In den Bergen Sikkims

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

9Von Rudolf Hahn

( Kalkutta ) Langsam sank die glühende Sonne Indiens am stahlgraublauen Himmel gegen Westen. Die heisse Luft vibrierte, dass einem die Augen schmerzten. Eine bunte Menge Tausender von müden, dunkelhäutigen Indern und einige bleiche Europäer kehrten auf den Strassen von ihrer Arbeit heim, zu Fuss, in Rickshaws, in Trams, Bussen und Autos eilten sie ihren Heimstätten zu, hoffend, dort Kühle und Erleichterung zu finden. Der übliche Großstadt-geruch von verbranntem Benzin war vermischt mit dem unbeschreiblichen Gestank der auf die Strasse geworfenen Abfälle und mit den scharfen Dünsten aus den offenen indischen Speisehäusern. Unzählige zerlumpte Bettler und Krüppel, viele mit offenen Geschwüren und Wunden, suchten mit ihrem Gejammer das Mitleid und die Freigebigkeit der Vorübereilenden zu erwecken. Strassenverkäufer, die lärmend ihre Waren anpriesen, stellten sich jedermann in den Weg. Das war Kalkutta an einem Maiabend 19451 Ich sass mit meinen beiden Freunden Braham und Phillips auf meiner Veranda unter surrenden Ventilatoren. Mein Boy Abul wartete in einer Ecke, um unsere sich rasch leerenden Whiskygläser wieder und wieder aufzufüllen. Wir hatten soeben beschlossen, während unserer gemeinsamen Ferien im kommenden Oktober eine Expedition nach Sikkim zu unternehmen.

Sikkim ist ein kleiner unabhängiger Staat an der Ostgrenze Indiens, eingeschlossen von Nepal, Tibet und Bhutan. In seiner Mitte liegt eines der grossartigsten Bergmassive der Welt, die Kanchenjunga-Gruppe, umgeben von unvergleichlicher Naturpracht. Von den auf wenig über Meereshöhe liegenden tiefgrünen wilden Tropentälern baut sich das Kanchenjunga-Massiv auf, erhebt sich höher und höher, von rauhen bräunlichen Bergketten hinauf zum ewigen Schnee und Eis.

Sikkim hat eine Bevölkerung von ungefähr 100 000 Menschen. Die Ureinwohner sind die Lepchas, auch wenn sie heute nur noch einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung bilden. Sie leben tief in den Wäldern und im Dschungel, verehren die Natur: Pflanzen, Blumen und Tiere, als göttlich. Es sind bleiche, scheue und äusserst abergläubige Leute, die im Laufe der Jahre mehr und mehr in die tiefen Dschungeltäler zurückgedrängt wurden, zum grossen TeiL von den immer zahlreicher einwandernden Nepalesen. In den Hochtälern findet man Vertreter von ziemlich allen Rassen und Stämmen, die zwischen China und Turkestan leben, zum grossen Teil aber wildaussehende Tibetaner, gekleidet in ihre langen Roben, mit grossen Türkisen und Gold-ohrringen, die Haare gezöpft, entweder über den Rücken herunterfallend oder um den Kopf gebunden.

Staatsreligion ist der Buddhismus, gleich wie in Tibet, vermischt mit einer grossen Menge von Untersekten, deren Regeln alle dem Klosterleben nahe verwandt sind.

Sikkims Geschichte ist sehr nahe verbunden mit derjenigen von Tibet. Seine regierenden Familien stammen alle von dort und sind heute noch in Religion, Politik und sozialen Fragen meistens von Lhassa beraten und beeinflusst. Im 19. Jahrhundert, nach verschiedenen Kriegen und ständigen Reibereien mit den englischenBehörden in Indien, wurde Sikkim als « beschützter Staat » erklärt. Es ist regiert durch einen Maharadscha, der durch einen Rat von ausgewählten einflussreichen Sikkimesen unterstützt und durch den englischen Vertreter, den sog. politischen Agenten, in seiner Aufgabe beraten wird.

Eine Expedition nach Sikkim benötigt beträchtliche Vorbereitungen, besonders wenn, wie in unserem Falle, die Route von den üblichen Wegen und bewohnten Gegenden abweicht. Sikkim ist ein verbotenes Land. Deshalb wandte ich mich vorerst an den Polizeikommissar von Darjeeling und an den politischen Agenten mit dem Gesuche, uns die nötigen Pässe auszustellen. Zur gleichen Zeit sandten wir die verlangten ausführlichen ärztlichen Zeugnisse ein, um den Behörden eine Versicherung zu geben, dass unser Gesundheitszustand das Leben in grossen Höhen erlaube.

