Humor und Ernst mit Pickel und Seil

VON HANS GERTSCH, LANGNAU l/E

Für meinen Teil habe ich niemals vergessen, dass mein seliger Affe Benjamin doch der weitaus beste Kletterer gewesen ist, den ich jemals kannte.

Dr. Julius Kugy Vom alten Fritz sei vorerst erzählt. Nicht vom grimmen « Alten Fritz » von Potsdam, mit Krück-stock und steif nach hinten hängendem Zopf. Sondern von meinem ganz unkriegerischen, lieben alten Bergkameraden Fritz, dessen Berg- und Naturliebe ebenso tiefinnerlich war wie seine schöne Freundschaft unwandelbar.

Grosser Altersunterschied zwischen uns mag es mit sich gebracht haben, dass bei aller Rücksichtnahme meinem Seilkameraden etwa einmal das Mithalten nicht leicht geworden ist. Um die Füsse zu bewegen ( der Aussicht willen brauchten wir uns nicht umzuschauen ), gingen wir von der Dupuishütte aus nach der Aiguille du Tour. In Neuschnee und eintönigem Nebel stapften wir das Plateau du Trient entlang und die Firnhänge in der Richtung unseres Zieles empor, in ruhigem Bergschritt ohne Halt, bis an die Felsen wenig unter dem Gipfel. Die Uhr ziehend stellte ich fest, dass wir den Aufstieg in überraschend kurzer Zeit zurückgelegt hatten, was Fritz spontan und halb empört, halb vorwurfsvoll zur Kenntnis nahm: « Das han-i de no däicht, du springist wieder einisch mit mer! » Noch versprach das Wetter nicht viel mehr, und nur auf Zusehen hin, ob sich was tun lassen werde, wanderten wir das Plateau du Trient hinüber zum Col du Tour. Während wir dort ohne grosse Hoffnungen in windgeschützten Felsen sassen, guckte auf einmal aus einem Wolkenloch in fast unwirklicher Höhe, die Spitze der Aiguille du Chardonnet herunter, überwölbt von einem Stücklein tiefblauen Himmels. « Was meinst, Fritz, zur Chardonnet ?» - « He, du musst selbst wissen, was du mit mir machen kannst! » Das Ergebnis dieses kurzen Dialoges war ein wunderbarer Tag auf der Aiguille du Chardonnet, via Ostgrat—Westgrat—Glacier du Tour. Aus unablässig durcheinanderwogenden, bald wieder hochauf brodelnden Nebel- und Wolkenmassen tauchten zuweilen die Spitzen der höchsten Berge, 1 Vgl. R. Billwiller: Temperatur und Niederschlag im schweizerischen Alpengebiete während des letzten Gletschervorstosses und einige Rückschlüsse auf die eiszeitlichen Verhältnisse. Annalen der schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt, Jahrgang 1930.

sonnenbeglänzt, und grossartige Blicke boten sich in die düster grandiose Argentièreflanke der Aiguille Verte—Les Droites. Gegen Abend waren wir auf dem Col du Tour zurück. Aller Nebel war verschwunden, und die Chardonnet leuchtete in vollem, goldenem Sonnenschein. Andächtig schaute Fritz den turmgespickten Ostgrat empor zu der hoch in den blauen Himmel ragenden Spitze: « We du mier am Morge gseit hättisch, i gang da ufe, hätti dier gseit, du bisch ja verruckt! » Mein lieber alter Freund musste gesundheitshalber das Bergsteigen früh aufgeben; aber die Berge hat er nie vergessen. Es ergab sich deshalb, dass wir nur noch selten zusammenkamen, aber immer schied er mit denselben Worten, in seiner fast herben, äusserem Schein abholden Art: « I ha allunai Freud, weni di gseh, es isch mängisch schön gsy, bimeid! »In unserer clubhüttengesegneten Zeit flösst manchem schon der blosse Gedanke an ein Biwak Graus und Schrecken ein, und manch einer, der in den Bergen durchaus kein Neuling ist, schneidet das köstlichste Gesicht, wenn er sich unerwartet erstmals dieser Tatsache gegenübersieht. Kari brachte dergleichen nicht aus der Fassung. Unweit krachender Seraks, umgeben von hehrer Gipfelwelt, legte er sich seelenruhig nieder, zog den Rock aus, deckte sich damit zu wie es die Alten getan, und gähnte in taghellem Vollmond zu mir herüber: « Dreh s'Licht aus, so kann man schlafen! » Ganz einfach löste diese Frage ein Engländer. Mitten im Marsch auf einem grossen Gletscher erklärte er seinem Führer ohne jede andere Einleitung: « I am going to bed! » ( ich gehe zu Bett ), und traf Anstalten, sich aufs harte Eis auszustrecken.

