Im Unwetter am Tinzenhorn

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Von Josef Hager

( Sargans ) Bester Dinge, beseelt von der Idee, das Tinzenhorn über seine übliche, die Domroute, zu besteigen, verlasse ich die Aelahütte, wo sich 's so vorzüglich und lang schlafen Hess, reichlich zu spät. Ehe die spärlich bewachsenen Schaf-planggen in weniger bezaubernde Geröllhalden überwechseln, widme ich viel der kostbaren Zeit belanglosesten Dingen wie dem Betrachten besonders auffallender Pflanzen oder seltener Käfer und schliesslich auch dem Photographieren. Kurzum, wie ich zur Ostwandtraverse beim sogenannten « Dom » gelange, ist es schon früher Nachmittag und mir gar wenig mehr dran gelegen, bis zum Gipfel aufzusteigen.

Ist es wohl die drückende Schwüle, die mich dermassen nachteilig beeinflusst, oder sind es die nun bevorstehenden Schwierigkeiten des weiteren Aufstiegs, durch die mein Temperament diese gewichtige Abtragung erfährt?

Die Alpen - 1949 - Les Alpes32 Ich kann es nicht sagen. Gleichgültig ob dieses oder jenes, ich mache kehrt und steige zurück.

Nach diesem kläglichen Versagen allen Impulses meiner Klettergeister setze ich mich die unverdiente Ruhe geniessend vor die Hütte und betrachte sinnend die formenreichen Gebirge, über denen es langsam Abend wird.

Dann trete ich in den kühlen Raum des Hütteninnern, entfache im Herd ein knisterndes Feuer und denke gar nicht an die Möglichkeit, dass dieses Refugium, in dem ich seit gestern abend alleiniger unumschränkter Herrscher bin, heute nacht weitere Gäste beherbergen könnte. Daher bin ich wahrscheinlich erst etwas überrascht, als, während das Teewasser zu brodeln beginnt, unter lautem Knarren die Türe auffliegt und zwei wetterfeste Gestalten hereintreten. Ich habe sie noch nie gesehen, diese beiden Männer. Und doch weiss ich, nachdem sich nach kurzem Gruss der ältere als Pfiffner, der jüngere als Marti von Chur vorstellt, dass ich es da mit « Könnern » zu tun habe. Irgendwo hatte ich diese Namen schon gehört.

Ob ich Lust hätte, mit ihnen morgen über die Ostwand zu gehen, fragt mich so nebenbei August Pfiffner während einer anregenden Plauderei bei Schwarztee und Tabakrauch. Es käme zwar noch ein Dritter mit, er sei noch sehr jung, aber als zuverlässiger Kletterer zu werten'und werde so gegen Mitternacht hier sein. Meine zusagende Antwort auf die gestellte Frage bedarf wahrlich keinerlei Überlegungen, denn mit diesen zuverlässigen Felsgängern das Tinzenhorn zu besteigen, muss unter allen Umständen ein einmaliges Erlebnis sein.

Mittlerweile hat es draussen zu hageln begonnen, und zwar mit einer Heftigkeit, dass binnen kurzer Zeit der landschaftliche Charakter ausgesprochen winterliches Gepräge trägt. Einige Zentimeter hoch ist der Boden in der Hüttenumgebung mit den glitschigen Körnern bedeckt. Und als wir uns später zur Ruhe niederlegen, trommeln die Regentropfen in einschläferndem Gleichmass auf das Hüttendach.

3 Uhr morgens! Noch trällert auf dem Dach des Regens monotone Melodie; das Gebälk ächzt unter den Stössen des aufgebrachten Nord-westes. Im Herd aber prasselt ein Feuer, und darüber dampfen die Pfannen, einen angenehmen Geruch von Maggisuppe und Kondensmilch verbreitend. Ein junger Frühaufsteher legt sorgsam knorrige, harzduftende Tannenscheiter in die Glut. Nach der Mächtigkeit seines Feuers zu schliessen, ist ihm mehr am Trocknen seiner im nächtlichen Hüttenaufstieg durchnässten Kleider als an der Zubereitung des Frühstücks gelegen. Es ist Heini Aider, der dritte der « Rätier ». Ich wecke die beiden noch schlafenden Gefährten. Noch vier Zürcher Touristen sind da. Sie wollen ihr ursprüngliches Vorhaben, den Piz d' Aela zu besteigen, infolge des schlechten Wetters aufgeben und nach Filisur zurückkehren.

