Humoreske um Gross Litzner-Gross Seehorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Verena Hartmann, Chur

Einem Frauenfeind gewidmet Am 12. August 1967 war es das zweite Mal, dass wir wegen io Zentimeter Neuschnee auf den Gross Litzner verzichten mussten. Keine Freude am verlängerten Schlaf, keine Freude am ausgiebigen Frühstück. Wut - und wütend schritten wir im Schneematsch wieder der Bielerhöhe zu und schauten verbittert nochmals zum « Drohfinger » zurück, der sich hämisch lächelnd in seinen weissen Mantel hüllte.

Am 14. Oktober desselben Jahres machten wir uns wieder guter Laune an den Gross Litzner heran, obwohl mein bergerfahrener Seniorchef uns dringend davon abriet, da Litzner und Seehorn um diese Zeit total vereist seien. Auf der Bie- lerhöhe angelangt, trafen wir einen bekannten Bergführer, der uns ebenso warnte.

Jetzt express !!

Nun begann die Schlüsselsuche. Ich hatte wohl telefonisch unsere Ankunft in der Saarbrückner Hütte gemeldet, was aber vergebens war. Im See-hotel war der Schlüssel nicht. Der Hüttenwart wohne in See. Es war i 7 Uhr, und See kam uns wie Innsbruck vor.

Meine Freundin ist ein ausgesprochen gütiger Mensch, aber sie fährt einen rassigen Sportwagen, und so wurde denn die Fahrt nach See das Gefährlichste an der ganzen Tour, und der Kommentar meiner Freundin wurde in einem eher kräftig-männlichen Ton abgegeben. Ich hatte gar keine Zeit, Angst zu haben, so donnerte es vom Führersitz her. Trotzdem hinderte es meine Freundin nicht, einen betrunkenen alten Bauern mitzunehmen ( «'s isch doch an Arma » ) und hernach über den « Mist-Duft » zu wettern, den er hinterliess -Frauenlogik.

Österreicher sind geduldig... uns aber dauerte die Erklärung, wo in See der Hüttenwart wohne, viel zu lange, so dass wir als ganz unhöfliche Schweizer das Paznauntal in Zukunft sicher meiden müssen. « Soo g'hässige » Frauen merkt man sich.

Aus Sicherheitsgründen suchte ich dann den Hüttenwart auf, da meine Freundin einer grösseren Explosion nahe war. Nicht klein war mein Erstaunen und vor allem auch nicht meine Wut, als mir der fröhlich beim Nachtmahl sitzende Hüttenwart stoisch erklärte: « Es san eh no Lait oben, es is offen. » Bis mir die Worte fehlen, braucht es einiges, aber ich war stumm. Ich versuchte, diese Glücksbotschaft meiner Freundin schonend beizubringen, worauf diese ein Bergrennen erster Klasse veranstaltete; zum Glück gab es keine Toten.

Auf der Bielerhöhe erwartete uns der Bergführer unruhig mit einem Blick auf die Uhr; es war immerhin i 8 Uhr und schon ziemlich dunkel.

Das Auto geparkt - und ab ging 's. Ich weiss nicht mehr, wie oft ich trotz Mondschein den Boden geküsst habe; zum Lästern fehlte mir der Atem.

Abgekämpft erreichten wir die Hütte, etwa um 21 Uhr, und freuten uns nach der grimmigen Kälte auf eine warme Ecke... Geschlossen! Wir fanden keine Worte. Ich verdrückte mich hintenherum und fand einen Hühnersteg, der zu einer auf eine Plattform mündende Eisenleiter führte. Immer nach dem Motto « Gang du vor, du bisch ledig » erklomm ich die Plattform und klopfte an den Fensterladen. Und tatsächlich: er ging auf, und wir wurden den Umständen entsprechend begrüsst.

Es war stickig im Winterraum, aber warm. Kaum hatten wir uns einigermassen installiert, da schletzte die Tür zu - und zwei Mann fehlten. Trotz Durst und Hunger wollten wir der Ursache dieses demonstrativen « Adieus » nachgehen. Da kam auch schon der eine von den beiden zurück und erklärte uns auf unsere Frage ganz bedrückt, dass sein Freund nun « grantig » sei. « Aber warum denn? » - « Ja, das ist so: Er ist ein ausgesprochener Frauenfeind und kam nur unter meinem ,hei-ligen'Versprechen auf diese Tour mit, dass um diese Zeit keine ,Weiber'mehr oben seien. » Dass um 21 Uhr doch noch zwei Exemplare dieser unerwünschten Gattung erschienen waren, hatte ihn offensichtlich ganz ausser Rand und Band gebracht. Damit er auch wirklich Grund hatte, uns zu hassen, haben wir gleich noch die Hälfte seiner Trauben verspeist. Man lässt so etwas auch nicht einfach umherliegen.

