In der Längsrichtung durch die venezolanischen Anden

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Dr. M. Blumenthal ( Sektion Rätia ).

Von Illustrationen nach Aufnahmen des Verfassers.

Gleich wie in der Entwicklung des Einzelnen in seinem engeren Kreise, kommt auch bei der Differenzierung und Modelung des Menschen zu seiner Rasse der belebenden Wirkung des Gegensätzlichen in dem ihn umgebenden Milieu ein bestimmen-der Einfluss auf Formung des Charakters und Gestaltung der physiologischen Merkmale zu. Mögen dies nun unmittelbar von aussen einwirkende Faktoren sein, wie Klima und Ortsbeschaffenheit, oder mögen diese Faktoren sich indirekt als kulturelle Einflüsse geltend machen, in beiden Fällen entwickelt sich da das stärkste Leben, die wirksamste Veränderung und Entwicklung, wo ein Wechsel eine zweckdienliche Differentiation, einen Stimulans zu dieser Bewegung, dieser Entwicklung und Vervollkommnung gibt. Das « variatio delectat » beherrscht in gewissem Sinne die gesamte Entwicklung. Das oft angeführte Beispiel vom Einfluss des klimatischen Milieus auf das Individuum erläutert obigen Gedanken am zutreffendsten. Ein Klima mit Wechsel der Jahreszeiten oder auch nur niedrigeren Temperaturgraden spiegelt sich in vorteilhafter Weise in der Qualifikation des Individuums wie seiner Rasse wieder; dies, wenn auch nicht vollkommen absolut in Hinsicht der kulturellen Veranlagung, so doch in der Art, eine erreichte Entwicklungsstufe zu behaupten oder zu vervollkommnen. Allzu leicht verschlappt das Individuum und die Rasse der warmen Zone oder unterliegt den ihm zusetzenden, zahlreichen, kleinen Feinden.

Bewusst oder unbewusst entbehrt der Bewohner der warmen Breiten mancher der Triebkräfte, die das Vorrecht der gemässigten Erdbreiten zu sein scheinen und deren Bewohner mit diesem Vorzug für das Leben versehen sind. Doch nein, der Erdenschöpfer bedachte seine Kreaturen nicht mit solcher Parteilichkeit. Die gewaltigen Kräfte, die das heutige Antlitz der Erde schufen, türmten gerade in den grössten Breiten Landmassen auf, die das « Habitat », die Besiedlungs- und Bebauungsweise der kühlen Zone in den Tropen ermöglichen. Weite Strecken der Äquatornähe ragen in eine Höhe, welche den stetigen Frühling Europas geniessen zu können versprechen. Und wenn der Wert vieler solcher Strecken zufolge ihrer Unwirtlichkeit heute noch illusorisch ist, so schliesst dies nicht aus, dass gerade sie unter dem Einfluss des Fortschrittes und dem Drange der Bevölkerungszunahme ein vielversprechendes Brachfeld für die Entwicklung kommender Jahrhunderte sein werden.

Mit solchem Gebiete ist der südamerikanische Teilkontinent verhältnismässig reichlich bedacht. Durch seine lange Nord-Süd-Cordillera gewinnt derselbe ausgedehntes Hochland mit hinreichend günstiger Besiedlungs- und Bebauungsmöglich-keit. Schon die Ureinwohner, wie auch die spätem erobernden europäischen Kolonisatoren, strebten, wo nicht ans Tiefland gebundener Erwerb sie davon abhielt, den Höhen zu, dabei die vorteilhaften Werte ihrer Rasse erhaltend und fördernd.

Dieser Zug nach oben, nach den Bergen, lebt und webt somit, gleich wie in den gemässigten Breiten, auch in Äquatornähe, hier freilich in einer mehr unbewussten Weise und besonders dann, wenn er mit dem Schutzbedürfnis gegenüber den Krankheiten des Tieflandes übereinkommt. Er kommt mehr nur im Verhalten der Gesamtheit der Bevölkerung, und dies retrospektiv betrachtet, als im Einzelwesen zum Ausdruck. Der Einzelmann, der « ciudadano », wenn er durch Geburt Flach- oder « Vorländer » ist, sieht noch nach dem unwirtlichen Gebirge mit ähnlichem Respekt, wie die Zeitgenossen eines Konrad Gessner denselben nach dem Pilatus hinansteigen sahen.

Andere Gefühle, begreiflicherweise, die mehr mit oben angedeuteten Rassen-instinkten übereinkommen, müssen einen bergliebenden Eidgenossen bestimmen, wenn er am Fusse der Venezolanischen Anden die warme Tropensonne des Tieflandes zu erdulden hat. Dies war mein Fall.

Seit mehr als einem Jahre mit geologischen Aufnahmen für öltechnische Zwecke längs einem nordwärts von der Haupt-Andenkette sich abspaltenden, niedrigeren Bergzuge ( Serrania de Trujillo ) beschäftigt, gehörte die Silhouette der Cordillera beinahe in das alltägliche Landschaftsbild vor meinen Augen. Eine solche Andenschau hat etwelche Ähnlichkeit mit einem « Alpenblick », gesehen aus der schweizerischen Hochebene; die Abstände für analoge Punkte bewegen sich innerhalb gleichen Beträgen. Immerhin die trennenden Züge im Landschaftsbild sind ebenfalls zahlreich, was eben dem Ganzen das typisch andin-südameri-kanische Gepräge verleiht.

Mein Standplatz, das rasch aufkommende und bedeutende Bohrfeld Mene Grande, liegt zirka 17 km landeinwärts an der niedrigen Ostküste des sackförmig in das Land eingreifenden, grossen Lago de Maracaibo 1 ). Bis zur nördlichen Hauptkette der Anden schaltet sich hier ein 60 bis 120 km breites, für weite Strecken noch von Wildbusch bestandenes Flachland ein; erst über dieser endlosen Baumfläche erhebt sich ziemlich unvermittelt der hohe Wall des Gebirges. Dieser wirkt eindrucksvoll durch seine Massigkeit und Höhe, welch letztere man eigentlich erst bei näherer Zusieht unter Zuhilfenahme eines relativen Masses recht gewahr wird. Der erste flüchtige Anblick täuscht eher eine bescheidene Jurakammlinie mit langgezogenen Linien vor, kein Hochgebirge, das sich 4000 m über das Vorland erhebt. Nur selten, während der Zeit vermehrten Niederschlages und stärkerer Abkühlung ( Juni, Oktober und November ), umsäumt ein weisses Schneeband für kurze Zeit den von Norden her sichtbaren Gebirgskamm.

x ) Vergleichsweise sei angeführt, dass die Oberfläche des Lago de Maracaibo zu zirka 12,500 km2 angegeben wird, während der ihn umrandende Staat Zulia mit zirka 67,200 km2 die Schweiz bedeutend an Grosse übertrifft.

