Im Banne des Titlis

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ERLAUSCHTES UND ERLEBTES VON P. PLAZIDUS HARTMANN, ENGELBERG

Mit 3 Bildern ( 1-3 Genüber thronte silberbleich Der Titlis in der Lüfte Reich. Leis schwebt ihn an ein Rosenglimmer, Ihn überfliegt ein Freudeschimmer, Des Königs blasses Haupt erwacht Zu Lebensröten angefacht, Auf seine Stirne tritt das Blut, Und immer wärmer strömt die Glut. Den Purpurmantel nimmt der Greis, Dann weckt er seiner Diener Kreis, Und um den hohen frühen Alten Beleben sich die Berggestalten.

Konrad Ferdinand Meyer hat diese Verse nicht einer dichterischen Phantasie entlockt. Er, der grosse Naturfreund, der oft im Banne des Titlis in unserem Hochtal und am Engstlensee weilte, hat sie erschaut und erlebt. « Engelberg » widmete er sein kleines Epos, dem sie entnommen sind.

Dem Schreibenden wurde das seltene Glück dieses Bergerwachens zuteil, wenn er frühmorgens aus dem nächtlichen Dunkel des Tales an den Hängen der Rigidalstöcke, des Hahnen, des Weissberges oder gegen die Schlossberglücke emporstieg, am unvergesslichsten jedoch am Seeligrat, wo der Ostabsturz des Titlis sich in seiner grandiosen Gänze enthüllt. Oben in die Firnlocke des Herrschers mischte sich der erste rosige Schimmer. Langsam, tiefer und tiefer senkten sich die belebenden Strahlen, bis das gefurchte Antlitz des Riesen durchblutet aufleuchtete und dem staunenden Auge den ersten Sonnengruss widerstrahlte.

Nun fesseln mich Alter und Krankheit immer mehr an das Tal und meine Klause. Wie habe ich von letzterer einmal in mein Versbüchlein geschrieben?

Ich habe meine stille Zelle ins hohe Bergland hingebaut, wo über Fels und Firnenwälle der Himmel in mein Fenster blaut.

Da bet'ich meine Tagesweise, wenn hoch am Grat der Morgen loht, und werke, bis am Abend leise die Firne glüh'n im Alpenrot.

Die Erinnerung aber wandert zurück durch die Jahrzehnte und zaubert in lebendiger Frische manch schönes Bild wieder vor die Seele, und von dem, was ich im Banne des Titlis erfahren, erlauscht und erlebt habe, sei in der Folge etwas geplaudert.

Der Name Titlis wird 1435 urkundlich erwähnt in « Tuteisberg », 1682 in « Titelsberg » als Bezeichnung für die Alp Rindertitlis, die sich am Südwesthang des Berges zum Laubersgrat emporzieht. Die Älpler interessierten sich für den Berg nur insoweit, als er ihrem Vieh Weide bot. Tuteisberg weist auf eine Alp hin, die ehedem einem Tutilo oder Tutilin zu eigen war. Die höchste Erhebung des Berges hiess die Nolle oder der Nollen wegen der rundhügeligen Form, ein Name, der im nahen und ferneren Umkreis häufig ist. Gruner spricht in « Eisgebirge des Schweizerlandes, Bern 1760 » vom « grossen Tittlisberg mit seiner hutförmichten First, der Nolle », und Fäsi schreibt ihm das in seiner « Staats- und Erdbeschreibung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Zürich 1766 » fast wörtlich ab. J. C. Füssli hingegen, bei dem der Name Titlisberg oder nur Titlis öfter wiederkehrt, meint im gleichbenannten Werk, Schaffhausen 1770-1772, hingegen: « Die Nolle ist kein Hut, auch keine Kappe, sondern sieht der Ründe wegen einem Pastetendeckel am meisten gleich. » Im 19. Jahrhundert wird der Name Titlis zur Bezeichnung für den ganzen Berg, ja für die gesamte Kette, die sich vom Reusstal bei Erstfeld bis gegen Innertkirchen im Berner Oberland erstreckt. Sie bildet eine Randzone des zentralen Aarmassivs, gegen das sie mit ihren gewaltigen Kalkwänden fast senkrecht abfällt. In der Mitte erreichte diese Mauer ihre Kulmination. Verwitterung und Erosion aber setzten ihr dort derart zu, dass zwischen der Ostwand des Titlis und der Südwestwand des Schlossberges eine breite Bresche entstand, wo die Gneise und kristallinen Schiefer bis ins Tal der Engelberger Aa entblösst wurden.