Nach der Überschreitung der Montagne des Agneaux ( Dauphiné ), sassen wir zuoberst im Tabuc-vallon, in herrlicher Abendstimmung, den Tag voll auskostend. Der Berg hatte es uns nicht leicht gemacht, aber es war eine Fahrt, wie man sie, Schwierigkeiten und Gefahr hinter sich, zu den besten zählt. Mein Kamerad jedoch, der ausser Jungfrau, vom Joch aus, und Wetterhorn noch keine Hochtouren gemacht hatte, war von Oisans Bergen nicht restlos begeistert. Schon im Aufstieg in den herbstlich verschneiten und vereisten Felsen der Glacier-Blanc-Seite war ihm offensichtlich nicht immer behaglich zumute, und nach einem höchst abenteuerlichen Bergschrund, im Abstieg am grossen Eisbruch des Monêtiergletschers, war er vollends wortkarg geworden. Noch glaubte ich mit unschuldigster Miene die Situation zu retten: « Isch jetz das nid e schöne Tag gsy ?»...« Es het mi nid geng düecht! », machte er in höchster Entrüstung seiner Stimmung Luft.

Geisterspuk als Vorspiel zur Bergfahrt. Nach einer wahren Begebenheit.

Eine Bergfahrt war es, die am Fuss hoher Berge zum Wiedersehen mit einem alten Freund führte. Nennen wir ihn Benz. Das musste gefeiert werden, und im Pintli nebenan, wo dies geschah, trafen wir noch Sami, alle beide bestandene, harmlose Semester. Indessen gedieh diesmal die Gemütlichkeit so weit, dass wir diese nach dem offiziellen Schluss in der hintenaus gelegenen Küche fortsetzten. Als ehrsame Bürger freilich nur piano, und trotz dichtverhängtem Fenster nicht ganz guten Gewissens. Aus diesen Gründen auch begleitete ich den dem Anlass nicht so recht gewachsenen Sami, als dieser draussen auf der Laube das dort befindliche Örtchen aufzusuchen wünschte. Was sich weiter abspielte, trug sich freilich nicht in Fels und Eis zu, aber im Zusammenhang damit, hätten doch die Tricuni beinahe schon hier eine - und zwar verhängnisvolle - Rolle gespielt.

Doch, zu Sami zurück. Rabenschwarze Finsternis, nachtschlafende Stille, von der Kirche her ein dumpfer Glockenschlag! Wie ich so vor dem Hüsli Wache stand, erschien an der Hausecke eine schneeweisse Gestalt, über und über vermummt, und kam lautlos, langsam wie schwebend, die Laube entlang. Wenige Schritte vor mir blieb sie stehen, unbeweglich verharrend - gebannt tat ich vor der Hüslitüre dasselbe. Drinnen war Sami fertig geworden, drückte auf die Türe und zerbrach sich den Kopf, warum diese sich nicht öffnen lasse, nicht ahnend, dass ich mich mit dem Rücken dagegenstemmte, unsere etwas ungesetzliche Anwesenheit nicht zu verraten. Obwohl aller und jeder Weisheit bar, dachte ich doch von Geistern nicht respektvoll genug, um nicht vielmehr auf verkappte Spionage zu schliessen. Als daher die Gestalt sich wieder zu regen und mir näher auf den Leib zu rücken schien, fasste ich nicht nur Verdacht, sondern, ungeachtet der Tricuni, hinter meinem Rücken noch einen derben Besenstiel in die Hand. Zum Glück wandte in dem Moment das nur in Umrissen wahrnehmbare Wesen sich von mir ab, der Küchentüre zu, klinkte diese auf, rief giftig: « So, jetz weiss i gnue! », und war wie eine echte Spukgestalt laut- und spurlos verschwunden. Drinnen hatte Benz eben mit hocherhobenem Glas ein « Prosit der Gemütlichkeit » angestimmt, das brach jäh ab... es war seine Frau gewesen, im Nachtgewand, ein Leintuch überm Kopf und in geräuschlosen Stubenfinken.

