Hindukusch.

Ruth Steinmann-Hess, Zürich

Rezept für eine Hindukusch-Bergfahrt für neun Personen ( Bilder g bis « Man nehme... » wird in jedem Kochrezept empfohlen, und nach Mischen der angegebenen Zutaten ergibt sich ein mehr oder weniger schmackhaftes Gericht.

Auch bei den Vorbereitungen für eine grössere Bergtour versucht man jeweils, sich brauchbare Rezepte zu verschaffen, das heisst Führer ( sofern vorhanden ), Karten ( in Überseegebieten oft unzureichend oder nur als Skizzen erhältlich ) oder Berichte zu studieren. Letztere sind zwar vielfach spannend oder humoristisch abgefasst, aber mit nützlichen Hinweisen meist allzu fade gewürzt.

Das brachte mich auf die Idee, diesen Berg-bericht mit brauchbaren Angaben zu bereichern, bevor ich ihn dem geneigten Leser oder eventuellen Nachahmer zur literarischen Verspeisung serviere.

Es handelt sich um die Besteigung des Noshaq, der mit 7492 Metern der höchste afghanische Berg im Hindukusch-Gebirge ist.

Für den Sommer 1973 hatten wir uns eigentlich einen noch unbestiegenen Sechstausender im afghanischen Pamir vorgenommen. Monatelang hatten Erich Vanis, Walter Knezicek und ich uns damit befasst, Material und Lebensmittel zusammenzutragen und günstige Fluglinien ausfindig zu machen. Aber trotz intensiver Bemühungen Erichs, über österreichische Regierungsstellen, und meinerseits, über die afghanische Botschaft in Bonn die Bergsteigervisa für unsere neunköpfige Mannschaft zu bekommen, war das nicht gelungen. So blieb uns nichts anderes übrig, als am Tag vor dem Abflug die Kameraden über die fehlende Erlaubnis zum Bergsteigen zu unterrichten. Wir taten es mit schwerem Herzen; hatten wir nicht monatelang Zeit gehabt, diese zu beschaffen? Wie sollten wir nur unsern Kameraden glaubhaft machen, dass wir vergeblich viel geschrieben, telefoniert, Karten, Teilnehmerlisten, Photos und Empfehlungen an die Botschaft und ins Aussen-amt geschickt hatten, dass unsere ganze Mühe umsonst gewesen war?

Eine orientalisch-schläfrige Stimme tröstet mich zwei Tage vor dem Abreisedatum am Telefon, dass wir die Bewilligung sicher bekommen würden, wenn wir erst einmal in Kabul wären...

Demzufolge haben wir, in der Landeshauptstadt angekommen, die, eingebettet zwischen zwei Berge, auf i 800 Meter Höhe liegt, nichts Eiligeres zu tun, als ins Aussenministerium zu gelangen: Erich, der mit der bergsteigerischen Leitung unserer Expedition betraut ist, Walter als Finanzminister und ich als « Reiseleiterin », die sich um Lebensmittel, Flug, Unterkunft, Lastwagen usw. zu kümmern hat.

Im Aussenministerium, Abteilung Kultur, Büro Bergsteigen, erhalten wir nach einigem Warten einen Termin für Dienstag, 4.Juli, und pünktlich am nächsten Morgen sind wir wieder zur Stelle. Nach kurzem Warten erscheint, sehr liebenswürdig und aufgeschlossen, Mr. A. schir, der Chef der Kulturabteilung, der uns seinerseits mit Mister Husseini, dem Chef der Bergsteigerab-teilung, bekannt macht. Beide Herren sprechen fliessend deutsch beziehungsweise englisch. Nach kurzer Unterhaltung erklärt Mr. Husseini, dass dieses Jahr niemand die Grenzen des Dorfes Quala-panja übertreten dürfe, also auch keine Besteigungen jenseits dieser Zone im östlichen Wachan in Frage kämen. Einzig die « Marco Polo»-Expedition des Italieners C. Mauri, der mit seinem 15jährigen Sohn die Seidenstrasse mit Pferden und Kamelen begehen wolle, wie es sein berühmter Landsmann, nach dem diese Strasse benannt sei, vor 700 Jahren getan habe. Dies selbstverständlich unter Polizeischutz, wie Mr. Husseini versichert. Unsere Pläne müssen wir von heute auf morgen begraben und uns dafür ein erreichbares Ziel aussuchen. Nach einigem Hin und Her entscheidet sich Erich für den höchsten afghanischen Berg, den 7492 Meter hohen Noshaq.