Das Hauptaugenmerk wird dabei auf den Blutdruck gerichtet. Zur gleichen Zeit wird ein genaues Routenprogramm verlangt und eine Liste der Regierungs-Rasthäuser ( Dak Bungalows ), die man zu benützen wünscht. Diese Stationen dürfen von Touristen gegen einen kleinen.Betrag benützt werden, soweit sie nicht von Inspektoren oder reisenden Staatsangestellten besetzt sind. Eine beträchtliche Anzahl dieser Bungalows ist über das ganze Land verteilt, in bester Lage und prächtiger Umgebung. Viele von ihnen sind bekannt für ihre unvergleichliche Fernsicht. Sie sind sehr geräumig, meistens aus Stein gebaut, mit zwei bis drei Schlaf- und Waschräumen, einem Wohnzimmer, Veranda und einer abseits gebauten Küche, mit Schlafräumen für Kulis und Ställen für Ponies, das Ganze umgeben von einem prächtigen Garten. Ein Hüttenwart, Chowkidar genannt, sorgt für Reinlichkeit, beschafft Holz und ist den Reisenden in jeder Weise behilflich. Gewöhnlich sind die Bungalows eine bequeme Tagereise voneinander entfernt, ungefähr 13 Meilen.

Innert einer Woche hatten wir alle nötigen Papiere bereit und an die verschiedenen Behörden abgesandt.

Inzwischen setzte ich mich mit meinem Führer, Sirdar Pasang Dawa Sherpa, den ich von früheren Fahrten her kannte, in Verbindung. Pasang wohnt in Darjeeling; er ist ein Lama, ein buddhistischer Priester, und besitzt einen « Tigerpass », den der Himalayan Club an zuverlässige und tüchtige Führer, die sich auf grossen Expeditionen ausgezeichnet haben, ausstellt. Sherpas sind ursprüngliche Tibetaner aus Sola Khombu, einem Hochtal in Nepal, und sind berühmt als ausgezeichnete Bergsteiger. Pasangs Aufgabe war, alle nötigen Vorbereitungen an Ort und Stelle zu treffen. Ihm war die Wahl der Kulis überlassen, er war für die Wahl der besten Wege und für den reibungslosen Transport unseres Gepäckes verantwortlich. Von einem guten Sherpa hängt zum grossen Teil der Erfolg einer Expedition ab. Pasang ist ein feiner Kerl, sehr tüchtig, erfahren und zuverlässig und ziemlich ehrlich. Er spricht kein Englisch, aber fliessend Hindustanisch. ( Hauptsprache Indiens. ) Äusserst wichtig ist die Verpflegungsfrage. Den grössten Teil unserer Nahrungsmittel für einen Monat hatten wir von Kalkutta zu besorgen, da man sich auf die Produkte des Landes nicht verlassen kann. Gelegentlich werden einem jedoch in einem Dorfe Eier, Kartoffeln oder Gemüse und Milch angeboten. Konserven waren zu dieser Zeit sehr schwierig zu bekommen, und es dauerte Wochen, bis wir den nötigen Proviant gesammelt hatten. Dieser wurde in leichte Holzkisten, mit Deckel und Schloss versehen, verpackt und zusammen mit Petrol und einer grossen Menge billiger Zigaretten ( jeder Kuli bekommt am Ende jedes Tagesmarsches zehn Zigaretten ) mit den Zelten und Schlafsäcken an Pasang nach Darjeeling gesandt. Mit Hilfe eines befreundeten Arztes stellte ich ein Apothekerkistchen zusammen. Da natürlich jede ärztliche Hilfe unerreichbar ist, ist es von grosser Wichtigkeit, die richtigen Tropfen, Pillen und Salben zur Hand zu haben.

Nach langem Hin- und Herschreiben und vielen Telegrammen waren wir endlich im Besitze aller Pässe und Bewilligungen, um unsere Reise ausführen zu können und die Bungalows zu benutzen.

Der Tag unserer Abreise, der 1. Oktober 1945, war da. In letzter Minute schloss sich uns Capt. Watson, ein englischer Offizier, der in Nagpur stationiert war, an.

