Himalaya-Chronik 1958

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON G. O. DYHRENFURTH, RINGGENBERG BE

MIT NACHTRÄGEN AUS FRÜHEREN JAHREN Mit 7 Bildern ( 109-115 ) 1. Zu den unbekanntesten Gebieten im Bereich des ganzen Himalaya gehört Bhutan. Seit der Ersteigung des heiligen Chomolhari ( 7315 m ), durch F. Spencer Chapman und Pasang Dawa Lama 1937, hat man von den im Khula Kangri ( 7555 m ) kulminierenden bhutanischen Siebentausendern nicht mehr viel gehört. Darum sei eine botanische Expedition wenigstens erwähnt, wenn sie auch keine bergsteigerischen Ziele hatte. Der Maharadscha von Bhutan hatte den japanischen Gelehrten Sasuke Nakao ( von der Universität Osaka ) eingeladen. Seine Reise, die von Juni bis November 1958 dauerte, diente vor allem botanischen Aufsammlungen. Immerhin führte die rund 1500 km lange Marschroute dreimal in verschiedene Teile des Hochgebirges. In der NW-Ecke von Bhutan empfiehlt Nakao besonders die Gipfel Tsulim Khon, Takha Khon und Masa Khon, die von Lingshi Dzong oder Laya aus zugänglich sind. Der Khula Kangri und die Berge im Bereich der Täler Pho Chu, Trongsa Chu, Bumtang Chu und Kuru Chu sind von dem Karawanenweg erreichbar, der von Bumtang nach Tibet führt. Die Hauptschwierigkeit liegt aber sicher auf politischem Gebiet.

Literatur: « American Alpine Journal » 1959, S. 244-245.

Nach der Erstersteigung des gewaltigen Kangchendzönga im Mai 1955 war es um diese früher so heiss umworbene Gruppe ruhig geworden; doch im Herbst 1957 machten die Franzosen in aller Stille eine kleine Kundfahrt zu dem berühmten und bis dahin noch nie versuchten Jannu ( 7710 m ) in Ost-Nepal. Leiter war Guido Magnone; die anderen Teilnehmer waren J. Bouvier und P. Leroux. Eine Rekognoszierung von SE ( Yalung-Gletscher ), SW ( Yamatari-Gletscher ) und N ( Jannu-Gletscher ) ergab, dass nur die SW-Flanke praktisch in Frage komme, obwohl auch hier ganz ungewöhnliche Schwierigkeiten zu erwarten seien. Die Hauptexpedition unter der bewährten Leitung von Jean Franco wurde auf Frühjahr 1959 angesetzt.

Gerade in dem Augenblick, als ich diese Zeilen schrieb, ging die Meldung ein, dass der Besteigungsversuch 1959 nach härtestem Kampf bei etwa 7400 m aufgegeben werden musste. Das überrascht mich nicht sehr - trotz meiner grossen Achtung für die sorgfältigen Vorbereitungen und die ungewöhnliche Kampfstärke der französischen Spitzenmannschaft. Aber der überwältigende Eindruck, den der Jannu 1930 auf mich und meine Kameraden machte, ist noch heute lebendig. Dieser südwestliche Eckpfeiler der Kangchendzönga-Gruppe ist bestimmt einer der furchtbarsten Berge des Himalaya und stellt vielleicht noch höhere Anforderungen als z.B. Mustagh-Turm ( 7280 m ), Machapucharé ( 6997 m ) oder Ama Dablam ( 6856 m ).

Literatur: « Groupe de Haute Montagne », Annales 1957, S. 1-10.«La Montagne », février 1959, S.32; avril S. 66; juin S. 72-73.

3. Im Frühjahr 1957 hatten Tom Slick ( Texas ) und Peter Byrne ( Irland ) eine dreiwöchige Arun-Expedition gemacht und dabei zwischen Chhoyang Khola und Iswa Khola eine Fährte getroffen, die sie für Yeti-Spuren hielten. Für 1958 finanzierte Tom Slick eine grössere « Yeti-Expedition » in das Gebiet des Arun und seiner Nebenflüsse. Die Teilnehmer waren: Gerald Russell als Zoologe, Norman G. Dyhrenfurth für Bergsteigen und Filmen, Peter und Bryan Byrne als Jäger, George Holton als Photograph, Captain Pushkar Shamshere als nepalischer Verbindungsoffizier, Gyaltsen Norbu ( der auf Makalu und Manaslu gewesen war !) als Sirdar und... drei Jagdhunde, die sich im Urwald gar nicht bewährten und bei den Schluchtklettereien und schwierigen Flussübergängen nur eine Belastung darstellten.

Die Beobachtungen dieser Expedition sprechen für die Existenz zweier verschiedener Yeti-Typen: eine Art, die in den Regenwäldern zwischen 2400 und 3600 m Meereshöhe lebt und nur etwa 140 cm gross wird, und eine Art, die zwischen den menschlichen Siedlungen und der Gletscher-Region lebt und 180 bis 240 cm gross wird. Leider gelang es aber auch diesem Unternehmen nicht, einwandfreie photographische Dokumente zu liefern. Die in « Paris Match » erschienenen Berichte waren unsachlich und nur auf Sensation eingestellt.

Literatur: « American Alpine Journal » 1959, S. 324-326.

4. Nach Solu Khumbu, ins Everest-Gebiet, ging im Herbst 1958 auch eine von Alfred Gregory geleitete britisch-italienische Expedition, welcher der bekannte italienische Veteran Piero Ghiglione angehörte. Rund 3 km hinter dem Kloster Thangpoche, an der Nare Khola, bogen sie aus dem Haupttal ab zum SW-Grat der berühmten Ama Dablam ( 6856 m ). Obwohl das noch die relativ beste « Route » sein dürfte, kam die Seilschaft J. Cunningham-G. Pirovano in äusserst schwieriger Kletterei nur bis etwa 6100 m. Ein neuer Angriff auf diesen traumhaft schönen Berg ist unter der Leitung von H. Emlyn Jones für 1959 vorgesehen1.

1 Nach einer Meldung aus Kathmandu, vom 7. Juni 1959, sind zwei Mitglieder der britischen Expedition J. Harris und J. Fraser - bei einem Bergunfall am 21.Mai ums Leben gekommen.

Im November 1958 wandte sich die Gregory-Expedition dem sehr viel freundlicheren « Island-Peak » zu, dem Inselberg im Imja-Khola-Becken. Sein SW-Gipfel ( 6100 m ) ist bereits im April 1953 von Ch. Evans, A. Gregory, Ch. Wylie und Tensing Norkay mit mehreren Sherpas betreten worden. Auch Erwin Schneider begnügte sich im Mai 1955 bei seinen photogrammetrischen Aufnahmen mit dem Besuch dieses vorderen Gipfels. Der höhere NE-Gipfel ( 6189 m ) wurde erst am 6. April 1956 von H. R. von Gunten zusammen mit den Darjiling-Sherpas Phurba Lobsang und Gyaltsen erstiegen. Die zweite Ersteigung dieses Island-Peak-Hauptgipfels machten nunmehr die Seilschaften Gregory-Cook und Ghiglione-Levene. Piero Ghiglione steht in seinem 76. Jahr - sicherlich ein « Altersrekord » für den Himalaya.

Literatur: « Die Alpen », Januar 1959, S.7-8; März 1959, S.54-55; April 1959, S.74. « Alpine Journal », No. 298, Mav 1959, S. 133.«Mahalangur Himal, Chomolongma-Mount Everest » 1:25 000, Kartenbeilage zur Alpenvereinszeitschrift, Bd. 82, 1957.

5. Von 1958 ist eine Indische Cho-Oyu-Expedition zu melden. Leiter war Keki F. Bunshah von Bombay. Auf dieses Unternehmen fiel ein tiefer Schatten: Gleich zu Beginn, am 28. April 1958, starb Major Narenda DharJayal, Leiter des « Himalayan Mountaineering Institute » in Darjiling, ganz plötzlich an Lungenentzündung oder Herz-Infarkt und wurde am Fusse des Cho Oyu beigesetzt.

Am 9. Mai erfolgte ein neuer Start, und tatsächlich wurde am 15. Mai der Gipfel erreicht, allerdings nur von zwei sehr bergerfahrenen Sherpas - Pasang Dawa Lama und Sonam Gyaltsen. Auch bei dieser zweiten Besteigung des Cho Oyu ( 8153 m ) war Pasang der eigentliche Führer. Er wurde in Kathmandu sehr gefeiert und in New Delhi von Nehru empfangen - war doch zum ersten Male ein Berg dieser Höhe ohne Sahibs erstiegen worden. Der « Himalayismus » ist in dem « Subkontinent Indien » auf dem Vormarsch.

Als relativ leichter Achttausender scheint der Cho Oyu beinahe in Mode zu kommen - steht er doch für Herbst 1959 auf dem Programm einer Frauen-Expedition! Dass es sich dabei um ein durchaus ernsthaftes Unternehmen handelt, verbürgt der Name von Madame Claude Kogan.

Literatur: Pressemeldungen und ein brieflicher Bericht von Pasang Dawa Lama.