1. Das Städtchen Vaierà, gesehen von Süden 2. Das Tal des Rio Monboy bei dem Städtchen Mendoza 6.Das Bergdorf Chachópo Lebendiger und tiefer in Form und Farben wird die Bergsicht bei klaren Tagen der Regenzeit und günstiger Beleuchtung; die scheinbar ungegliederte, massig-blauschwarze Bergmasse gewinnt dann an Relief dadurch, dass die tiefeingreifenden, buschbestandenen, nördlichen Täler wie tiefe Kerben hervortreten. Umsäumt des weitern der in den späten Morgenstunden täglich aufkommende Wolkengürtel die Schultern der Berge, welches Wolkenband aber, in Anbetracht des grossen Abstandes, dem Urwaldsaum der Tiefebene zu folgen scheint, dann glaubt man den dahinterliegenden, überragenden Bergwall wie von jenseits des Horizontes aus verborgener Tiefe auftauchen zu sehen. Vergegenwärtigt man sich noch den Vordergrund des Standortes, von welchem wir unsere Andenschau geniessen, nämlich die von einer dürftigen Baumsavanne bestandenen, ariden Hügel nächst des Ölfeldes Mene Grande, welche streckenweise überzogen sind von schwarzen Asphaltkrusten und -strömen, dem verdickten Erdöl, das den hier ausstreichenden Sanden entquillt, so wird die Gegensätzlichkeit, die diesem Landschaftsbild innewohnt, wirksam fassbar. Und wem dies noch nicht hinreicht, dem bringt sicherlich die intensive Hitzeausstrahlung des durch die Sonne erwärmten Asphaltes genügend zum Bewusstsein, dass diese Hügel in einer andern Zone liegen als die möglicherweise gerade frisch beschneiten hohen Bergzüge in der Ferne.

Die langgezogenen Bergketten, welche den Hintergrund des Meerbusens von Maracaibo einnehmen, formen nur einen verschwindend kleinen Teil des gewaltigen Gebirgssystems der südamerikanischen Cordillera; sie lassen sich als die Venezolanische Cordillera oder Anden zusammenfassen. Zur regionalen Orientierung blicken wir etwas weiter südwärts. Hier erkennen wir zwei für die Gebirgsgliederung belangreiche orographische Knotenpunkte: der eine liegt in der Breite nächst der Grenze zwischen Ecuador und Columbia, der mehr nördliche an der Grenze zwischen Venezuela und Columbia. In erstgenannten Breiten spaltet sich die von den riesigen Vulkanen Ecuadors gekrönte Cordillera in drei Äste, welche als zentrale, westliche und östliche Cordillera auf 7 bis 800 km Länge Columbia durchziehen ( vgl. Eckkärtchen der begleitenden Kartenbeilage ). Die letztgenannte, östliche Cordillera ist der Stammast für den gesamten Andenanteil Venezuelas. Südlich der tektonischen Depression von Cücuta, an der columbianisch-venezolanischen Grenze, teilt sich diese Sierra Oriental in zwei divergierende Gebirgssysteme; das westliche, weniger grosse Höhen erreichende Bergland wird, etwas generalisierend, als die Sierra de Perijâ bezeichnet und flankiert den Maracaibosee und die ihn begleitenden, grossen Ebenen im Westen; das andere Gebirgssystem repräsentiert die Venezolanischen Anden im engern Sinne und schlägt Nordostrichtung ein. Zwischen beiden liegt das Becken des Maracaibosees, dessen ausgedehnte Uferlandschaften im wesentlichen den Staat Zulia formen. In das andine Bergland teilen sich die Staaten Tachira, Mérida und Trujillo, deren fruchtbare Täler eine relativ stärkere Besiedlung als die Ebenen aufweisen.

Beurteilt man die Venezolanischen Anden vergleichsweise nach Höhe und Längsausdehnung mit der südlicheren Cordillera, dem eigentlichen « Rückgrat » des Kontinentes, so erkennt man leicht, dass dieselben mehr nur einem abflauenden und ausklingenden Gebirgsast entsprechen. Immerhin bleiben die mittlern Kammhöhen in den oben genannten Staaten stets zwischen 3 und 4000 m, und der höchste Punkt ragt eben noch über die 5000 m.

Die Anordnung zu Ketten, entsprechend einem reinen Faltengebirge, ist ausgeprägt; im Gegensatze zur südlicheren Cordillera fehlt in Venezuela jedwede rezente vulkanische Beigabe. Die Längserstreckung kann auf zirka 500 km angegeben werden; von Tiefland zu Tiefland in der Querrichtung sind es um die 100 km. Bei der angeführten Längserstreckung gelten als Endpunkte im Südwesten die schon angeführte Gabelungsstelle der Sierra Oriental an der kolumbianischen Grenze bei Pamplona und im Nordosten der Rio Tocuyo, woselbst die Anden vermittels niedrigerem Bergland in das Caraibische Küstengebirge übergehen. Aus morphologischen und geologischen Gründen bleibt das auch eine andere Streichrichtung aufweisende Küstengebirge besser von den eigentlichen Anden geschieden.

Die beigegebenen Kartenskizzen ( Seite 216 ) mögen diese kurze geographische Orientierung des weitern ergänzen und bei der folgenden Wanderung durch das Gebirge leitenden Auf schluss geben. Bemerkt sei, dass nicht etwa ein topographisch genaues Kartenbild vorliegt, was schon mangels einer guten Kartenunterlage zu liefern nicht möglich wäre.

Anfangs Februar 1922 war mein Rucksack für eine Andenreise gepackt; warme « Sommertage » der Trockenzeit versprachen eine stärkende Auffrischung, Berggenuss und Freiheit nach Tagen drückender Schwüle in beengendem Urwald. Abseits des grossen Weges befindlich — wenn von einem solchen in diesem Lande primitiven Transportes überhaupt die Rede sein kann —, war der Zugang zu den Bergen eher umständlich. Die Route über Maracaibo, von wo einem eine Tagesreise zu Schiff und per Eisenbahn schon ein ansehnliches Stück in die Berge ( z.B. nach Vaierà ) zu bringen vermag, ausschlagend, wurde die Bergfahrt so ziemlich direkt von meinem Buschbiwak nächst Mene Grande angetreten.

Die gegebene Eintrittsstelle in das Gebirge von der Ostküste des « Lago » her ist das Tal des Rio Motatan, des Flusses, der mit seinen Seitenzweigen den grössten Teil des Staates Trujillo entwässert. Diesem Durchbruch durch die äussere Sandsteinkette folgt auch der Verkehrsweg, ein kleines Sackbähnchen, das sich freilich grosstuerisch « Gran Ferrocarril » preist.

Es beginnt an der Küste bei La Ceiba, durchsetzt den breiten Urwaldsaum und kommt bei Sabanna Mendoza in die von Baum- und Grassavanne bedeckten, niedrigen Hügel des Bergvorlandes, um dann bei 60 km die erste tertiäre Sandsteinkette zu passieren; dies ist der äusserste, südwestliche Ausläufer meines Untersuchungsgebietes. Noch erreicht dieses Bähnchen nicht die Hauptorte des Staates Trujillo, die Kapitale Trujillo und den Haupthandelsplatz Vaierà, sondern endet schon nach 85 km in Motatan seinen Vorstoss ins Landesinnere.