Am Abend bestiegen wir an der Sealdah Station mit fünf anderen Reisenden ein sehr kleines Abteil. Es war unheimlich heiss, der Schweiss rann von unseren Gesichtern, rann aus unsern Buschhemden und Shorts, aber wir waren alle froh und glücklich, endlich, nach all den langwierigen Vorbereitungen, aus der unerträglichen Hitze Kalkuttas entfliehen zu können. Eingepfercht zwischen Koffern, Kisten, Bettrollen, Eispickel und Capt. Wat- sons Zelt, war an Schlaf nicht zu denken. Der lange Zug rollte durch die heisse Nacht, durch die ungeheure Ebene Bengals, durch kleine aus Lehm gebaute Dörfer, Plantagen von Kokospalmen, Reisfelder und Dschungel nach der Endstation Siliguri, wo wir bei Tagesanbruch anlangten. Nach dem üblichen « Kampf » fanden wir unsere reservierten Sitze im Autobus der Darjeeling-Himalaya-Bahn. Ein unappetitliches Frühstück im Bahnhofbuffet berührten wir kaum. Nachdem unser Gepäck auf einem nachfolgenden Lastwagen verstaut war, ging 's los — hinein in einen prächtigen Morgen. Inmitten der bunten Menge der einheimischen Bengalis sahen wir die ersten Hillmen ( Bergbewohner ), erkenntlich an ihren oval geformten Augen und runden, flachen Gesichtern. Weit entfernt, hoch über den grünen, mit Tee bepflanzten Hügeln zeigten sich die ersten weissen Spitzen des Himalayas. In Kurseong, einem kleinen vielbesuchten Ferienort halbwegs Darjeeling, erhielten wir die Nachricht, dass das Auto mit unserem Gepäck unterwegs eine Panne hatte. Schöne Aussichten I Der Stationsvorsteher telephonierte jedoch hilfreich überall hin, um ausfindig zu machen, wo der Lastwagen steckte und versicherte uns, bevor wir weiterfuhren, dass das Gepäck bald in einem Ersatzwagen nachkommen werde. Nach 11 Uhr langten wir in Ghum, einem Dorfe vor Darjeeling, an, wo Pasang, über sein ganzes breites Gesicht schmunzelnd, uns erwartete mit zwei kleinen Austin-Autos, die uns nach Kalimpong bringen sollten. Grosse Autos können die Strasse nicht befahren, da diese viel zu schmal und zu gefährlich ist. Vom Lastwagen mit unserem Gepäck war jedoch noch keine Spur da. Wieder wurde telephoniert, und wir hörten, dass der Wagen eben Kurseong verlassen habe und « bald » eintreffen werde. Wir waren uns aber nur zu gut bewusst, dass « bald » in Indien ein Begriff ist, der sich von den nächsten fünf Minuten bis zum folgenden Tage erstrecken kann.