Wir löffeln unsere Suppe, waschen das Geschirr und ordnen die Decken. Dann schultern wir die Säcke und verabschieden uns von den andern. Sonderliche, fast vorwurfsvolle Blicke treffen uns. In der kaltfeuchten Dämmerung nähern wir uns der Ostwand, die wir infolge des dichten Nebels nicht sehen, aber ahnen können. « Du solltest noch etwas links halten », ruft mir Theo, als ich mehr westlich in Richtung der Wand die Geröllhalde emporsteigen will. Wenn sich doch nur für einen Augenblick das Einstiegscouloir zeigte, denke ich. Doch nichts von dem. Es hat aufgehört zu regnen, aber in der Luft liegt eine eigentümliche Frische, man möchte fast sagen Kälte, und es will einfach nicht recht Tag werden. Da schälen sich auf einmal dunkle nasse Felsen aus dem Nebel, durchzogen von einem Couloir, das hinauf weist ins Ungewisse. Durch diesen Felskanal zischt die gischtige Flut eines Sturzbaches; dennoch täuschen wir uns allesamt vor, uns beim üblichen Einstieg des direkten Ostwand-Aufstieges zu befinden.

Ich will die erste kurze Wandstufe erklimmen, dabei fliesst mir das eisige Wasser in die Rockärmel und lässt den ganzen Körper erschauern. Missmutig trete ich zurück. Zähneklappernd bewundere ich nun Gusti, wie er mit Todesverachtung diese erste Phase unseres Aufstiegs bewerkstelligt. Wie seine Finger in dem schäumenden Strudel die Griffe finden, und dass sie nicht vor Kälte erstarrend letztere wieder loslassen müssen, ist mir ein Rätsel. Mich dünkt, die Wucht des Wassers allein schon müsse ihn niederdrücken. Statt dessen kommt er langsam höher und erreicht triefend vor Nässe einen guten Stand. « Das ist Unsinn », schreie ich hinauf. Es wäre meine Pflicht, da es jetzt auch wieder zu regnen beginnt, hier zum Rückzug zu mahnen. Warum ich gegen meinen Willen handle und dem Mund da, wo er hätte sprechen sollen, zu schweigen gebiete, weiss ich nicht. Aber der erste Schritt ist getan, es soll auch der zweite versucht werden! Übrigens würde Gusti, der mit seinen 56 Jahren über ein gutes Mass bergsteigerischer Erfahrungen verfügt, den Mund schon öffnen, sollte ihm etwas an dem Unternehmen missfallen.

In den südlichen Regrenzungsfelsen finde ich einen schwierigen, aber viel trockeneren Weg als den, den Gusti beging, und auf ihm folgen auch Theo und Heini. Nach einer kurzen Traverse durch die links anstossenden Felsen steigen wir einen massigen, griffarmen Pfeiler empor, dessen nasses, glitschiges Gestein das Erklettern äusserst gefahrvoll gestaltet. Wenige Meter links hängt ein altes morsches Seil, an zwei rostige Haken geknöpft, horizontal in der plattigen Wand. Das erscheint uns komisch; doch wir haben keine Zeit, uns mit dieser Sache zu beschäftigen. Ein bisschen Zuversicht spendet uns im stillen diese Feststellung dennoch: ein Zeichen fester Begeisterung. Darauf betreten wir eine Rinne, die uns eine gut begehbare Schneelage darbietet, womit uns ein rasches Steigen ermöglicht wird. Im Grunde ist diese Runse nichts anderes als das Couloir, durch das weiter unten so reichlich viel Wasser fliesst. Mit zunehmender Höhe verwandelt sich die Runse in eine grausige schwarze Klamm mit glatten, nassen Wänden, aus denen unzählige kleine Rinnsale Schmelz- und Regenwasser sich über uns ergiessen. Allein dessen achten wir nicht mehr. Längst sind unsere Kleider bis auf die Haut durchtränkt; träufelt es durch den Hutrand über Gesicht und Nacken den zitternden Körper hinunter und gluckst es bei jedem Auftreten in den Schuhen.

