Hoch vom Dachstein

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VON ALEXANDER VON WANDAU, WIEN

Mit 5 Bildern ( 1-5 ) Jeder Bergsteiger weiss, dass die breite nördliche Kalkalpenzone, von der Schweizer Grenze angefangen, zunächst als Kettengebirge ( Parseier-Spitze, 3040 m ) und weiter ostwärts zu Hochflächen ausgebildet ist. Die letzteren - vornehmlich aus Dachsteinkalk der Triasformation gebildet -werden touristisch ungleich bewertet. Bei den eidgenössischen Alpinisten z.B. haben bisher nur die steierischen Gesäuseberge und der Dachstein grösseres Interesse gefunden. Richtig ist, dass der Dachstein unter seinen Rivalen schon im Hinblick auf dieabsoluteHöhe und die Gletscherbedeckung hervorsticht. Sein Hauptgipfel ( Hoher Dachstein ) wird jetzt mit 3004 m angegeben, nachdem er lange mit 2996 m kotiert war. Es ist dies jedenfalls die höchste Erhebung in Steiermark, und so beginnt das steirische Heimatlied seit 1844 mit den Worten « Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch haust ». Als der letzte Adler schon viele Jahre tot war, hat man wieder Adler eingesetzt, die sich inzwischen unbeliebt gemacht, zumindest aber nicht die in sie gesetzten Erwartungen ( « Sani-tätspolizei » ) erfüllt haben. Aber wenn es die Nationalhymne verlangt... Die Steirer wissen auch, dass 1192 nicht etwa ihr Land Österreich einverleibt wurde, vielmehr der letzte steirische Herzog den österreichischen Markgrafen zum Erben eingesetzt hat. Die Habsburger Fürsten haben später dem vereinigten Herzogtum zuliebe ihre Schweizer Stammlande vernachlässigt und es versäumt, aus ihrem dortigen Reichsvogteirecht eine stabile Landeshoheit zu entwickeln.

Der Dachstein ist ein grosser, 100 km2 bedeckender Berg. Man ist versucht, an den Mont Blanc zu denken, was die Vielfalt der voneinander völlig unabhängigen Anstiegsmöglichkeiten anlangt. Hiezu will ich einiges Charakteristisches anführen. Ich brauche kaum, da allseits bekannt, zu erwähnen, dass die S-Seite des Massives eine gewaltige 4 km lange Mauer mit den berühmten Drei-eckhäuptern Torstein, Mitterspitz und Dachstein ziert, reserviert für gute Kletterer. Weiter östlich zeigen sich Sprünge in der Mauer; hier gibt es zwei für Geübte leichte Durchstiege zur vergletscherten, noch mit anderen schönen Gipfeln besetzten Hochfläche ( z.B. der nicht leichte Koppenkarstein, 2864 m ). Im N umfasst das Massiv mit dem vorspringenden Plassenberg, 1952 m, und dem Sarstein, 1973 m, den wie ein norwegischer Fjord eingesenkten Hallstätter See, 497 m. Den Sarstein hat die den See von E her durchfliessende Traun in der schmalen Koppenschlucht vom Dachstein abgetrennt. Wer von N her den anscheinend eingeschlossenen Trog des Sees betrachtet, würde das nicht erraten! Lange vor einem Fahrweg - 1875/77 - wurde, die versteckte Schlucht benützend, die Eisenbahn gebaut. Ein Raddampfer brachte die Passagiere von der Bahnhaltestelle am E-Ufer des Sees hinüber nach Hallstatt, dessen Häuser, geschart unter einer gotischen Kirche, zauberhaft wie am Canal Grande in Venedig direkt ins Wasser gebaut waren. Also ein Marktflecken in geschützter Spornlage: eine typische Gründung des Mittelalters. Noch führte keine Strasse in den Ort, und geborgen zwischen undurchdringlichen Wäldern lag einst hoch oben im Salzbergtal, wo man heute zum Plassen ( dem erwähnten Vorposten des Dachsteins ) hinaufsteigt, auch das vorgeschichtliche Hallstatt und sein viertausend Jahre altes Salzbergwerk.