Hätte ich mich mit einem Ruderboote nach La Ceiba bringen lassen, so wäre dies der müheloseste Reisebeginn gewesen. Statt dessen ritt ich die mir altbekannte Landroute am Fusse meiner Serrania durch Urwald und Gestrüpp, Sumpf und Savanne, durch Flüsse und Bäche bei elendigster Wegsame. Diese Landroute war kein sonniger Anfang, sie war ein Martyrium für Reiter und Tiere.

Nebst meinem eigenen Reittier, einer Mula ( Maultier ), gehörte zur Reisegesellschaft des weitern eine Gepäckmula und zu Pferd der Herr « Assistente », ein Venezuelan echten Schrotes, von jener geschwätzigen Manier, die einem solche Menschen auf die Dauer mehr lästig als nützlich macht. Immerhin lässt sich Anwerbung und Mitnahme eines solchen « Cicerone » nicht leicht umgehen, da ein Einheimischer zur Besorgung der Tiere und des Gepäcks kaum entbehrt werden kann. Begreiflicherweise verteuert solcher Ballast ganz bedeutend das ohnehin langsame Reisen, da diese Leute einen ganz guten Lohn beziehen, sie und die Mulas stets bei bestem Appetit sind und ihr ordentliches Obdach haben müssen.

Dividivi, so hiess der Ort, wo wir nach unserer Landstrapaze die schon genannte « Spanischbrötli-Bahn » erreichten. Seinen merkwürdig klingenden Namen hat der Ort von dem gleichnamigen Baum übernommen; dieser « dividivi », die Caesalpina coroaria, ist ein allgewöhnlicher Bewohner dürrer und heisser Baumsavannen und liefert durch seine Früchte ( Bohnen von hohem Gerbsäure-gehalt ) der Lederindustrie ein wichtiges Rohprodukt.

Als einziger Erstklassepassagier wurde tags darauf mit dem « Gran Ferro-carril » die Reise ins Landesinnere angetreten. Nach Bahnende besorgte das Auto die Weiterbeförderung bis nach dem Städtchen Vaierà hinauf, das mir schon von früher durch von hier aus gemachte Exkursionen in angenehmer Erinnerung war.

Vaierà liegt anmutig zwischen den ersten Andenketten in einer Meereshöhe von 550 m, versieht somit dem aus der Tiefe Kommenden einigermassen schon den Dienst eines Luftkurortes ( Abb. Nr. 1 ). Hier wickelt sich der Grossteil des Handels des Trujillostaates ab ( vorwiegend Kaffee und Zucker ), sonst wohnt beschauliche Ruhe und Gemütlichkeit in den eintönigen Strassen, die, wie in allen venezolanischen Orten, rechtwinklig sich schneiden.

Solche Landstädtchen verändern sich, wenn sie einmal eine gewisse Grosse erreicht haben —Vaierà sieht erst auf zirka 100 Jahre seines Bestehens zurück —, über Jahrzente nicht im geringsten. Der Zugang nach Vaierà hatte uns aber doch schon mit einer letzten Neuerung bekannt gemacht, welche einen Beweis des gesunden Fortschrittes, der sich unter dem heutigen politischen Regiment Bahn gebrochen hat, liefert, nämlich eine eben dem « partiellen » Verkehr übergebene Fahrstrasse, die nun den Ort auf dem kürzesten Wege mit der Bahnendstation verbindet. Die kurvenengen Windungen müssen aber für Fussgänger und Autofahrer gleich unbehaglich sein; der Saumverkehr mit Esel und Maultier, ohne welche Handel und Verkehr in dem so strassenarmen Venezuela noch ein imaginäres Ding sind, bleiben auf den holperigen Saumpfad gebannt.

Während eines strahlenden Sonnentages, der für die Weiterreise das Beste versprach, wurden die noch nötigen Vorbereitungen für den langen Ritt nach Mérida getroffen, was mich immerhin nicht abhielt, in der Morgenfrische nach einem der von den Talgehängen so freundlich herunterschauenden Bergdörfer hinanzureiten; es galt ja auch, meine nur ans Tiefland gewöhnte Mula für steinige Bergwege etwas zu trainieren; ich glaube, sie fühlte sich nicht wenig stolz, nun gleich den Berggenossinnen in « Schuhen » zu marschieren, hatte ich ihr eben in der Stadt ein Paar « calcillos » ( Hufe ) gekauft und anpassen lassen.

Mit üblicher, ungewollter Verspätung ritten wir den 5. Februar noch bei Morgendunkelheit über die holperige Pflasterung Valeras hinaus und folgten für Stunden und Stunden einem Weg, der in anmutiger Weise zwischen vereinzelten Gehöften und beinahe zusammenhängenden, freilich schlecht gepflegten Zuckerpflanzungen in südöstlicher Richtung das Tal des Rio Monboy hinanleitet. Merkwürdig ist es, dass die Route nicht dem Tal des Hauptflusslaufes folgt, sondern in einen Seitenast eintritt, um dann späterhin nach Überwindung einer Jahrbach des Schweizer Alpenclub. 57. Jahrg. Passhöhe wieder in den obern Abschnitt des Haupttales zurückzufallen. Solch umständliche Art der Verbindung voneinander weit abgelegener Orte ist in den Anden beinahe Regel. In sehr vielen Fällen folgt der Saumweg nicht dem Laufe des Talflusses oder der Talrichtung selbst, sondern weicht den Terrainschwierigkeiten durch Überschreiten hoher und höchster Bergkämme, der « cuestas », aus. Hinauf auf eine Höhe von 3000 oder gar 4000 m, um dann wieder in zahllosen Windungen hinabzusteigen in ein jenseitiges, tiefes Tal, ist für den Reiter, der gerne bald an sein Ziel gelangen möchte, eine gar oft vorkommende Enttäuschung.

Unsere Route entsprach so ziemlich dem Verkehrs- und siedlungsreichsten Teile von Trujillo ( stetiges Zusammentreffen mit Saumtierkolonnen !). Ihr entlang bewegt sich ein guter Teil des Transportes, der der Andenhauptstadt Mérida zugute kommt, welcher Ort auch das Ziel der ersten Etappe unserer Reise war.

Der Ritt das Monboytal aufwärts bot die ersten typischen Andenbilder in ihrer nüchtern-bescheidenen Lieblichkeit. Keine alpine Wildheit! Die Talgehänge sind sozusagen vollkommen waldlos; runsendurchfurcht ziehen sie sich von dem von 1000 bis 1700 m ansteigenden Talboden bis zu den Kammhöhen von 2500 bis 3000 m hinauf. In ihrer sonnenverbrannten Kahlheit geben diese Gehänge unter den scharfen Schatten der reinen Morgensonne in wunderbar plastischer Weise das ihnen durch eine typisch regelmässig arbeitende Erosionstätigkeit aufgeprägte Relief wieder. Um diese regelmässigen Formen besser zu verstehen, haben wir zu berücksichtigen, dass die Gesteinszusammensetzung ziemlich uniform ist; die Talrichtung entspricht einer Zone bündnerschieferähnlicher Schiefer, eingeschlossen zwischen Gneis-Granitmassiven.