Die umstrittene Frage nach der Erstbesteigung scheint nun geklärt, nachdem der Engelberger Archivar und Historiker Dr. P. Gall Heer ihr in den « Titlisgrüsseen » 1944 mit der Überschrift « Titlis-Heil vor zweihundert Jahren » eine eingehende Würdigung gewidmet hat, welche die vorhandenen Quellen, auch die archivalischen, bestmöglich benützte. Der wichtige Brief, den P. Magnus Waser 1767 an den schon genannten Pfarrer und Schriftsteller J.C. Füssli in Winterthur richtete mit der « Beschreibung einer Reis auf den Titlisberg » und die der letztere in seiner « Staats- und Erdbeschreibung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Schaffhausen 1772 » veröffentlichte, ist in einer Abschrift noch erhalten. Es ergibt sich, dass der Berg in den ersten Julitagen 1744 erstmals erstiegen wurde, und zwar von Johann Ignaz Hess ( 1709-1778 ), Meisterkäser des Klosters, Josef Eugen Waser ( 1723-1805 ), Pförtner des Stiftes, Marstaller Joachim Kuster ( 1711-1763 ) und Kloster-schmied Benedikt Erne aus Altdorf ( 1703-1758 ). Die beiden letzteren waren also schon tot, als P. Magnus sich von Hess und Waser die Reise auf den Titlisberg genau erzählen liess, um dem Wunsch Füsslis zu genügen, der im Jahre zuvor Engelberg besucht und dabei von der ersten Titlis-besteigung gehört hatte.

Der Aufstieg führte durch den Wald zur Gerschnialp, über die Wald- und Baumgrenze hinauf zur Alp Laub, von dort « streng » empor zum Laubersgrat, den sie nach gut 31/2 Stunden erreichten. Von dort « marschierten sie eine halbe Stunde nidsich durch eine öde Steinriffe oder kleines Thal, allwo sie dann erst an den First des Titlisberges, dessen Gipfel wir Nollen heissen, oder auf den Gletscher und Firn gekommen, auf welchem sie ohne angelegte Fusseisen nicht hätten fortkommen oder vesten Fuss setzen und sich halten können. Von dannen mussten sie noch vier starke Stunden über den Gletscher oder den Firn hinaufsteigen und hiermit einen Weg von mehr dann acht Stunden von dem Thal aus in die Höhe machen ».

Der halbstündige Abstieg vom Laubersgrat und ein vierstündiger Aufstieg über den Gletscher machen es wahrscheinlich, ja sicher, dass die Erstersteiger den Titlisgletscher, der damals sich noch viel weiter gegen das Sulzli hinunter erstreckte, unten auf der Südseite des Rotgrätli erreichten, eine Route, die in jüngerer Zeit, zumal im Abstieg, wieder üblich wurde. Der Schreibende stieg in den zwanziger Jahren durch das auffallende Band in der Südwand des Rotgrätlis gegen den Rindertitlis ab. Der Gletscher über dem Rotegg war damals in seiner ganzen Breite von einer riesigen Spalte durchrissen, über den die Führer einen primitiven Holzsteg bauten. Da im Spätherbst der eine Balken den oberen Spaltenrand nicht mehr erreichte, vermieden wir im Abstieg diesen « Brüggli-schrund » und suchten und fanden ihn gefahrlos durch das Rotgrätliband.