In der Küche sass Benz samt Wirt totenbleich und grabesstumm am Tisch. Unser etwas weltfremder Sami begann erst allmählich zu begreifen. Und ich meinerseits schätzte mein Ledigsein der Zwanzigerjahre nie höher als an jenem Abend.

Benzens Frau, die von unserer Anwesenheit auf der Laube keine Ahnung gehabt hatte, erfuhr erst viel später, in welcher Gefahr sie damals gestanden war...

Manch ein Bergkamerad ist unbezahlbar, gar in Pechsträhnen und Missgeschick. Ein solcher war der Linus. Auf der Hinreise zum Ortler setzte die Autofirma uns auf dem Stelvio kurzerhand auf die Strasse, trotz schönem Fahrplan und verkaufter Fahrausweise bis Trafoi. Auf dem Ortler betrog uns der Nebel um jede Aussicht. Die Königsspitze versprach dasselbe, dazu einen Haufen Neuschnee, und in Sulden entgingen wir knapp der Obdachlosigkeit. Mit neuen Plänen fuhren wir über den Stelvio zurück. In den Felswänden der Val del Braulio - noch hoch ob Bormio - ratsch !, sackte durch Bruch der Vorderachse unser Car zusammen, so dass die 35-40 Passagiere in possierlichst präzisem Eintackt die Nasen auf der Rückenlehne des Vordermannes aufschlugen. Die Folge, Tohuwabohu, stundenlange Blockierung, und wir gründlicher als je in der Tinte. Doch trockenen Humors zog Linus, das aufgeregte Durcheinander betrachtend, den Schluss: « Viel ander wärdet verrückt, üs zwei macht 's nüd! » Begegnungen im lieben alten Tirolerlandl.

Im Aufstieg zur Erzherzog-Johann-Hütte am Grossglockner. Guter Weg, der ganz passabel ein Kinderwägelchen auf dem Sonntagsspaziergang gestattet hätte. Kamen ein Priester in der Soutane und ein Zögling, mit zehnzackigen Steigeisen an den Füssen, dahergewandelt.

Unter dem Begriff Hütte in Purtschellers « Hochtourist » ist nicht immer ein komfortables Alpenvereinshaus zu verstehen, mit Grandhotelmenu und Wein und Liqueurkarte, etwa einmal kann es auch bloss eine schüttere, wettergraue Sennhütte sein. Das war wenigstens die Luckner- hätte, doch an einem herrlichen Sommerabend herdenglockenumbimmelt und von einer Frau mit ihrer jungen Schwester betreut. Als einziges Touristenzimmer diente ihre gemeinsame Schlafkammer, vor deren Fenster ein Kletterfels par exellence just bis ans Gesimse heraufreichte. « Günstig zum Fensterin », fand mein Freund, was das jugendfrohe Dirndl übermütig bestätigte: « Dos is ja mei Stüberl! ».

Der alte Glockner war tüchtig verschneit und das Drahtseilgeländer der « Scharte » ( Einsattelung zwischen Vor- und Hauptgipfel ) weggerissen. Dies ist für sichere Gänger die einzige ernsthafte Stelle der gewöhnlichen Route des Königs der Ostalpen, aber ein paar Schritte schärfster Art ob gewaltigen Abgründen, rechts die Pallavicinirinne 1300 m zum Pasterzengletscher, links 600 m zum Ködnitzkees. Ein Tourist, der mit gesträubten Haaren auf dem Vorgipfel Kehrt gemacht hatte, fand in der Hütte die Sprache wieder. « Ich hätt 's schon machen können », versicherte er seinem Führer eindringlich, « aber wissen 's, diesen Tiefblick vertrag ich doch nicht so recht! »-wozu der Führer verständnissinnig nickend unter dem breiten Hutrand zu uns herüberblinzelte.