Hier war dichter Nebel, es war ziemlich kühl. Endlich, kurz vor 2 Uhr, als wir schon fast am Verzweifeln waren, tauchte der Gepäckwagen auf, und bald machte sich unsere Autokolonne auf den Weg, durch dichten Tannenwald, auf einem schmalen und gefährlichen Strässchen gegen die Siedelung Lopchu. Langsam hob sich der Nebel, und es fing dermassen zu regnen an, dass das Strässchen bald einem Bachbette glich. In Lopchu wurden wir durch die Militärpolizei aufgehalten, da ein langer Konvoi von Jeeps, bemannt mit westafrikanischen Truppen, uns entgegenfuhr und sich sonst nirgends eine Gelegenheit bot, aneinander vorbeizukommen. Nach einer halben Stunde, im strömenden Regen, konnten wir endlich weiterfahren gegen die Teesta-Brücke. Durch Teeplantagen, in steilen, nicht ausgebauten Haarnadelkehren glitten und rutschten wir durch einen Tropen wald hinunter, von 7000 Fuss Höhe auf 700. Unsere Ohren sausten von dem raschen Höhenwechsel. Unten, bei der Teesta-Brücke, besserte sich das Wetter, aber es war drückend heiss, so dass wir uns nicht lange aufhielten und die Brücke rasch überquerten. In kurzer Zeit hatten unsere kleinen Autos unter der ausgezeichneten Führung der Nepalesenchauffeure den 10-Meilen-Anstieg nach Kalimpong ( 3100 Fuss ) überwunden. Beim Bungalow, welches sich in prächtiger Umgebung oberhalb des grossen Dorfes befindet, wurden wir durch unsere Kulis Die Alpen - 1949 - Les Alpes14 mit Begeisterung begrüsst. Zu unserem Erstaunen war das ganze Gepäck, das wir von Kalkutta vorausgesandt hatten und das von den Kulis am Tage vorher von Darjeeling hierhergebracht worden war, in gutem Zustande und komplett. Thundu, ein Sherpa, den ich von früher her kannte, stellte sich als Koch vor, und Sarki, sein junger Bruder, wurde als unser Tiffin-Kuli auserwählt. Die Aufgabe eines Tiffin-Kulis besteht darin, unsere Ausrüstung zu betreuen, das Essen und Trinken, das über Tag während des Marsches gebraucht wird, und unsere Reservekleider zu tragen und sich während des Marsches immer in unserer Nähe zu halten. Es muss ein Mann sein, auf den man sich unbedingt verlassen kann, da er auch unsere beträchtliche Menge von Kleingeld, die Reservefilme, Karten und Papiere mit sich trägt, und wir hätten wirklich nicht eine bessere Wahl treffen können. Sarki war ein prächtiger Bursche, noch sehr jung, mit immer grinsendem Gesicht, voll Schabernack, immer zu Streichen und Witzen aufgelegt. Er hatte einen unheimlichen Appetit, und ich kann mich kaum eines Momentes erinnern, da er nicht etwas kaute. In jedem Dorf, in jeder Siedelung, an der wir vorbeizogen, hatte er eine Freundin, und in der Zwischenzeit machte er sich an die Kulifrauen, zur Belustigung von jedermann.Leider war das Bungalow besetzt durch Regierungsbeamte, und so stellten wir im Garten unsere Zelte auf. Daraufhin war Kuliinspektion, im ganzen hatten wir 25 — eine wild aussehende Gesellschaft, bestehend aus Nepalesen, Tibetanern, Gurkhas und Bhutanesen. Vier der Kulis waren Frauen, welche soviel tragen wie ein Mann und besonders in den Bungalows sehr hilfreich sind. Spezielles Augenmerk richteten wir auf die Fussbekleidung. Einige hatten richtig genagelte Bergschuhe, einige trugen die hohen Tibetaner-stiefel aus dickem Tuch mit Fellsohlen. Obwohl man den Eindruck hat, dass sie mit diesen Stiefeln nie einen rechten Halt und Griff haben, werden diese auf den schwierigsten Pfaden, ja sogar in Schnee und Eis getragen. Fünf hatten Schuhe, die nicht gut genug waren, und wir beschlossen, diese zuerst zu entlassen, wenn unser Gepäck sich etwas verminderte und wir höhere Lagen erreichten. Einer hatte Malaria und konnte trotz seines Bittens nicht mitgenommen werden. Der Proviant wurde umgepackt, zusammen mit dem frischen Gemüse, Kartoffeln und Eiern, dem Reis und Curry für die Kulis, den Kochutensilien. Alles wurde auf richtige Lasten regelmässig verteilt. Jeder Kuli bekam ungefähr 80 Pfund.

Kalimpong ist die Endstation des wichtigsten Handelsweges von Lhassa, der Hauptstadt von Tibet. Wolle ist das Hauptprodukt, das von Tibet nach Indien gesandt wird. Eine Seilbahn verbindet Kalimpong mit dem Teestatal und zugleich mit einer Zweiglinie der Darjeeling-Himalaya-Bahn. Der Basar ist sehr interessant mit seinem bunten Völkergemisch. Inder, Chinesen, Nepalesen mit ihren schwarzen gestickten Kappen, Bhutanesen, Tibetaner und Lepchas verkaufen einander hier ihre Produkte, und obschon wir kaum ein Wort verstanden von diesem Sprachengemisch, hätten wir stundenlang zuhören und zuschauen können. Beim Einbruch der Nacht wanderten wir zurück zu unserem Lager, wo Thundu inzwischen ein ausgezeichnetes Nachtessen vorbereitet hatte.

3. Oktober. Pasangs lautes « Good morning, Sahib! » beendete unsern tiefen Schlaf um 6 Uhr. Die Kulis waren schon eifrig mit dem Aufpacken unseres Lagers beschäftigt. Während wir uns den Schlaf aus den Augen wuschen, verschwanden auch schon unsere Zelte. Aus der Küche strömten verlockende Gerüche. Sarki brachte uns Porridge, Spiegeleier und Speck, gebratene Tomaten, Marmelade und Kaffee. Unter den Kulis herrschte das übliche Getue und Aufbegehren, wie immer am ersten Tag, wenn die Lasten verteilt werden. Auch wenn alle ziemlich das gleiche Gewicht zu tragen haben, sind doch einige Lasten angenehmer als andere. Jedoch nach ein paar scharfen Worten Pasangs waren die Leute marschbereit und trotteten mit sehr kleinen Schritten in einem leichten Trab gruppenweise davon. Wir verliessen das Bungalow nach 8 Uhr. Ein guter, schmaler Pfad führte durch Reis- und Maisfelder zu der Höhe von Balukup, dann weiter hinauf, oft durch dichten Wald, zu dem acht Meilen entfernten Dorfe Algarah, wo wir auf die zurückgebliebenen Kulis warteten. Wir waren ziemlich müde; denn durch das Leben in den Ebenen Indiens waren wir nicht für Bergmärsche trainiert.