Was ist das schon, gemessen an unserer inneren Not, hervorgerufen durch die grauenhafte Ungewissheit, die von allen Seiten an uns herantritt und unsere Gemüter zu erdrücken droht. Werden wir den Gipfel je erreichen, oder werden wir uns am Ende in dem scheusslichen Nebel in Wände versteigen, die unserem Vordringen Halt gebieten werden? Diese Frage drängt sich uns auf, und sie will ernsthaft überprüft sein...

Aus dem Schnee, der den Grund dieser kaminartigen Schlucht erfüllt und uns noch ein angenehmes Steigen gestattet, wird allzubald schmutziges, schwarzschimmerndes Splittereis. Verwendeten wir bis dahin das Seil nicht, um ein schnelleres Vorwärtskommen zu erwirken, so sehen wir uns jetzt veranlasst, von ihm Gebrauch zu machen. Ein seitliches Entweichen gibt es hier nicht. Die beiden ausgeschliffenen Begrenzungswände der immer steiler werdenden Rinne ragen lotrecht empor in wallendes Grau.

Mit sichtlichem Unwillen hacke ich eine Stufenreihe hinauf bis unter einen den Weiterweg gänzlich absperrenden Felsabsturz. Wasser plätschert darüber, spritzt auf, zerstäubt und dringt mir in Nase und Ohren. Enttäuscht über diese bittere Feststellung lasse ich die Kameraden nachkommen. Am doppelten Seil gesichert versuche ich die senkrechte Front der Blockade zu erklettern. Umsonst, es geht nicht. Kein Griff ist da, kein Tritt; nass und schlüpfrig ist das Gestein. Auch Gustis Versuch bleibt erfolglos. Was ist zu tun? Absteigen? Auf keinen Fall! Um nichts in aller Welt ginge ich diesen Weg zurück 1 Mit Hammer und Eisen versehen gelingt es mir schliesslich, auf des langen Gustis Schultern stehend, in genügender Höhe einen Haken zu schlagen. Es ist der erste und einzige, der während dieser ganzen Tour zur Anwendung gelangt. Der Karabiner klinkt ein, die Seile straffen sich; das Unmögliche wird möglich. Mit Hilfe des Seilzuges kann ich das Hindernis überwinden. Gusti und Theo folgen, während Heini noch unten warten muss, da der Platz nicht für alle vier ausreicht. Es ist vielleicht gut, dass Heini noch nicht da ist; so bleibt ihm wenigstens eine der unangenehmsten Überraschungen erspart. Da nämlich, wo wir die Fortsetzung des schweren Pfades vermuteten, tost ein mächtiger Wasserfall, der sich tief in den festen Dolomit eingesägt hat. Dass da hinauf nie ein lebendes Wesen steigen wird, darüber sind wir uns einig.

Diese ganze Schlucht wäre überhaupt keinem menschlichen Fusse zugänglich, läge nicht ein Haufen Schnee und Eis — was sicher nur bis in den Vorsommer hinein der Fall sein wird — in ihrem unteren Teil.

Nun, irgendwie müssen wir aber von hier fortkommen I In einem schmalen, von Felsvorsprüngen überbordeten Bande glaubt Gusti eine rettende Lösung gefunden zu haben. Der Versuch scheitert. Sein breiter Körperbau erlaubt ihm kein Durchkommen. Er wird zu stark über den Abgrund hinaus gedrängt und muss zurück. Dabei entfällt ihm sein nagelneuer Filz; der fliegt an Heini vorbei und verschwindet im Nebel.

Die Begehung dieses Bandes kostet auch mich unsägliche Mühe und Anstrengung. Sie gehört wohl zum Schwersten, was mir bis heute in den Alpen begegnet ist. Flach, an den Boden geschmiegt, schiebe ich mich zentimeterweise vorwärts, schräg hinauf. Während der rechten Hand die Aufgabe zufällt, an brüchigen Griffen ziehend die Vorwärtsbewegung zu bewirken, ist die linke, auf die untere Wandflucht gestützt, bemüht, des Körpers labiles Gleichgewicht, bewirkt durch den Umstand, dass der überwiegende Teil der linken Körperseite im Freien schwebt, zu sichern. Das Gesicht streift dabei fortwährend den schmierigen Fels, derweil der Blick durch des Nebels Gewoge in düstere Tiefen taucht. Nach einer scheinbaren Ewigkeit nimmt auch dieses nerventötende Schinden ein Ende. In Wirklichkeit dauerte der ganze Krampf nur eine schwache Viertelstunde. Aufatmend gewinne ich sicheren Boden. Sogleich ziehe ich nacheinander die vier Rucksäcke hoch und sichere Gustis Aufstieg. Dieser seinerseits unterstützt die beiden andern Kameraden im Nachkommen.