Das kleine Städtchen Mendoza ( 1260 m ) wurde eben zur Zeit des « Desayuno » ( Frühstück ) erreicht und deshalb eine das Tal beherrschende Anhöhe zur Rast gewählt ( Abb. Nr. 2 ). Ein von dem schwellenden Grün der Zuckerfelder und dem flimmernden Rot der blühenden Bucarebäume angenehm belebtes Bild verlieh der Landschaft einen besondern Reiz. Höher talaufwärts traten solche Anpflanzungen und die den Weg begleitenden, fruchtbeladenen Orangenbäume zurück; Kartoffeläcker und noch höher oben Getreidefelder schienen uns alsbald in die Alpen zu versetzen, wie überhaupt dem allgemeinen morphologischen Charakter nach weite Strecken als ein Ausschnitt aus den Alpen ausgegeben werden könnten, insbesondere als eines ihrer waldarmen Täler kristalliner Schiefergebiete ( z.B. Avers, Vais, oberes Rhonetal ). Freilich, der trennenden Merkmale gäbe es auch genügend und mag im Laufe der Reise das eine oder andere noch berührt werden.

Des Tages reizvollstes Bild bot sich aber nach Überschreiten des 2200 m hohen Bergpasses von Lagunitas, welcher wieder in das Tal des Motatanflusses hinüberleitet. In der Beleuchtung der Nachmittagssonne stand vor uns im Süden, teils in hohe Wolkenberge verhüllt, teils in zackigen Spitzen in die Bläue hinein-ragend, eine imposante Front hoher Bergriesen, die durchwegs die 4000er Linie überragen. Als eine tiefe Talfurche, in die wir wieder um 600 m hinabzusteigen hatten, lag das obere Motatantal zu unsern Füssen ( Abb. Nr. 3 ).

Ein Phänomen, das für alle grössern Andentäler bezeichnend ist, springt uns hier in seiner typischen Gestaltung in die Augen. Bis zu einer erheblichen Höhe ist das Tal angefüllt mit mächtigen, geneigte Terrassen formenden Schotterablagerungen, den sogenannten Mesas ( in Abb. 3 in der fernen Taltiefe noch sichtbar, in Abb. 4 liegt das Dorf auf einer solchen Mesafläche ). Mit Abbruchen von 3-400 m fallen diese Terrassen nach dem in sie eingeschnittenen, jungen Flusslauf zu ab; auf der flach geneigten Oberfläche liegen die Siedlungen und ein Teil der Anpflanzungen ihrer Bewohner. Dreihundert Meter unter unserem aussichtsreichen Höhenweg lag die Mesa de Esnojaque mit dem gleichnamigen Dörfchen, das in seiner regelmässigen Anlage wie ein ausgesetztes Schachspiel sich ausnahm. Dieser Tiefblick in das obere Motatantal gehört zu den schönsten und zugleich meist charakteristischen Landschaftsbildern, wie ich sie auf meiner Andenreise zu Gesicht bekam ( siehe Abb. Nr. 4 ).

Die Mesas ( eigentlich Tafeln ) sind, wie oben erwähnt, mächtige, durch den Talfluss und seine Seitenarme abgelagerte Schottermassen. Sie repräsentieren wohl unzweifelhaft das Fluvioglazial der Anden. Während in den Alpen die intraalpinen Täler im wesentlichen mit Moränen, der unmittelbaren Ablagerung der Diluvialgletscher, angefüllt erscheinen und die Schottermassen das Vorland überdecken, finden wir in den Anden diese Kiesanhäufungen als wesentlichsten Faktor schon in den intracordilleren Tälern. Die Temperaturerniedrigung der Diluvialzeit hatte hier nicht eine gleichartige, grosse Eisbildung zur Folge wie in den Alpen; die Gletscher blieben in dem obern Abschnitt der Haupttäler zurück. Wohl aber muss die Niederschlagsmenge eine wuchtig grosse gewesen sein. Die Millionen von Kubikmeter von Kiesmassen, in welche sich seither die heute recht bescheidenen Flüsse und Bäche eingeschnitten haben, sind Zeugen ihrer vervielfältigten Arbeitsleistung während des Diluviums, da sie über eine enorme lebendige Kraft verfügten.

Über etwas Moränenschutt, der die Gehänge überzieht und auf dem, je tiefer wir hinab kommen, desto mehr xerophytische Pflanzengattungen sich ansiedeln, gelangten wir an den Motatanfluss; es brauchte noch manche Sporenstösse, um unsern Tieren zum Verstande zu bringen, dass Ankunft in unserm Nachtquartier, dem Städtchen Timótes, noch vor Einbruch der Nacht wünschenswert war. Nach 13stündigem Ritt hatten wir die 15 Leguen ( zirka 75 km ) des ersten Tages erledigt. Es gereichte dem etwas gerüttelten « body » zur Beruhigung, in einer guten Posada wohlversorgt und wohlgenährt zu sein; denn solches ist im Lande Venezuela nicht stetige Regel.

Diese Bemerkung bringt mich eben dazu, einige Glossen über den Venezo-lanen selbst und sein Land als Reiseland hier einzufügen. Ein Loblied zu singen, komme ich nicht in Versuchung; eine « Schmachrede » hier niederzuschreiben, würde den Erfahrungen der Andenreise nicht gerecht werden, würde aber ähnlich gelautet haben, sollte ich meine ersten Eindrücke aus den Küstenstrecken des Zuliastaates unrevidiert zu Papier bringen.

Tropische Indolenz und eine gute Dosis südeuropäischer Untugenden mit einem nicht zu unterschätzenden Einschlag von Eigenschaften « schwarzen Blutes » lassen den Venezolaner des gewöhnlichen Volkes — und dieses prägt dem Lande seinen Stempel auf — nicht als das Ideal eines urchigen, rassigen Mannes erscheinen. Die üblen Folgen jahrhundertelanger Vermischung treten hier deutlich in Erscheinung. Und auch ein gewisses Gesetz der Korrelation gilt in kultureller Beziehung: wie du bist, so lebst und wohnst du und sind deine Qualitäten. Selbst ein Gemenge aus Europa und Neuland, sind es auch des Venezolanen Wohnung, Sitte und Charakter. Es ist dies ein Faktor, der in diesem Lande wenig sympathisch berührt, der jedoch in allen Abstufungen anzutreffen ist. Je mehr wir uns dem « unverdorbenen » Gebirge nähern, um so klarer wird das Wasser, um so deutlicher tritt uns ein mehr ursprünglicher, spanischer Typus entgegen. Der Menschenschlag erscheint qualitativ besser. Sein ganzes Gebaren ist dementsprechend; Gastfreundschaft und Dienstfertigkeit, eine gewisse Ritterlichkeit, sind hier mehr entwickelt. Dies gilt von den Bergstaaten Trujillo, Mérida und Tâchira, die auf meinem Reisewege lagen.

