Im Juni über die Monte-Rosa-Ostwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Arthur Bauer.

Wiederum stand ich auf der engen, mir so vertraut und lieb gewordenen Gasse von Zermatt — skibewehrt, denn ich wollte vor allem mit meinem langjährigen Führer und Fahrtgenossen Alois Graven aus Zermatt Skituren unternehmen. Krönung aber und Abschluss des Urlaubs sollte die Monte Rosa-Ostwand bringen. Wir waren in Besprechungen zu der Überzeugung gekommen, dass, entgegen der alteingewurzelten Meinung, wonach nur der Hochsommer für unsere grosse Tur geeignet sei, eine Frühlingserstei-gung bei günstigen Schneeverhältnissen sehr wohl durchzuführen wäre. Dies festzustellen, war der Sinn unseres Unternehmens. Manche schöne Fahrt hatten wir schon als Vorbereitung hinter uns, wir waren braungebrannt wie die Mohren und fühlten uns fertig für die Wand. Freilich, wie würde sie aussehen? Das Rätsel sollte sich für uns durch eine Ski-erkundung nach dem Silbersattel zwischen Nordend und Grenzgipfel lösen. Von dort aus überschaut man die ganze Wand. Am 10. Juni stiegen wir gemeinsam mit der Partie Campell-Gyr-Hotz, die die erste Überschreitung des gesamten Monte Rosa-Stocks auf Ski vorhatte, in vier Stunden zum Silbersattel an. Grosse Erwartung: Werden uns die Wächten letztes Herankommen an den Grat versagen und damit den Einblick in die Wand verwehren, werden sie vor allem eine Gefahr für die Tur selbst bedeuten? Nicht umsonst ist ja die Ostwand berüchtigt wegen der Stein- und Eisschlaggefahr, der sie in allen ihren Teilen ausgesetzt ist. Was oben am Grat des Silbersattels abbricht, muss unfehlbar unseren Weg bestreichen. Vorsichtig, von Alois gesichert, krieche ich an den Rand des Grats heran, um einen Blick hinab zu tun. Und nun hab ich 's erreicht. Ein Freudenruf! Der Silbersattel ist fast wächtenfrei, und hemmungslos gleitet der Blick hinab in die ungeheuerliche Tiefe dieser schreckhaften Wand. Weiss und makellos streckt sich das Marinellicouloir, wir können uns des überwältigenden Gesamteindrucks fast nicht erwehren und schauen und schauen — und vergessen fast, dass wir zur Erkundung da sind. Endlich aber meldet sich doch der kühle Verstand, und wir stellen prüfend fest: die Wand ist zu machen, wahrscheinlich sogar sehr gut. Herrlichster, trittfester Schnee zieht sich das ganze Couloir hinunter bis zum Imsengrücken, « direkt zum Hinei nspringen » meint Alois. Nur rechts unterhalb der Felsen des Grenzgipfels glänzt es verdächtig in der Sonne. Also dort wird es Eisarbeit geben. Dafür scheint der Bergschrund Schwierigkeiten nicht zu bieten. Unser Plan ist sofort gefasst: Überschreitung des Couloirs und Anstieg an seinem Südrand direkt in der Fallirne, um die Eisbrüche zu vermeiden. Oberhalb der letzten Séracs abbiegen nach Süden, um das so gefährlich glitzernde Eis zu vermeiden. Dann über den südlichen Teil der Grenzgipfelfelsen zum Gipfel. So muss es gehen, und so wird es gehen! Und schon jetzt siegesfroh, trennen wir uns von unserer Wand. Ein kurzer Abstieg, und in 55 Minuten herrlichsten Ski-erlebens erreichen wir die Betempshütte.