Am 5.Juli erhalten wir unsere Bewilligung für diese Besteigung, und damit haben wir jetzt auf dem Innenministerium vorzusprechen. Leider sind hier die Leute nicht so fortschrittlich wie ihre Kollegen im Aussenamt. Ich erspare mir eine detaillierte Wiedergabe von diesem stunden-, ja tagelangen Warten, diesem Hürdenlauf bei der afghanischen Regierung... Endlich scheinen Erichs Geschimpf, mein flehentliches Bitten und ein « Bakschisch » in Form einer grösseren Geld-note die richtige Mischung zu sein ( vermutlich gab letztere den Ausschlag !). Eine Runde Fanta, eins der wenigen auch für uns Europäer verträglichen Getränke in Kabul, verbesserte weiter das Klima bei den Büroangestellten. Eine weitere Stunde später halten wir das kleine Stück Papier, das uns so viel Mühe und Nerven gekostet hat, in Händen. Schön säuberlich stehen die Namen und Passnummern der neun Expeditionsmitglieder in Farci und griechischer Schrift. Es sind: vier Frauen ( 1 Deutsche, 3 Schweizerinnen ) sowie fünf Männer ( 2 Österreicher, 2 Deutsche und 1 Franzose ).

Die Beschaffung eines passenden Autobusses für die Fahrt bis Fayzabad stellt kein grosses Problem dar. Während wir im Kyber-Hotel beim Essen sitzen, offeriert ein Afghane sein Auto sowie seine und des Beifahrers Künste zu einem sündhaft hohen Preis. Bald wird diese Offerte von andern Einheimischen unterboten. Wir lassen uns Zeit, vergleichen, vertrösten, uns jetzt den landesüblichen Handelsmethoden anpassend, auf morgen. Inzwischen befassen sich die weiblichen Mitglieder mit Einkaufen von Lebensmitteln. Vor allem landeseigene Nahrungsmittel kaufen wir direkt im Bazar, wo uns jeweils ein ganzer Schwärm Afghanen beratend begleitet. Zwar gibt es im Supermarkt für Europäer fast alles zu kaufen, jedoch zwei- bis dreimal so teuer. Konzentrierte Nahrung bringt man deshalb am besten aus Europa mit.

Zum Preis von 1200 Afghani chartern wir schlussendlich einen fast neuen Toyota-Bus; im Preis inbegriffen sind Benzin, Rückfahrt des leeren Autos sowie der Strassenzoll.