Vor Beginn meiner Reise waren die Erwartungen auf « Reisen mit Pläsier » nicht hoch geschraubt; aus meinen Erfahrungen in den Küstenstrichen hatte ich mir nicht das rosigste Gesamtbild zusammengestellt. Grössere Orte oder wichtigere Haltepunkte des Reiseverkehrs besitzen ihre kleinen, nach unsern Begriffen sehr primitiven Hotels; beinahe jedes Dorf hat seine « Posada »; oder irgendein Krämer, was gleichbedeutend ist mit einem Schnapsverkäufer, ist imstande, irgendeinen Winkel seines « Kaufhauses » für Gäste « einzurichten ». Reinlichkeit lässt in solchen Logiergelegenheiten sehr zu wünschen übrig. Friedliche Haustiere räumen nur ungern den Platz, wo ihnen sonst vergönnt war, sich frei zu bewegen, und dieser wird dann, meist mit grosser Höflichkeit, dem Gaste präsentiert. Entsprechend sind auch die Mahlzeiten. Gar zu oft mag man es bereuen, nicht genügend eigenen Proviant mitgeschleppt zu haben. Unter solchen Umständen kann das Reisen in diesem Lande zu einer andauernden Leidensgeschichte werden, und es ist deshalb begreiflich, dass ausser in Geschäften Reisenden ein « Reise-strom » etwas Unbekanntes ist. Und zufolge der Umständlichkeit des Reisens sind trotz billiger Unterkunft die Unkosten nicht gering; eine einmonatige Reise, einigermassen extensiv ausgeführt, verlangt mindestens seine 1200 bis 1500 Bolivar ( 1 Bolivar ungefähr gleichwertig unserm Franken ). Entgegen etwaigen Befürchtungen ist die persönliche Sicherheit vollkommen; « South America is atrociously safe » wie sich ein amerikanischer Andenkenner ausdrückt.

Die genannten, wenig verlockenden Zustände brauchen immerhin nicht die Regel zu sein; gegen meine Erwartung hatte ich im Andeninnern, dabei zwar mit Berechnung und nach Information mich an empfohlene Stationen haltend, meine pessimistische Auffassung zu revidieren. Ein kurzer Aufenthalt in dem Hochland-städtchen Timótes setzte das erste nähere Bekanntwerden mit dem Andeninnern in den vorteilhaftesten Rahmen.

In Timótes hat die schmale Talsohle des Motatan schon eine Höhe von 2000 m über Meer erreicht; man glaubt sich in einem alpinen Hochtal über der Waldgrenze zu befinden und ist gewissermassen erstaunt, statt einer Alphütte und weidendem Vieh ein recht ansehnliches Städtchen zu finden. Die Gehänge sind bis in alle Höhen waldlos, sehr wahrscheinlich das Endergebnis der Besiedlung, wobei wohl des rodenden Menschen Feuer den Hauptanteil hat; verschie-dentliche Rauchsäulen in jedweder Höhe der Bergeslehne beweisen, dass diese « agents destructeurs » noch stets am Werke sind. Die Abhänge zeigen eher wellige, milde Formen bis in eine Höhe von zirka 4000 m, aus welcher Höhenzone sich erst die nicht sehr ausgeprägten, immerhin aber felsigen Grate und Gipfel entwickeln. Wenige sind hier in die Gipfelkorona zugelassen, die nicht die Höhe von über 4000 m erreichen. Zwischen den einzelnen kristallinen Gipfelkomplexen erkennt man da und dort, hoch über dem Talgehänge ausmündend, kleine Talwannen, die wohl als Kare anzusehen sind, die Arbeit eiszeitlicher Seitengletscher anzeigend.

Als Ganzes dagegen zeigt das Haupttal bei Timótes kein « Glazialgesicht », weder in der Talform noch in der Art der Ablagerungen; Moränenreste finden sich erst im obersten Talende, nächst der Wasserscheide mit den benachbarten Flusssystemen. Timótes formt allein den obern Rand, woselbst die Schotterablagerungen talabwärts sich zu entwickeln beginnen.

Der Ort lag gegeben für einen ersten Aufstieg ins Gebirge. Rechts- wie linksseitig riefen sozusagen noch unbetretene Spitzen die Bergsteigerseele. Die linksseitige Bergkette oder besser das Kettensystem der Sierra del Norte, die das Tiefland des Lago von dem Hauptlängstal scheidet, birgt die hervorragenderen Berggestalten. Eine Wahl und Bestimmung seines Zieles bringt aber in einer solchen « terra incognita » in Verlegenheit. Da gibt es noch keine Dufour-oder Siegfriedkarten, die aufklärend beistehen. Mit Ausnahme einiger fehlervoller, und für diese Zwecke unbrauchbarer Karten in grossem Massstab gibt es noch keine allgemein zugängliche, topographische Orientierung für den « Alpinisten ». Gipfelnamen, Klassifizierung von Bergketten, überhaupt genauere Fixierung von Lokalitäten sind für den Einheimischen unbekannte, unnötige Dinge. Der Durch-schnitts-Talbewohner bekümmert sich nicht um die nicht mehr bebaubaren Höhen; sie sind ihm « puro paramo », « pura cordillera » oder, wenns gar zu steinig wird, « pura piedra »; darin liegt die ganze Geringschätzung für etwas, das dem andern eine Quelle der Erbauung bedeutet. Alpinismus oder sagen wir « Andinismus » ist hier noch nicht geschaffen.

Wohl überschreitet oder besser überreitet der Andine in seinem Sattel die höchsten Bergpässe, macht daraufhin zu Hause eine mit allen Superlativen gespickte Erzählung von einem « frio escandaloso » ( einer skandalösen Kälte ), weiss dagegen bitter wenig von dem Bergland und seinen Schönheiten zu erzählen, es sei denn, dass die Liste der « Posadas » und « Tiendas » mit Schnaps- und Kaffeehock lückenlos beigehalten wird.

Die einzige Karte — und dies auch nur eine vorläufige Übersichts-Plankarte in 1: 500,000 —, welche über die Orographie der Venezolanischen Anden zuverlässige Anhaltspunkte liefert, ist diejenige des verdienten Erforschers dieser Berge, Dr. Alfredo Jahn aus Caracas. Sie ist als Taufurkunde zu betrachten, welche den Bergen ihre Namen und auf Grund der mühevollen Triangulation ihre Höhe gibt 1 ). Sie zeigt — mir zwar erst nachträglich, da auf der Reise nicht zur Hand —, dass auf der Westseite von Timótes die Sierra mit 4540 m im Pico las Tapias ( Abb. 5 ) die grösste Höhe erreicht, um weiter gegen Südwesten zu einer Gipfelgruppe von 4500 bis 4740 m Höhe anzuschwellen. Der Pico las Tapias resp. sein etwas näherer Vorberg, der Pico Turmero, wurde aufs Programm gesetzt.

: ' ) Über die Orographie der Venezolanischen Anden gibt die beste Auskunft: Alfredo Jahn: Orografia de la Cordillera Venezolana de los Andes; Revista Tecnica, Caracas, 1912.