Der Gletscher scheint stark zerschrundet gewesen zu sein. Lesen wir doch im Bericht weiter: « Weil sich aller Orten in dem Gletscher Krakken oder Spälte zeigeten, von denen man in der Tiefe kein End sahe, und in denen sie theils Wasser sahen, theils herfür quellen oder sprudlen hörten, mussten sie diese Spälte entweder überspringen oder sie umgehen, und war die Gefahr denn so viel grösser, weil die kleineren Spälte mit neuem oder selbigen Jahrs gefallenem Schnee bedeckt waren. Deswegen musste der vorangehende mit seinem Stecken immerdar probieren, ob sie vesten Fuss setzen könnten. Alle vier waren aneinander gebunden und gingen hinter einandern her, damit, wann der erste fallen sollte die hernachkommenden und sich in Sicherheit noch befindenden selbigen wieder herausziehen möchten. Einmal ist der Schnee würklich unter ihren Füssen gesunken, doch nicht stark, sondern sie konnten fortkommen bis auf den Gipfel, allwo sich eine grosse Ebne zeigte, aber auch ein durchdringend kalter Wind wehete, ohnerachtet des hellen Wetters und Sonnenscheins. » Daselbst, « wo sie in das Thal herab und in das Kloster sahen », hissten sie an einer langen Stange zwei schwarze Tücher, « welche man von dem Kloster aus so lange gesehen, bis sie von Wind und Wetter verzehrt waren ». Über den Abstieg, der wohl ihre Spur benutzte, erfahren wir nichts. Man erging sich in Vermutungen, warum diese grosse Tat ausgerechnet vier wissenschaftlich wie touristisch uninteressierten Klosterangestellten gelang. Der Grund liegt wohl darin, dass die Berg- und Naturfreunde, welche immer mehr die Gastfreundschaft des Klosters genossen, den Wunsch hatten, zu erfahren, ob wohl der höchste Berg der Schweiz - eine unverdiente Ehre, welche dem Titlis seit Scheuchzers Alpenreisen zu Beginn des 18. Jahrhunderts zukam - zu erklimmen wäre. Dass man ihm nach blosser Schätzung diese Würde zuerkannte, ist kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, wie majestätisch der hoch aufragende Firn, vom zentralen Mittelland aus gesehen, die Nachbarn zur Rechten und zur Linken überragt. Schon die Erstersteiger äusserten sich P. Magnus Waser gegenüber: « Erst dann, wenn man auf die Höhe der diesem Titlisberg gegenüberstehenden Berge kommt, sieht man mit Erstaunen, wie selbiger wachse und immer höher werde, also dass kein Wunder ist, dass man diesen ungeheuren Schneeberg aller Orten, auch in den entferntesten Gegenden sehen kann. » Noch 1767 lesen wir in Walsers Karte von Unterwaiden, die übrigens auch von anderen Irrtümern strotzt: « Titlisberg ist der höchste im ganzen Schweizerland. » Mit ihrem Erfolg hatten die vier wackeren Mannen den Wunsch ihrer Vorgesetzten und der Naturfreunde glänzend erfüllt. Das genügte ihnen, und es darf auch nicht überraschen, dass wir in Wasers Bericht kein Wort von der wunderbaren Fernsicht vernehmen.

Viele Jahre lang getraute sich niemand, das Abenteuer der Erstbesteiger zu wiederholen. Einen ernsthaften Versuch unternahmen die Luzerner Dr. med. Beat Franz Maria Lang ( 1713-1792 ), ein Sohn des berühmten Naturforschers und Schriftstellers Dr. Karl Niklaus Lang, ferner Dr. med. Josef Salzmann, ein Verwandter des Abtes Leodegar Salzmann, und Pater Bernhard Lang von Engelberg. Da der letztere schon 1754 erst 38jährig starb, muss dieser Versuch vor das Jahr 1754 angesetzt werden. Die drei Bergsteiger gelangten aber nur in die unterste Gletscherregion, wo sie von einem Gewitter zum Rückzug gezwungen wurden. Der Zürcher Pfarrer und Naturfreund Hans Rudolf Schinz beabsichtigte 1770 eine Besteigung. Der wohlvorbereitete Plan scheiterte jedoch an einer ungünstigen Wettervorhersage mit möglicher Nebelbildung.

Erst am 14. September 1786 glückte die zweite bekannte Titlisfahrt. Maurus Feierabend, Arzt und Kammerdiener des Abtes Leodegar, erreichte den Nollen bei schönem, klarem Wetter mit elf Gefährten, unter denen zwei Konventualen des Klosters sich befanden, nämlich Pater Hieronymus Doppler ( 1748-1817 ) und Bruder Konrad Stocker ( 1734-1790 ). Feierabend berichtet seine Erlebnisse einem Freund in Luzern, die im folgenden hier wiedergegeben seien. Der Freund und Kenner des Titlis wird sich an einigen Unrichtigkeiten kaum stossen, standen doch dem Verfasser noch keine Karten der Landestopographie und keine Panoramen zur Verfügung.

