Winde ausgeblasen. Wir ärgern uns nicht, sondern versuchen wieder, bis die Kerze leuchtet. Die Laterne wird an den Eisenstift über unseren Köpfen gehängt. Wieder ist mit dieser kleinen Arbeit eine halbe Stunde verflossen. Doch wir sind glücklich. Das dürftige Lichtlein dringt gerade bis zu uns herab. Die Glimmerscheiben sind verrusst. Rechtzeitig muss die Kerze nachgeschoben werden, sonst fällt sie stillschweigend unten aus der Laterne und rollt dann tausend Meter in die Tiefe.

Um das trauliche Flämmchen schwebt der Geruch alter Bergsteiger-poesie. Wer war wohl der Erfinder dieses Laternchens, von dem sich der Bergsteiger nicht mehr trennen kann, von dem schon der grosse Mummery schrieb, dass es mehr Finsternis als Licht verbreite? Hundert Bewegungen und eine halbe Stunde Zeit für das, was zu Hause durch ein Knopfdrehen geschieht oder in den Bergen durch ein Knopfdrücken auf eine entsprechend gebaute Taschenlampe geschehen könnte!

Wir wechseln Strümpfe und versehn uns reichlich mit warmen Kleidungsstücken. Der eine muss dem andern behilflich sein, und jeder benötigt eine Stunde Zeit für die verwickelte Arbeit in der umständlichen Lage.

Um halbeins leuchtet fern im Nordwesten der Himmel wieder auf. Die Mitternachtsdämmerung oder ein Nordlicht? denke ich. Walter will es nicht glauben. Es ist ein buntes Farbenspiel im Halbkreise geformt. Rote Strahlen tauchen auf. Diese magische Erscheinung erweckt neue Freude in unseren Herzen. Das hatten wir noch nie gesehen.

Wir stärken den Leib mit Speise und warmem Tee. Bald graut im Osten der junge Tag. Vom Triebe beseelt, den Gipfel noch früh zu erreichen, zimmern wir kurz nach 3 Uhr an unserer kristallenen Treppe weiter. Und wieder scheint sich der Aufstieg ins Unendliche zu dehnen. Die goldenen Sonnenstrahlen geben uns bald ihr warmes Geleite. Einen harten Kampf noch bereiten uns die letzten Felsen und Gräben. Um 1130 Uhr endlich erreichen wir den Gipfel, 3765 m.

Von den Gefühlen der Entspannung und der Sicherheit beglückt, packen wir den bisher noch nie begangenen Westgrat an. Das 50 Meter hohe Wändchen über der Scharte zwischen Haupt- und Westgipfel gibt uns recht viel zu tun. Wir seilen uns über die überhängenden Felsstufen dreimal ab.

Um 9 Uhr abends betraten wir die grünen Matten der Oberhornalp. Glücklich, aber doch mit heimlichem Grauen dachten wir zurück an die vergangenen Stunden in der Grosshorn-Nordwand. Eine leuchtende Alpenrose zwischen den Zähnen, begaben wir uns noch am gleichen Abend auf den Weg über Obersteinberg nach Mürren.

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