In den gletscherschimmernden Zillertaleralpen schienen die alten Zeiten wiedergekehrt zu sein, als die Hasnerin im Breitlahner die Brüder Zsigmondy bewillkommte « Oes seid 's die Scheck-mondebüam! » ( Zsigmondy, « Im Hochgebirge » ). So anheimelnd wenigstens klang die erste Begrüssung beim X-Haus. Abseits vom Hüttenweg kam ich ein garstiges Blockfeld angestiegen. « Do hoast aber'n schönen Weg ausgwählt », rief mir ein Führer entgegen, den vermeintlichen Kollegen burschikos zur Rede stellend: « Wo hoast denn deinen Herrn? » Wundervoller Morgen auf dem Olperer - « 3480 m, allseits schroff und scharf gratig abfallend » ( Hochtourist ). In den Gipfelfelsen sass eine Gruppe Touristen beiderlei Geschlechts, gut deutsch plaudernd. Doch mit eisigem Schweigen blieb das im Tirol sonst überall verstandene « Grüss Gott » des einzelnen Ankömmlings, unerwidert.Angesichts des Panoramas der Zillertalerberge, vom Hochfeiler, Mösele, Thurnerkamp, bis zum Schwarzenstein und dem formenschönen blendend leuchtenden Hochgall in der Rieserfernergruppe - den Hitlergruss zu erwarten - war von einem aufrechten Schweizer etwas viel verlangt.

In kristallfunkelndem Märzschnee vom Venediger herunterkommend, kehrten wir im Oberzulz-bachtal auf der Berndlalm ein, wo in aller Wintereinsamkeit in der rußschwarzen Küche einer Alphütte eine urchig robuste Fünfzigerin sich ein Bescheidenes zu verdienen trachtete.Viel über den obligaten « Schmarrn » hatte sie nicht zu bieten, dazu ein Glas Tiroler oder n'Enzian. Das aber gut und billig, und als wir dem Konsumationsbetrag ein Trinkgeld beifügten, zählte sie abgewendet das Geld auf der Hand wieder und wieder und brummelte schliesslich vor sich hin: « Dos san rare Herrn! » Ins Schauen versunken, sassen wir auf der aussichtsreichen Kuppe der Schmittenhöhe, inmitten flimmernder Winterwelt. Da legte sich plötzlich ein Ärmchen um meinen Nacken, ein ca. vierjähriger Kleiner im Skidress liess sich zutraulich auf meine Knie nieder, zog sachte mir den Zeiss vom Gesicht, schmeichelnd: « Lass'mi a amal schaue! » - Oft noch gedachte der fremde, unbekannte Mann deiner, du herzinniger Engel, mit deinem goldigen Lachen und unschuldsvoll strahlendem Gesichtchen!

Ohne nach Namen und Woher zu fragen, gab der Winterhüter im Moserboden ( einsam abgelegen am Fuss des Karlingerkees und Riffeltors, dem Mönchjoch der Glocknergruppe ) uns zwei Fremdlingen einen namhaften Geldbetrag mit, zur Abgabe in der Oberwalderhütte. Grundehrlich und gutgläubig, der Tiroler, wie er leibt und lebt!

Rückschau und Ausklang.

In allen Einzelheiten stehen Ereignisse und Begebenheiten meiner Jugendzeit mir noch vor Augen, in « Grindelwald den Gletschren by », dorfabgelegen im hintersten Winkel des Tales, wo vom Wetterhorn herunter die Lawinen donnern und der Mettenberg finster dräuend unmittelbar auf das Dach des Elternhauses herniederschaute.