« In der Morgenfrühe des 14. September, bei schönem, klarem Wetter, brach ich mit 11 Gefährten auf. Gegen Tagesanbruch erreichten wir über Gerschni, Unter- und Oberlaub den Gipfel des Laubersgrat. Hier hatten wir einen schönen Ausblick über den Kanton Unterwaiden, den See und den Kanton Luzern, die freien Ämter und den Kanton Zug. Nachdem wir eine Stärkung zu uns genommen und eine Viertelstunde gerastet hatten, legten wir Steigeisen an und setzten mutig wie die alten Giganten den Weg fort und stiegen die steile Flanke am Faulblattenberg empor. Etwa eine Stunde folgten wir dem nackten Rücken dieses Berges; wir zitterten im Angesichte dieser entsetzlichen Abgründe, und zweimal klommen wir beinahe senkrechte Abstürze empor. Keine Spur pflanzlichen Lebens war zu sehen. Nach Überwindung der höchsten Erhebung der Faulblatten, erreichten wir den Gletscher, der glücklicherweise eine Decke frisch gefallenen Schnees trug und so weniger schlüpfrig war als gewöhnlich.

Bis hieher war unsere Expedition mit einiger Gefahr verbunden; von da weg erreichten wir mit wenig Mühe den Gipfel des Titlis, welcher Nollen heisst. Hier aber waren wir gezwungen, eine tiefe Spalte zu überqueren und senkrechte Eiswände emporzusteigen. Mit den eisernen Spitzen unserer Bergstöcke stellten wir Stufen her. Unter uns erblickten wir ein vereistes Tal, das steil gegen Oberhasli zu abfiel. Es war jetzt 10 Uhr vormittags, und die Sonne erstrahlte in vollem Glanze. Nur noch einige Schritte, und wir hatten nach allen Seiten eine unbegrenzte Fernsicht. Dieser erhabene und doch wieder ungeheuerliche Ausblick übersteigt jede Beschreibung und machte auf meinen Geist einen unvergesslichen Eindruck.

Hier würden Maler und Dichter eine grossartige und unendliche Stoffwahl finden, wenn die Farben des erstem und die Ideen des letztern der sehr empfindlichen Kälte zu widerstehen vermöchten. Zuerst bewunderten wir die Berner und Walliser Alpen mit ihren Gletschern und vereisten Tälern, ein zugleich majestätischer und schreckhafter Anblick. Unter den zahllosen Bergen vor unsern Augen ragte der ferne Mont Blanc über die andern empor; näher bei uns thronten Schreckhorn, Wetterhorn und Jungfrau, dem Scheine nach weniger hoch als unser Standort. Gerade unter uns sahen wir ein zwei Meilen breites Eistal und so ungeheuer lang, dass ein Ende bis zum Mont Blanczu reichen schien, indes das andere dicht beim Titlis war. ( Ging das Ende des Wendengletschers vielleicht in einen Nebeldunst überGegen Osten erblickten wir Rotstock, Planggen und die Urner Berge, weder so zerrissen noch so hoch wie die in Süden; endlich im Nordwesten ruhte das Auge auf dem lieblichen, bebauten schweizerischen Hügelland bis nach Elsass und Schwaben. Zu unseren Füssen lag das Kloster; wir hörten den Knall einiger Mörser, die der Abt abfeuern liess, zum Zeichen, dass man uns bemerkt habe. Mittels eines kleinen Fernrohrs sah ich Feuer und Rauch; es vergingen aber 5 Minuten, bis der Schall uns erreichte, nicht in gerade Richtung, sondern als Widerhall vom Gebirge. Wir wollten ein Feuer anzünden und einige Handgranaten werfen, waren aber der Kälte wegen nicht im Stande, Feuer zu schlagen. Da wir diese aussergewöhnliche Kälte nicht länger als drei Viertelstunden aushalten konnten, obgleich die Sonne voll hernieder- schien und wir uns fortwährend Bewegung machten, pflanzten wir einzig eine schwarze Flagge auf dem höchsten Punkte auf.

