Im schönsten Gebirge der Welt

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VON RUEDI SCHATZ

Wir waren wieder alle zusammen in Cuzco. Viel schneller, als wir je hatten hoffen dürfen, waren die bergsteigerischen Hauptziele in der Cordillera Vilcabamba erreicht worden. 15 Gipfel, die wesentlichen des Gebietes, waren bestiegen. Nur die Wissenschafter waren zurückgeblieben; ihre Arbeit erforderte mehr Zeit. Zwei Tage Inkafest und Besuch in Macchu Piccu waren vorbei. Es stellte sich uns die Frage, was in den verbleibenden drei Wochen bis zur Abreise das dankbarste Ziel sein könnte?

Als wir im alten Bahnhofhotel von Cuzco zur Beratung zusammensassen, klatschte stürmischer Regen an die wackeligen Scheiben, die Wolken hingen tief, und Neuschnee lag bis fast zum Talboden. Und das alles im ewigblauen, trockenen peruanischen Winter! Wir erinnerten uns an die Erstbesteiger des Salcantay, die für den Marsch an den Fuss des Berges, den man normalerweise in zwei bis drei Tagen leicht zurücklegt, volle 14 Tage gebraucht hatten, weil die Pässe von Neuschnee gesperrt waren. Wir wollten nicht riskieren, die mageren 10 Tage, die uns zum eigentlichen Bergsteigen verblieben, im Zelt mit Ins-Schneetreiben-Hinausstarren zu verbringen.

So fiel der Entscheid in der grossen Volksabstimmung denn eindeutig: Auf in die Cordillera Blanca! Das war die Losung! Und keiner hat den Entscheid bereut.

Die Cordillera Blanca liegt im Norden von Lima, in jener Gegend, wo der peruanische Winter wirklich trocken ist, und so durften wir fast sicher mit gutem Wetter rechnen. Wieder fuhren die Lastwagen vor. Es ging zurück nach Lima und sofort weiter, der Pacificküste entlang nach Norden, und nach einem Tag Fahrt gelangen wir von der Hauptstadt an den Fuss unserer Berge.

Jeder von uns denkt an jenen Augenblick zurück, da unser Wagen die Passhöhe von Gonokocha erklommen hatte und sich die Pracht der Cordillera Blanca vor uns entfaltete. Wenn man gar die weiten Hügel der Cordillera Negra ersteigt, dann hat man ein Bild vor sich, das nach unserer einstimmigen Meinung seinesgleichen nicht hat in den Berglandschaften der Erde.Von Süden nach Norden zieht sich ein weites Tal, in seinem Grund der Santafluss, kleine, weisse Dörfer und Städtchen an seinen Ufern, geborgen unter Scharen von Eukalyptusbäumen, Palmen auf den Plätzen; und an den Hängen ziehen sich die goldenen Äcker hoch, abgegrenzt in Vierecken durch bunte Kakteenhecken, gestützt zu Terrassen durch Mäuerchen, und darüber dann weites, hügeliges Grasland, braun in der herbstlichen Sonne. Und erst dann die Berge! Da stehen sie vor uns, wie weisse Wolken, die Gipfel der Cordillera, 200 Kilometer umfasst unser Blick, und eine mächtige Gestalt löst die andere ab. Da ist kein Gedränge, kein Gewirr kleiner Zacken -jeder Gipfel hat Raum, kann sich aufs schönste zur Geltung bringen. Weit in der Ferne die Yerupajâ, mit 6600 m der dritthöchste Berg des Landes, unerhört kühn, bestiegen von zwei Amerikanern unter den schwersten Opfern. Dann das Horn des Huantsân, auf dem Terray vor sieben Jahren als erster stand; ein Massiv folgt dem andern, im massig-breiten Rücken des Huascarân ( 6768 m ) kulminiert die Kette und das ganze Land. Neben ihm, der dritthöchste Berg der Cordillera, der doppelgipflig kühne Huandoy.

Freilich, dieses bergsteigerische Paradies war nicht mehr unberührt. Es ist verkehrstechnisch leicht erreichbar, und so ist es seit Jahren, ja seit Jahrzehnten begehrtes Ziel vieler Bergsteiger gewesen.

Zu den ersten Besuchern gehörten die Schweizer. Eine Amerikanerin versuchte mit zwei Schweizer Bergführern schon vor dem Ersten Weltkrieg den Huascarân zu besteigen, und als sie dann einige Tage später zurückkamen, meldeten sie auch den Erfolg am Westgipfel des höchsten Berges von Peru. Die Geschichte entpuppte sich aber später als höchstwahrscheinlich nur erfunden. Die deutsch-österreichische Andenexpedition 1932 hat den hohen, aber unschwierigen Hauptgipfel erstmals erreicht, und seither wurde er noch manches Mal bestiegen.Diese Expedition gab denn auch das eigentliche Zeichen zum Beginn des Alpinismus in Peru. In rascher Folge und durch verschiedene Expeditionen wurden bis zum letzten Weltkrieg bereits die meisten Sechstausender auf dem leichtesten Weg bestiegen. Nach Kriegsende führten zunächst Amerikaner, bald auch Franzosen, Engländer, eine Gruppe Schweizer und dann auch wieder Deutsche und Österreicher das Begonnene weiter. Dabei setzte sich in einzelnen Fällen schon ein neuer Stil des Expeditionsbergsteigens durch. Die bisherigen Himalayaexpeditionen hatten ja bergtechnisch keine sehr grossen Schwierigkeiten zu überwinden gehabt; die Gegner dort heissen Höhe, Wind, Kälte, Länge des Aufstiegs, und nötig sind vor allem Eigenschaften wie eiserner Durchhaltewillen, gute Moral, aber weniger höchstes, alpintechnisches Können. Auch ist das ganze Vorgehen dort notwendigerweise eher auf das Motto « Langsam - aber sicher » abgestellt: eine Kette gut ausgerüsteter Lager wird erstellt, Unterkunft für den Bergsteiger bietend, und ein Husarenritt wie Buhls Alleingang auf den Nanga Parbat mit anschliessendem Biwak stellt einen unerhörten Ausnahmefall dar.