Beim Weitermarsch gerieten wir in eine endlose Maultierkarawane, die wir nicht überholen konnten; denn immer, wenn wir versuchten, in raschem Schritte an die Spitze der Kolonne zu gelangen, fingen die Maultiere an zu rennen, so dass wir es schliesslich aufgaben. Der Pfad stieg steil durch einen dichten Urwald, in welchem wir wenigstens vor der brennenden Sonne geschützt waren. Nach zwei weiteren Meilen erreichten wir den Doaralipass. Von dort verwandelte sich der bis jetzt angenehme Pfad in ein kleines Strässchen voll mächtiger Steine, die unsern wunden Füssen sehr zusetzten. Vor uns öffnete sich ein prächtiges, fruchtbares Tal. Durch kleine, auffallend reinliche Dörfer stiegen wir nach dem Hauptorte Pedong ( 4960 Fuss ) hinunter, wo wir um 3 Uhr beim Bungalow anlangten und so unser Tagesziel erreicht hatten.

4. Okiober. Ein heftiger Regen klärte die Luft in der Nacht. Ein prächtiger Tag erwachte, und wir beeilten uns alle, um so rasch wie möglich wegzukommen, da wir einen langen Tag vor uns hatten.

Ein breiter Weg, voll grosser, runder Pflastersteine, führte in steilem, endlosem Zickzack hinunter an den Rishi-Chu ( Chu = Fluss ) ( 1900 Fuss ), der die Grenze zwischen Indien und Sikkim bildet. Am Polizeiposten wurden unsere Pässe inspiziert, und nach Ausfüllen verschiedener Formulare mit den unmöglichsten Fragen wurde uns erlaubt, weiterzuziehen. Sikkim empfing uns mit einem sehr steilen und unangenehmen Anstieg hinauf nach Rhenock ( 3190 Fuss ), einem grossen, wohlhabenden und ziemlich sauberen Dorfe. Es war so heiss, dass wir uns sogar unserer Hemden entledigten. Auf dem Dorfplatze hielten wir Rast und warteten Tee trinkend auf unsere Kulis, die allmählich keuchend auftauchten, die Lasten ablegten und sofort, geführt von Sarki, in einem « Tearoom » verschwanden. Sie dauerten uns mit ihren schweren Lasten, besonders wenn wir dachten, was uns, ohne Gepäck, der Marsch in der Sonne für eine Anstrengung kostete.Von Rhenock aus führte uns ein prächtiger Weg durch einen traumhaften Tropenwald langsam hinunter zu der Rorathangbrücke ( 1600 Fuss ). Wir waren umgeben von mächtigen Bäumen, die wie Fabrikkamine in den blauen Himmel ragten, von « weinenden Palmen », deren besonnte nasse Blätterspitzen diamanten-gleich glitzerten, von ungeheuren Farnen aller erdenklicher Arten und Formen und von breitblättrigen dichten Gebüschen. Über uns webten Spinnen ihre silbernen Netze; kleine grüne Papageien riefen einander zum Spiele; Schmetterlinge von unglaublicher Grosse und märchenhaften Farben segelten durch sonnenbeleuchtete Lichtungen, um dann im tiefen, dunklen Grün der Vegetation zu verschwinden. Unten am Fluss hielten wir Mittagsrast, badeten unsere Füsse und dachten mit gemischten Gefühlen an den steilen, fünf Meilen langen Aufstieg, der uns am andern Ufer erwartete.

Mein Gott, was für ein Aufstieg! Sooft wie möglich wuschen wir unsere Gesichter und bespritzten unsere brennenden Körper mit kühlendem Wasser. Aber wir wagten nicht, uns aus den zahlreichen kleinen Bächlein zu erlaben. Wir getrauten uns bald nicht mehr zu rasten, da es nachher allzu mühsam war, unsere müden, steifen und schmerzenden Knochen wieder in Bewegung zu setzen. Die prächtige Umgebung liess uns kalt; wir hatten nur ein Interesse, und das war das rote Dach des Bungalows, das uns von weither, oben am Ende des Tales aus den Bäumen entgegenleuchtete.

Endlich, um halb 5 Uhr, erreichten wir das Bungalow von Pakyong ( 4700 Fuss ), in fast erschöpftem Zustande. Der zuvorkommende Chowkidar brachte uns einen Wasserkrug nach dem andern, während wir uns im Grase ausstreckten.