Der Abstieg verlief eben so glücklich wie der Aufstieg. Um 12 Uhr waren wir am Fusse des Gletschers, um 1 Uhr auf dem Laubersgrat, wo wir abermals eine kleine Mahlzeit hielten und unsere Handgranaten abschossen. Nachmittags 5 Uhr langten wir beim Kloster an. Als einzige Unannehmlichkeit unserer Expedition trugen wir geschwollene Gesichter und etwas aufgesprungene Haut davon, eine Folge der vom Schnee stark zurückgeworfenen Sonnenstrahlen; ich selbst verlor nach meiner Rückkehr für ein paar Stunden Gesicht und Gehör, doch kehrten sie bald wieder. Zweifelsohne ist der Titlis der höchste Berg der Schweiz, den Mont Blanc ausgenommen, dem er aber wenig nachsteht. » 1797 erreichte der Engelberger Reliefkünstler Ingenieur Joachim Eugen Müller den Gipfel in Gesellschaft des hervorragenden Alpinisten und Kartographen Johann Rudolf Meier von Aarau auf der leichteren, im wesentlichen jetzt noch üblichen Normalroute über den Stand zum Rotegg. Von Müller und anderen wurde die Tour in der Folge wiederholt, und eine Titlisbesteigung bildete bald ein Lieblingsgespräch der Engelberger Gäste, wobei Phantasie und Renommiersucht ihre Blüten trieben. So vermittelt uns der Berner Professor der Naturgeschichte, Friedrich Meisner, in seinen Reisebüchern ein köstliches Tischgespräch an der Abendtafel im gastlichen Kloster: « Das Gespräch fiel auf die Ersteigung des nahen Titlis, die vom Kloster aus im Jahre 1744 zum ersten Mal versucht, nachher aber mehrmals wiederholt worden ist. Es traf sich glücklich, dass einer der Herren Conventualen, der einmal dieser Expedition beigewohnt hatte, sich in der Tischgesellschaft befand. Er erzählte viel von den Gefahren und Mühseligkeiten, die er dabei ausgestanden, wie er bald über Eisschründe und Gletscherspalten habe hinwegsetzen, bald an senkrechten Felswänden hinaufklettern, bald wieder auf schmalen Felsenvorsprüngen hingehen müssen, wie ihm endlich oben auf dem Gipfel des Nollen die dünne und scharfe Luft so zugesetzt habe, dass ihm fast Hören und Sehen vergangen sei, und wie er geglaubt habe, er werde da oben umkommen müssen. Die anderen Herren an der Tafel hörten ihm lächelnd zu und gaben nicht undeutlich zu verstehen, dass es denn doch wohl nicht ganz so arg gewesen sein möchte, und dass sämtliche Herren, welche jene Expedition mitgemacht, in ihren Schilderungen der ausgestandenen Gefahren und Mühseligkeiten wohl ein wenig übertrieben haben dürften, um sich desto mehr Bewunderung zu erwerben. Wirklich ist der Titlis seitdem durch Herrn Ingenieur Müller in Engelberg, einen der geübtesten Bergsteiger in der Schweiz, mehrmals erstiegen worden, der dies Unternehmen bei weitem nicht so gefährlich gefunden und von der Kälte und der verdünnten Luft auf dem Gipfel nie so heftige und nachteilige Wirkungen an sich gespürt hat. » Meisner besuchte mit seinen jungen Begleitern auch Müller, den « Mann, der sich von Jugend auf mit Besteigung, Untersuchung, Messung und Zeichnung der Gebirge abgegeben und sehr viel zur genaueren und richtigeren Kenntnis derselben beigetragen hat. Er ist es auch, der die Darstellung der Gebirgsgegenden in erhabener Art ( en relief ), wie sie zuerst der General Pfyffer in Luzern versuchte, sehr vervollkommnet hat und von dem die besten Werke dieser Art herrühren. Er nahm uns sehr freundlich auf und zeigte uns mit vieler Gefälligkeit zwei dieser Reliefs, die er eben in Arbeit und beinahe vollendet hatte. Das eine stellt den Gotthardsberg nebst einem Teile von Graubünden und Tessin, das andere aber das Engelberg-Thal mit seinen Gebirgen umher vor. » Das letztere ist noch heute neben den beiden an Weltausstellungen mit ersten Preisen gekrönten Werken von Xaver Imfeld, Engelberg 1881 und 1890, eine Sehenswürdigkeit in der Stiftsbibliothek. Es bleibt erstaunlich und einmalig, wie Müller ohne kartographische Grundlage, allein durch eigene Beobachtung, Zeichnung und selbst entwickelte Messmethoden, seine Reliefs von Engelberg keine 30 Jahre nach der verunglückten Karte von Walser schaffen konnte.