Es ist das erste Mal seit dem Einstieg, dass wir alle vier beisammen sind. Kein Wort wird gewechselt. Auf den Rucksäcken kauernd essen wir ein jeder eine Handvoll Rosinen. Gesichter und Hände sind schmutzig und verkratzt, Kleider, Säcke und Seile wie bepflastert. Viel heller als um 4 Uhr, da wir uns mit den ersten Felsen auseinandersetzten, ist es auch jetzt nicht. Fünfzig Meter in die Tiefe, ebensoviele hinauf, ungefähr gleichviel rechts und links, das ist alles, was der Berg unserem Blick preisgibt. Der Rest bleibt verborgen im undurchdringlichen Gewebe wogenden Wasserdampfes. Kaum kann ich es fassen, dass der Höhenmesser erst 2800 zeigt, wo wir doch schon über fünf Stunden unterwegs sind. Noch beinahe 400 Meter bleiben zu bewältigen. An Stelle einer Wetterbesserung, was wir noch immer sehnlichst erhofften, fängt es jetzt unter fühlbarem Temperatursturz zu schneien an. Das Thermometer ist auf minus 7° gesunken.

Seillänge um Seillänge rücken wir höher. Die Felsen haben sich unter dem Anflug von Neuschnee mit einer dünnen Eiskruste überzogen, was bedingt, dass wir in unserer « Arbeit » doppelte Vorsicht anzuwenden haben, Anstrengung und bittere Kälte zerren ungemein an unseren ohnehin schon arg mitgenommenen Kraftreserven. Wir glauben aber das Schlimmste überwunden zu haben, und wenn das auch nur illusorisch sein mag, so beginnen sich doch bereits neue Lebensgeister im tiefen Innersten zu regen, als uns wider Erwarten abweisende, turmhohe Klippen überragen. « Wo in aller Welt ist nur dieser Gipfel? », lässt sich Heini vernehmen. « Das wäre ich auch neugierig zu erfahren », ist Theos einsilbige Antwort. Es fehlt uns buchstäblich jede Orientierung. Wir wissen nicht, sind wir in der Ostwand, am Südkamm oder eventuell schon in den oberen Teilen der ungeheuren Südwand. Im wirbelnden Schneegestöber werden die Augen von den Nebelbildern dermassen irregeführt, dass sie oft da, wo ein Durchkommen leicht möglich wäre, ein unbezwingbares Hindernis erblicken, oder aber sie erspähen einen Abgrund, wo gar keiner vorhanden ist.

Gusti ist der Meinung, wir befänden uns am Südkamm. Diese Ansicht teilen auch wir andern, denn dass wir viel zu weit südlich in die Ostwand eingestiegen sind und dass während des Aufstiegs die Felsformation uns je länger je mehr nach Süden abdrängte, dessen sind wir gewiss.

Gustis Meinungen gehen aber noch sehr viel weiter. So hält er zum Beispiel noch südlicher unseres gegenwärtigen Standortes einen direkten Anstieg zum Gipfel für möglich. Er öffnet den Knoten, meine dringende Warnung, am Seil zu bleiben, missachtend, begibt sich auf eine kleine Rekognoszierungsfahrt, um sich von der Richtigkeit seiner Annahme zu überzeugen, und kehrt nicht zurück.

Bange Minuten verstreichen. Uns friert 's an Hände und Füsse, Nase und Ohren, am ganzen Körper. Kleider und Seile sind steif vor Kälte. Wir rufen dem Kameraden, den wir im Nebel nicht mehr sehen können. Da keine Antwort erfolgt, rufen wir noch lauter — aus Leibeskräften. Nichts rührt sich. Mir droht der Atem zu stocken. Doch da: « Bring das Seil », dringt es schwach durch den orgelnden Sturm. Gottseidank, wir sind beruhigt. Nun heisst es handeln, ihm sofort Seilhilfe bringen. In brüchigen verschneiten Felsen finden wir den Weg zu einer Plattform, die über dem mutmasslichen Standort des Gefährten liegt. Als Theo am einen Ende des Hilfsseils eine Stehschlinge angefertigt, werfe ich es in weitem Bogen durch Schnee- und Nebeltreiben über den Rand unserer luftigen « Kanzel » hinaus. Es muss gelungen sein. Der Druck auf der Schulter verrät mir, dass der Wurf sein unsichtbares Ziel nicht verfehlt hat.