Vier Tage später erreichen wir nach einem Abstecher von mehr als oo Kilometern über Mazar-j-sharif, den berühmten Pilgerort, und Balch, die Krönungsstadt Kaiser Alexanders, den Hauptort der nördlichen Provinz Badachshan. Fayzabad, auf grossen Landkarten meistens eingezeichnet, hat sich bereits im Mittelalter einen Namen gemacht. Hier wird der tiefblaue Lapislazuli-Stein abgebaut, der sich bei den alten Griechen grosser Beliebtheit erfreute und über die Seidenstrasse nach Europa gelangte. Fayzabad besitzt ein kleines Gästehaus, das sich auf einem Felsen inmitten der schäumenden Fluten des Kostka-Flusses erhebt. Dort ist es herrlich kühl, und die neue Betonbrücke wird nicht mehr, wie die hölzerne, vom Wasserdruck weggerissen. Obst und frisches Gemüse liegt im Bazar in grossen Mengen und in erstaunlicher Auswahl bereit. Man tut gut daran, sich ein letztes Mal damit einzudecken. Auch zum Benzineinkauf ist hier die letzte Gelegenheit. Ein Fass davon für Auto und Kocher ist unerlässlich. Die bis anhin halbwegs passierbare Strasse, die nur allzuoft diese Bezeichnung nicht verdient, endet hier ganz. Die Busfahrer weigern sich, den Weg in östlicher Richtung zum Wachan weiterzufahren, da es weit gefährlicher sei... Wieder mit Hilfe der Einheimischen suchen wir unter dem Angebot von vier kleinen Lastwagen den besten herauszufinden. Es empfiehlt sich, einen Blick auf die Pneus zu werfen, die gelegentlich Risse bis auf die Leinwand aufweisen und beinahe auf dieser statt auf Gummi fahren. Uns ist das ein Jahr früher passiert, auf der Anfahrt zum 7038 Meter hohen Urgunt-e-payan. Nicht selten sind aber auch Löcher auf der Ladebrücke oder schlechte Bremsen. Letzteres wird man spätestens einige Kilometer östlich von Fayzabad Richtung Wachan mit Schrecken bemerken. Für diesen Fall ist der Fahrer allerdings vorbereitet! Es fährt, « für alle Fälle », auf dem Trittbrett hinten am Wagen hängend, der Batschi ( Bremser ) mit. An gefährlichen Stellen springt dieser ab und wirft den hölzernen Keil unter das abrutschende Rad. Mit Beruhigung und Bewunderung stellt man als Mitfahrer die enorme Wendigkeit und Sicherheit dieses Bremsers fest. « Panda-Panch », den 5. Gang, nennt man diese Art, das Rückwärtsrol-len der Räder zu verhindern. Keiner von uns möchte die tagelange, beschwerliche Fahrt über Stock und Stein, durch Schluchten und über bedrohlich schwankende Brücken, eingehüllt in eine heisse, stickige Staubwolke, auf einem Trittbrett ausserhalb des Wagens zubringen. Armer Batschi! Uns schmerzen dafür vom unbequemen Hocken auf unseren Material- und Lebensmittelkisten bereits alle Knochen.

Den nächsten grösseren Halt gibt es in Eska-shim, wo uns zwei Polizisten feierlich zum Gouverneur geleiten. Dieser « beaugapfelt » eingehend die neun Bergsteiger und die dazugehörige Bewilligung und gibt schliesslich sein O.K. zur Weiterfahrt. Am i o.Juli, gegen 17 Uhr, erreichen wir Quasi-deh ( 2550 m ), den Ausgangsort für unsere Besteigung. Die Leute sind hier wesentlich freundlicher als diejenigen ein Jahr zuvor im Dorf Urgunt. Sie haben mehr Trägererfahrung, und die Ortschaft ist so etwas wie das Zermatt des Hin- 9Kabul, 480000 Einwohner, die Hauptstadt der jungen Zentralasiatischen Republik Afghanistan, liegt auf einem Hochplateau ( 1815 m ), eingebettet in Berge 10 Afghanistan gehört zu den rückständigsten Ländern der Welt; go% der Bewohner sind Analphabeten dukusch. Auf einer Wiese unweit des Baches schlagen wir unser Lager für eine Nacht auf. Früh am nächsten Morgen stehen die Träger um unsere Behausung und warten auf ihre Lasten. Diese müssen zu je 30 Kilo gepackt und gewogen werden. Der ausgemachte Trägerlohn beläuft sich auf 700 Afghani pro 30 Kilo Last bis zum Basislager, das zwei Tagesmärsche höher liegt ( 100 Afghani = 6 Fr. ). Auch der Bürgermeister beansprucht für sich einen Trägerlohn, obwohl er selber « unbelastet » einhergeht. Später erweist er sich aber als guter Wegsucher, und vor allem bei Bachüberquerungen ist er Trägern und Bergsteigern behilflich, ja sein Beistand ist unschätzbar, er verdient seinen Lohn wirklich. Zwischen dem Wirrwarr des Zelte-Abbauens, des Packens, Frühstück-Kochens und -Essens werden die Traglasten kontrolliert und notiert. Daneben ist Vroni, unsere Ärztin, wieder einmal damit beschäftigt, Kranke auf dem Boden vor der offenen « Apothekerkiste » zu versorgen.