Um 6 Uhr erschienen die ersten Kulis, und die letzten erreichten uns eine Stunde später zusammen mit Pasang, der dafür verantwortlich war, dass keiner zurückblieb.

Dieser Marsch von Padong nach Pakiong war einer der längsten und anstrengendsten der ganzen Tour. Wir rieben unsere Füsse tüchtig mit Schmierseife ein, was sehr wohltuend wirkte. Phillips inspizierte die Füsse der Kulis, die in ausgezeichnetem Zustande waren, besonders wenn man in Betracht zieht, dass die meisten den langen anstrengenden Marsch barfuss zurücklegten, um ihre Schuhe für die schlechten Wege zu schonen. Die etwas gedrückte Stimmung verbesserte sich rasch bei einem guten Abendessen. Um 9 Uhr lagen wir alle in tiefem Schlaf.

5. Oktober. Wieder hatte es während der Nacht geregnet. Die Sonne berührte eben die Hügel auf der andern Talseite, als wir einen mächtigen Chorten ( Bhuddistengrab ) oberhalb des Bungalows passierten. Fern am Horizont erkannten wir den Penlong La ( La = Pass ), den Pass, den wir morgen überschreiten würden. Die vergoldeten Dächer der zahlreichen Klöster auf den Hügeln, die das Gangtocktal umsäumen, leuchteten im Sonnenlicht. In raschem Tempo ging 's wieder abwärts, durch einen dichten Wald an zahlreichen Wasserfällen vorbei über kleine murmelnde Bächlein. Am Fusse des Hügels öffnete sich das Tal. In einem Hause sangen Mönche ihre eintönigen Gebete. Wir glitten über einen Erdrutsch hinunter und überquerten einen Bach über zwei Baumstämmen. Die Maultiere mussten durchs Wasser und kamen trotz der starken Strömung wohlbehalten zum andern Ufer. Dann begann der lange Aufstieg nach Gangtock. Nach zwei Stunden befanden wir uns auf dem schmalen Autosträsschen und langten gegen 1 Uhr in Gangtock, der Hauptstadt von Sikkim ( 5800 Fuss ), an. Die drei neuen Bungalows sind ausgezeichnet eingerichtet und haben sogar elektrisches Licht. Am Nachmittag sandten wir die Maultiere zurück, nach dem üblichen langen Markten über den vorher vereinbarten und nun natürlich erhöhten Preis.

Gegen Abend traf Capt. Noyce ein, ein sehr bekannter englischer Bergsteiger, der eben den Pauhunri, einen Gipfel an der Grenze von Tibet, erstiegen hatte. Er gab uns sehr wertvolle Aufschlüsse über die Schwierigkeiten, denen wir in den kommenden Tagen begegnen würden infolge der zahlreichen, teilweise schweren Erdrutsche. Unsere Expedition begann eigentlich erst hier, aber der Weg von Kalimpong nach Gangtock mit dem ständigen Hinauf und Hinunter, dem Übersteigen von so manchen Hügelketten war für uns ein ausgezeichnetes Training, das uns bei Beginn unserer Reise gefehlt hatte. Am Abend kam wieder der übliche Regen.

6. Oktober. Vor 8 Uhr waren wir auf der breiten Strasse und stiegen gegen den vier Meilen entfernten Penlong La ( 6300 Fuss ), der das Gangtocktal abschliesst.

Auf der andern Seite des Passes, nach dem kleinen Dörfchen Penlong, verschmälerte sich die Strasse zu einem Saumpfad. An der linken Seite einer wilden Schlucht ging es wieder hinunter. Gegenüber waren tiefe Wälder, die zu felsigen Graten anstiegen. Den Horizont umschloss eine Kette verschneiter Berge von Tibet. Wir wanderten durch Gerstenfelder zwischen dichtem Wald voll singender Vögel und prächtig schillernder Schmetterlinge. Mächtige Erdrutsche hatten den Weg an vielen Stellen weggewischt. Wenn möglich durchquerten wir sie, aber des öftern mussten wir sie umgehen und einen Weg durch dichten Dschungel bahnen. Dort wurden wir von den ersten Leeches ( Blutsauger ) angegriffen. Diese ekligen « Viecher » hingen sich an unsere Schuhe und stiegen durch Socken und Hosen an unsere Haut hinauf, wo sie sich mit Blut vollsaugten. Sie können nur mit einem brennenden Zündholz oder mit Salz entfernt werden. Wenn man sie abreisst, hinterlassen sie eine offene Wunde, die stundenlang bluten kann. Die Kulis, meistens immer noch ohne Schuhe, waren so gewöhnt an diese Plage, dass sie die Tiere entfernten, als ob nichts geschehen wäre. Das Unangenehmste ist, dass man sie nicht fühlt. Sie saugen und saugen, und wenn sie voll sind, lassen sie sich fallen, und erst wenn dann das immer noch fliessende Blut das Bein herabrinnt, wird man gewahr, dass man einen « Gast » hatte.