Die geologische Kenntnis Venezuelas fasst am besten zusammen: Alfredo Jahn: Esbozo de las formaciones geologicas de Venezuela; Caracas, 1922.

Allgemeine geographische Beschreibungen geben: Leonard V. Ballon: Venezuela; enthalten in « The South American Series ». London, T. Fisher Unwin Ltd., 1918 ( Reiche Literaturangabe ).

Otto Bürger: Venezuela, Ein Führer durch das Land und seine Wirtschaft. Leipzig, Dietrichsche Verlagsbuchhandlung, 1922.

Die Route des Zuganges und Anstieges hatte ich gewissermassen gefühlsmässig zu wählen. Von Erkundigung war nur Verwirrung zu erwarten. Will das gewählte Seitental nach dem Ziele leiten oder schalten sich Kämme und Täler dazwischen? Nun, das Tal von Turmero, das bei Chachopo, dem letzten und höchsten Dorf des Haupttales, sich an dasselbe angliedert, musste doch irgendwie nach seinem « Pico » leiten.

Nachdem ich bei Nachtdunkel aus Timótes weggeritten war, traten aus grauer Morgendämmerung die weissen Häuschen von Chachopo ( Abb. 6 ). Seine ersten Frühaufsteher standen schlotternd, in wollene Decken gehüllt, vor ihren Häusern ( Höhe: 2580 m ). Einer dieser « Abgehärteten » wurde mein Führer und blieb auch später bei der wärmsten Mittagssonne in seine « Roana » gehüllt ( eine selbstgewobene Decke, nach Pelerinenart über die Schultern getragen ). Mich selbst, diesen « Americano », der in aller Frühe seitwärts in die Berge zu steigen sich anschickte — und zwar auf seinen eigenen Füssen —, konnte keiner begreifen; dies musste irgendein Minengewaltiger sein, der die Minen von Las Tapias zu erschliessen hatte. Solches weckte wohlwollende Neugier. Von der Erschliessung jener Glimmerlager, welche an verschiedenen Stellen im Gebirge von Timótes als Muskovitnester in Pegmatitgängen sich vorfinden, versprechen sich nämlich die Anwohner goldene Berge; einige darauf gegründete Spekulationen mögen Ursache dieser Erwartungen sein; die Abgelegenheit der Vorkommnisse gibt denselben aber vorläufig noch keine Abbaumöglichkeit.

Steil klimmen wir den ersten Bergrücken hinan. Die dünnen Eiskrusten, die die Nachtkühle über die kleinen Wässerchen geschlagen hat, wecken ein respektvolles, leises Schaudern im Tropentiefländer. Bei den Hütten von Turmero wird in zirka 3100 m die erste Rast gemacht, Getreidestaubwolken verraten hier geschäftige Arbeit; wir sehen eine « Era de trigo » ( Getreidetenne ) in Betrieb. Es sind dies kleine, von einer niedrigen Steinmauer umrandete Rondellen; sie dienen dazu, das eingebrachte Getreide durch « Pferdekraft » zu enthülsen. Vier bis sechs Pferde werden auf dem Getreide im Kreise herumgetrieben, so die Drescharbeit besorgend. Die gelben Flecke, die man allerwege an den Abhängen erkennt, verraten die Lage dieser « Eras » ( Abb. 15 zeigt in der Bildmitte in der Tiefe des Tales eine etwas stattlichere Ausgabe einer « Era » ).

Mit der Höhe von Turmero waren wir in die eigentliche Höhenzone, in die « tierra fria » gelangt. Mehr als in tieferen Lagen ist in dieser der Vegetationshabitus durch eine exklusive Leitform bestimmt. Diese Leitform in der Flora ist der « Frailejón », jene typisch andine Pflanzengattung, deren gelbe Kompositenblüte man am ehesten mit der Arnika unserer Bergwiesen vergleichen könnte ( Frailejón vegetation zeigen die Bilder Abb. 7, 8, 11, 12 und 32 ). Der Volksmund nennt dieses eigentliche Lumpengewächs den « grossen Mönch », « el frailejón », da man mit etwas Phantasie den hochaufstrebenden, mit verwelkten Blättern bestandenen Blattstamm mit einer Mannsgestalt vergleichen kann ( z.B. Abb. 8 ). Aus den Enden oder aber, wenn niedrig, aus dem am Boden aufsitzenden Blatt-büschel streben die langgestielten, gelben Blüten hervor, die, in einem ausgedehnten Felde sich zusammenfindend, ein prächtig einheitlich wirkendes Blumen-gewoge abgeben. Dieses fehlte aber so ziemlich zu meiner Zeit; statt dessen war im Frailejónfeld der silbriggrüne Farbenton vorherrschend, hervorgerufen durch die Farbe der filzig behaarten, schmallanzettlichen Blätter.

Erst treten noch niedrige Frailejónformen auf ( Abb. 7 ); je höher wir aber gelangen, um so kräftiger werden die Blattstöcke, bis um die 4000er Höhen die Blütenstiele mächtigen Säulen aufsitzen ( Abb. 8 ). Zwischen dem vorherrschenden Frailejón nimmt die übrige Flora einen recht bescheidenen Platz ein. In verborgener Abgeschiedenheit entdecken wir jedoch alle Farben vom zartesten Gelb bis zum wohltuendsten Rosa-Lila des Rosmarin. Gleich den Alpen gilt auch hier die Regel, je härter der Lebenskampf der Flora, um so zarter das Gebilde, seine Form und seine Farbe. Ähnliches Streiten mit Wind und Frost und Übermass von Licht und Sonne, wie dies in den Alpen um die Dreitausender herrscht, setzt hier dagegen erst um zirka 1200 bis 1500 m höher ein. Solche gleichartige Bedingungen haben in der Pflanzendecke der Anden Arten hervorgebracht, die jener unserer Hochgebirgsflora recht nahe stehen.

Leider aber war, wie schon gesagt, die Blütenpracht grösstenteils schon verblasst. Das Gefühl alpinen Hochtalgenusses war aber nichtsdestoweniger voll und ganz, und dies um so mehr, als die ersten Schneeberge im Süden in den Horizont traten. Es waren die höchsten Spitzen der Sierra de Santo Domingo.die aber vollständig « in den Schatten gestellt wurden », als die gletscherumsäumten Zacken der Sierra Nevada in weiter SW-Ferne zu Gesichte kamen. Beide waren noch ein vornehmer Teil meiner Anden Wanderung; der erste geschaute Tropenschnee war ein Stimulans für die weitern Taten.