Gegen 10.30 Uhr setzt sich der bunte Trupp, bestehend aus 25 Trägern, diversen Begleitpersonen und uns Bergsteigern, in Bewegung. Das langgezogene Quasi-deh-Tal steigt nur sehr mählich an. Unbarmherzig brennt bald die Sonne auf uns nieder, kein Lüftchen regt sich. Einige von uns schaffen sich Erleichterung, indem sie ihr Hemd im Bach nass machen und es klitschnass auf die überhitzte Haut anziehen. Noch zwei, drei Hüte voll Wasser über Gesicht und Haar, dann die kühle Kopfbedeckung darauf - und für die nächste halbe Stunde fühlt man sich erfrischt. Dankbar gemessen wir jedes Bächlein, das uns zur bald wieder nötigen Abkühlung verhilft. Den Mandaras-Fluss nach dem wilden Rosenwald erreichen wir gegen 16 Uhr, und damit unser heutiges Etappenziel. Dieser reissende Fluss kann nur morgens durchwatet werden, bevor die Sonneneinwirkung zu gross ist und damit der Schmelzwasserabfluss erheblich gesteigert wird. Wie unangenehm und nicht ungefährlich ein unfreiwilliges Bad im eiskalten Gletscherwasser sein kann, erlebe ich am nächsten Morgen. Eben stehe ich noch ober- 11 Heikles Durchwaten des Mandaras-Flusses, wegen der reissenden Wasser nur frühmorgens möglich 12 Die Träger haben ihre jo-kg-Lasten aufgenommen und warten auf den Abmarsch schenkeltief in kurzer Hose und Turnschuhen im Wasser, da ergreift die Hand eines hilfreichen Trägers vom andern Ufer meinen Arm. Ein Ruck - und ehe ich mich vorsehen kann, liege ich zwischen Felsblöcken in der schäumenden Flut. Die langen Hosen sowie die Bergschuhe, die ich vorsichtshalber um den Hals gehängt habe, überstehen den Sturz verhältnismässig gut. Schlotternd und blau vor Kälte, erreiche ich das obere Ufer, wo mir meine Kameraden trockene Wäsche und die Träger ein Feuer zum Aufwärmen bereitmachen. Kaum finde ich Zeit, dies alles zu gemessen. Wir müssen weiter, sollen uns die später zu traversierenden Bäche nicht auch noch Schwierigkeiten bereiten.

Steil steigen wir unmittelbar nach der Manda-ras-Überquerungbergan.Um6-3oUhr kommt bereits die Sonne, und bald schon peinigen uns ihre Strahlen so sehr, dass mir mein morgendliches Bad schon ganz unwirklich vorkommt. Wir gewinnen rasch an Höhe, wie der Höhenmesser mit 250 Metern bestätigt. Arg ist aber unsere Enttäuschung, die uns hier trifft: Wir müssen ins nächste Tal absteigen; der ganze Anstieg war « für die Katz »!

Der Quasi-deh-Fluss, der sich seinen Weg durch unwegsame Berghänge gefressen hat, ist fast den ganzen Tag unser Begleiter. Gelegentlich versperren Felsblöcke oder Überreste von Lawinen den Weg am Ufer, so dass wir über steile, fels-blockdurchzogene Schutthalden aufwärtsturnen. Hunger und Durst lassen uns auf einer armseligen Alp, deren Unterkünfte lediglich aus aufgeschichteten Steinen bestehen, Rast machen. Noch drei Bachüberquerungen harren unser, das heisst: jedes Mal Schuhe und Hosen um den Hals binden, will man nicht durchnässt im Basislager ankommen. Später finden wir eine Erdfurche mit herrlichem, tiefblauem Wasser. Sie wird an erholsamen Ruhetagen unsere oft besuchte Wasch-und Reinigungsanstalt werden. Das B.C. ( Basis Camp ) errichten wir auf 4200 Metern, wo etliche Steinmauern von den Trägern früherer Expeditionen gegen Wind und Regen errichtet worden sind. Die Träger selber schlafen darin, während 13 Noshaq ( J4g2 m ). In der Bildmitte der Westgrat, unsere Aufstiegsroute wir unser Zeltdorf aufstellen und das grosse Küchenzelt behelfsmässig einrichten.

