Im Gewitter

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Paul Eggenberg

( Heiligenschwendi ) Sengend brennt die Sonne auf uns zwei nieder. Seit Stunden rinnt der Schweiss ohne Unterlass, dass die Augen brennen und meine Brille ganz verklebt ist von vertrockneten Schweisstropfen. Wortlos trotten wir bergwärts, der hochgelegenen Hütte zu. Jedesmal aber, wenn wir im Schatten einer Bergtanne oder eines Felsblocks einen Augenblick verschnaufend stehen bleiben, beginnt einer auf die Verrücktheit, die Sinnlosigkeit einer solchen Bergtour zu schimpfen. Und die rauhe, ausgedörrte Kehle verleiht den Worten einen blutigen Ernst.

Die letzten Tannen bleiben hinter uns zurück. Die Nagelschuhe knirschen auf dem Geröll endlos scheinender Schutthänge und MoränenhügeJ.

« Schluss! » erklärt mein Freund plötzlich und wirft Pickel und Rucksack zu Boden.

Das ist unmissverständlich, und der kleinste Widerspruch ist bei solcher Gemütsverfassung gefährlich.

6 Uhr ist es. Noch zwei Stunden, schätze ich, dann sollte die Hütte erreicht sein. Zwei Stunden, überlege ich weiter, das ist noch zu erleben.

Also trinke ich kurzerhand den Rest meines Teevorrates. Wie wohltuend dieses Nass ist! In diesem Augenblick sind wir uns einig, dass alles Flüssige zum Wertvollsten in Gottes Schöpfung gehört. Und gleichzeitig denken wir voll Sehnsucht und Wehmut an die vollen Süssmostflaschen daheim im Keller.

« Sogar ein Bier würde ich jetzt nicht verachten! » gesteht Hannes. Und das will bei ihm etwas heissen!

Dann nehmen wir die schweren Säcke wieder auf. Schritt für Schritt, einer hinter dem andern, folgen wir im gleichmässigen Tramp den Windungen des Wegleins.

« Du, da drüben stossen Gewitterwolken hinter dem Grat herauf », sage ich zu Hannes.

« Zum Glück! » Das ist alles, was er antwortet. Selber hinauf zu blicken, scheint ihm überflüssig oder zu viel verlangt zu sein.

Weiter geht 's. Aber wahrhaftig, daheim im Schatten auf dem Liegestuhl, mit einem Buch, einer guten Zigarre und — das vor allem andern — mit genügend Flüssigkeit, wäre es doch viel leichter und angenehmer. Statt dessen...

Doch solche Überlegungen sind höchst ungesund und im Grunde genommen unnütz. Ich weiss es wohl; denn daheim denkt man weder an Schweiss noch Durst, sondern nur an den Berg. Und wer hat auf dem Gipfel je an Mühe und Anstrengung gedachtIch weiss es ja heute schon, dass wir trotz allem nächsten Samstag wieder schwitzen — und fluchen werden. Dann fallen die ersten grossen Regentropfen, vereinzelt zuerst, und wir nehmen sie als Geschenk des Himmels, stehen da mit weitoffenem Mund und hoffen, es möge uns einer, noch lieber eine ganze Menge davon, auf unsere ausgedörrten Zungen fallen.

Vorwärts, bergwärts, der Hütte zu!

Bald fallen die Tropfen dichter, und über die Gräte rollt der erste Donner.

Also doch ein Gewitter, denken wir und beschleunigen wortlos unsere Schritte. Aber es ist schon zu spät. In einer knappen Viertelstunde verfinstert sich der Himmel, und Nacht füllt die tiefe, steile Runse, durch die wir aufsteigen. Wir suchen unsere Taschenlampen hervor und lassen ihren Lichtstrahl aufblitzen. Trotzdem stolpern wir immer häufiger über Steinplatten; denn die grellen Blitze und der laute, in den Felswänden wiederhallende Donner erschrecken uns. Der Regen hat wieder aufgehört. Dafür rollt der Donner fast ohne Unterbruch schaurig von Wand zu Wand, und die Blitze zucken ringsum durch die pechschwarze Nacht. Ein wahrer Hexenkessel ist um uns. Mehr als einmal werfen wir den Eispickel aus der Hand, wenn uns bei einem neuen Feuerstrahl das Eisen in den Fingern juckt. Und dann bricht es los, das fürchterliche Hagelwetter, wie es wohl nur im Gebirge möglich ist. Von überall her sausen die schweren Hagel schlossen auf uns nieder und verursachen, wo sie treffen, einen brennenden Schmerz. Wir werfen uns nieder und bergen uns, so gut es geht, unter den Säcken. Minuten werden zu Stunden. Dann fallen die Hagelsteine seltener. Dafür setzt eine

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