Es war Grindelwalds grosse Zeit des fast konkurrenzlosen Wintersportplatzes. Aber noch war uns der Ski unbekannt. Die « Fremden » tummelten sich in buntem Gewimmel in altmodischen Sportkleidern auf den grossen Eisbahnen der Hotels oder vergnügten sich mit Schütteln, was heute nur noch zu Kleinkinderfreuden zählt. Schlittschuhe rechneten für die meisten von uns schon zum unerschwinglichen Luxus, den wenigstens wir Buben aber leicht verschmerzten. In unsern Augen war « schlyfschuehnen » ein Mädchenvergnügen. Unsere Freude und Universal-sport war « gan ryten » ( reiten, schütteln ), und das hatten wir los. Da war uns kein Weg zu steil, kein Holzschleif zu ungeschlacht, keine Kurve zu jäh, mochte es auch ob Tobein und Abgründen dahingehn.

Es mag so 1894/95 gewesen sein, als wir die ersten Skifahrer zu sehen bekamen. War ein solcher in Sicht, eilte jung und alt ans Fenster, ja vors Haus und wir Buben noch weiter. Was da angefahren kam, war ein Mann: Drollige Kappe auf dem Kopf, dicke Binde um den Hals, in halber Hockestellung mit weitgespreizten Beinen, die « Alpenstange » wie ein Faltbootpaddel in den Händen - gelang es ihm gar noch sturzfrei einen Hang abzufahren, auf den heutzutage jeder Dreikäsehoch verächtlich spuckt, sperrte das Publikum Mund und Augen auf. Die Alten tippten vielsagend mit dem Zeigfinger an die Stime.

In uns aber fuhr es wie ein Feuer. Der « Beinz » ( Schlitten ) blieb verlassen in irgendeinem Winkel. Aus allen Ecken und Gerümpelhaufen wurden alte Fassdauben hervorgeklaubt. Wer zu Hause keine fand, stahl solche beim Nachbar. Alte Schuhe - was davon übriggeblieben war, war gewöhnlich nicht mehr rar - wurden ein gesuchter Artikel. Dann wurde die Bodenfläche zweier Fassdauben mit Glasscherben glatt geschabt, aus dem alten Schuh ein Streifen Leder geschnitten und als Zehenriemen an die Dauben genagelt, den Rest der Bindung versah ein Stück gewöhnliche Packschnur. So ausgerüstet, rückten wir später aus bis auf die Grosse Scheidegg. Da war das schönste der Hartschnee des Spätwinters, wenn es dem Frühling entgegenging. Mühelos wanderte man zur Scheidegg hinauf, plaudernd und scherzend, die Dauben an einer Schnur über den Rücken gehängt, ungebunden an Weg und Steg nach Lust und Laune flanierend. Der Höhepunkt war natürlich die Abfahrt. Stockhilfe hatten wir hinter uns. Ohne Lehrkurse hatten wir herausgefunden, wie ungleich schöner ein freies, aufrechtes Fahren ist, und sausten in unglaublich kurzer Zeit von der Passhöhe zum Ober-Gletscher hinunter, bei der Wendigkeit der Dauben auf Hartschnee, wie Wiesel zwischen den zahlreichen Felsblöcken des Lauchbühls hindurchflitzend! Freilich, am Wort vom Schutzengel muss damals viel Wahres gewesen sein!

Köstliche Erinnerungen knüpfen sich an jene Zeit. In aller Bergeinsamkeit standen wir unvermittelt einem grossen Fuchs gegenüber. Ebenso überrascht wie wir, glotzte dieser uns giftig an, dass wir 9-10jährigen Knirpse « rette sich, wer kann », bergab die Flucht ergriffen. Reinecke mit hocherhobener Lunte mag sich eins gelacht haben, wie wir ausrissen, was die Dauben hergaben. Ein andermal fanden wir ein vergessenes Lunchpaket mit Orangen. Keiner von uns hatte je solche gekostet, geschweige denn gegessen. Vom blossen Anschauen der schönen goldenen Früchte lief uns das Wasser im Munde zusammen, mit kräftigen Zähnen bissen wir hinein, wie in einen Apfel, und kauten das Ganze samt der Schale. Der Genuss war massig, zumal die Früchte halb gefroren waren.