Obwohl mein stets in sein dickes Wolltuch gepackter Peon zur Abkürzung der Bergreise bald diesen, bald jenen Kamm als den « altissimo » anpries, hielt ich dennoch auf den scheinbar höchsten Punkt des Talhintergrundes an. Ein kleiner Geisspfad leitete für eine Strecke in der gewünschten Richtung; dies war die « Pass-Strasse », die über den hier 4200 m hohen Andenkamm Timótes mit dem auf der Lagunenseite gelegenen Torondoy verbindet. Aber nicht nur primitive Passwege, sondern sogar auch Telegraphenlinien knüpfen die Orte über solche hohe Pässe aneinander; klimatische Zustände wie im alpinen Hochgebirge würden freilich solche an dürre Äste und aufgelesene Hölzer befestigte Drähte vor lauter Verkehrsstörungen nie in Funktion kommen lassen.

Ein letzter Anstieg über einen zackigen Granit- und Glimmerschiefergrat liess nach kurzer und leichter Kletterei gegen Mittag den zirka 4400 m hohen Gipfel des Pico Turmero erreichen ( Abb. 9 ). Obwohl Mittagssonne über uns stand, stieg das Thermometer im Schatten nicht über 5° C, und die Abnahme des Luftdruckes in dieser ansehnlichen Höhe war leicht spürbar; ein Bergunwohl-sein fühlte ich trotz der körperlichen Anstrengung und des letzten langen Aufenthaltes in der Tiefe jedoch noch nicht. Eine Fortsetzung der Tour bis zu dem noch zirka 150 m höheren Pico las Tapias, der durch einen zackigen Granitkamm mit unserem Standpunkt verbunden war, gab ich wegen Zeitmangel auf ( Abb. 5 ).

Der Rundblick von unserem, aus seiner helleren Umgebung rotbraun sich abhebenden Gipfel bot des Berggenusses reichlich genug. Die nächste Umgebung war eine echt andinische Berglandschaft, ein Gewirre kleiner Spitzen und Rücken, die sich wenig über eine mittlere Durchschnittshöhe erheben, so dass die Gipfel unter sich deutlich eine gemeinsame Gipfelflur erkennen lassen ( vgl. Abb. 9 und auch Abb. 21 ). Stolze, durch ihre Isolierung über die Nachbarschaft herausragende Einzelformen fehlen; demokratische Gleichheit herrscht unter den andi-nischen « oberen Viertausend ». Deshalb auch der einheitliche, hohe Bergwall, von dem eingangs die Rede war. Wir entdecken keine tiefen Quertäler wie z.B. jenes der Reuss oder der Linth, die sozusagen die Meereshöhe des Vorlandes bis ins Herz des Gebirges hineinziehen; Längsketten und Längstäler sind oro- und hydrographisch tonangebend und bringen eine gewisse Note von Einförmigkeit in das Ganze.

Kein einziger Schneefleck in dem vor uns liegenden Hochlande der Sierra del Norte weist auf die grosse Meereshöhe. Der Nordost-Passat hat schon längst die eventuellen Reste des leichten Schneeschleiers, der sich etwa während Schlechtwettertagen der Regenzeit über das Gebirge legt, aufgesogen. Ein Blick über die Nähe hinweg, nach den Schneehäuptern der Sierra Nevada de Mérida, lässt freilich vergessen, dass wir uns nur 9° nördlich des Äquators befinden.

Unendlich abgründig erschien der Abstieg nach Chachopo, das gegen Abend auf direkter Route ( Val San Lazaro, Abb. 6 ) wieder erreicht wurde. Das erste Examen in den Anden hatte ich somit bestanden; ich durfte mich an die weitern Unternehmungen wagen. Trotz der zurückgelegten Höhendifferenz von 5000 m wurde tags darauf von Timótes aus die Weiterreise, nun freilich im Mulasattel, angetreten.

Auf dem Reiseweg dieses Tages lag der allen Meridapilgern wohlbekannte Pass des « Alto Baramo de Mucuchies ». Dieser Pass ist trotz seiner Höhe für die im jenseitigen Chamatale gelegene Stadt Mérida eine der Hauptzufuhr-linien. Obwohl die Stadt talauswärts zu einer in der Ebene des Vorlandes gelegenen Bahnstation ( El Vigia ) näher gelegen ist, geben viele Transporte der Berg-route, die sie bis zu 4218 m anzusteigen zwingt, den Vorzug; der kristalline Untergrund bewahrt den Weg in besserem Zustand; die Vigiaroute hingegen verwandelt sich in der Regenperiode in einen breiigen Schlammbach, in welchem die Maultiere zu Dutzenden der Abschindung erliegen.

Von Timótes über die Wasserscheide von Mucuchies ist Mérida in zwei Tagen zu erreichen. Der junge Motatanfluss löst sich in anmutigem « Alpengelände » in eine Anzahl Quellarme auf; einzelne Häuser am Saumwege reichen bis in die Dreitausend Meter; die feilbietende « tienda » ( Krämerladen ) mit ihrem aufdringlichen Schilde des « detail de licores », des Schnapsverkaufes, folgt bis in alle Höhen. Wir erstehen uns etwas Brot und « dulce », um damit späterhin im « El Almuerza-dero » versehen zu sein; dies ist der obligate Frühstücks(Mittags!)platz, wonach die Stelle benannt ist, gelegen am Fusse des letzten Anstieges.

Nunmehr stehen wir wieder im gleichen Gelände- und Vegetationstypus wie gestern im Turmerotal. Espeletiaarten mit den sie begleitenden Gräsern und Sträuchern beleben das sonst kahle Gelände; es ist der eigentliche « paramos », wie der Andine diese kühlen Hochregionen nennt. Bei unserer Passtraverse erwies uns der Himmel nicht seine Gunst. Vergeblich wurde beim Passkreuz ( 4218 m ) auf einen freundlichen Sonnenblick für Kamera und Auge gewartet; die Wolkenschicht, die uns umhüllte, hing schon zu sitzfest in den Bergen. Solches ist in der Trockenzeit eine alltägliche Erscheinung. Um die zehnte Stunde schon beginnend, setzt sich täglich mit grösster Regelmässigkeit ein Nebelgürtel an den Bergschultern fest, der sich bald verdichtet und über die Viertausend hinauf sich verbreitet; nur die Herrschaften der Sierra Nevada ragen bis in den Nachmittag in die blaue Atmosphäre hinein.

Es zog ein kühler Wind über die Gratscheide; apathisch-bewegungslos standen die Maultiere am Passkreuz und sehnten sich nach dem Aufbruche... Zwei Stunden später sass ich drunten in der Posada von Apartaderos, beim selbstgemachten Tee — etwas dem Venezolaner völlig Unbekanntes — mich zu wärmen, während der « Tross » befriedigt war mit einem Sack voll Mais mit « Panela » ( inländischer, brauner Zucker ).

Apartaderos ( siehe Abb. 10 ) und die Berge des Paramo de Mucuchies nehmen in den Venezolanischen Anden eine ähnliche Zentrallage ein wie der St. Gotthard in den Schweizer Alpen. In dessen Nähe liegen die Wasserscheiden, welche die verschiedensten Flusssysteme voneinander trennen, demzufolge sich hier auch die wichtigsten Saumwege treffen, was in dem Namen des Geländes zum Ausdruck kommt ( Apartad = Scheideweg ). Auf der Passhöhe des Paramos von Mucuchies haben wir die Wasserscheide zwischen Motatan und Chama überschritten, welche beide, zwar in entgegengesetzter Richtung auseinanderlaufend, noch dem Lago de Maracaibo tributpflichtig sind; wenig östlich von Apartaderos liegt dagegen die Hauptwasserscheide, welche nordwärts und südwärts die Anden voneinander trennt. Jenseits fliessen die Wasser dem Hauptstrom des venezolanischen Llanos zu, dem Orinoco.