6. Seit Kathmandu auf dem Luftwege bequem erreichbar wurde, werden von dort aus mancherlei Exkursionen unternommen, die eigentlich noch nicht als « Himalaya-Expeditionen » zu bewerten sind. Besonders verlockend sind die nahe gelegenen Gruppen des Jugal Himal und Langtrang Himal, die auch 1958 wieder von einer vierköpfigen japanischen Gruppe unter Leitung von K. Fukata besucht wurden. Sie kamen nur bis etwa 5500 m; wichtige bergsteigerische oder wissenschaftliche Ergebnisse sind nicht zu melden.

Literatur: « American Alpine Journal » 1959, S. 245-246.

7. Die drei Hauptgipfel der Manaslu-Gruppe sind: der Manaslu selbst ( 8125 m ), Peak 29 ( 7835 m ) und Himal Chuli ( 7864 m ). Der Manaslu wurde 1956 von einer grossen japanischen Expedition unter der Leitung des erfahrenen Yuko Maki zweimal bestiegen. Die vorläufige Notiz in meiner Himalaya-Chronik 1956 ( « Die Alpen » 1957, Quartalsheft 1, S. 19-20 ) kann nunmehr etwas berichtigt und ergänzt werden:

1953 war man sehr systematisch, doch allzu umständlich vorgegangen. Vom Basislager ( 3850 m, oberhalb des Dorfes Sama ) hatte man nicht weniger als neun Hochlager vorgeschoben, Camp 4 auf den Naike-Col ( 5600 m ), Camp 8 auf den Nordsattel ( 7100 m ), Camp 9 an den Rand des Hoch- plateaus ( 7500 m ). Der höchste Punkt, der damals erreicht wurde, war 7750 m, also noch fast 400 m unter dem Gipfel.

1956 machte man sehr viel grössere Etappen und sparte so drei Lager ein. Auf dem unteren Manaslu-Gletscher stand nur Camp 1 ( 5050 m ), im Naike-Col Camp 2, östlich unter dem North Peak Camp 3 ( 6200 m ), oberhalb des Eisfalles Camp 4 ( 6550 m ) als vorgeschobenes Basislager. Hier wandte man sich - den Umweg über den Nordsattel vermeidend - ziemlich genau südwärts und errichtete Lager 5 ( 7200 m ) unter dem gut 300 m hohen Wandgürtel, der von einem schmalen, steilen Schneehang ( « Schneeschürze » ) durchzogen wird und einen ganz direkten Aufstieg zum Hochfira ermöglichte. Bei 7800 m wurde das rote Sturmzelt von Lager 6 erstellt, von dem aus die Seilschaft T.Imanishi-Gyaltsen Norbu ( H. C. Nr. 145, die Nummer der Sherpa-Liste beim Himalayan Club ) am 9. Mai 1956 mittags die scharfe Spitze des ungeheuren Berges erreichten. Am 11. Mai wurde die Besteigung von K. Kato-M. Higeta wiederholt.

Literatur: « Berge der Welt » 1954, S.59-66; 1955, S. 140-141; 1958/59, S. 184-198. « Himalayan Journal»XX, 1957, S. 11-25.

Um die bergsteigerische und wissenschaftliche Erschliessung der Manaslu-Gruppe planmässig weiterzuführen, folgte im Herbst 1958 eine japanische Kundfahrt zum Himal Chuli ( 7864 m ). Es waren J. Kanesaka und S. Ishizaka mit einem nepalischen Verbindungsoffizier, drei Sherpas und 39 Trägern. Die nicht unerheblichen Gebühren ( Rupees 2000 .) für diese Klein-Expedition waren entrichtet, die Bewilligung der Regierung in Kathmandu lag vor. Trotzdem gab es mit der einheimischen Bevölkerung grosse Schwierigkeiten: Lidanda liess die Japaner einfach nicht durch, Namru verlangte eine Sonderabgabe von Rs. 300.in bar und Rs. 400. in Waren! So gelang es den Japanern, durch das Shurang-Tal und über den Lidanda-Pass zum Ostgrat des Himal Chuli vorzudringen und bei 5750 m ihr Lager 2 zu errichten. Am 8. Oktober schlössen sie ihre Erkundung ab, indem sie bis an den Fuss eines auffälligen Gratturmes ( 6250 m ) vorstiessen.

Trotz dieser guten Vorarbeit hatte die Hauptexpedition des Japanischen Alpen-Clubs im Frühjahr 1959 keinen Erfolg. Nach einer Reuter-Meldung vom 29. Mai aus Kathmandu, musste der Angriff auf den Himal Chuli wegen schlechten Wetters etwa 500 m unter dem Gipfel aufgegeben werden.

Literatur: « Alpine Journal » No. 298, May 1959, S.133-134. Agentur-Meldung vom 29. 5. 1959.

8. Der Dhaulagiri ( « Weisser Berg » ), der nach alten Messungen 8167 m oder 8172 m, nach neueren Berechnungen 8222 m hoch ist, erweist sich als ein ganz besonders zäher und gefährlicher Gegner. Da er der einzige noch unerstiegene, politisch zugängliche Achttausender und der höchste noch unbetretene Gipfel der Erde ist, wird er jetzt alljährlich bestürmt und ist auf Jahre im voraus « gebucht ». Angesichts dieser Fülle ist eine kurze Übersicht angebracht:

1950: Französische Expedition, Erkundung der Nord- und Ostseite des Dhaulagiri, Vorstoss von Osten bis etwa 5500 m. 1953: Die Schweizerische Expedition ( AACZ ) erreichte von Norden eine Höhe von 7300-7400 m ( nach Dr. J. Hajdukiewicz ). 1954: Die erste argentinische Expedition gelangte auf dem Westgrat bis über 7900 m ( G.Watzl- Pasang Dawa Lama, A. C. Magnani-Angnyima II ). Tod des Leiters Fr. Ibanez. 1955: Die deutschschweizerische Expedition ( W. Stäuble-Pasang Dawa Lama ) erreichte etwa 7400 m. 1956: Die zweite argentinische Expedition kam bis etwa 7600 m.

1958: Die dritte schweizerische ( bzw. vorwiegend schweizerische ) Dhaulagiri-Expedition hatte ihr oberstes Lager bei 7550 m, neben dem argentinischen Zeltplatz, und musste wegen katastrophaler Wetter- und Schneeverhältnisse aufgeben ( s. unten ).

1959 ( Frühjahr ): Die österreichische Expedition, Leitung Fritz Moravec, versuchte die Besteigung über den NE-Grat und gelangte ( soweit Ende Juli 1959 bekannt ) bis etwa 7700 m. Am 29. April war Heinrich Roiss in einer Gletscherspalte, dicht beim Lager 2 ( 5400 m ), tödlich verunglückt. Später verunfallte auch noch ein Sherpa tödlich.

Von der Expedition 1958 sei noch berichtet: Fünf Teilnehmer - Ruedi Eiselin, Fr.Hächler, D. Hecker ( Deutscher ), G. Reiser und K. Winterfialter-veûiessen Zürich am 15. Januar 1958 in zwei DKW-Geländewagen und trafen am 7. März in New Delhi ein. Werner Stäuble, der Expeditionsleiter, und Max Eiselin flogen von Zürich, Dr. med. Georg Hajdukiewicz, der ausgezeichnete polnische Bergsteiger, von Port Said aus nach Bombay. Am 10. April stand das Basislager ( 4600 m ) am Mayangdi-Gletscher unter der Nordflanke des Dhaulagiri. Die Einrichtung der Hochlager 1 ( 5200 m ), 2 ( 5600 m ), 3 ( 5950 m ) und 4 ( 6550 m, in einer Eishöhle ) verlief planmässig, aber vom 8. bis 15. Mai verhinderte eine ausgesprochene Schlechtwetterperiode jeden Fortschritt. Erst am 17. Mai konnte Lager 5 ( 7150 m ) auf einem Leichtmetall-Rost erstellt werden, und am nächsten Tage wurden fixe Seile fast bis zum Westgrat hinauf gelegt, worauf Lager 6 ( 7550 m ) ausgestattet werden konnte. Für einen erfolgversprechenden Schlussangriff hätte es noch eines Hochlagers 7 bei etwa 7900 m bedurft, doch wütende Stürme und heftige Schneefälle machten jeden weiteren Vorstoss gipfelwärts unmöglich. Am 27. Mai wurde die Hälfte der Expeditionsmannschaft an verschiedenen Stellen von kleineren Lawinen erfasst, doch wurde glücklicherweise niemand ernstlich verletzt. Auch die Verschüttung der Wohnhöhle von Lager 4 lief glimpflich ab. Am 1. Juni verliess die Expedition das Basislager und marschierte über den « Franzosenpass » ( etwa 5680 m ) und durch die « Dambush Khola » ( von den Einheimischen Dapa Khola genannt ) nach Tukucha ( Tuktsche ausgesprochen ) im Krishna-Gandaki-Tal.

Literatur: « Die Alpen » Juli 1958, S. 148; August 1958, S. 165-166. « Der Bergsteiger » Juli 1958, Chronik, S. 141-142. Persönliche Berichte ( schriftlich und mündlich ) von Max Eiselin und Dr. Jerzy Hajdukiewicz an O. Dyhrenfurth.

9. Einer indischen Expedition gelang 1958 die erste Ersteigung des Mrigthuni ( 6855 m ), eines Gipfels im Südrand des Nanda Devi-Beckens. Leiter war Gurdial Singh, Honorary Local Secretary des Himalayan Club in Dehra Dun. Die anderen Teilnehmer waren Aamir Ali, Rajendra Vikram Singh und zwei Garhwali-Träger. Am 19. Juni erreichten sie den Gipfel über die stark zerschründete NE-Flanke.