Heinrich Zeller, Gründer- und Ehrenmitglied des SAC, hatte am 15. August 1832 die Gebirgsaussicht vom Gipfel des Titlis gezeichnet, welche in Lithographie, zum Teil illuminiert, veröffentlicht wurde. Er fügte ihr eine Kartenskizze bei, auf welcher die Marschroute sich eingezeichnet findet. Die Beschriftung lautet: « Plan des Titlisgebirgs mit Angabe des Weges, welcher bey der Ersteigung seines Gipfels, des Nollen, den 15. August 1832 genommen wurde.Von Engelberg auf den Nollen steigt man in 6 Stunden, nämlich: auf die Trübseealp 2 St., Rotheck 2½ St., über Gletscher auf den Gipfel 1 ½ St. » Den Abstieg nahm er über den Laubersgrat und die Laubalp nach der Gerschni. Beigegeben ist eine kleine, sorgfältig kolorierte Umrissradierung seines Freundes Heinrich Keller, welche den Titlis von Norden her über den Steinalp-Brisen, vom Rigi gesehen, wirkungsvoll wiedergibt.

Der Basler Kleinmeister Samuel Birmann, der im Juni und Juli 1819 in Engelberg emsig zeichnete und malte, soll auch ein Titlispanorama aufgenommen haben. Leider konnte ich es unter seinem reichen Nachlass im Kupferstichkabinett des Basler Kunstmuseums nicht entdecken. Heinrich Zeller folgte der bekannte Alpinist und Panoramenzeichner Gottlieb Sigmund Studer, Mitbegründer des SAC, und 1878 Ingenieur Xaver Imfeld mit seinem umfassenden Werk, das in farbiger Lithographie bei Hofer in Zürich erschien.

In der Folge erhielt der Titlis immer mehr Besuch. Nachdem das Berghaus Trübsee seine Pforten geöffnet hatte, pilgerten höhendurstige Menschen zu Dutzenden auf den Gipfel, insbesondere um von dieser hohen Warte aus den Aufgang der Sonne zu erleben. Geographen, Geologen, Botaniker und Photographen widmeten ihm ihre Aufmerksamkeit. Auf seiner Zinne erhob sich ein trigonometrisches Signal 1. Ordnung.

Ich machte dem Berg als junger Akademiker 1906 meine erste Aufwartung. Nachdem vor zwei Jahren meine erste Gletschertour mich auf den Urirotstock führte und ich im Jahr zuvor den Gross-Wendenstock und die beiden Spannörter erklettert hatte, wurde mir diese Wanderung zum fröhlichen Firnspaziergang. Es war aber auch eine erlesen gute und fröhliche Gesellschaft, die von der Kaplanei Melchtal über den Jochpass nach Trübsee marschierte, wo wir bei der sprichwörtlich liebenswürdigen « Tante » Louise Hess vorzügliche Betreuung fanden. Bald nach 1 Uhr zogen wir los, unter Führung von Plazidus Hess, der jede Fahrt mit träfem Wort und Humor zu würzen wusste. So erzählte er am stotzigen Egg,dass ein ängstlicher Tourist, der schwergenagelte, neue Bergschuhe trug, sich hinsetzte und ins Rutschen kam. Unser Plazi rief ihm unwillig zu: « Jä sääb! worum hend Er die schöne grosse Nägel nid is Hosehinder lo yschlo ?» Mit der aufgehenden Sonne wurde der Tag zum bleibenden Erlebnis. In seltener Klarheit breiteten sich in der Nähe und Ferne die ungezählten Gipfel vor uns aus und die vielen Täler und Seen und Siedelungen. Plazi gab wortreich die obligaten Erklärungen, würzte die trockenen Namen jedoch mit amüsanten Anekdoten.

« So, und jetzt wird die Verpflegung ausgebreitet. » Wir Jungen, welche von der Führung die fixfertig vorbereiteten Säcke mit Freude übernommen hatten, packten aus.

« Aber zum Donner, wo bleibt denn die Tranksame? » knurrte Plazi. Wir suchten und suchten und fanden sie nicht.

