Grundgedanken der klassischen Wand

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VON KARL GREITBAUER, WIEN

Die oft sehr treffenden Benennungen und Ausdrücke im Bergsteigen sind durchaus nicht immer Produkte eines scharfen Nachdenkens, sondern meist gefühlsmässige Prägungen, die in das Schwarze treffen. So verhielt es sich auch lange Zeit mit der Bezeichnung der « klassischen » Bergfahrt, bzw. der « klassischen » Wand, und erst Dr. Leo Maduschka verdanken wir es, Ordnung in das Chaos dessen, was alles mit dem Beiwort « klassisch » belegt wurde, gebracht zu haben.

Bekanntlich teilt Maduschka die klassischen Bergfahrten in zwei grosse Gruppen ein:

Die erste Gruppe umfasst Fahrten, die das Beiwort « klassisch » ihrer Bedeutung für die Geschichte des Alpinismus verdanken. Diese Fahrten sind mithin historische Fahrten, und Maduschka führt für sie als Beispiele die Wege der Erstbesteiger auf den Mont Blanc, das Matterhorn, den Ortler und Grossglockner an, « die als Ausdruck der Zeit, des Geistes und der Menschen der damaligen bergsteigerischen Anfänge klassisch geworden sind1 ».

Die zweite Gruppe gliedert Maduschka in drei Unterabteilungen: erstens nennt er « klassisch » solche Fahrten, die in ihrem jeweiligen Gebiet « vollgültige und hervorragende Typen darstellen, also gewissermassen die Wand, der Grat, die Kante sind ». Schwierigkeit und Zeit der Erstbegehung spielen dabei keine Rolle.

Zweitens tragen in dieser Gruppe die Bezeichnung « klassisch » jene Fahrten, die durch ihre Schönheit bestechen. Maduschka meint an dieser Stelle, ein Eingehen auf den Begriff der schönen Fahrt würde zu weit führen ( es existiert jedoch keine gesonderte Arbeit von ihm über diesen Begriff ), und führt als bloss unumgängliche Gesichtspunkte des Schönen in bezug auf Wände folgendes an: « Schön im besonderen Sinn ist eine Fahrt vor allem, wenn sie ohne bedeutende objektive Gefahren in möglichst idealem Gelände und möglichst idealer Routenführung zum Gipfel leitet. » Auch hier sind wieder die Schwierigkeiten nicht ausschlaggebend. ( Damit wird aber dieser Begriff des Klassischen im Bergsteigen eine ausgesprochen subjektive Angelegenheit, da das, was einer im Bergsteigen als « schön » bezeichnet, unabweisbar abhängig ist von seiner gefühlsmässigen Einstellung zu den Objekten des Bergsteigens, wie auch von seinen Qualitäten als Bergsteiger. ) In die dritte Unterabteilung wieder fallen Fahrten, die « ausschliesslich ihre Schätzung vom Gegenstand her erfahren ». Hier vermögen auch ganze Berge eingereiht zu werden, führt Maduschka aus, « die ob ihrer einzigartigen und völlig einmaligen Sonderstellung in der Bergwelt als klassisch gelten » ( zum Beispiel das Matterhorn ).

Maduschka sagt abschliessend, dass man ausser den beiden von ihm erstellten Gruppen des Klassischen im Bergsteigen vereinzelt auch noch eine dritte Möglichkeit für eine eigene Gruppe erkennen kann, « die sich in manchem mit der historischen zu decken scheint ». Er versteht darunter Fahrten, die am Übergang von Epochen im Bergsteigen erschlossen wurden, Fahrten, die zeitlich zwar noch der alten Epoche angehören, die aus dem Rahmen dieser Epoche jedoch weit herausragen und leistungsmässig wie technisch bereits zur neuen, folgenden Epoche zu zählen sind. Es sind dies mithin Fahrten, die ein neues Zeitalter in der Entwicklung des Bergsteigens einleiteten. Genannt werden für diese Gruppe die Fahrten Winklers, Mummerys und Dälfers.

