Herbsttag am Doubs

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9Von Alfred Huber

Mit 1 Bild ( 105Schaffhausen ) Herrlich war die Wanderung über freie Höhen, durch sanfte Mulden, unter machtvoll ausladenden Fichten und Tannen. Fast zögernd, in Erwartung geheimnisvoller Dinge, bin ich über die weiten Weiden geschritten, habe ich ihren herben Hauch gespürt, der Freiheit und Ungebundenheit atmete. Leuchtend getünchte Häuser schimmerten aus dunklem Grün. Pferde ästen im glitzernden Licht, das im Morgendunst wie auf silbernen Leitern aus dem Geäst der ernsten und schweigsamen Hochstämme herabstieg, um fröhliche Kringeln auf den Rasen zu zeichnen.

Und dann ist diese Welt unvermittelt zu Ende, und von der Höhe steil-abfallender, gebleichter Kalkfelsen geht der Blick westwärts über das tiefeingeschnittene Tal des Doubs, hinaus in das jenseitige Land. Zartviolette Hügelzüge legen sich wie Wellen eines Gigantenmeeres der Urzeit aneinander, Reihe an Reihe. Flimmernd steigt die Luft aus dem Dunst der Niederungen empor zum Himmel, der tief und blau über der Welt steht.

Zu Füssen lodern die herbstlichen Wälder der steilen Tallehnen. Wie mit Feuer übergössen stehen sie in ihrer leuchtenden Pracht, die Buchen, Bergahorne und Mehlbeerbäume! Zwischen ihnen schimmern olivgrüne Föhren und perlgrau bereiftes Nadelwerk mächtiger Tannen, unterbrochen von den Zinnen und Bastionen der warmgetönten Kalkfelsen.

Ein schmaler Fussweg windet sich hinab in die geheimnisvolle Kühle des Tales. Und dann ist da der Doubs, dieses verträumte, geruhsame Wasser, dessen dunkle Fläche ein Märchenland widerzuspiegeln scheint. Eng schmiegt sich der Pfad an das Ufer. Hohe Felswände treten nahe heran. Eine schattige, einsame Mühle duckt sich unter ihrem jähen Aufschwung. Silberhell rinnt ein schmaler Wasserfaden über die Moospolster des stillgelegten Mühlrades, dessen morsche Planken aus längst vergangenen Zeiten erzählen mögen. Tiefe Stille ist ringsum, und ausser dem leise plätschernden Rinnsal scheint alles zu schlafen.

Weiter geht der Weg. Aus dunklen Schatten wendet sich der Fluss plötzlich ins helle Licht der Mittagssonne. Ungefüge Blöcke sind in sein Bett gelegt. Da erwacht Leben! Munter glucksend und rauschend springt das Wasser von Stufe zu Stufe, über gestürzte Baumstämme, schlüpft durch enge Felsritzen und quillt eilig wieder ans Licht. Weite Kreise ziehen von der kleinen Kaskade hinaus in den schmalen, natürlich gestauten See. Und wieder ist Stille. Moosbehangene Fichten ragen hinaus über das Wasser. Helles Herbstlaub spiegelt sich darin. Da und dort fällt lautlos ein Blatt, um für Augenblicke das leuchtende Bild zu einem schimmernden und schillernden Durcheinander aufzulösen. Hoch oben aber, über den Wäldern und Felsen, steht der strahlende Herbsthimmel. Ein Bussard zieht seine Kreise unter dem unfasslichen Blau, immer und immer wieder. Unbekümmert um Grenzen und Welten streicht er hinüber zum jenseitigen Hang, wo andere Menschen befehlen und wo heute Traurigkeit wohnt. Dann wieder steigt er HERBSTTAG AM DOUBS hoch hinauf zum Zenith, und auf einmal ist nichts mehr da als sein einsamer Schrei, der zitternd in den Bäumen über dem stillen Wasser steht.

Wieder und wieder schauen die Augen hinauf zu den Tannen und Buchen, zu den Felsen, zum Himmel, und das Herz will übergehen ob soviel Schönheit.

Weiter zieht sich der Pfad, und weiter folge ich ihm, voller Erwartung auf neue Überraschungen und Entdeckungen. Da türmt sich hinter dem dunklen Tannengrün ein flechtenbehangener, altersgrauer Fels. Eine Spalte führt mannshoch von seinem Fuss ins Innere. Geheimnisvoll gurgelt Wasser in der Tiefe, und ein schmales Bächlein plätschert aus dem Berg. Irgendwer hat es in einem groben Rindenstück gefasst und in ein Becken aus einigen Kalkbrocken geleitet. Willkommen ist der frische Trunk! Und schau da: durch den Eindringling in seiner gemächlichen Ruhe gestört, klettert ein Feuersalamander über Moospolster und morsches Astwerk aus dem Bereich der Gefahr.

Stunden vergehen wie im Flug. Immer neue Wunder tun sich auf, immer neue Bilder der Schönheit warten hinter neuen Talbiegungen.

Irgendwo kommt ein Grenzwächter entgegen. Wir bleiben stehen und plaudern eine Weile vom Wetter, vom Beruf, von Krieg und Frieden. Dann ist jeder wieder allein mit dem glitzernden Wasser und dem Himmel hoch über den leuchtenden Wäldern. Doch die länger werdenden Schatten mahnen zur Heimkehr. Ich suche eine Möglichkeit, um aus der Schlucht hinaufsteigen zu können zur Höhe, wo die Felsen sich im Schein der sinkenden Sonne röten. Sie sind nicht zahlreich, die Wege aus dem Tal! Auf schmalen Wildwechseln und längst ausgetrockneten Rinnsalen lässt sich ein Aufstieg finden. Höher und höher! Weiter wird die Sicht. Die Berge sinken in sich zusammen und geben den Blick frei hinaus nach Frankreich, über die Wälder und Hügel, bis er sich in dämmriger Ferne im blauen Dunst verliert. Gedanken an jene Menschen dort drüben, an ihr gequältes Leben und an ihre Entbehrungen kommen, und ein Gefühl der Verbundenheit mit diesen unglücklichen Nachbarn wird wach. Wenn man ihnen doch helfen, sie zu uns herüberholen oder noch besser ihnen von unserem Glück hinübertragen könnte!

Dann bin ich auf einmal auf der Höhe. Gross und weit breitet sich das Hochland der Freiberge im flutenden Licht der Abendsonne aus. Wettertannen werfen lange Schatten über die verlassenen Weiden. Ein fernes Nebelmeer liegt über dem Mittelland. Ganz weit hinten schimmern zwei, drei schneebedeckte Spitzen am dunklen Osthimmel. Es ist ein Bild, das verstehen lässt, warum wir Schweizer in fernen Ländern sooft von unbändigem Heimweh überfallen werden. Ein Bild, das Ehrfurcht und das Gefühl grenzenloser Dankbarkeit um unsere unversehrte Heimat weckt und das im Innersten das Treuegelöbnis diesem freien Lande gegenüber stark werden lässt.

Wenige Schritte noch. Dann leuchten weisse Häuser zwischen den Fichten. Vesperglocken klingen aus dem dämmrigen Tal. Ganz nah hängt ein ungefüges Wirtshausschild an verwetterter Hauswand und verkündet von Menschen, von Wärme und Geborgenheit.

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