Irgendwo über unsero Köpfen poltert es in der Felswand. « Achtung, Stein », warnt Theo. Im selben Augenblick saust ein faustgrosser Stein an mir vorbei. Für den Bruchteil einer Sekunde wird es mir unheimlich leicht, ich verliere das Gleichgewicht, schwanke und prelle rücklings gegen den Fels. Jäh fährt eine bleierne Schwere in meine Glieder. Ich versuche, mich zu-sammenzureissen. Wieder fest auf beiden Füssen stehend, ziehe ich am Seil. Kein Widerstand! Sollte der Gusti vielleicht ohne meine Hilfe geklettert sein? Mit zitternden Händen reisse ich das Seil empor. Nach wenigen Schlingen kommt aber schon das Ende herangeschleift, aufgefranst, zerfasert, zerschlagen. Leichenblass starren wir uns in die blutleeren Gesichter. Zwei gespensterhafte Fratzen glotzen mich an, werden grosser, treten in den Nebel zurück und erscheinen von neuem. Ich habe plötzlich Angst, unsagbare Angst. Dummheit! Da sind doch die beiden Kameraden, ihre Pickel, die Rucksäcke. « Das Seil her! » dringt es kaum vernehmbar durch den brausenden Wind. Neue Schauer bemächtigen sich unser. Was hören wir denn nur? Wiederum sehe ich mich zwei angstverzerrten Gesichtern gegenüber. « Das Seil her! » repetiert deutlich und unmissverständlich eine klare Stimme. " Wie aus einem bösen Traum erwacht kehrt unser Sinnen in die Wirklichkeit zurück. Steife Finger befassen sich umständlich mit dem Lösen der Brustschlingen, und dann gleitet unser Hauptseil zur Tiefe. Abgekämpft, mit blutüberströmtem Haupt erscheint endlich Gusti. An seiner linken Wange klafft eine üble Wunde; aber er lebt, ist wieder unter uns, und das ist unser grösstes Glück.

Der Berges Geschoss hatte eine Doppelwirkung ausgeübt. Zum Glück hatte sich Gusti im Moment, als der Stein das Seil und dann seinen Kopf traf, nicht restlos dem Seil anvertraut.

Hilfsbereit, wie Theo immer ist, möchte er Gusti verbinden. Dieser aber lehnt dankend ab. Er duldet nicht, dass man ihn « verklebe ». So sehr wir alle der Rast bedürfen, die schneidende Kälte erlaubt keinen längern Aufenthalt mehr! Mit wunden, gefühllosen Fingern graben wir die Griffe aus dem Schnee heraus. Unmerklich nur gewinnen wir an Höhe, erreichen schliess- lieh ein bequemes, breites Geröllband, von dem aus wir zu unserer angenehmsten Überraschung die wuchtigen, steilen Mauern der Südwand erblicken. Wir befinden uns am Südkamm. Unser Orientierungssinn hatte doch nicht ganz versagt. Aber in immer noch respektabler Höhe sehen wir nun den Gipfelgrat, das Ende der Felsen. Was darüber ist, ist Luft und Nebel I 3100 zeigt der Höhenmesser. Der Gipfel kann demzufolge nicht mehr fern sein. In direkter Nordrichtung streben wir eine brüchige Rippe hinauf dem Gipfelgrat zu, den wir eine halbe Stunde später, wenige Meter unter seinem Endpunkt, erreichen. Leichte Felsen führen zu ihm hinauf.

Um 11.30 Uhr reichen wir uns beim Steinmann die Hände zum Gipfelgruss. « Heini, du hast dich tapfer gehalten », rühmt Gusti den Jüngsten, dem er väterlich seine Rechte auf die Schulter legt. In der Tat war das für den erst 21jährigen Heini Aider eine harte Probe. Aber: im August des folgenden Sommers sind er und Theo Marti vom Monte-Rosa-Gebiet nicht mehr zurückgekehrt...