Alle sind ehrlich müde und legen sich schlafen, nach einer eindrucksvollen Kletterdarbietung Udos am Hausfels, V. Grad, im blossen Innenschuh seiner doppelten Bergschuhe - womit er sich bei den Trägern ordentlich Bewunderung und Respekt verschafft.

13.Juli: Walter, Ernst und drei Einheimische, die wir zum Bau des ersten Hochlagers behalten haben, sind unterwegs zum Lager I. Die übrigen Träger steigen endlich ab, nachdem sie uns an diesem Ruhetag mit ihrem Palaver bereits um 5 Uhr geweckt haben. Im B.C. bleibt einiges zu tun: Essvorräte ordnen, Rucksäcke für morgen packen, Filme anschreiben, sich endlich waschen... und ausgiebig kochen. Die böse Überraschung trifft gegen 12 Uhr ein, als alle drei Träger sowie Ernst bereits zurückkommen. Nur zwei Stunden von hier, behaupteten die Träger, sei der Platz für Lager I. ( Alle Überredungskünste blieben erfolglos; die Männer legten ihre Lasten nieder und stiegen ab. ) Erich ist wütend und kürzt ihnen den Lohn von abgemachten 400 Afghani auf 250.

14.Juli: Nach zweistündigem Marsch über Schutt und Schotter gelangen Erich, Udo, Bernard und ich zum angeblichen Lager I, das zweifellos das Basislager einer früheren Expedition war. Wir finden Hunderte von leeren Dosen, ausgedrückten Tuben und Plastiksäcken über das Plateau verteilt. Es sieht sehr unappetitlich aus. Uns graust, aber die Blechkisten, die unsere Träger hier deponiert haben, verpflichten uns, wenigstens eine Zeitlang zu verweilen. Wir nennen diesen Ort « Salmoncllenlager » ( 4500 m ). Schwer beladen steigen wir bald höher und finden auf 4780 Meter einen geeigneten Platz für unser Lager I. Wir stellen drei Zelte auf und planen für den nächsten Morgen den ersten Anstieg am Berg. Diese Nacht verbringen wir gezwungenermassen im Salmonellenlager, wo Lebensmittel in grossen Mengen liegen. Glücklicherweise ist das die einzige Nacht, die jemand von uns an diesem umweltverschmutzten Ort verbringen muss.

- 14 Lager III auf 6300 Meter. Im Hintergrund der prächtige Doppelgipfel des Ghul-Lasht-^om ( 6611 u. 666j m ) 15 Ab 4200 Meter beginnt für uns das mühsame Schleppen des Materials. Von der oberen Bildmitte nach links oben verläuft unser Aufstiegsgrat am Noshaq Photos Erich Vanis und Ruth Stcinmanii 15. Juli: Um 4 Uhr bläst Erich, mit Hilfe seines winzigen Taschenweckers selber munter geworden, energisch Tagwache. Nach einem Teller Suppe stolpern wir ohne grosse Lust um 5.30 Uhr los und stehen um 7 Uhr bei den Zelten des gestern eingerichteten Lagers I, packen um und traversieren die Moräne hinüber zur Eisrinne, die wir uns zum Aufstieg ausgesucht haben. Wir kommen mit Steigeisen und Skistöcken gut voran, obwohl uns bald die Höhe zu schaffen macht. Unglücklicherweise steigen wir links aus dem Schneetrichter auf den Fels, was sich als Irrtum erweist. Der Anstieg scheint rechts zu verlaufen. Ausgesetzt queren wir, etwa 200 Meter nach rechts ansteigend, über das abschüssige Couloir und erreichen endlich einen Felsriegel, der äusserst brüchig ist. Weiter oben finden wir menschliche Spuren, rostige Dosen, vier Skistöcke; offenbar sind wir jetzt auf der richtigen Fährte, auch ohne Karte. Unser Kartenmaterial beschränkt sich auf die geplante Erstbegehung im Pamir; vom Gebiet des Noshaq besitzen wir keinerlei Unterlagen.