1 Dr. Leo Maduschka, « Junger Mensch im Gebirg » ( Klassische Fahrten ).

So klar sich nun und so eindeutig sich bei der Einteilung des Klassischen im Bergsteigen bei Maduschka die mehr historischen Gruppen abzeichnen ( das ist die erste und die dritte Gruppe seiner Einteilung ), so sind doch in dieser sicherlich an sich richtig gesehenen zweiten Gruppe erkennt-niskritische Mängel, wenn man unter Erkenntnis das wahre und sichere Wissen von Sachverhalten versteht. Maduschka stützt sich in dieser zweiten Abteilung allein auf die konventionelle Begrifflichkeit des Klassischen im Bergsteigen 1, womit er sich in seinem Denken im Kreis bewegt. Es ist hier sozusagen alles auf die gefühlsmässige Beurteilung von klassisch oder nichtklassisch aufgebaut, bzw. auf das gefühlsmässige Urteil über das Schöne. Maduschka versäumt es, bei diesen gefühlsmässigen Wertungen den Hebel anzusetzen, um zu klaren Erkenntnissen zu kommen, was sich nachteilig auf seine Arbeit auswirkt, da der sichere Grund für die Darstellung fehlt. In dieser seiner Einteilung kommt dadurch alles primär aus der rein subjektiven Einstellung zu Wänden und läuft schliesslich alles wieder in das rein Subjektive hinein. Der Weg, auf welchem Maduschka zur Erstellung dieser zweiten Gruppe der klassischen Bergfahrten gekommen ist, ist ausschliesslich der einer Analyse seiner Erfahrung mit dem, was sich ihm gefühlsmässig als klassische Wand, bzw. Grat, Kante darstellt. Denn wenn man von der Wand, der Kante, dem Grat spricht, beruft man sich eindeutig damit auf ein bereits vorhandenes gewisses Vorstellungsbild einer Wand, Kante oder eines Grates, das einem als Idealität oder mit bergsteigerischem Nimbus behaftet vorschwebt, und bezieht sich damit, falls man daraus gedanklich etwas entwickelt, in konkreter Weise auf Elemente des Unbewussten. Diese sind jedoch in dieser Form wegen ihrer mangelnden Fassbarkeit als Basis für die Entwicklung absoluter Sätze untauglich. Desgleichen, wenn man von einer « schönen » Wand spricht, schwebt einem dabei etwas sehr unbestimmt Gefühlsmässiges vor. Unsere Aufgabe wird es daher sein, uns an dieser Stelle mit dieser unbestimmten, gefühlsmässig-unbewussten Einstellung zu den Objekten des Bergsteigens auseinanderzusetzen, um einen sicheren Boden für unsere Urteile in bezug auf das Klassische dieser Gruppe zu gewinnen.

Unsere Frage wird daher lauten: Was sind diese Vorstellungsbilder der kletterbaren Objekte im Bergsteigen dem Wesen nach? Hier wird man wie von selbst zum Denken der ursprünglichen Begriffsbilder, der Urbilder von Begriffen, den sogenannten Archetypen gedrängt. Und wenn wir diese Archetypen näher ins Auge fassen, so finden wir, dass es im Falle der Kletterobjekte wesentlich geometrische Elemente sind, die der Vorstellung der Begriffe Wand, Kante oder Grat zugrunde liegen. Wand ist dem Wesen nach aufragende Fläche. Das absolut Flächige steht mithin im Vordergrund, die massive Kompaktheit, das Ungebrochene, Ungegliederte. Und schön ist eine Wand als bergsteigerisch wirkliches Objekt immer dann, wenn sie ihrer Beschaffenheit nach dem Archetyp der Wand, der Vorstellung des Urbildes, am nächsten kommt. Wir finden als Bergsteiger also jeweils die Wand schön, die absolute Wandwirkung besitzt, die in absolut flächiger Geschlossenheit vor uns aufragt. Ähnlich sind unsere Vorstellungen von der idealen Kante und vom idealen Grat. Auch hier lassen wir uns wieder von geometrischen Vorstellungen und deren gigantischem Ausmass leiten. Bei der Kante sind es jene der aufragenden Kante eines ungeheuren Würfels oder aufgerichteten Quaders, beim Grat jene des Flächenzusammenstosses einer überdimensionalen Pyramide ( zum Beispiel die Grate des Matterhorns ) oder aber der obersten Schneide eines riesigen liegenden Prismas ( zum Beispiel der Peutereygrat ).