Gestärkt von Bouillon und Tee ( unser Bergführer hat mir dabei verraten, warum Bouillon so gesund sei, d.h. besser als Suppe: weil man dabei keine Pfanne schmutzig macheMan lernt nie aus ), legten wir uns aufs Ohr.

Nach unserem guten Schlaf zu beurteilen, war unser Gewissen rein, obwohl wir die Luft verpesteten - mit Dull-X. Der erste « Wecker » gab nur den Kommentar: « Hier stinkt 's wie in anam Krankenzimma. » Ein Nachbar hingegen erläuterte uns seine Wickelkunst in Wolldecken, derzu-folge er nie friere... bis er uns treuherzig gestand, er habe sich erst vor fünf Minuten wieder frisch einwickeln müssen, denn von Zeit zu Zeit versage seine Methode...

Inzwischen war es 4 Uhr — höchste Zeit zum Aufstehen. Eine lauwarme Ovomaltine - ach wie ist doch der Kaffee zu Hause gutund los ging 's, als fünfte Seilschaft. Der Himmel war eher grau, und grässliche Wolken wollten uns den Litzner auch diesmal nicht gönnen. G'haua oder g'sto-cha: wir schritten in der Oktoberkälte zum Sattel, wo eine längere Rast fällig war, suchten doch mehrere Kollegen den Einstieg. Unser Führer, jedoch: zwei Blicke - und wir kletterten bald in herrlichem, trockenem Fels. In der Sonne! Dank unserem Bergführer, der uns wie Ziegen am Seil führte und den wir niemals sichern mussten, überholten wir alle Seilschaften und waren zuerst oben.

Wahrscheinlich haben wir nur halbschlau « aus der Wäsche geguckt », als uns eine Zweierseilschaft auf dem Gipfel begegnete und grusslos an uns vorüberschritt. Soo was !! Der Weiberfeind hatte die Nordwand gewählt und war um einiges früher aufgestanden, nur, um uns nicht zu begegnen. Das mag eim! Der Depp! Soo hässliche Exemplare sind wir nun auch wieder nicht...

Nun, herrlich war die Gipfelrast trotzdem und obwohl die Sonne mit dem Austeilen ihrer Wärme knauserte.

Der Schnee war schwer und « hängte an » in der Traverse zum grossen Seehorn.

Bei den österreichischen Seilschaften hatte es zum Teil ältere Herren, die sagten: « Die geh'n ja wie die Gemsen. » Aber wahrscheinlich haben sie unsere Hilferufe überhört. Unser Bergführer ist nämlich JO-Chef, und wir versuchten ihm immer das JO-Tempo auszutreiben, da wir keine JO seien. Er hatte aber kein Musikgehör, der schlechte Mensch!

Auf dem Gross Seehorn liessen wir es uns dafür gut gehen. Lange Pause - üppige Verpflegung -einigermassen gute Aussicht. Dabei fielen natürlich auch die üblichen Sprüche von wegen Frauen...

Der Abstieg zur Seelücke war nicht ganz « ohne », verstiegen sich doch vier Seilschaften. Aber unser Wunderführer fand blindlings den rechten Abstieg. Wir froren ein wenig an die « Pfötchen », kamen aber sicher unten an. Und alle Nachfolger dankten noch für den « Wegweiser », wobei es solche gab, die die Traverse schon zweimal gemacht hatten! Gebauchpinselt war nur der Vorname!

Von Eis - wie es wirklich um diese Jahreszeit vorhanden sein müsste - sahen wir nichts. Glück gehört eben auch dazu, und nun hatten wir den « Drohfinger » beim dritten Anlauf endlich erreicht.

Wie Gehetzte rannten wir über das Schneefeld vor der Saarbrückner Hütte - einem Tee zu. Aber unser Othmar hielt uns immer noch an der Leine. Den Grund dazu kann ich mir nur folgendermassen erklären: « Hab'ich euch jetzt hochgebracht, so will euch jetzt auch noch ein wenig gemessen. » Uns passte das gar nicht. Bei der Hütte angelangt, waren wir, sage und schreibe, zu faul, um Tee zu kochen. Wir sammelten den Rest unserer Utensilien ein und stiegen blitzartig ab ins Gasthaus zu Kaffee und Kuchen - und einem Glet-scherkuss - Eiscreme!

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