Mittlerweile ist es 11 Uhr, und wir haben die Höhe von 5200 Metern erreicht. Hier errichten wir ein Materialdepot, während Erich, noch immer voll Tatendrang, den nächsten Felssporn bis 531 o Meter ersteigt. Für Lager 11 ist es noch zu früh, aber für heute haben wir keine Lust mehr, höher zu steigen. Die mangelnde Akklimatisation macht sich unangenehm bemerkbar; wir leiden unter Kopfschmerzen und teilweise unter Übelkeit.

Den Abstieg versuchen wir auf zwei verschiedenen Felsrippen, die sich alle beide als elende Schutthalden erweisen. Was man anfasst oder worauf man tritt, alles ist locker und poltert zu Tal. Man ist froh, von nachfolgenden Fels- und Schuttmassen nicht getroffen zu werden. Weiter unten kann man mit Hilfe der Skistöcke mit Kän-guruhsprüngen bergabwärts hüpfen.

Nach der Moränentraverse gelangen wir gegen 14.30 Uhr zum Lager I, wo Vroni und Knezi beim Essen sitzen. Sie haben heute zweimal Lasten vom Salmonellenlager ins Lager I getragen und wollen morgen unseren Aufstieg aufnehmen. Auch Françoise hat heute eine Last ins Salmonellenlager getragen, während Ernst und Angelika im B. C. geblieben sind. Beide fühlten sich nicht wohl.

Vom 16. bis 24.Juli schleppen wir schichtenweise Material und errichten nach und nach am Westgrat des Noshaq die Lager II ( 5770 m ) und III ( 6300 m ). Zelte, Lebensmittel, Kocher, Benzin, Schaumstoffmatten usw. werden zu mehr oder weniger komfortablen Hochlagern zusammengetragen, so dass für ein mehrtägiges Verweilen genügend Lebensmittel und Unterkünfte vorhanden sind.

Eine Neugruppierung hat sich, teils aus Krank-heits-, teils aus Freundschaftsgründen, ergeben. So verbringen Erich, Knezi und ich die Nacht vom 23. zum 24.Juli als erste Gipfelmannschaft im Lager III.

24. Juli: Der Tag wird lang und hart! Knezi und ich keuchen. Dem alten Expeditionshasen Erich scheint die Höhe nichts auszumachen. Wie Bulldozer stapfen wir aufwärts. Der Höhenmesser zeigt deprimierend wenig Höhengewinn an, was ich einfach nicht glauben will. Immerhin sind wir seit 7 Uhr unterwegs, und die Felsstufe, beginnend bei 6600 Meter, muss doch Höhe gebracht haben! Wir finden mehrere alte Seilsicherungen, die wir aber kaum ansehen, geschweige denn benützen. Der Fels ist nicht schwierig, es.gibt genügend Griffe und Tritte. Im Abstieg, bei Schneefall, nehmen wir die verächtlich abgelehnten Seile gern in Anspruch, liegen doch 10 Zentimeter Neuschnee auf den jetzt total vereisten Felsstu-