Alle diese Dinge erhalten jedoch eine Einschränkung: Es ist selbstverständlich, dass eine Wand, eine Kante oder ein Grat, die den Archetypen am nächsten kommen ( wobei ausser der Form noch 1 Darüber täuscht auch das Wort « Typen », das Maduschka in diesem Zusammenhang gebraucht, nicht hinweg, da er sich damit offenkundig auf den Nimbus dieser von ihm als Typen in ihren Gebieten bezeichneten Objekte bezieht. Dies muss jedoch unabwendbar zu Gefühlskonglomeraten führen.

das spezifisch bergsteigerische Moment der Dimension wesentlich ins Gewicht fällt ), über ihre rein äusserliche Schönheit als rein ästhetische Objekte hinaus, spezifisch bergsteigerisch nur dann als wesentlich schön bezeichnet werden können, wenn sie eine bergsteigerische Beziehung von sich aus zulassen. Das heisst, eine solche Wand, eine solche Kante oder ein solcher Grat muss auch ersteigbar sein, um als bergsteigerisch schön gelten zu können. Andernfalls wären diese Objekte nur ästhetisch schön. Sie sind darüber hinaus aber auch dann nur ästhetisch und nicht bergsteigerisch schön, wenn sie nur unter Einsatz aller Reserven und technischen Hilfsmittel erstiegen werden können. « Schön » also im bergsteigerischen Sinn sind Wand, Kante und Grat nur immer dann, wenn sie als annähernde Archetypen bergsteigerisch auch greifbar sind.

Dieser Satz aber bringt uns zum Denken der Erlebnisgrösse von bergsteigerischen Objekten. Diese ergibt sich aus der Polarität von Wandwirkung und bergsteigerischer Greifbarkeit. Was nun diese bergsteigerische Greifbarkeit betrifft, ist sie offenbar abhängig von der absoluten Schwierigkeitsstufe des je betreffenden Objektes. Je leichter also eine als archetypnahes Objekt erkannte Wand ( bzw. Kante, Grat ) ist, desto breiter und dehnbarer wird ihr Schönheitsbegriff sein, da auch die Leistungsmitte der Bergsteiger, und nicht nur die Leistungsspitze, an dieses Objekt herangehen kann.

Wenn man diese beiden Pole, die Archetypnähe und die bergsteigerische Greifbarkeit, nun tatsächlich in ein Verhältnis setzt, so kommt man dabei zu folgender Formel der immanenten Erlebnisgrösse eines bergsteigerischen Objektes, bzw. zur Formel für das absolut Schöne im Bergsteigen:

maximale WandwirkungErlebnisgrösse minimale Schwierigkeit ( absohjte bergsteigerische Schönheit ) Da nun die Fahrten des sechsten Grades erfahrungsgemäss die grösste Wandwirkung aufweisen, kann man statt Wandwirkung in obiger Formel vorteilhaft « Sechserwirkung » einsetzen und bekommt damit eine feststehende Zahl in die Hand, die erst die Auswertung der Formel in praktischer Weise ermöglicht. Die grösstmögliche Erlebnisgrösse würde in der praktischen Auswertung der Formel die Wand mit der absoluten Sechserwirkung und der Schwierigkeit 1 bringen, wobei die Erlebnisgrösse die Zahl 6 ergeben würde.

Eine solche Wand aber existiert nicht, denn es ist unmöglich, dass eine Wand mit absoluter Sechserwirkung die Schwierigkeit 1 haben kann. Es ist jedoch erfahrungsgemäss möglich, dass ein « Vierer » oder « Fünfer » der Schwierigkeitsbewertung dem Aussehen nach absolute Sechserwirkung aufweisen kann. Dass eine fallende Tendenz der Erlebnisgrösse sich bei zunehmender Schwierigkeit des bergsteigerischen Objektes ergibt, ist leicht einzusehen.