In diesem Zusammenhang sei hervorgehoben, dass der Dachstein in kultureller Hinsicht eine ganz einzigartige Stellung unter allen Bergen der Alpen hat. In der « Hallstatt-Zeit » ( 900-400 v. Chr. ), dem Übergang von der Bronzezeit in die Eisenzeit, war der Ort ein Mittelpunkt der europäischen Welt! Man hat keine sichere Vorstellung von den damaligen Handelswegen. Sie führten aber jedenfalls über das Gebirge in das heutige salzburgische Alpenvorland im Anschluss an die « Bernstein-Strasse », aber nicht nur mit dem Norden, auch mit Südeuropa fand ein Güteraustausch statt. Salz galt damals als ein wunderbares, viel begehrtes Zahlungsmittel. Münzen haben erst später die keltischen Herrn geprägt. Über die Hallstatt-Zeit sind wir viel besser als über andere vorgeschichtliche Kulturen unterrichtet, denn unsere Quellen sind nicht, wie sonst, bloss Gräberfunde. Das Salzbergtal des Dachsteins ist vielmehr Stapelplatz einzigartiger Schätze für den Urgeschichtsforscher. Man weiss aus ihnen z.B. die Kleidung der damaligen Salzbergleute: lange ( bzw. bei den Grubenarbeitern kurze ) Ärmelkittel, Hosen aus grober Schafwolle - bei den Frauen Jacken mit Brustschlitz und Ärmeln bis zum Ellbogen; als Kopfbedeckung: Fellmützen. Ein wunderbar erhaltenes, 2700 Jahre altes Exemplar aus gegerbtem Rindsfell befindet sich im Hallstätter Museum. Das salzhaltige Gestein wurde mit Bronzepickeln gebrochen und daraus die Salzsole mittels Eindämpf ung gewonnen. Die Leute assen hauptsächlich Gerstenbrei ( Vorläufer unseres Brotes ) und Saubohnen; auch viel Obst. Bei dieser Nahrung gab es keine Zahnkaries. Hingegen mussten sich die damaligen Medizinmänner oft mit arthritischen Veränderungen, Osteomyelitis nach Knochenbrüchen sowie mit tuberkulösen Prozessen befassen ( unhygienische Behausung !). Schädelfunde zeigen nicht ungeschickt durchgeführte Trepanationen wegen Gehirntumoren. Über die religiösen Vorstellungen geben berühmte Funde Aufschluss: kunstvolle Votivhände als Abwehrzauber, desgleichen Bronze-masken — mit den berühmten Goldmasken von Mykene vergleichbar- und ein bronzener Kultwagen von 35 cm Länge, auf welchem eine nackte ( Fruchtbarkeits- ) Göttin mit ihrem menschlichen und tierischen Gefolge dargestellt ist.

Fruchtbarkeitsgottheiten wurden auch in der nachfolgenden La-Tene-Zeit verehrt. Die Kelten ( um 400 v. Chr. aus Frankreich hervorbrechend ) hatten in der Westschweiz ( Waffenlager La Tene am Neuenburgersee ) und in den östlichen Alpen im Bereich « Noricum » der alten Hallstatt-Kultur neue Reiche und eine der jüngeren Eisenzeit entsprechende Kultur begründet. Gerade die frühe Einwanderung der Kelten in den Raum Salzburg—Hallstatt legte die Grundlage für dessen hervorragende kulturelle Bedeutung, kenntlich an den vielfach ausgezeichneten Arbeiten des Kunstgewerbes. Die Römer haben sich um 50 n. Chr. das keltische Noricum Untertan gemacht. Sie siedelten nicht, wie die Kelten, in 1370 m Höhe auf der « Dammwiese » des Plassen, sondern in der freundlichen Talweitung, heute « Lahn » genannt, nahe der Mündung des Echernbaches südlich von Hall- statt. Wenn man auch nach den Funden zu schliessen von einem « Rom am Dachstein » sprechen kann, so war doch die Bedeutung des Dachsteinsalzes nun sehr gemindert. Für die Römer war dieses Gebiet nur eine ihrer zahlreichen Handelsexposituren.