V fen-

Gegen Mittag liegt der Felsriegel unter uns, und gerade schaut der Gipfel des Noshaq zum erstenmal zwischen den Nebelfetzen hervor. Begeistert von diesem Anblick, rufe ich meinen Kameraden, die etwas weiter unten am Photographieren sind. Aber kaum steigen die beiden höher, ist der herrliche Anblick schon wieder verhüllt. Noch einmal gibt der Nebel den ersehnten, schneegleissenden Gipfel frei. Diesen Moment benütze ich, den weiteren Anstieg zwischen Fels und Gletscherplateau zu begutachten. Da - plötzlich stehe ich vor der ausgeaperten Leiche eines Mannes. Später stellen wir fest, dass seit dem 18.Juli 1971 fünf Bulgaren am Noshaq vermisst werden. Alle waren sie « Meister des Sports », eine Auszeichnung, die guten Sportlern der Oststaaten verliehen wird. Von der grossen Kälte immer wieder tiefgefroren, von der starken Sonne gelegentlich aufgetaut, ist der Tote braunrot, halb gefroren, halb mumifiziert. Unmittelbar unter dem Bulgaren ist ein grünes Perlon-Seil verankert, das als Seilsicherung über die Felsstufe diente. Für mich ist dieser makabre Fund erschütternd, auf dem ganzen Weiterweg beschäftige ich mich fast ununterbrochen damit. Und wenn dieser Berg heute bereits als « leichter » Siebentausender gilt, so darf er doch nicht unterschätzt werden. Höhe und Witterungsumsturz sind in dieser Höhenlage ein ernstzunehmender Faktor.

Auf unserem Weiterweg queren wir das kleine Gletscherplateau und steigen dann, leicht links haltend, an. Wir haben uns getäuscht! Der Schuttgrat rechts wäre einfacher gewesen. Unsere Eisflanke nimmt und nimmt kein Ende; vergebens halten wir Ausschau nach einem Biwakplatz. Endlich - ein grosser Stein inmitten der Eiswüste! Mit viel Geduld und Mühe, unter Aufbietung all unserer Kräfte, pickein wir bergseits Firn und Eis weg. Mit losen Eisbrocken füllen wir seitwärts die Rundung des Felsens auf und erhalten so einen knappen Platz für ein Zweimannzelt. Die Rucksäcke sind vor dem Absturz gesichert, Skistöcke und Steigeisen verankert, und dankbar kriechen wir in unsere schützende Nylonhülle. Das zweite Zelt bleibt zusammengelegt; dafür ist kein Platz vorhanden. In dicken Daunenjacken und-sacken herrscht zu dritt in dieser engen Behausung ein arges Gedränge, aber wir fühlen uns geschützt und zufrieden. Erichs Höhenmesser zeigt noch immer 6500 Meter, was uns verunsichert und beunruhigt. Da senkt sich plötzlich der Nebel, und der Blick wird frei... Nirgends ein Berg! Vom prächtigen Doppelgipfel des Ghul-Lasht-Zom sowie von der Pyramide des Koh-e-Kesnikan ( 6800 m ) ist nichts zu sehen. Alle Berge liegen im Wolkenmeer unter uns begraben. Da durchzuckt es uns mit Freude und Beruhigung. Wir sind viel höher, als der Höhenmesser wahrhaben will! Etwa auf 6900 Meter liegt Lager IV! Glücklich verkriechen wir uns abermals in die Schlafsäcke. Es wird aber auch höchste Zeit.

Mittlerweile ist ein Sturm aufgekommen, der beängstigende Formen annimmt und wild an der Zeltverankerung rüttelt. Einige Male fürchte ich, das Zelt könnte samt uns in die Tiefe gerissen werden. Trotzdem dösen wir, warm eingepackt, dem Morgen entgegen.

25.Juli, 6 Uhr: Unendlich lange dauert es, bis wir zum Aufbruch bereit sind. Einer nach dem andern rutscht aus dem wohligen Schlafsack und der schützenden Zelthülle, die jetzt inwendig dick mit Eis gepanzert ist. Der Tag ist klar, beissende Kälte und Wind verschlagen uns fast den Atem. In der kurzen Zeit, die wir zum Steigeisenanziehen brauchen, frieren Erich die Finger an, und er verschwindet sofort wieder im Zeltinnern. Auch Knezi und ich schaffen es nicht weit; bald werden meine Füsse gefühllos - trotz dreifachem Bergschuh! Wir ziehen uns ebenfalls ins Zelt zurück, wo wir, Hände und Füsse massierend, die nächste Stunde verbringen. Die Luft ist so dünn, dass jede Bewegung eine Willensanstrengung bedeutet. Am liebsten möchte man schlafen und alles vergessen. Gelegentlich blickt einer aus dem Zelt; draussen tobt unvermindert der Sturm.