Literatur: The Himalayan Club « Newsletter » No. 15, August 1958, S.2. « Alpine Journal » No. 297, November 1958, S. 261.

10. Als Nachtrag zu der Notiz Nr. 14 in meiner « Himalaya-Chronik 1956 » ( « Die Alpen » 1957, Quartalsheft 1, S. 22 ) sei auf die Spiti-Expeditionen 1955 und 1956 zurückgekommen, deren wissenschaftliche Aufgabe darin bestand, unglaubliche Mengen prachtvoll erhaltener Ammoniten aufzusammeln und abzutransportieren. Bergsteigerisch ist dieses Gebiet von geringerer Bedeutung, da es nur Fünftausender und ein paar kleine Sechstausender enthält, die grossenteils ziemlich sanft geformt sind. Aber einen Berg gibt es dort, der alle « Himalayisten » Jahrzehnte lang beschäftigt hat, die Shilla, nach amtlichen Angaben ( des Survey of India ) 23 050 ft. = 7025 m hoch und bereits 1860von einem namenlosen Messgehilfen im Alleingang bestiegen. Also ein bergsteigerischer « Höhen-Weltrekord » - dieser moderne Ausdruck passt hier ganz besonders schlecht-, der fast ein halbes Jahrhundert, von 1860 bis 1907, von einem bescheidenen Mitarbeiter, einem « unbekannten Soldaten » der Landesvermessung gehalten wurde!?

Aus einem von Jan de V. Graaf 1952 aufgenommenen Panorama hat Marcel Kurz gefolgert, « dass die Shilla die 7000 m nicht erreicht, vielleicht nicht einmal 6500 m! » ( « Berge der Welt » 1954, S. 220 ). Das bestätigte sich bereits auf der « Cambridge University Expedition 1955 ». Trevor Braham schätzt die Höhe der Shilla auf 21000 ft. = 6401 m, P. F. Holmes sogar auf bloss 20 000 ft. = 6096 m, und die Besteigung muss denkbar leicht sein: Der Westgrat ist ganz zahm, nirgends steiler als 20°. Mit der « Grosstat in der Frühzeit der Himalaya-Forschung » ist es also nichts. So endet wieder einmal eine schöne Legende.

Literatur: « Alpine Journal » No. 293, November 1956, S. 309. « Himalayan Journal » XX, 1957, S. 80.

11. Die Länder des « Panjab-Himalaya » - Kulu, Lahul und Spiti, Chamba, Zaskar und Rupshu - werden immer beliebter als Arbeitsfeld für Klein-Expeditionen, die nicht viel Zeit und Geld zur Verfügung haben und bereit sind, auf « spektakuläre » bergsteigerische Ziele zu verzichten. Dahin gehört auch eine vierköpfige englische Gruppe unter der Leitung von J. G. G. Stephenson, die im Grenzgebiet Kulu/Spiti die Lücken der Karte P. F. Holmes ausfüllen wollte und Ende Juli 1958 von Manali auf brach. Genaue Berichte über ihre Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Literatur: The Himalayan Club « Newsletter » No. 15, S. 2. « American Alpine Journal » 1959, S. 328.

12. Gleichzeitig startete die Chamba-Lahul-Expedition 1958 unter der Führung von Hamish McArthur, der schon 1955 zusammen mit Frank Solari eine ausgezeichnete Kartenskizze des östlichen Central-Lahul geliefert hatte. Leider starb McArthur am 15. August ganz plötzlich, anscheinend an einer Gehirn-Thrombose.

Literatur: « Alpine Journal » No. 298, May 1959, S. 102-104. « American Alpine Journal » 1959, S. 327-328.

13. Die « Women's Overland Himalayan Expedition 1958 » von Anne Davies, Antonia Deacock und Eve Sims kam ebenfalls nach Manali, aber in einer 42tägigen Autoreise ( mit « Land-Rover » ) durch Frankreich-Deutschland-Österreich-Jugoslawien-Griechenland-Türkei-Iran-Pakistan-In-dieiji, auf dem Rückweg noch durch Afghanistan. Die jungen Frauen führten dieses grosse Unternehmen tapfer durch, überschritten mehrere Pässe, bestiegen den « Biwi Giri », etwa 5600 m ( « Frauenberg » ), gelangten nach Padam, dem Hauptort von Zaskar ( richtiger Zanskar ) usw. Trotzdem ist es mehr eine abenteuerliche und lustig erzählte Ferienreise als eine richtige Himalaya-Expedition.

Literatur: « Alpine Journal » No. 298, May 1959, S. 83-90.

14. ( Nachtrag ) Über die « Imperiai College Karakoram Expedition 1957 » unter Leitung von Eric E. Shipton habe ich bereits in der letztjährigen Chronik berichtet ( « Die Alpen » 1958, Quartalsheft 3, S. 166-167 ). Inzwischen ist der offizielle Bericht erschienen. Durch Suez-Krise, Transport des Gepäcks um Afrika herum, Überfüllung im Hafen von Bombay, schlechtes Flugwetter für die Strecke Rawalpindi-Skardu usw. ging viel von der ohnehin sehr knapp bemessenen Zeit verloren. Für die Arbeiten im Bilafond- und Siachen-Gebiet blieben im August und September kaum mehr als 6 Wochen, noch dazu bei sehr ungünstigen Wetterverhältnissen. Die wissenschaftlichen Ergebnisse ( terrestrische Photogrammetrie, Geologie, Glaziologie ) sind noch nicht veröffentlicht, doch darf man anscheinend von 1957 nicht allzuviel erwarten. So bleibt der « Grosse Rosengletscher » wissenschaftlich und bergsteigerisch eines der dankbarsten Gebiete des ganzen Himalaya-Systems. Von den vielen grossen und kleinen Siebentausendern in seiner Umrahmung ist bisher nur der Sia Kangri ( 7422 m ) bestiegen.

Literatur: « Alpine Journal » No. 297, November 1958, S. 185-193.

15. Gasherbrum I oder Hidden Peak ( 8068 m ), der zweithöchste Berg des Karakorum, wurde von meiner«I. H. E. 1934 » gründlich erkundet, von NW über W und SW bis SE. Am«I. H. E. Sporn », der vom Abruzzi-Gletscher durch den grossen Steilwandgürtel über P. 6703 zum Plateau des « Ur-dok-Kammes » hinaufführt, drang unsere Seilschaft Hans Erti-André Roch bis etwa 6200 m vor und stellte fest, dass dies eine tatsächlich mögliche und wahrscheinlich sogar die beste Route zum Hidden Peak ist. Trägerstreik und Schwierigkeiten im Nachschubdienst hinderten uns damals, aus dieser Entdeckung selbst die praktischen Folgerungen zu ziehen. Wir wandten uns dem Sia Kangri und Baltoro Kangri zu.

Erst zwei Jahre später erfolgte der erste Angriff auf den Hidden Peak, und zwar durch die grosse französische Expedition 1936, allerdings nicht auf unserer Route, sondern über den Südsporn, der zum P. 7069 ( « Hidden Sud » ) hinaufzieht. Die Felskletterei erwies sich jedoch hier als so schwierig, dass der « Wegbau » für die Hochträger sehr viel Zeit kostete. Früher Monsun-Einbruch mit starken Schneefällen zwang in Lager 5 ( 6800 m ) zum endgültigen Rückzug. Der Hidden Peak hatte für mehr als zwei Jahrzehnte Ruhe, obwohl ich wiederholt auf seine Besteigbarkeit hingewiesen hatte.

Als von den 14 Achttausendern der Erde nur noch drei - Dhaulagiri, Shisha Pangma und Hidden Peak - « übrig » waren, kam zwangsläufig auch « der Verborgene Berg » an die Reihe, und zwar wollten die Amerikaner 1958 versuchen, sich in letzter Stunde noch einen « amerikanischen Achttausender » zu sichern. Der eigentliche Organisator war Nick Clinch. Er hatte es nicht leicht, denn das Bergsteigen ist in den USA nicht populär, und die Finanzierung einer Himalaya-Expedition ist dort fast noch schwieriger als im alten Europa. Schliesslich hatte man aber doch rund 25 000 Dollar zusammen, was sich als ausreichend erwies. Zum Leiter wurde Peter K. Schoening gewählt, der den Baltoro schon von der amerikanischen Expedition 1953 her kannte und damals auf dem dramatischen Rückzug vom K2 eine entscheidende Rolle gespielt hatte: Bei einem Absturz verwickelten sich die Seile von drei Zweier-Seilschaften, so dass alle mitgerissen wurden bis auf einen, Schoening, der fünf Mann hielt!

Die anderen Teilnehmer der amerikanischen Expedition 1958 waren: Thomas McCormack, Andrew J. Kauffman, Robert L. Swift und der Arzt Dr. Tom Nevison, die beiden pakistanischen Offiziere M. Akram und S. T. H. Rivzi und endlich die beiden Amerikaner G.J. Roberts und R. K. Irvin, die allerdings erst später kamen, als die Entscheidung am Hidden Peak schon gefallen war.