Die römische Niederlassung verliert sich im Dunkel der Völkerwanderung, und erst im 13. Jahrhundert - Gründung des heutigen Hallstatt - hören wir wieder von Inbetriebnahme des Salzabbaues. Der Staat griff bald nach dem Dachsteinsalz und band die Arbeiter an ihre Betriebsstätte. Seither der Name « Salzkammergut » für das ganze Gebiet. Andererseits waren den Kammergutarbeitern besondere Privilegien zugestanden. Dadurch, dass der Besuch des Salzkammergutes Fremden nur mit besonderer Erlaubnis möglich war, bedurfte es einer förmlichen Wiederentdeckung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als das Reisen in Mode kam. Es war insbesondere Prof. Friedrich Simon aus Wien, der, von 1840 angefangen, das Salzkammergut und das Dachstein-massiv systematisch erforschte. Nicht gekannt hat er die später so berühmt gewordene Dachstein-Rieseneishöhle, 1445 m, südöstlich von Hallstatt bei Obertraun, die, wegen der schwierigen Verhältnisse erst 1910 bezwungen, das Geheimnis ihres unterirdischen Eisflusses preisgeben musste und jetzt dank einer Seilbahn allgemein zugänglich ist. Letztere führt seit kurzem weiter auf den Koppenkarstein, 2105 m. Von hier ein besonders schöner Blick auf die Gletscherwelt des Dachsteins ( immerhin fast 10 km2 ), gekrönt mit dem Hohen Dachstein, ein steiles Firndreieck in der Mitte, im Osten die weite karstige Hochfläche « Am Stein » und tief zu Füssen der blaue Hallstattersee.

Man kann natürlich vom Krippenstein über das Karenrevier und den Hallstattergletscher zum höchsten Punkt wandern, aber üblicher ist der alte Reitweg von Hallstatt über die bis in den Herbst bewirtschaftete Simonyhütte, 2204 m. Die Verwirklichung des Projektes einer Seilbahn entlang der « heiligen » Südwand des Hohen Dachsteins haben die Heimatschützer anscheinend glücklich abgewehrt. Hier am Südfuss breitet sich die parkartige Ramsau aus, die als Sommerfrische - reich an Sonnentagen - immer mehr Beachtung findet, eine ehemalige Flussterrasse in 1100-1200 m Höhe, nachdem die Enns sich 400 m tiefer ihr heutiges Bett gegraben hat ( Schladming, 732 m ). Die Schladminger Ramsau verdeckt den Autofahrern im Ennstal den Blick auf die stolzen Dachstein-südwände, aber jenen wurde 1960 eine Mautstrasse bis zu einem Parkplatz in 1700 m Höhe gebaut, von wo man in 25 Minuten bei der Dachsteinsüdwandhütte sein kann. Hier befindet man sich unmittelbar im Bereich der 1000 m hohen, fast senkrecht erscheinenden Wandflucht aus weissem gebanktem Kalk. Die Kletterer würden hier gern unter sich sein und die « Halbschuhtouristen » in die nahe Austria-Hütte des ÖAV, 1638 m, verweisen. Reiche alpine Literatur gibt über die Südwandrouten Bescheid. Als eine der eindrucksvollsten Touren in den Alpen überhaupt gilt die Tor-steinsüdwand ( Schwierigkeitsstufe III+, etwa 7 Std. ), zu deren Fusspunkt man sowohl von der Südwand- wie von der Hofpürglhütte auf aussichtsreichen Höhenwegen in der Almregion, aber auch von der Bahnstation Mandling an der Enns auf idyllischen Waldpfaden gelangen kann. Wanderer seien auf die Möglichkeit hingewiesen, von Mandling über die Windlegerscharte zur Adamekhütte des ÖAV, 2196 m, am Gr. Gosaugletscher zu kommen, über welchen der leichteste Dach-steinanstieg ( ab Hütte kaum zweieinhalb Stunden ) führt. Der übliche Anstieg von der Südwand-hütte ( populärer als der Weg Austriahütte-Edelgries—Schladminger Gletscher ) erfordert etwa vier Stunden. Zunächst ein HochkaT, dann Kletterei an einer steilen Wand mit vielen Eisenstiften zur Hunerscharte, 2601 m, wo sich plötzlich der Blick auf das ganze Salzkammergut öffnet, nun westlich über den Firn an den « Dirndln », 2829 m, vorbei ( die sich nur Beherzten ergeben würden ) zu den Dachsteingipfelfelsen - zuletzt mehr oder weniger versicherte Kletterei je nach Wahl -, das zusammen bedeutet ein reiches hochalpines Erlebnis.