Das heutige Datum ist der 22. Juni. Gestern war Sommerbeginn des Jahres 1947; es könnte aber ebensogut Dezember oder Januar sein. Bei dem hochwinterlichen Gebaren der Elemente bietet der Gipfel uns einen trostlosen Anblick dar. Das Wenige, das der Nebel vom Berg frei lässt, liegt unter einer 10 cm tiefen Neuschneedecke begraben, während immerfort dünne Flocken aus dem grauen Nichts herniederwirbeln. Unsere nassen, mit angefrorenem Schnee behafteten Kleider vermögen die Kälte, welche uns bis auf die Knochen dringt, nicht mehr von uns fernzuhalten. Üble Windstösse peitschen uns stechende Eisnadeln ins Gesicht. Die Temperatur steht 11 Grad unter dem Nullpunkt.

Weinbeeren und Traubenzucker verleihen dem Körper neue Kräfte. Nach dem übrigen, in den Rucksäcken verstauten Proviant haben wir gar kein Verlangen. Heftiger wird das Zischen an der nahen Kante des Westgrates, die Spitzen der Pickel sprühen wie glühendes Eisen auf der Esse. Wir schreiben unsere Namen ins Gipfelbuch und beginnen unverzüglich mit dem Abstieg über die Westwand.

Um ein Fehlgehen zu vermeiden, halten wir uns durchwegs mehr oder weniger an die nördlichen Felsen des Westgrates. In knietiefem, angewehtem Schnee überschreiten wir eine Abdachung und erreichen eine Wandrippe, der wir absteigend folgen. Nach drei Seillängen landen wir auf einem Geröllband, das leicht zur Gratkante hinleitet. Während wir uns hier zuweilen im Windschatten bewegen, fallen immer noch leise die Flocken vom Himmel. Auf unsern Rucksäcken lagern dicke Schneepolster. An total vereisten Felsen steigen wir in eine Gratsenke ab, um jenseits wieder emporzuklettern. Im Gezack des Grates hangen wächtenartige Schneeverwehungen, die bei der leisesten Berührung in bodenlose Abgründe rauschen. Wieder in die Wand ausweichend, suchen wir nach dem Weiterweg. Da gilt es, einen Kamin zu durchstemmen, wobei wir nicht wissen, welchen Ausgang er nehmen wird, weil wir im Nebel seinen Grund nicht sehen können. Aber bald steht uns eine zweite, tiefe und zeitraubende Scharte gegenüber, der dann ein bequem begehbares Geröllband folgt. Dieses Band bringt uns ein gutes Stück tiefer wieder auf den Westkamm zurück, mit dem wir uns die nächste halbe Stunde beschäftigen. Verschneite, frostige Kaminwände erheischen neuerdings unsere ganze Aufmerksamkeit, wonach auf schmalem Pfad ein dritter Grateinschnitt erreicht wird. Es scheint dies das letzte ernsthafte Hindernis unseres schweren Weges zu sein, denn durch die Nebellöcher werden wir bereits des Verbindungsgrates Tinzenhorn-Mitgel ansichtig. Eine Steilstufe lässt sich durch einen Riss verhältnismässig leicht meistern und vermittelt den Zugang in die offene Schrofenwand, über die wir ohne Schwierigkeiten hinabsteigen. Endlich, endlich um 15.30 Uhr betreten wir den Verbindungsgrat, von dem ein breites, mit Schnee und Eis gefülltes Couloir in die Geröllhalden hinunter weist. Hier stapfen und rutschen wir abwärts, und um 16.00 Uhr treten wir erleichterten Herzens vollends aus der Wand.

Ohne zu rasten, lenken wir unsere Schritte dem Val da las Nuorsas zu. Bis an die Waldgrenze sind die Alpen, in denen das Vieh mit gesenkten Köpfen um die verwetterten Sennhütten döst, mit Neuschnee bedeckt. Einmal bleiben wir stehen und schauen zurück nach jener Stelle, wo im Nebel das Tinzenhorn sein muss.

Voll der tiefen, zum Teil sogar schönen Eindrücke schreiten wir bei strömendem Regen talwärts nach Alvaneu^hinaus.

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