Das Gros traf am 4. Juni auf dem oberen Baltoro ein. Zunächst machten Schoening, Kauffman und Swift eine Exkursion auf den Südlichen Gasherbrum-Gletscher, um die West- und NW-Seite des Hidden zu besichtigen; allerdings kamen sie zu keinem anderen Ergebnis als wir 1934, und nach ein paar Tagen entschieden sie sich für den « SE-Sporn », d.h. für unseren « I. H. E. Sporn ». Am 11. Juni stand ihr Lager 1 ( 5300 m ) am Fusse des Sporns.

Die Etappe bis Lager 2 ( ca. 6100 m ) war lang und machte sehr viel Mühe, um so mehr, als nur wenige Hochträger zur Verfügung standen. Amerikaner wie Balti hatten täglich Lasten von je 25 kg zu bewältigen. Das technisch schwerste Stück war der nun folgende luftige Grat nach Lager 3 ( ca. 6550 m ) auf einem Firndom, dem scheinbaren Sporngipfel. Dieser Abschnitt kostete viel Stufen- arbeit und 1500 m fixe Seile. Doch am 28. Juni - 16 Tage nach Angriffsbeginn - war dieses Lager voll besetzt und ausgestattet; die Lebensmittel waren für acht Tage bemessen, und man hoffte, nun einen « Blitzangriff » durchführen zu können.

Am nächsten Tage zeigte sich ein Hindernis: Der anfangs leichte Grat, der den « Sporngipfel » mit dem « Urdok-Kamm » verbindet, wird plötzlich sehr scharf und so verwächtet, dass man Menschen und Lasten etwa 30 m über eine zum Teil überhangende Eismauer hinunterlassen muss, um den Plateau-Gletscher etwas tiefer unten zu erreichen. Für einen späteren Rückzug ist man hier auf ein fixes Seil angewiesen. Die Balti-Träger machen da nicht mehr mit. Da alles Zureden nichts hilft, bleibt den Amerikanern nichts anderes übrig, als das nächste Lager gleich am Plateaurand aufzustellen und die heruntergeseilten Lasten im Pendelverkehr dahin zu befördern. So bleibt Lager 4 ( 6700 m ) vom Gipfel des Hidden Peak rund 2 km weiter entfernt, als man geplant hatte.

Damit noch nicht genug: Captain Rizvi und ein Balti fühlen sich nicht wohl und kehren nach Lager 1 zurück. Auch McCormack, der schon während der Transporte zwischen Camp 1 und 2 an einer leichten Lungenentzündung erkrankt war und sich davon noch nicht richtig erholt hatte, muss aufgeben. In diesem kritischen Augenblick wird das Wetter schlecht. Die Gipfel-Mannschaft bleibt vier Tage lang in Lager 4 blockiert und versucht, auf dem breiten Urdok-Kamm eine Spur 3 km weit in Richtung Hidden-Gipfel offenzuhalten, aber Wind und Schneetreiben decken die Piste immer wieder zu. Der einzige Trost ist, dass wenigstens zwei Baltis in Lager 3 aushalten, Proviant bringen und über die Abseilstelle herunterlassen, so dass die Amerikaner diese « Liebesgabe » bergen können. Dieses schwach besetzte Lager 3 ( 6550 m ) ist das einzige Relais zwischen dem Fuss des Berges und dem Lager 4 - ein ungemütlicher Zustand!

Am 4. Juli endlich dreht der Wind nach Norden und es klart auf. Vorwärts! Zu fünft wühlen sie sich durch den tiefen Schnee, um noch Camp 5 als Sturmlager zu erstellen. Wenn man jetzt Skier hätte! In meinem Buch « Baltoro » ( S. 76 ) habe ich zwar seinerzeit ( 1939 ) darauf hingewiesen, dass die lange Strecke auf dem Urdok-Plateau gutes Skigelände sei, aber niemand scheint daran gedacht zu haben, wenigstens Kurzskier mitzunehmen. Der Spurer, der alle 10 bis 15 Minuten abgelöst werden muss, darf sogar das Sauerstoffgerät gebrauchen. Trotzdem geht es nur sehr langsam vorwärts, und am Nachmittag muss man bei etwa 7100 m haltmachen und das Zelt aufschlagen - während man doch beabsichtigt hatte, Lager 5 bis 7500 m vorzuschieben. Bis zum Gipfel des Hidden Peak ( 8068 m ) sind es noch fast 1000 Höhenmeter und 4 km horizontal, ohne technische Schwierigkeiten, aber bei mehr als knietiefem Schnee. Ist das an einem Tage, hin und zurück, zu schaffen? Clinch, Swift und Dr. Nevison, der Arzt, der so tapfer als Bergsteiger und Hochträger mitgearbeitet hatte, drücken der Gipfel-Seilschaft herzlich die Hand und wanken langsam nach Lager 4 hinunter. Schoening und Kauffman bleiben allein zurück; auf ihren Schultern lastet nunmehr die ganze Verantwortung.

Zum erstenmal atmen sie Schlaf-Sauerstoff und haben so eine gute Nacht. Für den Gang zum Gipfel hat jeder noch zwei Sauerstoff-Flaschen zur Verfügung. Das Wetter ist prächtig, am 5. Juli, 6 Uhr morgens, brechen sie auf. Ausser der Ausrüstung, wie sie für einen Achttausender normal ist, nehmen sie sogar behelfsmässige Schneereifen mit, die ihnen allerdings nicht viel nützen. Nach vier Stunden erreichen sie den flachen Sattel nordöstlich von P. 7504 ( der Spoleto-Desio-Karte 1:75 000 ), queren schräg ansteigend die grosse Firnmulde zwischen der Schulter ( P. 7760 und 7784 ) und der Gipfelpyramide, gelangen nach weiteren Stunden endlich auf harten, windverblasenen Schnee, wo die Steigeisen greifen, und stehen um 15 Uhr auf der Spitze.

Nur K2 ( 8611 m ), « der Berg der Berge », überragt noch ihren Standpunkt, Broad Peak und die anderen Gasherbrum-Gipfel sind zum Greifen nahe, es ist strahlend schön, die Aussicht klar bis in die weitesten Fernen, aber es ist so kalt, dass sie sich mit den ( prächtig gelungenen ) Gipfelaufnahmen beeilen und nach 20 Minuten den Abstieg antreten.

Der Rückweg wurde zur Qual, die Spur war bereits verweht und musste neu aufgemacht werden. Die Sauerstoff-Zylinder, ohne deren Hilfe der neunstündige pausenlose Aufstieg nicht möglich gewesen wäre, hatten ihren Dienst getan, waren aber nun leer und abgeworfener Ballast. Der Wille triumphierte: Um 21 Uhr waren sie bei dem einsamen Zelt von Lager 5 ( 7100 m ), krochen in ihre Schlafsäcke, schmolzen Schnee und tranken eine Tasse Tee nach der andern, stundenlang.

Noch eine zweite Seilschaft auf den Gipfel zu schicken, hätte bedeutet, die oberen Lager mit allem Nötigen neu auszustatten. Darauf verzichtete man und gab sich mit dem Erreichten zufrieden. Am 9. Juli konnten die Amerikaner - ein glücklicher Zufalldie Kulis anwerben, die gerade mit der japanischen Chogolisa-Expedition gekommen waren. Hochkonjunktur für die Balti-Träger auf dem Baltoro! Am 21. Juli war man in Skardu, genau zwei Monate nach dem Aufbruch von dort. Eine erstaunlich kurze Zeit für eine erfolgreiche Hidden-Peak-Expedition.

Literatur: « Alpine Journal » No. 297, November 1958, S. 242-243. « La Montagne » avril 1959, S. 39-45.«American Alpine Journal » 1959, S. 165-172.

16. Chogolisa ( 7654 m ), die früher « Bridge Peak » hiess, ist ein sehr berühmter Berg. Vor einem halben Jahrhundert, 1909, stellte der Herzog der Abruzzen dort einen mit 7498 m 13 Jahre geltenden bergsteigerischen Höhen-Weltrekord auf, der erst 1922 am Everest überboten wurde, und 1957 fand Hermann Buhl an der Chogolisa den Tod durch Wächtenabbruch. Chogolisa ist einer der idealsten Eisberge, und ihre Besteigung ist, wie jeder Himalaya-Kenner seit Jahrzehnten weiss, zweifellos möglich und nicht einmal besonders schwer. 1958 wandten sich die sehr systematisch vorgehenden Japaner dieser Aufgabe zu.

Die vom Akademischen Alpen-Club Kyoto organisierte Expedition stand unter der Leitung von Professor T. Kuwabara. Am B. Juli wurde das Basislager auf der Moräne am Fusse des NW-Grates des Baltoro Kangri ( 7312 m ) errichtet. Es folgten Camp 1 ( 5400 m ), 2 ( 5900 m ) nahe dem Kondus-Sattel, 3 ( 6400 m ) am Fusse des Firngipfels P. 7150 im SE-Grat der Chogolisa und Lager 4 ( 6700 m ) nahe den Überresten des Zeltes von Buhl und Diemberger. Am 29. Juli wurde bei schlechtem Wetter noch ein Lager 5 ( 7000 m ) auf einem Felsvorsprung erstellt. Von dort aus machten M. Fujihira und K. Hirai einen ersten Angriff, verbrauchten aber viel Zeit bei dem Abstieg über den gefährlichen Westgrat von P. 7150 und gaben am Nachmittag bei etwa 7200 m auf.Trotzdem war dieser Tag nicht verloren: Sie entdeckten, dass der Firngipfel P. 7150 ( « Dome » ) auf der Südseite umgangen werden konnte, so dass sie auf dem Rückweg ohne Schwierigkeit direkt nach Lager 3 ( 6400 m ) gelangten.

