Im Nebel

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Paul Eggenberg

( Zürich, Sektion Bern ).

« Drei Meter — zwei Meter... » Verhallend ertönen die Rufe meines Seilkameraden aus der Wand herunter, die wir heute im Abstieg bezwingen wollen. Der Kalkstein ist feuchtkalt wie die Stirne eines Sterbenden, und müde legen sich graue Wolkenschwaden um Gipfel und Gräte. Wenn uns Petrus nur noch zwei Stunden gnädig ist, dann haben wir 's überstanden! Der Fels ist steil und griffarm, und das Sichern ermüdend. Darum erscheint mir die Viertelstunde, bis mein Freund knapp unter mir Stand fassen kann, eine Ewigkeit. Diese langsamen, ausbalancierten, fast schleichenden Bewegungen, die man aus unbequemster Lage heraus von unten herauf beobachten muss, dieses prüfende, weiche Aufsetzen der Kletterschuhe — es könnte einen fast wütend machen, wenn man doch im eigenen Körper die Müdigkeit durch Arme und Beine rinnen spürt und trotzdem stillehalten muss, immer nur darauf bedacht, das Seil sauber zu führen.

Endlich vernehme ich das erlösende « Fertig ».

Wie wenig man doch während dieser Arbeit zusammen spricht! Nichts als die lakonischen Meldungen und Befehle, welche so herzlos und unpersönlich wie nur möglich tönen. Und doch bergen sie alles in sich: die ganze Verbundenheit einer Seilkameradschaft auf Leben und Tod!

Ein leuchtender Strahl der Befriedigung geht über das wetterbraune Gesicht meines sichernden Freundes, während ich weiterklettere. Wie gut kenne ich es, wie es unter seinem unvermeidlichen Wetterhut hervorzuckt und einen Augenblick in seinen Mundwinkeln hängen bleibt, dieses Siegeslächeln. Aber dann steht er sofort wieder hart, scheinbar verschlossen da, lässt das Seil Zentimeter um Zentimeter durch seine magern, knochigen Finger gleiten, durch diese Hände, die immer bereit sind und die mich schon mehr als einmal vor dem letzten Sturz bewahrten.

Langsam geht es weiter. Über eine Felsnase hinweg queren wir in ein Couloir mit faulem Gestein. Der Schweiss rinnt trotz dem kühlen Wetter langsam über die Schläfen hinab. Eine Stunde noch, schätzungsweise, dann haben wir den Hüttenweg erreicht, dann ist es geschaffen.

« Potz Donder! » — Ich blicke erstaunt zum Freund hinauf, denn fluchen hörte ich ihn noch nicht oft. Doch sofort wird mir alles klar: wie dicke Watte rollt der Nebel über den Fels daher, von unsichtbarer Hand gestossen, ballt sich zusammen, löst sich wieder, saugt alles auf, verschlingt Runsen, Gräte und Türme — und schon sind wir in dieses unheimliche Grau eingehüllt, das einen hilflos werden lässt wie ein kleines Kind in der Wiege, das den Vorhang auf sich heruntergerissen hat.

Ja wirklich, da kann man schon « Donder » sagen; denn zu allem Unglück setzt auch ein feiner Sprühregen ein, der immer stärker wird, bis regelrechte IM NEBEL.

Tropfen auf den Fels niederklatschen und ihn glitschig werden lassen. Das allerdings weckt uns aus unserer peinlichen Überraschung.

« Wagen wir 's weiter, oder kehren wir um? » « Weiter! » tönt es bestimmt von oben herab.

Also vorwärts!

Doch wo zum Teufel soll ich durch? Da ist wieder die glatte Wand. Zwar kann ich sie nur ahnen; denn der Nebel hat sie verschluckt.

Ein scheusslich leeres Gefühl nistet sich in meiner Magengegend ein — ein Gefühl unendlicher Verlassen- und Verlorenheit überfällt mich. Nichts sieht man als das im Nichts sich verlierende Seil, und langsam spürt man den Regen durch die Kleider dringen, fühlt sich wie von einer Schlange umringelt und begeifert, wehrlos, hilflos —.

Sorgsam stütze ich mich über die Kante hinaus, umklammere mit beiden Händen den festen Stein, taste mit den Füssen die Wand ab nach einem Stand — umsonst! Überall gleiten sie ab. Da schleicht es mir wieder lähmend durchs Gedärm, dieses scheussliche Gefühl der Leere — und mit der letzten Kraft arbeite ich mich auf die Kante zurück.

« Es geht nicht! » « Abseilen, klar! » kommt die gedämpfte Antwort wie aus weiter Ferne durch den Nebel.

« Warte, ich komme. » Sorgfältig ziehe ich das Seil ein. Und jetzt erscheinen auch die dunklen, unförmigen Umrisse über mir. Wie ein Tintenfisch oder irgendein Meer-ungeheuer ist es anzuschauen.

Prüfend mustert mein Freund den Stein, zieht wortlos einen Felshaken aus der Tasche, schlägt ihn ein, während ich mich vom Seil löse. Und dann wirft er es hinaus ins Grau und verschwindet wenige Augenblicke später ebenfalls, wortlos, selbstverständlich, sicher.

Wieder bin ich allein, achte nur auf die zuckenden Bewegungen des Seils, horche gespannt über die Kante hinaus, bis sein Befehl ertönt:Nachkommen !» Mich fröstelt, während ich mich, das nasse Seil fest umklammert, vom Felsen wegstemme und Meter um Meter in die Tiefe gleiten lasse. Plötzlich erhalte ich einen saftigen Klatsch auf meinen Hintern — da steht mein Freund, und wieder huscht dieses Siegeslächeln um seine Mundwinkel; ich spüre es förmlich, denn, tatsächlich, wir stehen auf einem schmalen, ausgetretenen Weglein. Es ist überstanden!

Und trotz Nebel und Nässe lassen wir aus vollem Hals unsern Jutzer ertönen. Mag ihn der Nebel verschlucken oder nicht! Es ist ja geglückt. Wir sind unten!

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