Ihre schönste Bergfahrt

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HERMANN KORNACHER, MÜNCHEN

« Behüt dich Gott, lieber Bub - und komm gesund wieder! » - Sie sagte es immer sehr leise, die Mutter, gleichsam, als spräche sie nur mit sich selber. Denn freilich wusste sie, dass ein junger, taten-durstiger Mensch kein Ohr hat für die zarten Töne eines Abschieds, der doch leicht auch einmal der letzte sein könnte. Immer stand sie dann unter der Haustüre und schaute mir nach, bis mich das vorspringende Mauerwerk beim Bäcker vorne ihren Blicken verbarg. Dann hat sie jedesmal behutsam die schwere Haustür wieder ins Schloss gedrückt und ist etwas müde, Stufe für Stufe, die steile Treppe hinaufgestiegen.

Immer, während ich allein oder mit guten Freunden den Bergen zufuhr, ist die Mutter daheim-geblieben. An der Nähmaschine hat sie gesessen oder am Waschkessel gestanden, denn ohne Arbeit ist sie nie gewesen. Aber mit ihren Gedanken war sie immer bei uns, ihre guten Wünsche haben uns überallhin begleitet. Sie wanderte im Geiste mit über spaltenreiche Gletscher, sie kletterte mit uns über luftige Grate und Kanten, und sie war bei uns in der düsteren Wand, wenn der Steinschlag krachte und im wütenden Sturm die Felsen vereisten. Die Mutter war mit dabei. Und sie hat nicht weniger gelitten als wir selber, sich aber auch nicht weniger gefreut. Ohne die Mutter hätten wir in den geliebten Bergen nichts, aber auch gar nichts erreicht.

Wie oft hat sie, wenn wir fort waren, daheim am Radio gesessen und den Wetterbericht gehört, oder sie hat vom Schlafzimmer im zweiten Stock droben nach den Wolken im Westen ausgeschaut, die Regen hätten bringen können oder Schnee. Und wenn sie uns auf dem Heimweg wusste, hat sie gewartet, stundenlang, oft bis in die Nacht hinein, um mich die Stiege heraufpoltern zu hören. Am liebsten hätte sie wohl, wie es die Fischerfrauen auf den Nordseeinseln tun, ein Licht in die Dach-bodenluke gestellt, damit ich auch richtig heimfände. Wohl aber hat sie jedesmal eine mit Kompott gefüllte Schüssel für den immer durstigen Heimkehrer bereitgehalten. Dafür gab sie dann auch keine Ruhe, bis ich ihr alles haarklein berichtet, was wir alles gesehen und erlebt hatten oder wo uns etwas zugestossen war.

Die Mutter hat uns immer verteidigt, wenn der Vater wieder einmal über unseren bodenlosen Leichtsinn schimpfte und das Bergseil oder die « Schlosserei » am liebsten für immer weggesperrt hätte. Und während der Vater noch wetterte, hatte sie schon die grosse Schürfwunde am Oberarm gesäubert und frisch verbunden. Ohne viel zu sagen, nahm sie dann auch die zerrissene Kletterhose zur Hand, reparierte, was noch zu reparieren war. Lange Stunden hat sie gesessen und die verzwicktesten Wünsche erfüllt: da einen Reissverschluss eingesetzt, dort ein paar Schlaufen erneuert, die der Rucksack durchgewetzt hatte; sie strickte Schafwollsocken für den Winter, nähte sogar die bunt-karierten Sporthemden selber. Unermüdlich -für uns, für mich.

Dabei hat mich die Mutter keineswegs verwöhnt. Die lehmverschmierten Bergstiefel musste ich schon selber säubern und wieder auf Hochglanz bringen; da kannte sie keinen Pardon. Mehr als einmal hat sie mir auch kurzerhand eine Bürste und die verschmutzte Hose oder den völlig verdreckten Rucksack in die Hand gedrückt. Ebensowenig hat sie uns, wenn wir unsere Rucksäcke selber packten, Schleckereien zugesteckt oder uns zu kostspieligen Gelagen in den Unterkunftshütten am Berg ermuntert. Sie hat mich mit dem Geld stets knapp gehalten. Aber es hat immer gereicht. Auch in den notvollen Nachkriegsjahren. Ihr habe ich es zu verdanken, wenn ich auch in den Bergen und auf meinen vielen Fahrten kaum Hunger leiden musste. Ihre phantasievolle, listenreiche Fürsorge fand immer wieder einen Ausweg. Die Mutter jedenfalls schien aller Not gewachsen zu sein; ein Unmöglich gab es für sie nicht.