Daraufhin wurden die Lager 4 und 5 am « Dome » geräumt, und ein neues Lager 4 ( 6700 m ) entstand etwa 200 m unter dem Sattel zwischen P. 7150 und Chogolisa. Das war der Ausgangspunkt für den zweiten Angriff, den Fuijhira und Hirai am 4. August bei strahlendem Wetter unternahmen. Sie brachen um 4.30 Uhr auf, was für den Himalaya ungewöhnlich früh ist, und waren schon nach 40 Minuten im Sattel ( ca. 6900 m ). Sauerstoff gebrauchend, stiegen sie über den klassischen SE-Grat der Chogolisa auf. Die riesigen Wächten, die in die geriefelte NE-Wand hinaushangen, erforderten ständig grösste Vorsicht. Der Schnee war tief und stellenweise so faul, dass sie bis zur Brust hineinfielen und beinahe einen Graben wühlen mussten. Um 13 Uhr ging der Sauerstoff zu Ende, und erst drei Stunden später erreichten sie den Gipfelgrat. Die letzten 40 m gab es noch Felskletterei, und um 16.30 Uhr betraten sie nacheinander die äusserst luftige Spitze, von einem Brockengespenst begrüsst. Nach halbstündiger Rast traten sie den Abstieg an und gelangten erst in tiefer Nacht - um 22.30 Uhr - dank einer Stirnlampe glücklich nach Lager 4.

Ausserdem erstieg die japanische Expedition noch zwei kleinere Gipfel, den « Kondus Peak » ( 6752 m ) südlich des Kondus-Sattels und den « Kaberi Peak » ( 7000 m ) südlich des « Dome » ( P. 7150 ). Literatur: « Alpine Journal » No. 298, May 1959, S. 134/135. « American Alpine Journal » 1959, S.243-244.

17. Der stolze Gasherbrum IV, welcher der ganzen Gruppe den Namen gegeben hat, ist offiziell mit 26 000 ft. = 7925 m kotiert. Aus der photogrammetrischen Vermessung, die Prof. K. Mason 1926 von der Shaksgam-Seite her ausführte, ergab sich jedoch 26 180 ft. = 7980 m, und dieser Wert wurde von mir übernommen. Bedenken kamen mir erst, als ich das prachtvolle Panorama studierte, das Kurt Diemberger 1957 vom Hauptgipfel des Broad Peak ( 8047 m ) aufgenommen hatte. Rechts neben dem Gipfelgrat des Gasherbrum IV, aber rund 63 km dahinter, ist der-zwischen Bilafond-und unterem Siachen-Gletscher gelegene - K12 oder Peak 8 ( 7428 m ) sichtbar. Dieser Berg überhöht scheinbar den Gasherbrum IV, was nicht der Fall wäre, wenn der - vom Broad Peak knapp 6½ km entfernte - Gasherbrum IV wirklich 7980 m hoch wäre 1.

Auch der Vergleich von Gasherbrum IV mit G. III ( 7952 m ), G. II ( 8035 m ) und G. I oder Hidden Peak ( 8068 m ) im Diemberger-Panorama macht es augenscheinlich, dass Masons Zahl um 50 bis 60 m zu hoch ist. Ich kehre also zur offiziellen Kote zurück: Gasherbrum IV ( 7925 m ). Auf dem gleichen Bild zeigt sich auch die natürliche Route auf diesen bisher als problematisch geltenden Berg: es ist der NE-Grat, dessen Fusspunkt, der NE-Sattel ( 7100 m ), allerdings schwer zugänglich ist.

Diese Fragen gewannen bald grosse Bedeutung, denn nachdem die Regierung von Pakistan den Hidden Peak für 1958 den Amerikanern zugesprochen hatte, wurde Gasherbrum IV das Ziel einer neuen italienischen Gross-Expedition, die vom Club Alpino Italiano organisiert wurde. Leiter war - der jedem Bergsteiger wohlbekannte -Riccardo Cassin von Lecco. Die anderen Teilnehmer waren: Toni Gobbi, Walter Bonatti, Carlo Mauri, Bepi De Francesch, Giuseppe Oberto, der Arzt Dr. Donato Zeni und Fosco Maraini, Schriftsteller und Orient-Kenner, Lichtbildner und Filmmann.

Am 30. Mai 1958 brachen sie von Skardu auf. Da zu den 7 Tonnen Expeditionsgepäck und -provi-ant noch 4 Tonnen Lebensmittel für die Träger kamen, war es eine stattliche Karawane: 8 Italiener, der pakistanische Verbindungsoffizier Captain Dar, 6 Hochträger mit ihrem Obman Taki und 450 Kulis. Am 17. Juni waren sie bei der Einmündung des Südlichen Gasherbrum-Gletschers in den « Her-zog-der-Abruzzen-Gletscher » und begannen mit der Einrichtung des Basislagers ( 5150 m ), etwa an der gleichen Stelle, wo das Lager 5 a ( von Urdokas aus gezählt ) meiner « I. H. E. 1934 » gestanden hatte.

Am 29. Juni waren bereits die ersten drei Hochlager erstellt, Camp 1 ( 5600 m ) auf der zerschründeten Zunge des Südlichen Gasherbrum-Gletschers, Camp 2 ( 6150 m ) im weiten, fast spaltenlosen Firnbecken, und Camp 3 ( 6350 m ) am Fusse des gewaltigen Eisfalles ( « Seraccata degli Italiani » ), der zwischen Gasherbrum III und IV hervorquillt. Dieser etwa 500 m hohe Eisfall kostete ein volle Woche schwieriger und gefährlicher Arbeit, bis die Gletschermulde oberhalb der Séracs erreicht war, der Platz für Lager 4 ( 6900 m ). Am B. Juli betraten sie zum ersten Male den « NE-Sattel » ( ca. 7100 m ). Diese breite Einsenkung zwischen Gasherbrum III ( 7952 m ) und IV ( 7925 m ) ist ein wirklicher Pass, d.h. eine Verbindung zwischen dem Nördlichen und dem Südlichen Gasherbrum-Gletscher, und somit zwischen dem Shaksgam, das zum Yarkand fliesst, und dem Indus. Die noch nicht begangene Nordseite dieses Sattels ist zwar steil, aber wahrscheinlich bei weitem nicht so schwer wie der südliche Hängegletscher mit dem « Eisfall der Italiener ».

1 Sehr anregend war für mich der Briefwechsel mit Baron Eduard Sternbach ( Mareit bei Sterzing ), der die Gipfel-Panoramen der Achttausender sorgfältig analysiert.

Hundert Meter oberhalb des NE-Cols wurde Lager 5 ( 7200 m ) errichtet, auf dem NE-Grat, der vorgesehenen Anstiegsroute zum Gipfeltrapez. Von dort aus bereiteten Bonatti und Mauri den scharfen und stark verwächteten unteren Teil des Grates vor und gelangten am 14. Juli - mehrere Türme in schwerer Kletterei überschreitend - bis über 7700 m. Die Entscheidung schien nahe, doch das Wetter, das elf Tage lang schön gewesen war, schlug um und wurde so schlecht, dass die gesamte Mannschaft zum Basislager absteigen musste.

Am 24. Juli kam wieder alles in Bewegung, und im Laufe einer Woche wurde Lager 4 ( 6900 m ), oberhalb des Eisfalles, tadellos ausgestattet. Am 2. August besetzten die Seilschaften Bonatti-Mauri und Gobbi-De Francesch Lager 5 ( 7200 m ). Am nächsten Tage galt es, das letzte Lager, Camp 6 ( 7580 m ), aufzubauen und mit allem Nötigen zu versehen. Die Kletterei bewegte sich immerhin in den Schwierigkeitsstufen III und IV, die Rucksäcke wogen je 15 kg, dazu die Höhe... es war eine furchtbare Plage. Endlich stand das Zelt unter dem letzten Turm, am Fuss des grossen Kamins. Während Bonatti und Mauri sich im Sturmlager einrichteten, begannen Gobbi-De Francesch, schon bei Mondschein, den Abstieg nach Lager 5.

Am Morgen des 4. August nahmen Bonatti-Mauri 350 m Seil für das letzte Gratstück mit und traten zu ihrem zweiten Angriff auf den Gipfel an. Es war eine bittere Enttäuschung: Sie kamen zwar weiter als am 14. Juli, aber etwa 130 Höhenmeter unter dem Gipfel mussten sie neuerdings verzichten. Die Zeit war schon zu weit vorgerückt, und beide waren offenbar nicht gut in Form, weil die Strapazen der beiden letzten Tage nachwirkten. Was nun?

Am Abend konnten sie sich mit Lager 5 verständigen, wo inzwischen Dr. Zeni, der Arzt, eingetroffen war, und am 5. August schalteten sie einen wohlverdienten Rasttag ein. Gobbi, De Francesch und Dr. Zeni machten ihnen in Lager 6 einen Besuch und brachten frischen Proviant mit, vor allem Früchte, Fruchtsaft, Brennstoff, um beliebige Mengen von Getränken zubereiten zu können, und... Post aus der Heimat. Diese Medizin wirkte Wunder, und alle waren nun wieder voller Zuversicht.