« Dass die Leute so vergesslich sein können! Vielleicht ist der Berg um so vernünftiger. » Und er begann ganz wichtig und vorsichtig mit dem Eispickel zu graben, und siehe da, Flasche um Flasche kam zum Vorschein, die vorher ein Träger heraufgebuckelt hatte. Die alten Führer pflegten meistens pro Person eine Flasche Wein zu bestimmen. Man mag davon halten, was man will, jedenfalls schmeckte uns der kleine Schluck Champagner, mit dem wir auf des Titlis und unser Wohl anstiessen, ganz köstlich.

Längst war der Berg auch von Süden bezwungen worden. 1865 erreichten ihn die schlesischen Edelleute von Rosse und von Dagrell vom Wendengletscher aus über das Kleingletscherli und das Titlisjoch. Am 2. August 1866 wurde dieser Aufstieg von August Ravenstein und einem Berner Studenten, 1871 von Dr. Heinrich Dübi wiederholt. Alle wurden geführt vom Gemsjäger Melchior Mohr aus Gadmen, ein Beleg mehr, dass manche Gräte und Zinnen schon vor den ersten Touristen von Hochwildjägern erstmals erreicht wurden. Im Jahrbuch XXXVI, 1900, hatte Dr. Dübi seine Besteigung eingehend geschildert und am Schluss eine Bemerkung angefügt über den Tod des ausgezeichneten Engelberger Führers Eugen Infanger, die er 1872 aufgezeichnet hatte. Wir lesen: « Bald verzog sich der Sturm ein wenig, wir konnten am Roteneck die verhängnisvolle Stelle, wo Infanger seiner Zeit verunglückte, und die Ursache des Unfalls nach der Darstellung von Mohr, der bei der Aufsuchung mithalf, studieren. Hier wie fast immer war eine Unvorsichtigkeit die Quelle des traurigen Ereignisses. Infanger war nach vergeblichem Versuch, direkt über den Gletscher gegen den grossen Bergschrund hinaufzusteigen, auf dem Rückweg und liess sich, um abzukürzen, verleiten, abwärts den steilen und schlüpfrigen Gletscher zu traversieren, um bei den Felsen des Rotenecks in den gewöhnlichen Weg einzulenken... Der Reisende, der hinter und über ihm stand, schoss, ausgleitend, deswegen am Seil in weitem Bogen um ihn herum und musste, wie er in der Sehne gerade unter dem Führer ankam, durch den plötzlichen furchtbaren Ruck den riesig starken Mann notwendig nachschnellen. So rächte sich das Versäumen einer Vorsicht, die man zu zweien doppelt nötig hat. » Dübi gab diese Notizen wieder angesichts eines ähnlichen Unglücksfalles von 1900 am Titlis, dem der Engelberger Führer Karl Hurschier zum Opfer fiel. Beim Abstieg zum Jochpass am Steinberg rutschte sein « ziemlich beleibter, kurzsichtiger und mit Schwindel behafteter Herr » aus und riss den Führer über den steilen Firn und eine 100 Meter hohe Felswand mit in den Tod.

Das Totenbuch der Pfarrei Engelberg enthält folgenden Eintrag: « 1865. 23. Aug. Mann Thomas Eugen Infanger mit H. Höppmer aus Dresden einen neuen Weg auf den Titlis suchend verunglückt als Führer. 1865. 23. Aug. Mann Hermann Höppmer mit obigem verunglückt u.a.uf Drängen und Zureden dieses letzteren. » Nach der mündlichen Überlieferung um 1900 stieg Infanger von Hohfad über den Galtiberg direkt zum Titlisgletscher empor.

Aus dem Tagebuch des Abtes Anselm Villiger erfahren wir, dass am 17. August 1876 sich am Rotegg ein Unglück ereignete, dem der Führer Karl Josef Ignaz Feierabend zum Opfer fiel. Er begleitete die Patres Heinrich Schiffmann, Karl Anderhalden und die jungen Fratres auf den Berg. Vor Jahrzehnten, wo der Gletscher noch weiter hinaufreichte, benützte man am Rotegg auf dessen Nordseite ein schmales Felsband, um auf den Firn zu gelangen. Wie mir P. Heinrich erzählte, wollte Feierabend, der am Schluss der Kolonne ging, an ihre Spitze gelangen. Beim Überholen stolperte er und stürzte in die Tiefe.

