Huandoy

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RUEDI SCHATZ

Erste Begehung der Nordwand Nur einen Gipfel will ich herausgreifen aus unsern Abenteuern. Er ist zwar der höchste, der von uns bestiegen wurde, nicht aber der schwierigste. Aber Schwierigkeiten und Höhe zählen letzten Endes wenig beim Bergsteigen; was eigentlich zählt ist das Erlebnis. Es ist zwar meistens tiefer, aufwühlender in schwieriger Wand als auf leichtem Weg, auf hohem Gipfel als auf grünem Hügel. Zum Erlebnis gehören aber auch Wetter, Stimmung, Kameradschaft. Und in der Nordflanke des Huandoy, die wir erstmals durchsteigen durften, wurde aus Schwierigkeit, Schönheit, Verbundenheit mit den Kameraden, unter Schnaufen und Keuchen ein Ganzes, das ich nie vergessen werde.

Er steht im Callejón de Huaylas, in jenem palmenbestandenen Hochtal, dem entlang in silberner Weite die Gipfel der Cordillera Blanca ziehen, durch das die Bäche von den Hügeln herunterrauschen, über die vielen Terrassen mit ihren goldenen Kornfeldern, mit ihren tiefgrünen Hecken, mit den Blumen auf jedem Mäuerchen und den heiteren Menschen in den Hütten. Der dritthöchste Berg der Kette steigt in eisbesetzter Wand vom Parrónsee auf; einer steilen Nordwand steht eine freundlichere Flanke im Süden gegenüber, durch welche er in zehntägigem Kampf mit drei Hochlagern durch befreundete Amerikaner vor einigen Jahren bestiegen worden ist. Wir hatten nur acht Tage zur Verfügung. In dieser Zeit wollten wir zwei bis drei Gipfel um den Parrónsee besteigen. Wir brauchten Wetterglück, sollte uns das gelingen. Anderseits durften wir auf unsere gute Akklimatisation zählen.

Eine Erkundigung zeigte einen Durchschlupf durch den furchtbar zerrissenen Gletscher an den Fuss der eigentlichen Wand, wo wir ein Hochlager auf 5400 Meter errichten wollten. Am 9. Juli verliessen Ernst Reiss, Hans Frommenwiler und ich mit vier Trägern unser Basislager am See. Über endlose Moränen ging es schwer bepackt zur Höhe. Zelte, Luftmatratzen, Schlafsäcke, Proviant, Seilmaterial, Reservekleider mussten mitgeschleppt werden. Die Schritte wurden langsam, als wir in glühender Mittagshitze über den gleissenden Gletscher stolperten, und erst nach neunstündigem Marsch erreichten wir den vorgesehenen Lagerort. Wir durften annehmen, er sei vor Eislawinen geschützt, die links und rechts den Gletscher mit riesigen Blöcken übersät hatten. Über uns lief eine mächtige Querspalte durchs Eis, die wackere Portionen von unserm Lager abhalten mochte.

Ausser Martin Fernandez stiegen die Träger ab; er sollte unser Lager hüten, kochen und uns beim morgigen Aufstieg beobachten.

Abend im Hochlager. Der Benzinkocher summt, Suppe und Tee werden ununterbrochen gebraut und getrunken - Reserven schaffend für morgen. Die Tropensonne sinkt schon um 6 Uhr, die Gletscher werden blau, das Violett schleicht aus dem Schatten der Täler herauf, die Nacht wird. Man drückt sich fast im vollen Tenue in den Schlafsack. Hosenträger drücken, der Kamerad, schon eingeschlafen, streckt einem den Ellbogen unter die Nase, der unruhige Schlaf vor einem grossen Abenteuer. Um 4 Uhr beginnt das Kochen, das Ächzen und Stöhnen, denn gefrorene Schuhe anziehen, Windjacke überstülpen im engen Zelt, Steigeisen festmachen, alles wird im eisigen Morgengrauen nur erträglich, wenn man die Qual mit Stöhnen und Fluchen etwas lindern darf. Wir dürfen!