Am gleichen Tage stieg Cassin, der Expeditionsleiter, von Lager 4 zu dem noch nicht betretenen « Nordsattel« ( 7300 m ) des Gasherbrum III auf und bekam von dort einen genauen Einblick in Ostwand und Nordostgrat des Gasherbrum IV - eine auch geologisch sehr bedeutungsvolle Aufnahme.

Der 6. August 1958 sollte die Entscheidung bringen. Bereits um 8 Uhr morgens waren Bonatti und Mauri hinter dem « Schwarzen Turm » in der Scharte, bis zu der sie am 4. August vorgedrungen waren. Von jetzt ab war Neuland: « die schwarze Schneide », eine ganz dünne Platte von dunklem Granit, dahinter « der schwarz-weisse Col », der Kontakt zwischen dem dunklen, kristallinen Gestein und dem reinweissen marmorisierten Kalk. Ein Kamin, Schwierigkeitsgrad IV, führt sie auf den Vorgipfel, mit dem der First des gewaltigen Berges beginnt, die Zinnen über der 3000 m hohen Marmorwand, die den ganzen Baltoro-Gletscher hinunterleuchtet. Die Krone des riesigen Trapezes, über dem Amphitheater von Concordia, trägt mehrere fast gleich hohe Zacken, deren Überkletterung gar nicht einfach war ( IV. und V. Grad ). Der letzte Mauerhaken im Fels des Gipfels bezeugt es.

Am gleichen Tage, dem 6. August, machten Maraini und Oberto eine andere sehr viel leichtere, aber geographisch wichtige « Erstersteigung », indem sie, von Lager 2 ( 6150 m ) ausgehend, in östlicher Richtung den Gasherbrum La erreichten. So habe ich 1934 den breiten Sattel nördlich des Hidden Peak benannt, der das weite Becken des Gasherbrum-Firns im Osten abschliesst. Ich schätzte die Höhe dieses Joches seinerzeit auf etwa 6500 m, was anscheinend um 100 bis 150 m zu tief gegriffen war. Eine Vermessung liegt allerdings noch nicht vor. Der Gasherbrum La ist einer der im Kara- korum häufigen « falschen Pässe », nur von Westen zugänglich und gegen den Sgan-Gletscher in wilden Wänden abbrechend, also kein praktisch benutzbarer Übergang ins Shaksgam.

Literatur: « Rivista Mensile » luglio/agosto 1958, p. 231-237, und marzo/aprile 1959, p. 77-84. « Groupe de Haute Montagne, Annales 1958 », p.2-8, Toni Gobbi: Gasherbrum IV.

18. Über die Masherbrum-Expedition 1957 habe ich auf Grund genauer brieflicher Erzählungen bereits in meiner Himalaya-Chronik 1957 berichtet ( « Die Alpen » 1958, Quartalsheft 3, S. 170-171 ). Nachgetragen sei nur noch der Hinweis auf die inzwischen erschienene Literatur: « Alpine Journal » No. 297, November 1958, S. 169-184.

19. Nach der tragisch misslungenen Expedition der Oxford University 1957 ( s. « Die Alpen » 1958, Quartalsheft 3, S. 171-173 ) dauerte es kaum ein Jahr, bis der gefürchtete Haramosh ( 7397 m ) -zwischen Indus und Chogo-Lungma-Gletscher - von neuem angegangen wurde, und zwar von einer österreichischen Expedition, die von der « Österreichischen Himalaya-Gesellschaft » in Wien organisiert wurde. Die Mannschaft setzte sich aus fünf Bergsteigern und drei Wissenschaftlern zusammen, Heinrich Roiss, als Leiter, Prof. Dr. Franz Mandi, Rudolf Ebner, Stefan Pauer und Dr. Rudolf Hammerschlag, der Arzt, waren die Alpinisten. Die wissenschaftliche Gruppe bestand aus Prof. K. Wiche ( Geograph ), Prof. K. Jettmar ( Ethnologe ) und Dr. E. Piffl ( Zoologe ).

Am 17. April flogen sie von Rawalpindi nach Gilgit, wo sie 6 Tage auf die Hunza-Leute warten mussten. Sie wählten unter ihnen 6 Hochträger aus, waren aber später mit ihnen nicht sehr zufrieden. Dann ging es in vier Jeeps - eine aufregende Fahrt - nach Sasli ( 1500 m ) im Industal. Dank den Bemühungen des pakistanischen Verbindungsoffiziers Jamil ur Rahman gelang es schliesslich, für die 150 Lasten 125 Lokalträger und 14 Esel zu beschaffen. Der Anmarsch selbst war kurz: Am 27. April brachen sie auf und gelangten schon am nächsten Tage nach Iskir, einem der letzten Dörfer in der Haramosh nullahTal ), hatten dort viel Verdruss durch Warnungen und Prophezeiungen, die einen Trägerstreik auslösten, und mussten, noch weit unten, nahe Kutwal Sar, ein « Waldlager » einrichten, am rechten Ufer des Mani-Gletschers. Von dort wurde das Gepäck in 14tägigem Pendelverkehr zum Basislager ( 3400 m ) befördert.

Schon hier war es nicht ungefährlich. Die Lawinen, die immer wieder über die rund 4000 m hohe Nordflanke des Haramosh-Kammes herunterdonnerten, jagten Windstösse bis ins Tal, so heftig, dass die Zelte beschädigt wurden. Einmal wurden sogar 11 Lasten aus dem « Transit-Lager » ( 4200 m ) fortgeschwemmt und konnten nur zum Teil und erst nach Wochen geborgen werden. Erst am 15. Juni war Lager 1 auf dem Haramosh La ( 4800 m ) besetzt, eine wohnlich eingerichtete Eishöhle und Zelte, wo Ende Juni die ganze Mannschaft versammelt war. Auch Lager 2 ( 5600 m ) war eine Höhle, die guten Schutz gegen Sturm und Lawinen bot, und an die Temperatur - gleichmässig —4° C -hatte man sich schon längst gewöhnt.

Nun begann der Kampf um den Mani Peak, einen viergipfligen Berg, der den Eingang zu dem NE-Grat des Haramosh sperrt und überschritten werden muss. Besondere Mühe machte Mani Peak II ( 6300 m ) mit seiner 200 m hohen Eiswand, die allein vier Tage und den Einsatz der modernen technischen Hilfsmittel erforderte. Erst am 15. Juli konnte Lager 3 ( 6200 m ) in der Senke zwischen den Mani Peaks erstellt werden. Am Abend bestiegen Roiss und Mandi noch den Mani Peak IV ( 6450 m ). In den Strahlen der untergehenden Sonne leuchteten die wohlbekannten Zinnen des Baltoro, Nanga Parbat und Rakaposhi greifbar nahe, ein unsagbar grossartiges Bild, aber ein schlimmes Vorzeichen für die Entwicklung des Wetters. Und der Gipfel des Haramosh war noch gut 7 km entfernt; der zu ihm führende Grat mit grossen Gegensteigungen musste, hin und zurück, mindestens drei Tage kosten.

Schon in der Nacht kam der Wettersturz. Zwei Tage warteten sie, doch es wurde immer schlechter, und am dritten Tage traten sie den Abstieg an: In wütendem Sturm hinauf zum Mani Peak II, die tief verschneiten fixen Seile an der Eiswand müssen Schritt für Schritt freigelegt werden, schwere Böen schleudern die um ihr Leben ringenden Männer hin und her, die Fausthandschuhe gehen in Fetzen, doch sie kämpfen sich durch, und am Nachmittag sind sie - schwer erschöpft - im Haramosh La, in Lager 1 bei ihren Kameraden.

Radio Pakistan, das für die österreichische Expedition eigene Wettermeldungen ausstrahlte, sprach von einem vorzeitigen Monsun-Einbruch, und tatsächlich brachten die nächsten Tage gewaltige Schneestürme. Erst am Nachmittag des 31. Juli klarte es auf, doch stellte die Wettervorhersage nur eine drei- bis viertägige Besserung in Aussicht. Also -jetzt oder nie!

Am 1. August, um 3 Uhr morgens, erfolgte der neue Start; alle traten an, Österreicher und Hunzas. Die Spurarbeit kostete das Dreifache der normalen Zeit, die oberen Lager mussten mit Sonden gesucht werden; so lag Camp 3 unter 3 m Neuschnee! Die Hunzas waren nur bis an den Fuss der Eiswand mitgekommen und meldeten sich dort krank, so dass die Österreicher übermenschlich zu schleppen hatten.

Die Gipfelmannschaft bestand aus drei Mann - Roiss, Mandi und Pauer. Schwer beladen überschritten sie am 3. August morgens den Mani Peak IV ( 6450 m ) und traten den Marsch in die « Mausefalle » an, im vollen Bewusstsein der Gefahren des 7 km langen Grates. Auf luftige Wächtengrate folgte ein Felsturm, der - in Erinnerung an den Nanga Parbat - « kleiner Mohrenkopf » getauft wurde. Am Fuss der Felsen rutschte Roiss in den Bergschrund und wurde mit viel Mühe wieder emporgehisst, aber bei diesem Manöver wurde der Rucksack aufgerissen und verstreute seinen lebenswichtigen Inhalt. Aufsammeln und notdürftiges Flicken machten viel Mühe.