Im Sommer 1935 gelangen einer Seilschaft der Berner Geologen Dr.W. Maync und Paul Funk, welche die Grenzschichten zwischen der Jura- und Kreideformation in der Titliskette studierten, verschiedene Begehungen der Südabstürze. So wurde auch die 700 m hohe Südwand des Titlis vom auffallenden Sporn im Wendengletscher bei ungefähr 2480 m her bezwungen und der Titlis-Westgrat bei 3180 m in der Nähe des Gipfels erreicht.

Auch die unnahbar scheinende Nordwand hatte ihren Bezwinger gefunden. Am 23. August 1913 gelang dem ausgezeichneten Führerchef Hermann Hess die Aufsehen erregende Tat. Mit einem zweiten Führer geleitete er eine Amerikanerin von der Alp Bödmen schräg ansteigend in die plat- tigen Felsen, querte bei der Gratscharte in die Ostflanke hinüber, erreichte oberhalb des senkrechten Gratabsturzes den Nordostgrat und verfolgte ihn bis zum Punkt 2710. Erst 20 Jahre später wurde dieses Wagnis, seither aber in mehreren Fällen, wiederholt.

Im September 1942 eroberten Herbert Sievers, Henri Freléchoux und Jean Wyss die glatte Nordwand in direktem Aufstieg unter Benützung von Mauerhaken, auch von solchen zweier Zürcher Kletterer, die bei der Schlüsselstelle zur Umkehr gezwungen wurden. Damit sind die letzten Möglichkeiten kaum erschöpft. Mit den Hilfsmitteln der modernen Technik, wie Hammer, Bohrer, Feisund Eishaken, Seilzügen und Steigbügeln, werden durch die Süd-, Ost- und Nordwände wohl noch neue, interessante Steige vom 5. und 6. Schwierigkeitsgrad erschlossen resp. erschlossert werden.

Interessiert das nur die zünftigen Kletterenthusiasten, so nimmt die « Vermassung » auf dem normalen Weg immer bedenklichere Ausmasse an. Xaver Imfeld konnte schon 1878 schreiben, dass der Gipfel bei schönem Wetter fast täglich bestiegen werde und « dass man früh morgens hieroben ganze Karawanen von 20-30 Personen, Herren und Damen, antrifft ». Aus den Dutzenden sind längst Hunderte geworden, nicht nur im Sommer, sondern auch zur Winterszeit. Denn der Titlis ist längst auch ein Skiberg geworden, harmlos und genussreich für den geübten alpinen Tourenfahrer. Die modernen Verkehrsmittel ziehen immer mehr Höhen- und Schnelligkeits-begeisterte an. Während man in der guten, alten Zeit seelenfroh durch den schweigenden Gerschni-wald emporpilgerte, stossen sich jetzt Männlein und Weiblein, junge, kräftige Menschen, in den beiden parallelen Luftseilkabinen, schauen mitleidig herab auf den einsamen Wanderer und wissen nicht mehr, wie gesund für Leib und Seele ein Aufstieg zu Fuss ist. Nun soll auch in Bälde eine Luftseilbahn Trübsee mit dem Rotegg verbinden, gewiss auch mit einem lockenden Erfrischungs-raum für den durstigen Höhenfahrer. Und weiter wird der « gebieterische Ruf » erschallen nach Vollendung der Bahn bis auf den Nollen, wo gewiss auch eine Hotelburg erstehen muss, wie etwa auf der Testa Grigia über dem Theodulgletscher bei Zermatt, mit Bar und wunderbarer Aussichtsterrasse hinter Glas. In der Nähe ziehen nicht mehr Adler, wohl aber Hubschrauber mit ohrenbetäubendem Lärm ihre Kreise und bedrohen beim Landen den schlichten Skifahrer und seine Bretter. Die Presse aber wird pflichtschuldig rühmen, wie harmonisch der Bau sich dem Berg an-passe und wie der KurortEngelberg durch sein weitsichtiges Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse des modernen Menschen gewinne.

Und der greise König Titlis? Was sagt er zu dieser Entwicklung? Er schweigt. Er schweigt in königlicher Ruhe, wie er Jahrtausende lang geschwiegen hat, bevor des Menschen Fuss seinen Scheitel berührte, und schweigend wird er thronen in erhabener Majestät, Jahrtausende noch, wenn das Menschenwerk an seinem Gewand längst verwittert und verschwunden ist.

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