In den Cottischen Alpen

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EINE BESTEIGUNG DES MONTE VISO ( 3841 m ) VON MARTIN ESCHER, GLARUS

Mit 3 Bildern ( 8-10 ) Bei klarem Wetter erkennt man von den Tessiner Alpen aus im Südwesten über dem Dunst der Poebene den Monte Viso. Seine Pyramide ragt weit über die anderen Gipfel der Cottischen Alpen. Vor mehreren Jahren sah ich beim Aufstieg auf den Tamaro in der Ferne das schöne Massiv und versuchte, seine Silhouette auf dem Zeichenblock festzuhalten. Während Touren im Gran Para-diso-Gebiet im Jahre 1963 erblickten mein Vater und ich die markante Bergspitze wieder, und die uns unbekannten Cottischen Alpen lockten immer mehr. Im folgenden Spätsommer bestiegen wir den Monte Viso von Crissolo aus; die klare Aussicht war überwältigend, und die Farben der Berge und Hügelketten erschienen derart intensiv unter dem südlichen Licht, dass auch in der Erinnerung diese Tour unvergesslich bleibt. In der Guida del Monviso des CAI von Severino Bessone ( Turin 1957 ) finden sich ausführliche Angaben über diese Gegend. Das Gestein des Monte Viso ist zwar lose und brüchig und die Normalroute über die Südflanke nicht ganz leicht zu erkennen. Bei Fernsicht ist jedoch der Blick auf die 3500 m tiefer gelegene Poebene und in die Seealpen infolge der dominierenden Höhe des Gipfels so eindrücklich, dass sich der lange Weg durch Oberitalien lohnt.

An einem warmen Augusttag des Jahres 1964 trafen mein Vater und ich in Turin ein. An fast endlosen Fabrikmauern vorbei kamen wir schliesslich zur Stadt hinaus und gelangten gegen Abend nach Pinerolo, im Alto Valle Po, in den Cottischen Alpen. Der Wolkenschleier lichtete sich und gab für kurze Zeit den Monte Viso frei. Nach der Hitze der Grossstadt wirkte die kühle Bergluft wohltuend. Das Tal wurde wilder, und nach zahlreichen Kehren erreichten wir kurz vor dem Einnachten Crissolo ( 1833 m ). Die steile Hauptstrasse zwängt sich zwischen den paar alten Bauernhäusern und den farbenfrohen, neueren Gaststätten und Hotels durch. Die Laden waren noch geöffnet, überall standen schwatzende Gruppen von Feriengästen und Einheimischen umher. Wen wir auch fragten, alle gaben uns mit freundlichem Redeschwall Ratschläge für die beabsichtigte Tour auf den Monte Viso. Ein emeritierter älterer Bergsteiger lieh uns sogar seinen von ihm vor Jahren verfassten illustrierten Clubführer. Einzig eine Landkarte von der Umgebung dieses aufstrebenden Sommer- und Wintersportortes konnten wir nirgends auftreiben.

Auf einer schmalen, aber asphaltierten Strasse erreichten wir anderntags den kahlen Talkessel von Pian del Re ( 2020 m ). Weit unten liegen die obersten Wälder, auf Bergterrassen über dem Alto Valle Po sonnen sich einige Alphütten, hinter baumlosen Hügelkuppen beginnt die Poebene. Über dem Apennin türmen sich Cumuluswolken zu gewaltigen Gebirgen. Wir verliessen das Berggasthaus, überschritten den Quellbach des Po und gelangten nach einer Talstufe zu einem kleinen See. Über einen höher gelegenen Sattel querten wir zu einem zweiten Seelein und zu den grossen Schutthalden an der Nordflanke des Monte Viso. Der Weg führt durch ein einsames Hochtal zum - auf einer kahlen Kuppe gelegenen - Rifugio Quintino Sella ( 2640 m ). Dunst und Wolken schoben sich vor die Sonne, die Wetterlage war unsicher, und gegen Abend wurde es ziemlich kühl, so dass wir uns gerne in die Clubhütte zurückzogen. Mehrere andere Partien planten dieselbe Tour, so auch eine Gruppe junger Bergsteiger unter Führung eines Priesters, die uns noch lange mit abwechselnd frohen und wehmütigen Liedern erfreuten.

Als wir die Hütte am andern Morgen um 3.45 Uhr verliessen, war der Himmel von einer Wolkendecke überzogen. Wir stiegen zum Lago Grande di Viso ab und gewannen am Gegenhang auf einer guten Wegspur durch die Geröllhalden bald an Höhe. In der Poebene glitzerten die Lichter der Dörfer, und durch den zarten Wolkenschleier wurden die Sterne sichtbar. Über steile Grashalden traversierten wir ins Couloir des Passo della Sagnette, stiegen in der Dämmerung auf hartgefrorenem Schutt in der Mitte der Rinne aufwärts und kletterten dann etwas rechts des Couloirs über einen Felskopf mit guten Tritten auf den Col ( 2991 m ), wo uns ein kühler Windstoss empfing. Wir stiegen etwas ab und folgten der Wegspur in das grosse Blockfeld der Talsohle. Über eine steile Moräne stapften wir zum grossen Steinmann am Fuss des Schneefeldes der Südflanke und stiegen nach kurzer Rast auf dem harten Firn aufwärts. Die Normalroute verfolgt diesen Ghiacciaio del Viso nur ein Stück weit hinauf, verlässt den Firn bald wieder und quert unterhalb eines Felsabsturzes auf einer steil ansteigenden Schutterrasse nach rechts. Damit erreichten wir das obere, östliche Schneefeld, den Ghiacciaio Sella, und über den Firn hinauf den Einstieg ( 7.15 Uhr ).