Weiter ging es hinab und hinauf, allerlei Hindernisse teils überschreitend, teils umgehend; eine Graterhebung fast vom Range eines Gipfels wurde « Zufallspitze » ( 6120 m ) benannt. Immer bösartiger wurden die Wächten, sorgfältige Seilsicherung erfordernd, immer grösser die Müdigkeit. Da lockte ein windgeschützter Platz auf der Nordseite des Grates, und bald stand das einsame Sturmzelt auf einem kühnen Vorbau, Lager 4 ( ca. 6000 m ). Schnee schmelzen -Tee - Limonaden -trinken, immer wieder, literweise! Sie waren viel zu erschöpft, um auch noch zu essen. Auch schlafen konnten sie nicht, die Spannung war zu gross. Nur ein paar Stunden ruhen!

Um 1 Uhr nachts, am 4. August, gingen sie wieder los, zunächst etwa 200 m hinunter in die grosse Mulde vor dem eigentlichen Haramosh. Sie waren hier also bei etwa 5800 m und hatten nicht weniger als 1600 Höhenmeter bis zum Gipfel. Die Steigung begann. Gegen 4.30 Uhr ging die Sonne auf, herrlich, aber Schlechtwetter ankündigend. Vorwärts! Fünf Stunden später waren sie auf der Schulter ( 6900 mdie Gipfel rundum steckten schon in Wolken, nur der Haramosh erhob sich noch über die Decke. Der grosse Eiswulst unter dem Gipfel, « die Schaumrolle », rückt immer näher, aber man kann dieses Gebilde auf der Südseite umgehen. Immer wütender wird der Sturm, am schlimmsten auf dem Wulst; man kann sich kaum mehr aufrechthalten. Noch ein kurzer scharfer Grat - es ist 13.50 Uhr - sie stehen auf der scharfen Firnspitze des Haramosh! Ein grosser Augenblick, eine « Sternstunde » des Lebens, obwohl Kälte und Sturm zwingen, « die unerlässlichen Gipfel-Kult-handlungen » tunlichst abzukürzen.

Fast 13 Stunden hatte der Aufstieg gedauert, rund 6 Stunden dauerte der Abstieg. Das Aller-bitterste war die letzte Gegensteigung - 200 Höhenmeter - aus der grossen Mulde ( 5800 m ) zum Lager 4 ( 6000 m ). Um 20 Uhr waren sie beim Zelt, krochen in die Schlafsäcke und... verbrachten die halbe Nacht, Tee und Fruchtwasser zu bereiten für die schmerzenden Kehlen und die ausgedörrten Körper.

Der 5. August: Um die überschweren Rucksäcke zu erleichtern, mussten Zelt, Kocher und ein Teil des Proviants zurückbleiben. Das Allernotwendigste wog immer noch mehr als genug. Der Rückweg über den endlosen Grat, mit viel Steigung, in Kälte und Sturm, war ein vielstündiger, erbitterter Kampf ums Leben. Am späten Nachmittag krochen sie mühsam die letzten Schritte zum Mani Peak IV hinauf, taumelten zum Lager 3 hinunter und fanden es schliesslich.. leer! Sie wussten ja nicht, dass Ebner und Hammerschlag, inzwischen krank geworden, absteigen mussten.

Ein Rasttag in dem wohl ausgestatteten Lager 3 wäre für die drei abgekämpften Männer eine Wohltat, aber der Schnee prasselte gegen die Zeltbahnen und der Höhenmesser, der ja auch als Barometer zu brauchen ist, war um 300 m gestiegen. Also: so rasch als möglich hinunter ins Basislager oder die zweite Mausefalle schliesst sich!

Der 6. August: Sie schaufelten den Zelteingang frei und packten sechs Rucksäcke! Jeder versuchte zwei zu nehmen, um das Lager 3 schnell zu räumen. Keuchend schleppten sie die Lasten auf den Mani Peak II ( 6300 m ); diese hundert Höhenmeter kosteten schon mehr als eine Stunde. Das Schlimmste aber war der Abstieg über die Eiswand an den vereisten fixen Seilen, mit je zwei überschweren Rucksäcken, im tobenden Schneesturm, drei Stunden, mit erlahmender Arm- und Fingerkraft. Am Fuss der Eiswand liessen Roiss und Mandi je einen Sack zurück, Pauer seine beiden.. er trennte sich sogar von seiner Kamera, was noch nie vorgekommen war.

Lager 2 war offenbar geräumt. Nach den tief im Schnee begrabenen Zelten zu wühlen, hatte niemand mehr die Kraft. Also weiter! Es wurde Abend, zu sehen war gar nichts als Nebel und Schneetreiben, in der breiten Senke des Haramosh La verloren sie die Orientierung, liefen im Kreise und kamen wieder auf die eigene Spur. Jetzt noch ein Biwak? Das wäre das Ende. Doch da vorn - ein dunkler Schatten.. ein Felsen... wahrhaftig, der Lagerfels! Als sie in das Gemeinschaftszelt des Hauptlagers stolperten, wo die Kameraden waren, starrten diese sie an, als ob sie schon aus dem Jenseits kämen. Dann aber brach der Freudensturm los!

Vom Haramosh La bis zum Gipfel des Haramosh Peak sind es gut 9 km, hin und zurück das Doppelte, also: eine Gratwanderung von rund 18 km, in einer Höhe zwischen 5000 und 7400 m, mit grossen Gegensteigungen und erheblichen technischen Schwierigkeiten, ohne Hochträger und bei Wetter- und Schneeverhältnissen der Monsunzeit. Es war ein Wagnis von höchster Kühnheit und eine staunenswerte Leistung... allerdings ein Unternehmen, wie es nicht oft gut ausgeht!

Literatur: « österreichische Alpenzeitung » Folge 1301, September/Oktober 1958. « Österreichische Touristenzeitung » Oktober 1958. « Alpine Journal » No. 298, May 1959, p. 12-24.

20. Der Minapin Peak ( 7273 m ), der auf den meisten Karten als « Diran » eingetragen ist, befindet sich nordöstlich von Gilgit, also östlich des Rakaposhi, im Kamm zwischen Bagrot-Tal und Minapin-Gletscher. Die Britische Minapin-Expedition 1958 stand unter der Leitung von E. G. C. Warr, dem Leiter einer Londoner Firma für Bergsteiger- und Ski-Ausrüstung. Die anderen Teilnehmer waren: F. C. Hoyte, ein Arzt aus Liverpool, Dennis Kemp und Walter Sharpley. Sechs Wochen lang ging auch T. H. Braham mit, Honorary Editor des Himalayan Journal, bis er mit dem Ablauf seiner Urlaubszeit nach Calcutta zurückkehren musste.

Zu dieser Zeit war auf der Nordseite des Minapin Peak erst Lager 2 ( 5334 m ) in einer Eishöhle eingerichtet. Vom obersten Lager aus machte die Seilschaft Warr-Hoyte am 7. Juli einen Angriff auf den Gipfel. Man sah sie noch 100 m unter der Spitze im Anstieg, als ein schwerer Schneesturm losbrach. Seitdem fehlt von ihnen jede Spur, obgleich Kemp und Sharpley das Gebiet zwischen dem letzten Lager und dem Gipfel zwei Tage lang absuchten. Die Expedition wurde abgebrochen.

Literatur: The Himalayan Club « Newsletter » No. 15, August 1958, p. 3. « Alpine Journal » No. 297, November 1958, p. 261.

17 Die Alpen - 1959 - Les Alpes257 21. Der Rakaposhi = « Drachenschwanz » ( 7788 m ) war durch wiederholte Erkundungen und Besteigungsversuche so genau bekannt, dass man ihn schon seit Jahren als « reif » erklären musste. 1958 wurde die Frucht endlich gepflückt, und zwar durch eine britisch-pakistanische Gemeinschafts-expedition, neun Offiziere unter der Leitung von Captain B. Banks, der schon 1956 eine eng-lisch-amerikanische Vier-Mann-Expedition geführt hatte und bis etwa 7160 m gekommen war. Die anderen Teilnehmer waren: R. Brooke, M. Deacock, H. Grant, E. Mills, Dr. med. T. Patey, J. R. Sims; Capt. Raja Aslam und Capt.Shah Khan. Dieser war eine ganz besonders wichtige Persönlichkeit, denn er hatte selbst die sechs Hunza-Hochträger ausgewählt, und er war ein Onkel des Mir ( Fürsten ) von Hunza. Der zehnte war Sahib Shah, ein pakistanischer Kartograph und alter Expeditionsmann.

