Impressionen eines Aufstiegs

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Jean-Pierre Loetscher, Court

Die Seilbahnkabine, Abfahrt 17 Uhr, hebt uns schnell heraus aus der besonderen Atmosphäre des Chamonixtales. Die ersten Schritte zum Berg sind wie immer ziemlich mühsam. Der grobe Stoff unserer Hosen kratzt an den vom Schweiss feuchten Beinen, und der Rucksack scheint schwerer als sonst. Drei bis vier Stunden Marsch haben wir vor uns in der Hitze dieses Spätnachmittags. Fast wünsche ich mir die zuvor noch verachteten Hügel des Jura zurück. Doch im Verlauf des Anstiegs - vorbei am aufmunternden Rau- schen des Wildbachs, in der frischen Brise, die vom Gletscher herunterkommt, bei der kühnen Linienführung des Granits, den wir im Vorbeigehen streifen -zieht mich der Berg in seinen Bann, und ich nehme die Anstrengungen auf mich. Auf zu neuen Freuden!

Bald dringen wir in das wunderbare Argentiè-retal ein, wo die Abendschatten den Eindruck der Strenge noch unterstreichen. Die Couloirs der Verte sind weiss wie im Frühling, aber es ist August, 1973. Auf den Droites jedoch versperren lange Eiszungen die Cornuau/Davaille-Route. Der Nordostsporn ist nicht frei, in den Kaminen muss noch Neuschnee im Überfluss liegen. Wir brechen aber unsere Betrachtungen ab, um den Triolet doch noch im Licht zu sehen. Plötzlich können wir seinen schwarzen Gipfel erkennen, und wie wir vorstossen, zeigen sich nach und nach auch seine beiden Hängegletscher. Als schliesslich auch der Schrund erscheint, stellen wir unsere Rucksäcke ab und zücken die Photoapparate.

Auf der Moräne, in der Gegend, wo die Hütte wiederaufgebaut wird, bereitet eine Seilschaft das Nachtlager vor. Haben sie keinen Platz gefunden im Innern der Hütte? Oder finden sie etwa draussen in der klaren Alpennacht jenen direkten Kontakt mit der Natur, den heute viele nicht einmal mehr suchen? Wenn dies ihr Beweggrund ist, wie gut kann ich sie verstehn! Was uns betrifft, die nichts von diesen Bauarbeiten gewusst haben: wir haben überhaupt kein Biwakmaterial dabei. Trotzdem steigen wir zur Baustelle auf und fragen, ob nicht vielleicht zwei Matratzen... vergebliche Mühe! Die Bauarbeiter sind schon in einer provisorischen, engen Baracke eingepfercht. Was bleibt uns also anderes übrig, als auch zu biwakieren? Zum Glück ist die Nacht wunderbar, und der Mond erscheint hinter « unserem » Triolet und wandert auf einer beinahe horizontalen Laufbahn hinter den Gipfeln vorbei. Wie gut, dass wir heute gekommen sind; das Wetter wird morgen schön sein!

Nachts werden die Muskeln steif, und um die Nieren herum, dort, wo der Rucksack aufgelegen hat, gefriert das Hemd. Alle möglichen Gedanken kommen in uns auf, Gedanken der Angst, gerade weil wir so unbeweglich daliegen: Mit welchen Schwierigkeiten werden wir morgen zu kämpfen haben? Welches sind die wirklichen Gefahren des Aufstiegs? Vielleicht gibt es ein Unwetter! Doch da meldet sich schon wieder die kühle Vernunft: Die Wand ist in bestem Zustand, der Seilkamerad ist stark, und die Wetterprognose könnte nicht besser sein. Es muss gehen. Doch im Laufe dieser Überlegungen stellen sich unter den gegebenen Bedingungen zwei verschiedene Standpunkte einander scharf gegenüber. Einmal diese Leidenschaftlichkeit für die erhabene Bergatmosphäre, für die Freiheit, den Kampf, die Einsamkeit und die Freude: der Alpinismus mit dem ihm eigenen Risiko. Dann aber auch eine vorsichtigere Haltung, die Stimme der Verantwortung für die Familie. Natürlich ist diese Alternative unlogisch, denn überall und jederzeit können uns Unfall, Krankheit oder gar Tod treffen. Schliesslich landen meine Gedanken dort, wo die einen das Schicksal, die andern ( und ich zähle mich zu ihnen ) die Allmacht Gottes sehen. Warum sollte der Mensch, der die Bergwelt ersteigt mit einem innigen Gefühl der Dankbarkeit und der Bewunderung gegenüber seinem Schöpfer, warum sollte er nicht auch von ihm Schutz erbitten dürfen?