Über einige Meter plattige Felsen kletterten wir in eine Rinne, die nach rechts ( östlich ) führt. Wir hatten die Route einer einheimischen Partie aus Saluzzo beobachtet, die stetig vorankam. Durch Rinnen, über ein gut begehbares Bändchen und durch eine weitere Rinne, immer östlich haltend, erreichten wir leicht eine kleine Schulter. Nun sahen wir plötzlich den Südostgrat und traversierten auf einem kurzen, schmalen Band in die steile Mulde hinein, die zu einer Gratlücke führt. Weit und breit waren keine anderen Partien zu hören, unser vor Jahrzehnten verfasster Tourenführer war wenig ausführlich, und in den Schutthalden glaubte man überall Spuren zu 3 Die Alpen -1966- Les Alpes33 sehen, ohne sicher zu sein, dass es sich wirklich um solche handle. Wir erkannten, dass wir zu weit östlich und vom Einstieg der Normalroute auf den mittleren Teil der Südostgratroute geraten waren, eine wahrscheinlich oft begangene Variante -, die weniger dem Steinschlag ausgesetzt ist als der Normalweg, der durch die ganze Südflanke führt bis zum Gipfelaufbau, wo er den Südostgrat erreicht. Die Felsen des Monte Viso sind bizarr geformt, denn der rote Gneis ist stark verwittert und brüchig, und dementsprechend sind die Flanken mit Schutt bedeckt und steinschlaggefährdet. Sie scheinen überall mehr oder weniger begehbar auf der Südseite, sind aber sehr unübersichtlich. Plötzlich hörten wir die Stimmen der vorangehenden Italiener über uns, die anscheinend eine Rast eingeschaltet hatten; bald kletterten auch wir wieder weiter, nun bei wohltuender Wärme der Morgensonne, nachdem sich die letzten Wolken verzogen hatten. Bald turnten wir auf dem Blockgrat selbst, bald stapften wir mühsam auf endlosen Trümmerhalden etwas südwestlich der Kante höher. Das Gelände ist auch hier sehr schlecht zu übersehen, man darf sich keinesfalls zu weit links in der Aufstiegsrichtung, d.h. nicht zu stark südwestlich halten. Ab und zu erkannte man Wegspuren, irgendwo stiessen wir auf die Normalroute und erreichten den Gipfelaufbau. Über eine kleine Schulter querten wir nach rechts in eine Rinne und standen nach einer kurzen Blockkletterei beim grossen eisernen Gipfelkreuz ( 9.20 Uhr ).

Die Fernsicht war bei dem wolkenlosen Himmel überwältigend: im Westen die Dauphinée, im Norden der Gran Paradiso, das Mont Blanc-Massiv und die Walliser Alpen. Tief unter uns spiegelte der Lago Grande di Viso in der Sonne, auf dem Kamm nördlich des Sees lag verlassen die Clubhütte. Man erkannte die Weiler und Bauernhöfe im Alto Valle Po. Die Felder, Dörfer und Wälder der Poebene fügten sich wie zu einem farbenen Teppich zusammen, da und dort glänzte ein Blechdach, glitzerte ein Flusslauf. Östlich Turin verlor sich die Tiefebene im Dunst. Die Höhenzüge des Apennin hoben sich grau vom Himmel ab; gegen Süden reihten sich dunkelblau die Ketten der Seealpen. Nach dem zwar leichten, aber etwas mühsamen Aufstieg freuten wir uns über die fabelhafte Aussicht um so mehr. Die einheimische Seilschaft behauptete, dass weit im Südosten, im bläulichen Dunst, die Provence sei und dass man nur an wenigen Tagen im Jahr eine so klare Fernsicht geniesse wie eben jetzt.

So plötzlich, wie es aufgehellt hatte, so rasch waren über den Schutthalden in der Tiefe wieder Nebel da, mit denen der Wind spielte. Die anderen Partien waren längst aufgebrochen. Für den Abstieg wählten wir wieder die gleiche Route über den relativ steinschlagsicheren Südostgrat und querten dann zum Einstieg der Normalroute zurück. Um die Gratzacken am Passo della Sagnette jagten Nebelfetzen. Bald waren wir auf dem Col und wenig später beim Bergsee unten und stapften bei ziemlicher Hitze die kurze Gegensteigung zur Hütte empor. Zu unserer Freude hatte der Hüttenwart einen neuen Clubführer aufgetrieben, den wir zur Erinnerung an die eindrückliche Tour erstanden. Als wir gegen Abend nach Pian del Re hinunterwanderten, lagen die kleinen Seen verlassen; die vielen Ausflügler waren wohl längst wieder im Tal unten. Unterwegs begegnete uns eine grosse Schafherde; dann kroch langsam die Dämmerung die Berge hinauf; einmal glänzte noch kurz ein Schneefeld hoch oben am Grat in der Sonne, der Gipfel selbst aber blieb in dunkle Wolken gehüllt.

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