Aber etwas muss geschehen. Auf- oder Abstieg! So machen wir uns ein zweites Mal bereit. Für den Abstieg? So knapp unter dem Gipfel? Da spüren wir, dass es doch etwas wärmer geworden ist. Noch zaghaft kommt die Sonne zum Vorschein. Schwer atmend, in Daunen- und Windjacke gepackt, kämpfen wir uns höher. Schon liegt Lager IV loo Meter unter uns, und jetzt kann man die ausgesetzte Lage dieses Zeltes ganz deutlich erkennen. Wir nennen es deshalb « Schwalben- nest ». Tatsächlich klebt es förmlich auf einer abschüssigen Felskanzel. Höher steigend, erreichen wir den Grat, von dem wir plötzlich eine überwältigende Aussicht auf eine neue Bergwelt geniessen. Gerade vor uns erhebt sich der höchste pakistanische Berg, der Tirichmir, der mit seinen 7770 Metern unseren Gipfel um 200 Meter überragt. Gewaltig sind die Eisabbrüche; Grate und Wände türmen sich vielfältig übereinander. Ein majestätischer Anblick! Ghul-Lasht-Zom ( 661 i u. 6665 m ), Gumbaz-e-Safed ( 6800 m ), Korposht-e-Yakhi ( 5698 m ) und viele andere; sie alle liegen uns jetzt zu Füssen. Wie klein erscheinen sie uns jetzt, sie, die uns im Basislager so himmelhoch überragten! Gerne würden wir angesichts dieser bemerkenswerten Aussicht länger verweilen, Tee kochen, ausruhen. Aber das Teekochen war bereits im Lager IV infolge des Sturmes und der sauerstoffarmen Luft nicht mehr möglich; so wird es uns hier auf dem Grat noch weniger gelingen. Zwar lehrt der Hochleistungstest, dass Alpinisten unter grosser Belastung mindestens drei bis fünf Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen sollten. Wie aber soll das hier bewerkstelligt werdenEinen Tag später, zurück im Lager II, werden wir stundenlang Wasser kochen, Tee, Kaffee, Suppe und Schokolade trinken. Fast unlöschbar wird sich bis dahin unser Durst steigern. Schon jetzt, auf dem Weg zum Gipfel, sind wir ausgedörrt, und das Schlucken bereitet Schmerzen. Wasser lösen muss der Körper überhaupt nicht mehr( was zwar auch seine Vorteile hat !).

Vorwärts, feuern wir uns im stillen an! Weiter, nur weiter! Jeder Schritt ist eine Anstrengung, die zwei bis drei Atemzüge benötigt. Manchmal möchte ich aufgeben, treibe mich aber innerlich wieder an. Ob es den zwei andern auch so viel Mühe macht? Oder nur mir, der « schwachen Frau » ?Jedenfalls sind wir alle froh, als wir endlich über einige Vorerhebungen den Gipfel erreichen.

Unsere Expedition erringt in den kommenden Tagen noch weitere Erfolge. Alle fünf Männer er- reichen den Gipfel des Noshaq, von den vier Frauen bleibe ich leider die einzige.

Später wird sich herausstellen, dass vor uns noch kein Schweizer den höchsten afghanischen Berg bestiegen hat. Dass dieser stolze Eisriese jetzt auch von einem Schweizer ( und sogar von einer Schweizerin ) bestiegen ist, freut mich natürlich. Besonders überschwängliche Gefühle, wie ich es früher von ähnlichen Situationen gelesen hatte, stellen sich bei mir aber nicht ein. Erst nach und nach breiten sich Ruhe und Zufriedenheit in mir aus, Zufriedenheit über den Sieg, den ich über mich selber errungen habe. Er ist mir nicht leicht-gefallen.

Und wieder, wie schon gelegentlich, empfinde ich, wie Martin Schliessler in seinem Buch « Beruf Abenteurer » schreibt: « Das Gebirge und die grossen Urlandschaften fordern uns zu freiwilligen Entbehrungen heraus. Höhepunkte ergeben sich nur aus Tiefen. »

Feedback