Besonders betont muss werden, dass es sich immer nur um die immanente, also objektive Erlebnisgrösse handelt, die die subjektive Erlebnisfähigkeit, bedingt durch das eigene Können des einzelnen, nicht berücksichtigt. Dementsprechend ist es klar, dass ein Bergsteiger, der nur für maximal Schwierigkeit vier gut ist, bei einem Fünfer mit Sechserwirkung nicht viel anderes in der Wand erleben wird als innere Spannung, Furcht und eventuell auch Angst.

Mit dem Vorhergesagten zeigen wir nur eine Möglichkeit auf, da wir grundsätzlich nichts davon halten, Erlebnisgrössen in Zahlen darzustellen; und das, was wir hier entwickelt haben, sind nur rein theoretische Überlegungen, die mit der Praxis des Bergsteigens im Grunde recht wenig zu tun haben, jedoch auch notwendig sind, wenn man Theorien im Bergsteigen nicht überhaupt ablehnt.

Diese Herausarbeitung der Erlebnisgrösse, und damit eine Erlebniswertung aus der oben angeführten Formel, entspricht jedoch voll und ganz den tatsächlichen Erfahrungen und den gefühlsmässigen Wertungen, die man aus Aussehen der Wand und Schwierigkeit trifft. Über diese empirisch gefundene Tatsache kann uns auch der mögliche Einwand nicht täuschen, dass, entgegen unserer Angabe der Erlebnisgrösse von Null mit Zugeständnis von Bruchteilen bei Wänden der oberen Grenze des sechsten Grades ( die sich dadurch ergibt, dass die Unterteilung der Schwierigkeitsgrade in « untere », « mittlere » und « obere » Grenze einer Drittelung der Schwierigkeitsgrade gleichkommt ), dennoch solche Wände ein grosses Erlebnis darstellen können für den, der die Materie beherrscht. Aber unsere Entgegnung ist, dass dieses Erlebnis kein Wanderlebnis im strengen Sinn, sondern vielmehr ein hochgespanntes Leistungserlebnis ist. Denn es ist evident, dass die Bewältigung einer Sache, die den Aspekt des fast Übermenschlichen in sich trägt, nach Beendigung der Fahrt in einem überschiessenden Leistungserlebnis ausklingen muss.

Die Formel der Erlebnisgrösse belegt durchaus das, was Maduschka mit klassisch im Sinne der Schönheit meint: den annähernden Archetyp ( das Urbild ) in bergsteigerischer Greifbarkeit. Aber auch die anderen Punkte in Maduschkas Einteilung fallen unter den Begriff des Archetypus: der Punkt eins seiner zweiten Abteilung des Klassischen mit der Wand, dem Grat, der Kante in ihrem jeweiligen Gebietwobei zum Archetypus der Form noch der Archetypus der Dimension kommt, zum Beispiel bei der Anführung des Peutereygrates ). Weiter bezieht sich ebenfalls auf den Archetypus der Qualität und Quantität der Punkt drei, bei dem sich Maduschka allerdings mehr dem rein ästhetischen Aspekt des Archetypus nähert und auch Ersteigungsgeschichte ( also Historisches ) hineinmengt, was aber zu neuerlicher Verschwommenheit der zugrunde liegenden Begriffe führt. Durch diese Vermengungen wirkt die an sich genau und richtig gesehene Immanenz des Klassischen in Maduschkas zweiter Abteilung der klassischen Bergfahrten unbefriedigend. Wir ziehen es daher vor, diese zweite Abteilung in Maduschkas an sich in grossartig intuitiver Schau erblickter und hervorragend entwickelter Einteilung der klassischen Bergfahrten durch unsere Sicht des Klassischen zu ersetzen, so dass sich bei der Einteilung klassischer Bergfahrten nunmehr ergibt:

I. Klassisch im Sinne des historischen Aspekts.

II. Klassisch im Sinne des Archetypus der Form und der Dimension. III. Klassisch im Sinne des epochalen Aspekts.

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