Kolumbus kann nicht grössere Entdeckerfreuden erlebt haben als wir auf unsern Fassdauben-fahrten. Orte wurden uns zugänglich, die uns bisher verschlossen waren. Was gab es da nicht alles zu schauen, das wir noch nie gesehen hatten: Die Maiensässe in der Wintereinsamkeit, unsere Alphütte im Schnee begraben! Alles war für uns Abenteuer, eine Welt von Geheimnissen, Zauber und Märchen, das winterliche Haslital von der Grossen Scheidegg, ein neuentdeckter Kontinent. Ich war schon der Schule entlassen, als es mir zu den ersten, einigermassen richtigen Ski reichte, ab-genützte Bretter mit angeflickter Spitze. Jetzt durften wir unser Aktionsgebiet schon weiter ausdehnen, und taten es auch weidlich, aufs Faulhorn, Schwarzhorn, Männlichen. Stand man die Woche hindurch noch so stramm in der Arbeit, der Sonntag gehörte den winterlichen Weiten, den flimmernden Höhen der Jugendheimat.

* Als ich nach einigen Auslandjahren wieder zu den Ski kam, wandte ich mich ganz dem Hochgebirge zu. Pisten und Skilifte habe ich nie betreten, Parsenn habe ich nie gesehen. Trotz des oft schweren Rucksacks mit voller Hochgebirgspackung wurde mir Wundervolles zuteil im Lauf der Jahre. In den heimatlichen Berner Alpen, im Wallis, Gotthardgebiet, in den Graubündner Bergen, im immer reizenden Tirolerlandl; auch etwa ein Sprung ins Reich des Mont Blanc und in die zur Sommer- wie zur Winterszeit so schöne Berglandschaft der Tarentaise. Herrliche Fahrten waren darunter! In stiebendem Pulverschnee in der Silvretta, Oberaargletscherabfahrten, von der Tête de Valpelline hinunter in gleissender Pracht schier endlos, von 3802 m il. M. bis auf 1600 nach Zermatt.

Dann schlief das alles ein, ohne besondern Grund und Anlass, es sei denn, dass das Leben es so fügte und das Alter eintrat. Wie von der letzten Fahrt die Ski heimgekommen sind, noch mit der Anhängeadresse, lehnen sie seit Jahren in einem Winkel auf dem Estrich.

Die Romantik der Fassdauben ist verschwunden, die Kinder von heute haben es besser. Kleinste Knirpse kommen auf Miniaturski daher, mit richtiggehender Bindung, üben hochwichtig Schussfahrt und Schwünge; und wo einst nur Buben Trumpf waren, schlägt manches Mädelchen seinen grossen Bruder an Schneid und Eleganz. So stand denn eines Tages - da meine Ski seit zehn Jahren spinnwebumsponnen auf dem Estrich standen und ich unweit meiner Siebzig in den Stubenfinken auf dem warmen Ofen sass - plötzlich ein munteres Skihäslein vor mir, bettelnd: « Kommen Sie mit mir auf die Hochwacht ». Ich glaubte mich « verhört » zu haben!... Doch so leicht gab unser Nachbarstöchterlein sich nicht geschlagen. « Keine Ausreden, Sie kommen mit! » schnitt die Dreizehnjährige mir jeden Widerspruch ab. Was wollte ich da noch anderes machen als gute Miene zum bösen Spiel.

Höhen und Wälder glitzerten in prächtigem Schnee und in irgendeinem Winkel schlummerten immer noch unvergessene Erinnerungen. In der Gangart, wie sie « Grossvater und Enkelkind » zukommt, spurten wir Halden und Hänge hinan, Waldesstille entlang, meine kleine Begleiterin fast ein wenig stolz ihres Erfolges, ich wie im Traum. Was wurde nicht alles wach im leisen Knirschen des Schnees unter den alten, so oft erprobten Brettern! Auf freier Voralpenhöhe schauten wir dann lange hinüber, zu unsern grossen, in der Wintersonne leuchtenden Bergen - die Jugend voller Hoffnung in die Zukunft blickend, das Alter zufrieden sich bescheidend: Es war einmal!

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