Um 6 Uhr sind wir auf dem Weg - da merken wir gleich, wie weit dieser Weg sein wird. Wir haben eigentlich die Aufgabe, die Schlüsselstelle der Wand, eine wohl 200 Meter hohe Eisbarriere, zu überwinden und begehbar zu machen. Am folgenden Tag dann würden unsere Kameraden über die vorbereiteten Seillängen schneller wegkommen und den Gipfel erreichen können. In uns dreien aber spielt der Gedanke: Heute noch auf den Gipfel! Würde es möglich sein, die 1000 Meter zu überwinden und noch den Abstieg zu machen? Wir wussten es nicht. Aber wir marschierten gleich zu Anfang, was wir aus Beinen und Lungen herausbrachten. Weit war schon das erste Stück. In 30 Minuten hatten wir geglaubt, am Bergschrund zu sein. Es wurde eine Stunde daraus. Über eine Brücke fanden wir Zugang zur steilen Eiswand. Und jetzt wurde es Ernst! Über uns drohte der Eiswulst, weit überhängend, in senkrechte Eisstufen geteilt, mit einzelnen Wänden, in denen das Eis wie poliert auf 100 Meter Höhe abbrach. Rechts wurde der Wulst durch eine Steilrinne zerrissen, ihr eisiger Grund zerpflügt von fallenden Eis- und Felsbrocken, und oben hing ein Balkon traumhaft grünen Eises wohl 20 Meter über sie herab, in mächtige Eiszapfen auslaufend, jeden Moment zum Stürzen bereit. Die Rinne wurde rechts von einer vereisten Felsrippe begleitet. Durch die Rinne musste unser Weg auf die Rippe führen und dann ein Quergang hinauf auf den Balkon.

Die rund 300 Meter Höhendifferenz kosteten uns fast 5 Stunden. Wir hatten auf Trittschnee gehofft, aber bald standen wir auf stahlhartem, splitterndem Eis von rund 60 Grad Steilheit. Da greifen auch die Frontzacken der Steigeisen nicht mehr genügend, und man mag die Fussgelenke noch so abbiegen, zu mehr als einigen Schritten reicht es bei genügender Sicherheit nicht. So sausen die Eispickel und verrichten jene bergsteigerische Präzisionsarbeit, die zwar zeitraubend und ermüdend ist, aber doch ihre Schönheiten hat. Drauflosdreschen hilft wenig in diesem spröden Eis; fast zart und exakt müssen die ersten Schläge sich senkrecht in den blaugrünen Spiegel graben, bis dann der ganze Schuh soliden Halt findet. Da und dort können wir diesmal ausnahmsweise einen guten Eishaken anbringen; Seile werden hängen gelassen für unsere Kameraden. Dann treibt es uns in den Fels; wir wollen den drohenden Eisschlägen und der langen Stufenarbeit ausweichen. Beides gelingt nur halb. Der Fels ist steil, schlecht und abwärtsgeschichtet, jede Fuge, jede kleine Abdachung von durchsichtigem Wassereis überzogen. Die Steigeisen knirschen auf dem Gestein. Die Eisplatten zerspringen unter Hammerschlägen, Hände und Füsse werden kalt und klamm. Denn in unsere finstere Rinne ist noch kein Sonnenstrahl gedrungen, und nach schönem Tagesbeginn überzieht sich der Himmel langsam mit Nebelschwaden, auch das Land um uns in Schatten tauchend. Wir schauen nicht weit um uns. Gespannt wird der Kamerad beobachtet, der gerade an der Arbeit ist, und immer schaut etwa einer auf die hohe Wand zu unsern Köpfen, um fallendes Eis oder auch Steine frühzeitig zu entdecken.

Um 1 Uhr endlich stehen wir auf der Eisbarriere; die fixen Seile in der Stufe unter uns sind montiert, unsere Aufgabe ist erfüllt. Wir blicken auf den Höhenmesser: 5800 Meter. 600 Meter Höhendifferenz liegen ob uns, 600 Meter unbekannten Geländes in grosser Höhe. Ist es nicht völlig aussichtslos, heute noch den Gipfel zu versuchen? Mussten wir vernünftigerweise nicht mit mindestens fünf Stunden rechnen? Der kleinste Irrtum in der Routenwahl, jede Schwierigkeit, der tiefe Schnee mussten uns Stunden kosten. Wir wussten, weitergehen bedeutet ein sicheres Biwak. Und doch, der Gedanke, so nahe zu sein, lässt uns nicht zögern: wir werden es versuchen! Wir deponieren jedes entbehrliche Gramm in einer tiefen Spalte. Hierher wollten wir auf alle Fälle zurückkehren, mit oder ohne Gipfel. Die Spalte würde uns einen ausgezeichneten Biwakplatz bieten.