In diesem Moment schaut Bernhard auf seine Armbanduhr. Es ist 2 Uhr. Schon glitzern Stirnlampen von den Grands Montets herüber. Das ist sicher eine Seilschaft, die zum Couturier aufbricht. Auf dem Metakocher siedet schon Wasser. Begierig trinken wir den Tee, obwohl unsere Lippen dabei das heisse Aluminium berühren. Eine Viertelstunde später: Das Seil ist hervorgeholt, das Material für den Aufstieg bereit, der Rucksack geschultert. Nun geht 's über die Moräne hinunter... mitsamt der Moräne! Auf dem Gletscher liegt weicher Schnee, und da er nicht sehr tief ist, kommen wir schlecht und recht voran. Allmählich schwindet aber die Hoffnung auf har- ten Schnee noch vor dem Schrund, und ich werfe auch schon kurze Blicke auf die benachbarten Kreten, um im Lichte des aufgehenden Tages den einen oder anderen Felsgrat zu begutachten, gesetzt den Fall, der Triolet wäre nicht begehbar.

Kurz vor dem Aufstieg gönnen wir uns eine kleine Pause, gerade recht, um die Steigeisen festzumachen und einen Happen zu essen. Dann starten wir, ungeduldig auf das, was uns erwartet. Der Bergschrund bildet zwei Spalten mit ziemlich erhöhten Oberlippen, was bei dem faulen Schnee zum Problem wird. Bernhard überquert die erste vorsichtig, nimmt Stand und fordert mich auf, ihm zu folgen. Es ist wirklich unangenehm, aber noch ist nichts verloren. Wir wissen aus Erfahrung, dass der Zustand des Schnees oberhalb des Schrundes oft ganz anders ist. Nun ist es an mir, den zweiten Überhang zu meistern. Es gelingt mir schliesslich mit Hilfe zweier Eispickel, und meinem Kameraden rufe ich freudig zu:

« Komm! Alles in Ordnung... fusshoher Schnee. » Als wir in der Wand wieder beisammen sind, stellen wir fest, dass wohl der sicherste Weg über diesen schönen Schneevorsprung linker Hand führen muss, auf dem wir anschliessend zur mächtigen Felsbastion senkrecht unter dem Gipfel gelangen werden. Wir klettern nun zusammen weiter und erreichen schnell jenen Vorsprung, der vor einem eventuellen Séracbruch geschützt ist. Bei den Felsen müssen wir rechts halten in Richtung auf eine Schneise aus blauem Eis, welche uns dann auf den ersten Gletscher führen wird. Bei der Traversierung erkennen wir klar die Spuren einer uns vorangegangenen Seilschaft. So gewinnen wir Zeit, weil wir trotz einer Steigung von 60% keine Stufen schlagen müssen. Dreimal müssen wir uns intensiv konzentrieren, dann haben wir diese Schlüsselpassage gemeistert. Wir achten nicht auf die Zeit; unser ganzes Interesse gilt dem Hindernis, und jede Bewegung, jeder Schritt muss präzis sein.

« Sag, Bernhard, wollen wir dort oben im Schrund picknicken? » « Ja, dann sind wir vor den Steinen geschützt, die sich von den kleinen Zacken lösen könnten. » Und dann bewundern wir von dort aus die Lachenal/Contamine-Führe.