Am Morgen des 15. Juni treffen wir uns zu dritt, Alois mit seinem Bruder Alexander und ich, um nach Macugnaga zu fahren. Freilich, die Wolken hängen tief ins Tal herein. Aber bisher haben wir noch jede Tur durchführen können, warum sollte uns gerade diesmal das Glück untreu werden? Die Fahrt durch den Simplon, immer unangenehm, wenn man aus Zermatts herrlicher Höhenluft kommt, doppelt drückend heute, wo Föhn seinen heissen Atem bläst. Domodossola, 30° im Schatten! Wir seufzen und stöhnen, aber auf der Fahrt nach Macugnaga im offenen Auto wird uns wieder wohl. Und dann taucht auf einmal vor uns in unendlicher Höhe ein feiner, weisser Silberkamm auf, unwirklich fast wie eine Fata Morgana in der flirrenden Luft des sommerheissen Juni. Noch sehen wir den Fuss der Wand nicht, der verdeckt ist durch Vorberge. Aber gerade das steigert den Eindruck dieser Höhe ins Ungeheuerliche, und wieder stehen wir, wie oben am Silbersattel, gefangen von der einzigartigen Gewalt und Schönheit der Ostwand, und wir bereuen es nicht, hierher gefahren zu sein. Es mag schwierigere Probleme in den Eisflanken der Viertausender geben, aber gewiss keine schöneren, das ist unser aller Eindruck. So gewinnen wir unsere Wand lieb, ehe wir ihr richtig nahegekommen sind.

Macugnaga liegt noch wie ausgestorben. Wir sind die einzigen Gäste im Hotel Monte Moro. Was kann man schon um diese Jahreszeit in dem Ort wollen!

Der nächste Morgen hebt nicht vielversprechend an. Wolken ballen und jagen sich oben am Grat, und obgleich erst früh 6 Uhr, ist 's doch schon drückend heiss. An der Randmoräne des Macugnagagletschers stecken wir im dichtesten Nebel. Da wird uns das erstemal ein bisschen bange. Doch schliesslich lassen wir uns auch durch den Nebel nicht aufhalten, und bald werden wir dafür belohnt. Das Wetter bessert sich wieder, und wir erreichen schliesslich unser erstes Ziel, die Marinellihütte auf dem Jägerrücken. Der normale Eingang durch die Tür ist noch durch Schnee versperrt, also wird der Eingang « für Herrschaften » benutzt. Durchs Fenster. Ein bisschen kalt ist 's drinnen, drum sitzen wir draussen auf den sonnenwarmen Felsen und schauen hinauf und immer wieder hinauf nach unserem Ziel. Alle Einzelheiten des Weges werden prüfend mit den Augen durchmessen, und jetzt wird es uns zur absoluten Gewissheit: Die Ostwand ist unser — wenn uns das Wetter nicht im letzten Moment noch einen Streich spielt. Das gefürchtete Marinellicouloir liegt so friedlich da, dass man ihm die Tücken, die es in sich birgt, gar nicht zutrauen möchte. Nur dann und wann pfeift ein Steinchen durch die tiefeingeschnittene Lawinenrinne zum Zeichen, dass doch noch Leben drin ist. Ein Steinchen? Es wird wohl schon ein rechtschaffener Brocken sein, der da gepoltert kommt. Die ungeheuerliche Flucht dieser Wand nimmt einem jeden vernünftigen Masstab für Grössenverhältnisse. Sorgfältig erkunden wir die günstigste Stelle zur Überschreitung des Couloirs. Unterhalb der Hütte ragt schwarzer Fels aus dem Eis. Dort scheint die Lawinenrinne ungefährlich. Das ist wohl die normale Stelle zur Überschreitung. Aber wir wollen keine Höhe verlieren, sondern auf direktestem Wege hinauf. Ausserdem ist der Fels auf dem diesseitigen Couloirrand so verlockend leicht, dass wir der Versuchung nicht widerstehen können, etwa 200 m oberhalb der Hütte einen Übergang zu erkunden, der uns zu Beginn der Tur gleich an den Imsengrücken bringen soll. Wir sind unserer Sache so sicher, dass wir schon die Zeit berechnen, die wir bis zum Gipfel brauchen werden.