Auf der andern Seite der Schlucht, in imposanter Lage, sahen wir das mächtige Kloster Tumlong. Bis vor kurzem war dies der Wohnort des Maharadschas, der dort in religiöser Abgeschlossenheit lebte. Weiter unten wurde der Wald dichter und hatte wieder ein mehr tropisches Aussehen. Die mächtigen Baumstämme waren vollkommen bedeckt mit Farn und Schlingpflanzen, in denen Orchideen hingen. Plötzlich bemerkten wir, dass Watson nicht mehr mit uns war. Wir gingen ein Stück zurück und fanden ihn endlich nackt hinter einem Busche, fieberhaft seine Hosen inspizierend. Auf unser erstauntes Fragen erklärte er uns mit einem scheuen Lächeln, dass er den Eindruck gehabt habe, ein Blutsauger mache sich an den sonst immer bedeckten Teilen seines Körpers zu schaffen. Unter unserem schallenden Gelächter zog er sich wieder an, und wir zogen gemeinsam weiter. Bald ge- langten wir an einen breiten Bergbach, der ins Tal herunterdonnerte und im Regen der vergangenen Nacht den schmalen Steg mit sich gerissen hatte. Einige tibetanische Schafhirten waren auf der andern Seite beschäftigt, den Steg mit dicken Bambusstangen, die sie im Dschungel fällten, wieder zu bauen. Mit der Hilfe unserer Kulis von unserer Seite aus war eine neue Brücke bald hergestellt. Nach einem weiteren scharfen Abstieg erreichten wir den mächtigen Fluss Dikchu und das Dorf gleichen Namens, berüchtigt wegen Malaria. Das Dorf besteht aus einer Anzahl schmutziger Hütten inmitten eines unbeschreiblichen Dreckes voller Fliegen und Moskitos. Einige nackte Lepchakinder jagten Schweine herum. Wer dreckiger war, die Kinder oder die Schweine, konnten wir nicht entscheiden 1 Wir überquerten den Bach und erreichten nach kurzer Zeit das Bungalow ( 2150 Fuss ), umgeben von einem lieblichen Garten, an dessen Ende der mächtige Teestafluss vorbeiströmt. Ausserhalb des Dorfes vereinigen sich Dickchu und Teesta, und die ungeheure Wassermasse strömt dem Golf von Bengal zu. Der neun Meilen lange ununterbrochene Abstieg hatte unseren Knien sehr mitgespielt, und wir waren froh über die bequemen Liegestühle auf der Veranda, wo wir unsern Tee genossen. Später war der übliche « Krankenrapport » der Kulis. Einige hatten böse Wunden von Blutsaugern, andere hatten leichte Schürfungen von Stürzen bei der Überquerung der Erdrutsche. Stolz, mit Pflastern versehen und mit Jod bemalt, kehrten sie zur Küche zurück!

7'< Oktober. Ein prächtiger Tag lag über dem Tal, als wir uns zum Weitermarsch bereitmachten. Watson war eifrig mit Rasieren beschäftigt, eine Angelegenheit, die er nie unterliess. Phillips und ich rasierten uns alle paar Tage, und Braham entschloss sich schon in Kalkutta, einen Bart wachsen zu lassen, der nun in seinem Anfangsstadium ziemlich wild aussah.

Grosse Wolken segelten über uns hin und warfen ihre Schatten über Berge und Täler. Ununterbrochen stiegen wir aufwärts durch einen wilden Dschungel von üppiger Vegetation. Wir begegneten einer langen Maultierkolonne, beladen mit Wolle aus Tibet. Das führende Maultier trug einen Kragen mit zahlreichen Glöckchen und war geschmückt mit einem rotgefärbten Jakschwanz, der Glück bringen soll. Die andern hatten kleine Plaketten auf der Stirne, eine Miniatur derjenigen, die Elefanten üblicherweise tragen, bestickt in grellen Farben mit heiligen Zeichen. Einige der Begleiter waren in ihre üblichen dunkeln, rotbraunen Wollroben gekleidet, über den Hüften lose zusammengehalten; andere trugen eine Art viel zu weiter Reithosen aus dem gleichen Stoff. An den Füssen trugen sie Sompas ( hohe Filzstiefel ), vorn wie ein Kanoe geformt, rot und grün bestickt, oben geschlitzt und mit einem farbigen Band zusammengebunden. Auf dem Kopf trugen sie entweder pelzgefütterte Kappen mit Ohrenklappen oder eine Art von immer zu kleinen « Homburghüten », unter denen über den Rücken hinab der traditionelle Zopf hinunterbaumelte.