Die höchsten Andengipfel erreichen Höhen, an die der Mensch sich noch gut akklimatisieren kann. Hingegen erreichen die technischen Schwierigkeiten vor allem im Schnee und Eis einen Grad, wie man ihn in den Alpen nirgends findet. Das ist bedingt durch die ganz andere Struktur des Eises und durch die Tatsache, dass Firn und Eis sich an viel steileren Flanken als in den Alpen noch halten können. Die Aufstiege sind streckenmässig nur selten viel länger als die grössten Westalpentouren; die Höhenangewöhnung kann sehr weit getrieben werden, so dass der moderne westalpine Stil in einzelnen Fällen auch auf die Anden übertragen wurde. Das heisst, dass man die Sicherheit oft in der Schnelligkeit sucht, mit dem notwendigsten Material an grosse Aufstiege geht, mit einem Biwak rechnet, aber auf das Vorschieben vieler Lager verzichtet. Man ist damit schneller, und in einem gewissen Sinn auch sicherer, da man während viel kürzerer Zeit den Wetterumschlägen und objektiven Gefahren ausgesetzt ist. Wir wählten bei allen unsern Besteigungen diese Methode. Mit ihr wird das Niveau der schwersten westalpinen Touren in eine um rund 1000 Meter höhere Region getragen. Die Besteigung der Jirishanca durch die Österreicher Egger und Jungmaier, die Bezwingung des Chacraraju-West-Gipfels durch Terray und Kameraden sind die besten Beispiele für solche Fahrten. Es kann auch notwendig werden, dass die unteren Teile eines Berges gerade bei grössten Schwierigkeiten mit Seilen « präpariert » werden; dass man nachher kurz Erholung im Basislager sucht, um schliesslich die vorbereiteten Meter rasch zu überwinden und mit einem, höchstens zwei Biwaks den Gipfel zu errreichen.

Als wir ins herrliche Callejón de Huaylas einfuhren, da wussten wir, dass kein jungfräuliches Bergland mehr auf uns wartete, wohl aber ein Gebirge mit noch vielen alpinistisch lockenden Zielen. Sie würden nach unserer Ansicht keine « Expedition » mehr rechtfertigen, zu der das Element des Unbekannten doch wesentlich gehört; hier beginnt eher das blosse « Bergsteigen im Ausland ». Nachdem wir aber die Hauptziele der Expedition erreicht hatten, nachdem ferner das Wetter in der Ostkordillere anhaltend schlecht war, glaubten wir, unsern rein alpinistischen Gelüsten doch nachgeben zu dürfen.

Was wollten wir unternehmen in den knappen neun Tagen, die uns, Anmarsch und Rückreise wie Vorbereitung der Heimfahrt und des Materialtransportes abgerechnet, noch zum eigentlichen Bergsteigen blieben?

Einen unbestiegenen, freistehenden Sechstausender gibt es nicht mehr in der Cordillera Blanca oder überhaupt in Peru, höchstens noch einige unbetretene Nebengipfel in dieser Höhe. So bleiben zwei Möglichkeiten für den Bergsteiger in der Blanca: er kann einige der jungfräulich gebliebenen Gipfel der zweiten Höhenklasse zu besteigen versuchen, die in der Regel extrem schwierig sind, oder er kann neue Routen auf die schon bestiegenen Sechstausender eröffnen, die alle erst auf dem leichtesten Weg erreicht wurden. In diesem Gebiet Perus hat also bereits die zweite Phase des Alpinismus begonnen.

Wir teilten uns wieder in zwei Gruppen. Die drei Kameraden aus Genf wollten zusammen mit Seth Abderhalden und unter Obhut des Arztes, Dr. Thoenen, den Cayesh besteigen, den vielleicht schwierigsten der unbestiegenen Gipfel der Hochanden.

Die andere Gruppe ging zur Laguna Parrón. Über der Lagune steht der dritthöchste Berg der Blanca, der Huandoy ( 6395 m ). Er war 1932 erstmals von Hein und Erwin Schneider von Südwesten her bestiegen worden, während ein Versuch in seiner Nordflanke fehlgeschlagen hatte. Die Amerikaner erreichten den Gipfel dann 1954 erneut auf derselben Route nach zehntägigen Anstrengungen und über drei Hochlager. Wir wollten einen neuen Weg durch die gewaltige Nordflanke eröffnen.

Sollte uns unwahrscheinliches Glück beistehen, dann, so hofften wir, konnte noch ein Versuch an der unbestiegenen, aber sehr schwierigen Aguja Nevada gewagt werden.

Ein gerüttelt volles Programm für die wenigen Tage nahmen wir also mit auf den herrlichen Weg zum Parrónsee.

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