Langsam vergeht der Tag. Die Wolken verschwinden nicht ganz, und es bleibt ziemlich warm. Also immer noch föhnig. Alexander behauptet, oben am Grat sei « ein bisschen West ». An dieses « bisschen West » klammern wir unsere Hoffnungen auch noch, als vom Tal herauf die Nebel ziehen und alles in ihren Schleier hüllen, es beherrscht mein Denken und Fühlen die ganze Nacht, so dass mir kein rechter Schlaf kommt. Endlich klingelt 130 Uhr der Wecker. Erwartungsvoll fahren wir hoch. Aber Alois kommt schnell, zu schnell von draussen zurück und meldet: Alles Nebel. Das klingt nicht sehr ermunternd. Alexander aber behält seine Zuversicht. Und in der Tat: nach einer halben Stunde wälzt sich wohl unter uns noch ein brodelndes Meer, und auch um die Hütte ist 's noch nebelfeucht wie in einer Waschküche, aber über uns strahlen die Sterne und blinkt der Silberkamm des Monte Rosa. 155 Uhr verlassen wir die Hütte.

Bei Kerzenlicht schnell die schon am Vortag erkundeten Felsen hinan. Ohne einen einzigen Meter an Höhe zu verlieren, kommen wir so an den Rand des Couloirs, wo wir die Steigeisen anlegen. Drüben lockt der Imsengrücken, scheinbar zum Greifen nahe, doch dazwischen glänzt in geisterhaftem Weiss das Leichentuch des Marinellicouloirs. Werden wir unbehelligt hinüberkommen? Mit einer gewissen Spannung gehen wir es an. Der Schnee ist weich, auch die Kühle der Nacht hat ihn nicht trittfest gemacht, ein Zeichen, dass der Föhn noch nicht ganz überwunden ist. Da heisst es eilen, um aus der fatalen Gasse herauszukommen. Bei jedem dritten Schritt sinken wir tief ein. Endlich sind wir an der Lawinenrinne, die von der Hütte aus gesehen das ganze Couloir wie ein schmutziges Band durchzieht. Wiederum staunt man über die Grössenverhältnisse in dieser Wand. Was von der Hütte eine harmlose Tiefe von 1/2 Meter vortäuscht, entpuppt sich jetzt als ein etwa 2 Meter breiter Eisgraben von 3—4 Meter Tiefe. Hier greift kein noch so scharfer Steigeisenzacken, hier hilft nur Stufenschlagen. Die heikle Stelle wird dank Alexanders Arbeit schnell überwunden, und bald sind wir am jenseitigen Couloirrand, ohne dass uns Steinschlag je gefährdet hätte.