Am 20. Mai wurde das Basislager ( 4270 m ) am Kunti-Gletscher aufgeschlagen. Wo frühere Expeditionen sich an blumigen Wiesen und murmelnden Bächen erfreut hatten, musste diesmal der Schnee fortgeschaufelt werden. Trotzdem begann alsbald die Arbeit am SW-Sporn zwischen Kunti- und Biro-Gletscher. Der SW-Sporn - nicht zu verwechseln mit dem auf der andern Seite des Kunti-Kessels befindlichen SW-Gratbietet den besten Durchstieg durch den unteren Steilwandgürtel des Massivs und vereinigt sich am « Mönchskopf » ( 6400 m ) mit dem SW-Grat. Anschauliche Namen wie « Gendarm » und « Haifischflosse » deuten bereits darauf hin, dass diese untere Region bis auf den « Mönchskopf » der schwierigste und bei schlechten Verhältnissen gefährlichste Teil der ganzen Besteigung ist. Auch 1958 gab es dort böse Abenteuer:

Zwischen Lager 1 und 2 wurden Patey und Brooke, die an einer heiklen Stelle Seile befestigen wollten, von einer kleinen Lawine beinahe mitgerissen. Ein paar Tage später gerieten Shah Khan und Aslam mit ihrer Trägergruppe in der Rinne unter Camp 1 in eine Lawine, die sie gegen 450 m hinuntertrug. Dass dabei niemand ernsthaft verletzt wurde, war fast ein Wunder. Auch die Moral der Hunzas, die ja unter ihrem eigenen Offizier arbeiteten, blieb gut. Die Leute lernten bald, sich an einem Seilgeländer - z.B. unter dem « Gendarm » - mit dem Karabiner einzuhängen und gut zu sichern. Insgesamt brauchte man gegen tausend Meter fixe Seile.

Das Wetter war sehr unbeständig, oft ausgesprochen schlecht, und die häufigen Schneefälle machten den « Wegbau » ungeheuer mühsam.Besonders hart wurde um den « Mönchskopf»gerun-gen. Als dieses Hindernis glücklich überwunden war, ging es rasch vorwärts: Am 23. Juni wurde Lager 5 bei etwa 7000 m in einer Gratkerbe errichtet, am nächsten Tage Lager 6 bei etwa 7300 m am Rand der breiten Firnterasse unter der Gipfelpyramide, und am 25.Juni 1958 kämpften sich Banks und Patey - der Expeditionsleiter und der Arzt - trotz Schneesturm und Kälte zur Spitze des Rakaposhi ( 7788 m )!

Sauerstoff wurde nicht verwendet. Trotz denkbar widrigen Verhältnissen gab es nur leichte Frostschäden.

Literatur: « Berge der Welt » 1955, S. 36-38. « Himalavan Journal » XX, 1957, S.52-70. « Alpine Journal » No. 297, November 1958, S. 159-168.

22. Der Oxford Mountaineering Club organisierte 1958 eine Expedition nach Chitral, dem zu West-Pakistan gehörigen, noch wenig erschlossenen Land an der afghanischen Grenze, südlich des Oxus ( Amudarja ). In diesem höchsten Teil des Hindukusch sind bisher erst zwei Hauptgipfel erstiegen worden, 1951 der Tirichmir ( 7700 m ) von einer norwegischen Expedition und 1955 der Istor-o-nal ( 7389 m ) von einer kleinen amerikanischen Expedition. Leiter der « Oxford Chitral Expedition » war W. Norrish. Die anderen Teilnehmer waren: P. S. Nelson, F. S. Plumpton, G. Roberts und N. J. Rogers, pakistanischer Verbindungsoffizier Major Mohammed Ibrahim Khan, Sirdar und Koch Ali Morad Khan, ausserdem vier gute Hochträger, von denen drei schon bei der Tirichmir-Expedition dabeigewesen waren.

Von Chitral, dem Endpunkt der Strasse, führte der achttägige Marsch über Drasan und den 3960 m hohen Sarth-An-Pass nach Zundrangam im Tirich-Tal und weiter das fast unbekannte Rosh-Gol-Tal hinauf bis zu der schönen Wiese Totiraz Noku, wo das Basislager ( 4200 m ) errichtet wurde, unter der Westflanke des Saraghrat ( 7349 m ). Der Talschluss wird von sieben Gipfeln über 6100 m gebildet, die mit Ausnahme des Saraghrat namenlos sind.

Nach zehntägiger Akklimatisierung und Erkundung beschloss man den Angriff durch das Nordbecken des Saraghrat. Am 12. August stand Lager 1 ( 5334 m ), am 19. August Lager 2 ( 5640 m ). Am 27. August waren Nelson und Plumpton bis etwa 6600 m vorgedrungen. Beim Abstieg liess Nelson in einem steilen Couloir seinen Pickel fallen. Bei einem Versuch, ihn noch zu erhaschen, verlor er das Gleichgewicht und stürzte 300 m ab; er war sofort tot. Die Expedition wurde abgebrochen.

Dieser traurige Zwischenfall ändert nichts an der Tatsache, dass es sich hier um ein ganz unberührtes und offenbar höchst lohnendes Arbeitsgebiet handelt.

Literatur: « American Alpine Journal » 1959, S. 330-331.

Wie ich schon vor zwei Jahren voraussagte, hat sich 1958 das Schwergewicht der bergsteigerischen Tätigkeit nach West-Pakistan verlagert. Hidden Peak, Chogolisa, Gasherbrum IV, Haramosh und Rakaposhi: Für den Karakorum-Himalaya war 1958 ein grosses Jahr.

Nachtrag

Das Manuskript der vorliegenden Arbeit wurde Anfang August 1959 abgeschlossen. Inzwischen, bis Mitte November, wurde noch mancherlei bekannt, was verdient, eine im 4.Quartalsheft 1959 erscheinende Chronik zu ergänzen.

« The Himalayan Journal » ( abgekürzt HJ ), Volume XXI, trägt zwar die Jahreszahl 1958, gelangte aber erst im Spätsommer 1959 zum Versand. Dieser von H. Braham und J.A.J.ackson redigierte, sehr gehaltvolle Band vervollständigt unsere Quellenangaben {Literatur... ):

Zu 2. ( JannuHJ XXI, S. 40-45.

Zu 9. ( MrigthuniHJ XXI, S. 86-96.

Zu 10. ( SpitiHJ XXI, S. 153-154, Rezension von Peter Holmes: Mountains and a monastery. London: Bles 1958. 181 S., Abb., Kt.

Zu 11. ( Kulu/SpitiHJ XXI, S. 97-101.

Zu 12. ( LahulHJ XXI, S. 122-125.

Zu 14. ( SiachenHJ XXI, S. 33-39.

Zu 15. ( Hidden PeakHJ XXI, S. 46-54.

Zu 16. ( ChogolisaHJ XXI, S. 78-85.

Zu 17. ( GasherbrumHJ XXI, S. 134-137.

Zu 18. ( MasherbrumHJ XXI, S. 16-32.

Zu 19. ( HaramoshHJ XXI, S. 60-77.

Zu 20. ( MinapinHJ XXI, S. 117-121.

Zu 21. ( RakaposhiHJ XXI, S. 55-59.

Es wäre durchaus verfehlt, schon jetzt die « Himalaya-Chronik 1959 » schreiben zu wollen. Von vielen Ereignissen des jetzt zu Ende gehenden Jahres kennen wir nicht viel mehr als die meist unzuverlässigen Agenturmeldungen und mehr oder weniger phantasievolle « Kurzgeschichten » in der Tagespresse. Der seiner Verantwortung bewusste Chronist braucht einen gewissen zeitlichen Abstand, zum mindesten so lange, bis die authentischen Berichte vorliegen, die oft noch durch persönliche Briefwechsel zu ergänzen sind. Eines zeigt sich jedoch schon jetzt mit aller Klarheit: Für die bergsteigerische Erschliessung des Himalaya und Karakorum war 1959 ein Unglücksjahr. Wenigen Erfolgen stehen viele Fehlschläge gegenüber, vor allem eine erschreckende Zahl von Bergunfällen. Nur ganz kurz und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:

Misserfolg der französischen Jannu-Expedition unter der Leitung von Jean Franco.

Scheitern der britischen Ama-Dablam-Expedition, Absturz von M. J. Harris und G. J. Fraser.

Tragisches Ende der Frauen-Expedition am Cho Oyu. Tod von Mme Claude Kogan, Mlle Cl. van der Stratten und zwei Sherpa, wahrscheinlich infolge eines furchtbaren Sturmes.

Misserfolg der Japaner am Himal Chuli und anscheinend auch am Gauri Shankar.

Tragisches Scheitern der österreichischen Dhaulagiri-Expedition unter der Leitung von Fritz Moravec. Tod von Heinrich Roiss ( und einem Sherpa ?).

Misserfolg der deutschen Karakorum-Expedition unter der Leitung von Dr. Jochen Schneider am Minapin ( Rakaposhi-Gruppe ).

Misserfolg der schweizerischen Karakorum-Expedition unter der Leitung von Raymond Lambert am Disteghil Sar.

Katastrophe der britischen Karakorum-Expedition im Batura-Gebiet. Der Leiter Dr. K. Warburton, R. Knight und H. Stephenson sowie die Deutschen Dr. M. Günnel und A. Hirschbichler wurden offenbar durch eine Lawine verschüttet und blieben trotz allem Suchen verschollen.

Dagegen hatten die Italiener auch 1959 schöne Erfolge. Ihre Karakorum-Expedition unter der Leitung von G. Monzino meldet die Erstersteigung des Kanjut Sar ( 7760 m ), nördlich des Hispar-Gletschers, durch Camillo Pelissier. In Chitral bezwangen Fr. Alletto, G. Castelli, P. Consiglio und C. Pinelli den Saraghrat ( 7349 m ), der unter Nr. 22 besprochen wurde. Ausführlichere Berichte kann erst die Chronik im nächsten Jahre bringen.

Feedback