Der Weg war sehr angenehm, aber leider auf lange Strecken mit grossen runden Pflastersteinen belegt, so dass man auf jeden Schritt achtgeben musste. Die Sonne brannte heiss, aber die wilde Teesta, an deren Ufer wir entlangwanderten, bewarf uns mit einem feinen, kühlen Gischt. Einige Lepchas arbeiteten auf kleinen, mühselig dem Dschungel abgewonnenen Äckern. Unzählige Wasserfälle und Bächlein fielen über den Weg hinunter in die donnernde Teesta. Hunderte von Schmetterlingen klebten an den nassen Steinen und hielten ihren Morgentrunk. Ausserhalb Mangen, einem kleinen Dorfe mit einem Postbureau, begegneten wir einer Maultierkolonne. Die Männer sahen ziemlich mitgenommen aus und waren jedenfalls seit Monaten unterwegs. Sie hatten ihre hübschen rotbackigen Frauen mit sich, gleich gekleidet wie die Männer, um den Hals geschmückt mit silbernen, reichornamentierten Büchschen, die geschriebene glückbringende Gebete bergen. Einige trugen am Rücken, in ein Tuch gehüllt, kleine Kinder, irgendwo auf dem Wege geboren. Kurz bevor wir das Bungalow von Singhik ( 4600 Fuss ) erreichten, öffnete sich zu unserer Linken die prächtige Talungschlucht, durch die sich viele hundert Fuss tief wie eine silberne Schlange ein kleiner Fluss windet. Das Bungalow war umgeben von einem Garten voller Rosen und Orchideen. Ein brodelndes Wolkenmeer verdeckte die berühmte Aussicht auf den Kanchenjunga. Als wir auf der sonnigen Veranda sassen und unsere Tagebücher schrieben und die Karten studierten, überraschte uns Pasang mit Marva, einem erfrischenden harmlosen Getränk, ähnlich unserem Most. In einem Tungma ( Bambusgefäss ) wird Milletsamen mit warmem Wasser überschüttet. Die Samen gären sehr rasch, und das Wasser wird durch dünne Bambusrohre, Peepsing genannt, getrunken, und der Tungma wieder mit Wasser nachgefüllt, sooft man will. Wir fühlten uns ausgezeichnet, der Muskelkater der ersten Tage war fast ganz verschwunden. Die Kulis sangen und spielten Karten in der Nähe der Küche, die Frauen wuschen unsere verschwitzten Hemden und Socken, und nach ihrem Gelächter und den Protesten zu schliessen, hatten sie sich arg vor Sarki zu wehren.

8. Oktober. Vor 6 Uhr rief uns Pasang auf die Veranda, wo der wundervolle Ausblick nun klar und wolkenfrei vor uns lag. Hinten im noch dunkeln Talungtal erhebt sich die Kanchenjunga-Gruppe über 28 000 Fuss hoch, steigt wie eine unheimliche, mächtige weisse Wand, eine Masse von Eis und Schnee und Fels, mit scharfen, in der goldenen Morgensonne leuchtenden Spitzen in den Himmel. Wir standen gebannt, still und staunten. Ein leiser Wind brachte das gedämpfte Rauschen der tief unten im Tal fliessenden Teesta zu uns herauf. Sogar die Kulis tauchten auf und betrachteten ehrfürchtig diesen unvergleichlichen und unvergesslichen Ausblick.

Auf einem netten und angenehmen Pfade, langsam ansteigend, zogen wir kräftigen Schrittes in den frühen Morgen hinein, wieder über zahlreiche Bäche. Als Brücke fanden wir meistens nur einen Baumstamm vor. Die Kulis mit ihren schweren Lasten überschritten dieselben furchtlos, aber wir zogen vor, von Stein zu Stein zu springen und nasse Füsse zu bekommen, um mit unseren genagelten Schuhen die schlüpfrigen Stämme zu meiden. Acht Meilen nach Singhick kamen wir an dem kleinen Bungalow von Toong vorbei. Von dort fällt der Weg steil hinunter zum Ufer der Teesta, die mit einer feinen Hängebrücke überspannt ist. Nach der Überquerung stieg der ziemlich schlechte Weg wieder an.Fortsetzung folgt )

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