Der vorhin erwähnte Gosaugletscher am Nordwestfuss des Gipfels ist, obgleich keineswegs ein gewaltiger Gletscher, doch in Anbetracht seiner romantischen Umgebung von einmaliger Schönheit und sucht im Kalkgebirge seinesgleichen. Aber auch der Weg durch das ( in den Hallstättersee klammartig mündende ) Gosautal zum Gosaugletscher bietet alpine Bilder, die auch heute noch als klassisch bezeichnet werden müssen. Ich meine die beiden Gosauseen, 908 bzw. 1156 m. Beim vorderen wirken die zahllosen kühnen Dolomittürme an der Westseite ( « Gosaukamm » ) mit entscheidend, wogegen beim hinteren Gosausee vor allem der Torstein, 2946 m, den landschaftlichen Eindruck bestimmt. Dieser, ein Muster eines allseits schwierigen Hochgipfels, ist durch Kare vielfach modelliert und passt daher ebensowenig in die landläufige Vorstellung eines Kalkplateaus wie der aus Dolomit und korallogenem Riffkalk gebaute Gosaukamm des Dachstein, nebenbei bemerkt ein Eldorado für Kletterer, für welche seinerzeit die Körnerhütte, 1460 m, eingerichtet wurde. Hier gibt es nur eine Spitze mit Wegmarkierung, den Angerstein, 2101 m. Vom beliebten, die Hütte passierenden Höhenweg an der Westseite blicken wir in die weit offene Landschaft Salzburgs bis zu den Hohen Tauern. Der Gosaukamm kulminiert in der Bischofsmütze, eine in deutschen Landen weithin berühmte Berggestalt ( andere Namen: Teufelshörner, Hochzeiter ), mit zahlreichen Führen aller Schwierigkeitsgrade. Der Normal weg, Schwierigkeitsstufe II+, geht von der am Südfuss gelegenen, gemütlichen Hofpürglhütte, 1705 m, aus, an welche die Automobilisten von Eben in Pongau her ziemlich nahe herankommen können. Der wunderbare « Linzerweg » leitet in Fortsetzung des Gosauer Höhenweges in 4-5 Stunden weiter zur Adamekhütte, wobei sich die Kletterer am Hochkesselkopf, 2453 m, versuchen können. 500 m Riesenverschneidung!

Ich habe im vorstehenden nicht weniger als sieben völlig verschiedene Anstiegsrouten auf den Dachstein angedeutet, jede von besonderer Eigenart. Zum Schluss soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Bischofsmütze etwas allen voraus hat: nämlich die Verherrlichung der Erstbesteigung in einem vielgesungenen « alpinen Heldenlied » aus dem Jahre 1879, dem einzigen dieser Art. Es war damals dem um die Alpinistik verdienten Marchese Alfred Pallavicini und seinen zwei Südtiroler Führern nicht gelungen, die noch jungfräuliche Spitze zu besteigen: « Die Jungfrau ist halt schlecht gebaut! » resignierten sie. Aber schon zwei Wochen später gelang zwei einheimischen Ramsauern die grosse Tat; das Lied verspottet die beiden Südtiroler und schliesst mit der bemerkenswerten Strophe:

Denn nach oben streben kann nur ein ganzer Mann; drum soll ein jeder leben, der tüchtig steigen kann.

Im Frühtertiär war der Dachstein - heute weist er ein 1500 Meter dickes Paket Triaskalk über den Gosauschichten auf - allgemein Landoberfläche. Man findet noch die sogenannten Augensteine, also Quarzgeröll, vielleicht von den damaligen Flüssen aus den Tauern stammend, und in 1700 m ein Braunkohlenbergwerk! Ein Besuch des Dachsteins lässt somit viel Schönes und - nicht übertrieben gesagt - wirklich Einmaliges an alpinen Phänomenen beobachten.

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