« Die zwei waren Klasse! Glaubst du, dass die Route oft begangen wird? » Wieder bei vollen Kräften, nehmen wir den letzten Steilhang in Angriff, der in der Sonne glitzert. Der Aufstieg verlangt wiederum unsere volle Aufmerksamkeit. Das Eis kommt jetzt stellenweise unter der dünnen Schneeschicht hervor. Wir setzen alle 15 bis 20 Meter eine Schraube, klettern aber dank dem « Eisdolch », ohne Stufen schlagen zu müssen. All das ist erregend schön, und die Gewissheit des nahen Sieges lässt mich den Augenblick voll geniessen. Fast verlangsamen sich meine Schritte, als gelte es, das Glück des Moments noch fester in die Erinnerung einzuprägen. Am Mittag sind wir auf dem Sattel westlich des Gipfels. Werden wir bis zum höchsten Punkt vorstossen? Chamonix ist noch weit, und das Wetter verschlechtert sich zusehends. Müssen wir unbedingt auf dem Gipfel stehen, um der ungetrübten Freude teilhaftig zu sein? Nein, denn gewiss hat uns schon dieser Aufstieg in seiner ganzen Länge alles gegeben, was wir vom Bergsteigen erwarten. Ein langes Donnergrollen enthebt uns jeden Zweifels, was zu tun sei. Ein Gewitter ist über dem Mont Blanc ausgebrochen; ein zweites braut sich über den Grandes Jorasses zusammen. Wir müssen hinunter. Auf der Suche nach einer Abstiegsmöglichkeit entdecke ich ein Couloir, das direkt zum Gletscher führt und recht einladend aussieht. Da merkt mein Freund, dass dieses auf der italienischen Seite liegt. In den Bergen darf man sich eben nichts « nur vorstellen ». Um solche Fehler zu vermeiden, sollte man halt zu Hause minuziös die Karte studieren. Beschämt danke ich meinem Kameraden und bewundere die Art und Weise, wie er diese Tour vorbereitet hat.

Der Rückweg führt durch die Westflanke des Berges. Wir erreichen sie, nachdem wir in einer leichten Kletterei die kleinen Tiroletspitzen südseits umgangen haben. Die richtige Route ist nicht leicht zu finden, und bei den ersten Schritten merken wir, dass es gefährlich ist. Im weichen Schnee kommen wir nur mühsam voran, immer in Atem gehalten durch die Gefahr eines Sérac-bruches, denn der Courtesgletscher ist schroff und zerklüftet. Die Spuren, die uns durch dieses Labyrinth führen, sind öfters durch ganz frische Einbrüche unterbrochen. Eine Seilschaft, die zu Beginn eines solchen Abstieges von Sturm und Nebel überrascht würde, täte wohl besser daran, ins Val Ferret abzusteigen, und zwar durch das oben erwähnte Couloir. Glücklicherweise sind aber die Gewitter, die wir um die Mittagszeit beobachtet haben, lokal geblieben. Wie wir unterhalb der Couverclehütte endlich wieder festen Boden unter den Füssen haben, ist es fast 17 Uhr. Trotzdem ruhen wir auf einer noch feuchten Platte lange aus. Wie schön ist doch dieser Augenblick! Die Nervenspannung löst sich allmählich und macht einer inneren Ruhe Platz. Ein feiner Nieselregen setzt unserer Rast ein Ende und begleitet uns auch weiterhin, auf dem Couvercle- pfad, den Egraletsleitern, auf der Moräne und bis hinunter zum Mer de Glace, wo wir endlich den Montenvers erreichen... bei Ebbe! Als wir ihn überqueren, gaukelt uns unsere Phantasie eine zufällige letzte Möglichkeit zur Talfahrt vor, und unbewusst beeilen wir uns. Natürlich ist die Station aber verlassen. So erreichen wir Chamonix zu Fuss, dem Bahntrasse folgend.

Regen und Gewitter, so gefürchtet am Berg, überfluten uns nun mit einer wohltuenden Frische. Der Schotter wirkt angenehm weich unter unseren Schuhen, und während ich mich schon auf die Ruhe und den Schlaf freue, frage ich mich: Was habe ich denn nun heute getan mit diesem Überschwang von Energie? Habe ich nicht einfach einer egoistischen und sterilen Leidenschaft gefrönt? -Ja, vielleicht. Aber vielleicht habe ich auch einigen, die verbittert und aggressiv sind, den Weg gezeigt in die Berge, wo man friedliche Kämpfe besteht, die einen das innere Gleichgewicht wieder finden lassen.

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