In den Tannheimern

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

EINE KLETTERFAHRT VON WILLY SCHWEIZER ( WINTERTHUR )

Auf Pfingsten pflegt der Bergsteiger Pläne zu schmieden und nebenbei mit schönem Wetter zu rechnen. Nun, schönes Wetter herrschte am diesjährigen Pfingstsamstagmorgen, und unser Plan stand fest: Es galt, die Kletterberge des Tannheimertales zu besuchen.

Im neuerstandenen VW meines Freundes reisen wir, d.h. meine Frau, mein Kamerad Köbi Looser und ich, über Bregenz—Immenstadt-Sonthofen, dann über das Oberjoch ( zur Zeit der « Tausendjährigen Morgendämmerung » Adolf-Hitler-Pass genannt ) ins Tannheimertal, einem Tiroler Hochtal nahe der bayrischen Grenze. Nesselwängle ist unser Endziel, wo übrigens Toggenburger Jäger im Herbst jeweils dem Waidwerk obliegen.

Nach kurzem Inbiss in einem behäbigen Tiroler Gasthof schwingen wir ächzend unsere prall gefüllten Rucksäcke über die Schultern und steigen in der heissen Mittagssonne den blumenübersäten Hang hinauf gegen das Gimpelhaus. Bald nimmt uns kühler Wald auf, und nach einstündigem, steilem Aufstieg erreichen wir das Berggasthaus, wo wir nur noch in einem unbenutzten Stall eine « Drittklassunterkunft » beziehen können, da im Haus selber schon alles bis zum letzten Platz reserviert ist.

Einige junge Bergsteiger erklären uns die Gegend und, was uns besonders interessiert, die Kletterrouten und ihre Schwierigkeitsgrade. Gimpelwestgrat, 3.4. Grad, also gerade recht, um noch etwas Fels in die Hände zu kriegen. Nach einer knappen Stunde stehen wir am Einstieg, im Sattel zwischen Rotflüh und Gimpel. Es ist nachmittags halb 3 Uhr. Über uns eine Seilschaft nach der anderen. Ein dreimal verlängerter 5. Kreuzbergwestgrat, ebenso griffig, ebenso prächtig. Nach kurzer Zeit stehen wir am « Spreizschritt », der sogenannten Schlüsselstelle. « Nun Mut Johann », hat ein Witzbold mit roter Farbe an den Fels gepinselt. « Also Mut, Johann-Jakob », sage ich zu meinem Freunde. Der schaut sich die Sache genau an, spuckt in die Hände, und oben ist er. Etwas mehr Zureden braucht es bei meiner Frau, die das Autofahren noch in sich spürt und angesichts dieser « Nun-Mut-Johann»-Stelle das Augenwasser bekommt Doch bald ist auch sie über diese Stelle, und nach einigen luftigen Seillängen stehen wir auf dem Gipfel ( 2176 m ).

Ein herrlicher Rundblick bietet sich unseren Augen! Westlich das hügelige Allgäu, nördlich das weite bayrische Flachland, die wilden Wettersteinwände sowie die unzähligen Karwendelgipfel im Osten, und südlich nahe die Lechtaler, weiter weg die Oetztaler Alpen und die Silvrettagruppe.

Zwei Nürnberger Kletterer lernen wir kennen, Ruedi und Fritz, kurz « Kumpels » genannt, mit denen wir den Abstieg antreten. Im Laufe des Abends fühlen wir den zwei etwas auf den Zahn, und dabei stellt sich heraus, dass es zwei ganz « starke Jungens » sind, die schon die schwersten Dolomi-ten-, Karwendel- und Kaiserwände « gemacht » haben, denen gegenüber wir uns fast als grüne Anfänger vorkommen.

Doch früh zur Ruhe und früh hinaus am Sonntagmorgen, haben wir doch zwei Touren im Sinn; Rotflüh, alter Südwandweg, und Gimpelsüdwand. Eine Stunde brauchen wir bis zum Einstieg der Rotflüh. Ein abschüssiges Band vermittelt den Weiterweg in die Wand, drei senkrechte Seillängen mit einigen Haken, eine ausgewaschene Schlucht mit Rasen durchsetzten Platten. Dann auf leichtem Weg zum Gipfelkreuz. Heute ist auch meine Frau entschieden besser in Form.

Wir schauen zur Gimpelsüdwand hinunter. Diese Wand wollen Köbi und ich noch durchsteigen. Vier Partien kleben darin. Auf leichtem Weg sind wir rasch in der Scharte Rotflüh/Gimpel, steigen zum Einstieg hinunter und etwa 60 m seilfrei empor. Ein senkrechter Riss zwingt uns, das Seil zu entrollen. Darauf folgt ein senkrechter 40-m-Kamin, weiter links geht es über Schroffen in die Verschneidung, d.h. in die zwei schönsten Seillängen dieser Route. Dann stehen wir wieder auf dem Gimpelgipfel, drücken uns die Hände und sind glücklich.

Im Gimpelhaus. Mit den « Kumpels » feiern wir einen vergnügten Abend, erzählen, singen Lieder, plaudern und trinken etwas Wein, zur Mitternacht, bis der grössere der « Kumpels » behauptet, dass sein Grossvater Zigeunerkönig von Dänemark gewesen sei.

Pfingstmontagmorgen. Heute geht 's zur Rotflüh-Südwestwand. Nach Angaben der « Kumpels » eine reine Genusskletterei! Nun, wir können uns natürlich auf ein Urteil eines « Extremen » nicht so ohne weiteres verlassen und verbinden uns am Einstieg, vorbeugen ist besser als heilen, mit zwei Seilen. Über uns sind zwei Partien an der Arbeit, so dass hie und da ein Stein fällt. Unangenehm!

Ein ausgesetzter 15-Meter-Quergang ist der Einstieg. Sicherung: ungenügend. Dann leichter links aufwärts zum Fusse eines senkrechten Kamins. Vor mir keucht ein Heidelberger Student, schweissnass, aufwärts. Mir gefällt es; denn Kamine liegen mir gut. Oben wird er sogar überhängend, und plötzlich ist man wieder im « Freien », am Quergang nach links. Ich lasse dem Köbi den Vortritt, und mit ruhigen Bewegungen quert er hinüber, geht hinauf zum Stand. Nicht übertrieben schwer, aber von unerhörter Ausgesetztheit ist diese Stelle. Der Standplatz ist ein komfortables, breites Band. Zwei Haken zeigen den Weiterweg über einen respektablen Überhang an. Bis ich den ersten erwische, muss mein Kamerad ein « Böggeli » machen, dann rasch einen Zug, den zweiten Karabiner einhängen, ein Klimmzug an einem « Bombengriff », noch etwa 10 Meter rechts, ausgesetzt, und plattig hinauf zum sicheren Standhaken. Eine leichte und nochmals eine schwerere Seillänge, und oben sind wir.

Ein abschiednehmender Blick in die Runde, und hinunter geht 's zur Hütte - ins Tal - in den Alltag zurück, glücklich und zufrieden.

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