In jungen Jahren hatte sie selber noch Bergfahrten unternommen, wenn sie auch über handfeste Bergwanderungen nie hinausgekommen ist. Ich kann mich aber gut erinnern, wie sie mich dabei als ihren Jüngsten fest an die Hand genommen hat, um mir alle die Schönheiten der Bergwelt zu zeigen, unermüdlich im Erklären und Erzählen. Nun ist sie seit Jahren schon nicht mehr in die Berge gekommen. Sie scheint genug zu haben an dem, was ich ihr nach Hause bringe: ein paar Bergblumen -wobei sie es nie unterlässt, mit dem Finger zu mahnen -, gelungene Aufnahmen und vor allem den lebendigen, mündlichen Bericht. Da kann sie gar nicht genug kriegen. Und es ist ihr einziger Lohn -, wirklich der einzige?

Sie würde so gerne noch einmal auf einem Berg stehen, sagte sie einmal. Nur einmal noch weit ins Land hinausschauen, den hohen Bergen gegenüber. Aber der Vater dürfe ja nicht mehr, mit seinem Bein - und die Söhne, die nähmen alte Frauen doch nicht mit auf so einen Berg. Hoch brauchte er gar nicht einmal zu sein. Aber sie werde es nicht mehr erleben; sie sei wohl doch schon zu alt für derlei Unternehmungen. So hat sie gesagt, als ich wieder einmal nach einer grossen Bergfahrt die müden Beine unter Mutters freundlich gedeckten Tisch streckte.

An einem schönen Sonntag im Frühsommer war es dann zu ihrer Überraschung doch soweit. Da liess ich Seil und Kletterschuh daheim und nahm die Mutter mit auf den Berg. Und obwohl es ein weiter Weg war, hat sie sich gar nichts anmerken lassen. Wir sind sehr langsam gegangen und haben mehr als eine beschauliche Rast eingelegt. Es war auch kein grosser Berg, den wir da gemeinsam und gemächlich bestiegen. Aber grauer, gewachsener Fels war da und hochstämmiger Bergwald, die Wiesen standen in vollem Saft, Bergblumen leuchteten, und von fern her war das Läuten von Kuhglocken zu hören. Die Mutter war selig, sie wusste sich gar nicht zu fassen vor lauter Glück. « Ist das schön! Ist das schön! » sagte sie immer wieder und wäre am liebsten gar nicht mehr weitergegangen.

Doch der Gipfel war nicht mehr weit, und den konnte sie sich schliesslich doch nicht entgehen lassen. Sie wollte wieder einmal unter einem ragenden Kreuz stehen und weit ins Land hinausschauen. Mir kam es dann vor, als wären wir eine Ewigkeit lang am Gipfel gesessen. Das alles noch einmal schauen dürfenIch zeigte ihr all die Berge, die ich in langen Jahren der Jugend erstiegen, erwandert, erklettert und wohl auch erlitten hatte.Von diesem Grat wusste ich ihr eine Geschichte und von jener Wand. Und dass ich dort, an jener steilen Kante, einmal abgestürzt war, erfuhr sie erst jetzt. Sie kam aus dem Verwundern gar nicht mehr heraus, soviel gab es noch, von dem sie noch nichts gewusst, von dem sie nie eine Ahnung gehabt hatte. Oder doch?

Wie ein allmächtiger König, der unbeschränkt über sein Land verfügen kann, legte ich mein ganzes Reich der Mutter zu Füssen. Ich schenkte es ihr mit einer grossartigen Geste. Sie hatte es mich ja selber so gelehrt, wie man alles, was gross und schwer ist im Leben, in sein Herz hineintun müsse, die Steine, die Wolken und Blumen, die Täler und Berge, alles Leid und jede Freude, damit es gross und weit werde davon. Und dann käme einmal der Tag, an dem man es einem andern schenken könne und mitteilen; das hiesse dann: ihn liebhaben!

Während die Sonne sich schon gegen Westen neigte, stiegen wir beide langsam wieder zu Tal. Der Mutter müdes Herz war voll zum Zerspringen, und ich fühlte, dass es ihre schönste Bergfahrt gewesen war.

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