Dann gehen wir weiter, hinauf, durch die Nebelschwaden dem unsichtbaren Gipfel zu. Der Schnee ist tief, anhänglich. Man wühlt sich oft mehr hinauf, als dass man geht. Man hört kein Wort; jeder ist mit sich beschäftigt, mit seinen schweren Beinen, seinen keuchenden Lungen, seinem hämmernden Herz, seinem bisschen Willenskraft, das ihm sagt: nicht absitzen, nicht nachgeben, obwohl alles in uns ruft, uns in den Schnee fallen zu lassen, auszuruhen. Schon nach einer Stunde erreichen wir den Grat; nur noch 250 Meter Höhendifferenz fehlen zum Gipfel. Ernst spurt; der alte Himalayamann kennt keinen Pardon, weder mit sich noch mit andern. Er kann sich quälen bis zum Umfallen. Und so setzt er unerbittlich Schritt vor Schritt, und wir alle drei, mit dem Seil unauflöslich verbunden, stolpern die Eishänge höher, dem Gipfel zu. Ganz leer ist es in einem; kein Gedanke, kaum mehr Müdigkeit, nur Gehen, Gehen, Gehen. Dieses Gehen füllt einen restlos aus. Nichts mehr hat Platz neben ihm.

Der Nebel ist dicht, nur selten reisst er einen Moment auf. Aber plötzlich habe ich jenes beklemmende Gefühl irgendwo im Zwerchfell, jenen freudigen Schmerz, der einem grosses Glück anzeigt. Der Grat läuft jetzt fast waagrecht, und plötzlich geht es hinab, auf allen Seiten, wir stehen auf dem Gipfel des Huandoy! Die Gesichter sind bärtig und verklebt vom Schnee. Aber wir sind froh, denn jeder hat mit seiner Bewegung zu tun. Es ist ja nur ein Berggipfel, den wir betreten haben, und wir haben weder Aussicht noch sonst etwas « Vernünftiges » gefunden auf ihm Darauf aber kommt es gerade an: wir haben nur die Mühsal des Weges, das gemeinsame Erlebnis der Gefahr, die Bewährung der Kameradschaft gesucht. Und das haben wir voll und ganz gefunden. Und wenn wir uns die Hand drücken, dann nicht, um uns zu gratulieren, sondern um dem andern zu danken für das, was er gegeben hat.

Es ist halb vier. Wir sind früher oben, als wir in den kühnsten Träumen zu wagen gehofft. Und so steigen unsere Hoffnungen noch höher. Wir wissen, das Hochlager ist durch die Gipfelpartie von morgen besetzt. Wir wollen absteigen, wenn möglich bis ins Basislager, das 2200 Meter unter uns liegt. Um halb sieben würde finstere Nacht sein. Es gilt ein Rennen mit der Zeit - zeitlos würde der morgige Tag der Ruhe wieder sein. So eilen wir hinunter. Die Steigeisen greifen und erlauben oft fast eine Art Laufschritt. Bis zur Eisbarriere geht es schnell. Dann beginnen die Abseilmanöver, Dreimal werden 120 m Seil ausgeworfen, wir gleiten daran hinunter, den Rest steigen wir in den Stufen von heute morgen ab. Alles läuft wie am Schnürchen. Die zwei Monate in den Bergen haben uns automatisiert in solchen Manövern. Um 6 Uhr sind wir beim Hochlager. Die Kameraden begrüssen uns, drücken uns Fruchtsaftbüchsen an die Lippen. Ein kurzer Gruss - wir müssen den Gletscher noch bei Tag hinter uns bringen. Ein nächtliches Suchen in diesem Spaltengewirr wäre mühsam und gefährlich. Kaum merken wir, dass das Gewölk sich verzogen hat. Wir eilen über den Gletscher. Er wird golden unter dem Licht der sinkenden Sonne, und soweit wir sehen, stehen die Spitzen der Cordillera Blanca an einem feurigen Abendhimmel, hellauf leuchtend der Sonne zu, in blauem Schatten schon gegen Osten. In der Tiefe, fast nur noch zu ahnen, liegt nachtgrün der Parrónsee, unser Lager. Im letzten Tageslicht gewinnen wir den Gletscherrand. Dann beginnt ein nächtliches Abwärtsstolpern über endlose, unstabile Moränen. 1000 Meter geht es noch tiefer. Wir gehen dahin, etwas apathisch, und doch glücklich in der Gewissheit, nach einem herrlichen Tag das sichere Lager noch erreichen zu dürfen. Wie wir um 10 Uhr zu den Zelten kommen, liegt alles im Dunkel. Es ist Freitag; wir schalten unsern kleinen Radio ein und sind doppelt daheim: die wöchentliche Sendung des Schweizerischen Kurzwellendienstes bringt uns Grüsse und Wünsche aus der Heimat!

Man schläft selig, nach einem solchen Tag. Man stellt keine Fragen nach dem Morgen, keine nach dem Sinn seines Tuns. Man ist nur müde und sehr voll von Glück.

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