Macugnaga liegt vollständig im Nebel, und die Unsicherheit des Wetters treibt uns zur Eile. Zunächst versuchen wir eine Zeitlang, direkt am Couloirrand emporzusteigen, aber die Steilheit nimmt sehr schnell zu, so dass wir es doch schliesslich vorziehen, über vereisten Fels den Kamm des Imsengrückens zu erreichen. Der Schnee wird härter und bietet unseren Steigeisen ausgezeichneten Halt. Links von uns, dicht jenseits des Rückens, tauchen die ersten grossen Séracs drohend auf, wir kommen also an die berüchtigte Eisbruchzone, die auf der gebräuchlichen Strecke durchstiegen wird. Allen Respekt vor diesem Weg! Hier sich stundenlang unter ein- sturzbereiten Eistürmen durcharbeiten? Aber wir wollen diesen Weg ja glücklicherweise auch gar nicht gehen. Unsere Absicht ist, längs der Séraczone bis an den letzten Bruch zu steigen. Und so führen wir unser Vorhaben auch aus. Unermüdlich geht 's vorwärts, und wir gönnen uns nicht eine einzige Ruhepause. Der Horizont beginnt sich langsam zu färben, und die aufgehende Sonne beleuchtet in prächtigem Farbenspiel die über Macugnaga liegenden Wolkenmassen. Wie Inseln ragen einzelne Grate aus dem weissen Meer hervor. Das herrliche Schauspiel lockt uns nun doch eine kurze Ruhepause ab, aber dann weiter — im Wettlauf mit der Sonne. Wir müssen an der Séracgrenze sein und damit das Couloir endgültig verlassen können, ehe diese den engen Schlund mit ihren Strahlen lebendig und gefährlich macht. Wie zur Warnung pfeift jetzt schon ab und zu ein Steinchen das Couloir entlang. Endlich stehen wir an unserem ersten Ziel, dem letzten oberen Sérac. Wir sind warm geworden vom raschen, zu raschen Steigen, aber die Spannung des Erlebens hat uns die Anstrengung nicht fühlen lassen. Ein Blick auf die Uhr besagt uns, dass wir für die Überwindung dieser Strecke mit einem absoluten Höhenabstand von etwa 800 Meter genau 3 Stunden gebraucht haben. Rückschauend stellen wir fest, dass wir bis hierher gestiegen sind, ohne nennenswert von der Fallirne abzuweichen. Was bei Eis bestimmt eine Unmöglichkeit ist, wurde hier dank der günstigen Verhältnisse ohne aussergewöhnliche Schwierigkeiten möglich. Hätte ich die Neigung der zurückgelegten Strecke nennen sollen, ich hätte sie bestimmt unterschätzt, wären nicht die schmerzenden Fussknöchel gewesen, die vor der Steilheit des Hanges bis zum Äussersten abgebogen werden mussten, um den Füssen ohne Stufenhauen Halt zu gewähren. Das ist 's überhaupt, was auf der ganzen Tur den grössten Eindruck auf mich machte: das stundenlange, extrem steile Steigen, ohne dass die Füsse auch nur einen bequemen Ruhepunkt fanden. Ich glaube, auf der ganzen bisher zurückgelegten Strecke findet sich nicht ein einziges waagerechtes Plätzchen von auch nur 1 Meter Länge. Doch nun liegt das ja hinter uns, und wohlig strecken wir uns auf dem Schnee. Was nun kommt, bringt wohl noch harte Arbeit, aber der Weg liegt klar und übersichtlich vor uns. Damit entfällt die seelische Spannung, die Schwierigkeiten noch schwieriger erscheinen lässt, und macht einem freudigen Gelöstsein Platz, dass keine Hemmnisse mehr kennt. Hinter dem letzten Sérac wenden wir uns etwas nach Süden. Noch einmal steil hinan, sehr steil sogar. Was uns aber vom Silbersattel aus so abschreckend erschien, wird jetzt fast mühelos bewältigt.

Sehr bald erreichen wir den Bergschrund und überschreiten ihn leicht auf einer Brücke. Und nun kommt das letzte steile Aufbäumen der Wand bis zu den Grenzgipfelfelsen. Zum ersten Male gilt 's, den raschen Schritt zu hemmen und geduldig Stufe um Stufe bis an den Einstieg in die Felsen zu hacken. Noch ist das Eis nicht glashart, so dass auch dies Stück leidlich schnell überwunden wird. Punkt 6 Uhr greifen wir freudig in den Fels: Die Ostwand ist unser. Was nun kommt, ist wohl anregende Kletterei, hat aber mit dem klassischen Begriff der Monte Rosa-Ostwand nichts mehr zu tun. Entgegen der gewöhnlichen Route packen wir die Grenzgipfelfelsen weit südlich an, fast nach dem Grenzsattel zu. Und sie erweisen sich nicht so unersteiglich, wie es der Clubführer hinstellt. Vereinzelte kleine Eisstellen verlangen den Pickel, aber sonst gibt es keine nennenswerten Schwierigkeiten. Das lockere Gestein erfordert wohl überall Achtsamkeit, doch dürften klettertechnisch die Anforderungen einer Matterhornfahrt kaum überschritten werden. Behaglich und ohne Übereilung steigen wir die sonnenwarmen, trockenen Felsen hinan, um den letzten Teil der Fahrt so recht geniesserisch auszukosten. Schliesslich erreichen wir den vom Grenzsattel nach dem Grenzgipfel heraufführenden « Weg » und später den Grenzgipfel. 830 Uhr stehen wir auf der Dufourspitze.

Wir haben die Monte Rosa-Ostwand sehr rasch durchstiegen, weil wir den richtigen Zeitpunkt dafür wählten. Unter Verhältnissen, wie wir sie trafen, und auf dem von uns gewählten Weg wird die Wand im Juni fast ohne objektive Gefahren zu überwinden sein, das ist zunächst das Wesentliche unserer Feststellung. Sie wird aber auch weiterhin ein ernstes bergsteigerisches Unternehmen bleiben.

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