Dieser nur um zirka 250 m die Höhe der Posada von Apartaderos ( 3300 m ) überragende, wasserscheidende Bergpass trennt von dem Bergknoten von Apar-taderos-Mucuchies die südlichere Kette der Sierra de Santa Domingo. Es ist ein breites, flachwelliges, mit Glazialspuren reichlich versehenes Hochplateau ( Abb. 11 ). Käme uns hier oben die gelbe Postkutsche mit dem weissen Kreuz entgegen, es wäre nichts Unerwartetes, so sehr gemahnt das liebliche Bild an schweizerische Passhöhen. Dieses wird noch angenehm belebt durch einen ansehnlich grossen Bergsee, die Laguna Mifés, welcher unmittelbar die Passhöhe einnimmt. Es ist ein typischer, elliptisch langgezogener Moränensee. Ein 30 m hoher Moränenwall schwingt sich im Sichelbogen um das blaue Bergwasser ( Abb. 11 und 12 ). Mit seiner Stirnseite schliesst der Moränenwall das Wasserbecken gegen die Ost-, d.i. Chamaseite, zu ab, so dass heute der See gezwungen wird, sich nach der Orinocoseite zu entleeren. Ein weiterer, etwas tiefer gelegener und chama-wärts gerichteter Moränenbogen zeigt dagegen, dass der Diluvialgletscher mit einem ansehnlichen Teil seiner Schmelzwasser der Nordseite zugetan war. Es ist wahrscheinlich, dass die prächtig erhaltene Moräne der Laguna Mifés einem der letzten Gletscherrückzugsstadien entspricht; eine maximale Gletscherzunge dürfte in dieser zentralen Massenerhebung des Gebirges doch wahrscheinlich tiefer talwärts gereicht haben, eventuell bis Mucuchies ( zirka 3000 m ). Täler mit karförmigem Hintergrund, ihren Ursprung in der Sierra de Santo Domingo nehmend, vervollständigen das vor uns liegende Glazialbild.

Vorerst galt es, die südöstlich des Bergpasses liegende Kette von Mucubahi mit dem Feldstecher eifrig zu durchforschen; das gegenüberliegende, sanfte Paramo-gelände, wo der Getreidebau bis 3700 m hinaufreichte, bot günstigen Standpunkt. Die einzelnen Kämme und Spitzen wurden auf ihre Passierbarkeit und Zweckmässigkeit für einen Aufstieg sondiert. Lange blieb der Blick haften an dem bescheidenen Schneefeld, das unter dem Hauptgipfel der Kette, dem Pico Mu c u n u q u e, den Tropenwanderer anfröstelte.

Tags darauf sah uns die aufgehende Sonne schon in einer Höhe von 4000 m; es war bitter kalt um Ohren und Nasenspitzen; ich notierte noch 2° über dem Gefrierpunkte. In meiner Regleitung war Don Salomon, der stattliche und weit und breit sehr angesehene Posadabesitzer aus Apartaderos, der sich mir anerboten hatte, nun doch auch einmal unter die Gilde der Gipfelstürmer zu gehen. Die Besteigung des Pico Mucu nuque wurde ihm und mir zum Erlebnis, zu hohem Naturgenuss, zu belehrendem Naturschauen und -erkennen. Zum ersten Male freute es mich, an einem Sohne des Landes zu sehen, wie er die Schönheit der Berge erfasste. « Que lindo, que hermoso! » All diese Gipfelreihen, diese grünen Taltiefen und das aus den Ebenen der Llanos von Süden her andrängende Wolkengewoge ( Abb. 13 )! Eine anregende Gratkletterei, auf und nieder über kleine Zacken und Vorgipfel, leitete gegen Mittag auf den Gipfel; die prächtigen Mus-kovitschiefer und -gneise, teils auch grossäugige Granatgesteine, eigneten sich in ausgezeichneter Weise dazu.

Der Pico Mucu nuque ( Abb. 14 ) formt mit seiner Höhe von 4672 m die höchste Erhebung des venezolanischen Andenzuges östlich der Sierra Nevada. Der Umstand, dass wahrscheinlich eine Erstbesteigung ausgeführt worden war, wurde durch Errichtung eines dicken Steinmannes dokumentiert ( 12. Februar ). Zur Vervollständigung alpiner Reminiszenzen gab es noch einen Abstieg in direkter Nordrichtung durch ein schwach vereistes Felscouloir und eine kurze Rutschfahrt über echten, weissen Firnschnee, mein erster, wirklicher Tropenschnee, der sich übrigens in nichts von heimatlichem Weiss unterschied. Der Rest des tiefen Abstieges ertrank leider in dem gewohnten Nachmittagsnebel; Wasserfälle, hemmende Felsabbrüche standen urplötzlich im Wege, und von dem schönen Wasserbecken der Laguna Negra — wahrscheinlich auch ein Glazialsee, aber mit anstehendem Felsriegel — war leider nicht viel mehr als ein nebelumwalltes Teilbild erfassbar; Schwärme wilder Enten scheuchten vor uns auf und zogen eine scharfe Linie durch das gekräuselte Wasser. Erst bei Dämmerung traten wir wieder in Don Salomon Villareals gastliche Posada, und des Tages Erlebnis wurde noch bei einem Glase vorzüglichen Jeres gefeiert.

Wie nicht selten in einem Bergland, sind in den Venezolanischen Anden die verschiedenen Lebenszonen in nächste Nachbarschaft zueinandergerückt. Der eine Tag noch auf dem Firnschnee des Hochgebirges, kann der nächste schon — oder bei Forcierung gar schon der gleiche Tag — durch die blühenden Kaffee-gärten und zwischen reichbeladenen Orangenbäumen hindurchführen. Solches bot auch die Weiterreise von Apartaderos das Chamatal abwärts.

Die Besiedlung der Talgabelung von Apartaderos entspricht einem Gehöfte, das nur zur Zeit der Getreideernte und Verarbeitung ( vorwiegend Weizen, trigo, weniger Gerste, cebada ) stärker bevölkert ist. Das höchste, ständig bewohnte Haus liegt hier nach Dr. Jahn in 3702 m, die Posada selbst in 3310 m. Das erste geschlossene Dorf, San Rafael de Mucuchies, dem eine schmucklose Kirche mit der stets davorliegenden eintönigen « Plaza » nicht fehlt, liegt eine halbe Stunde talabwärts; es ist mit 3130 m das höchste Kirchdorf der Venezolanischen Anden. Schon bei flüchtiger Beobachtung fällt in der Bevölkerung dieses höchsten Teiles des Chamatales ein nicht zu verkennender Einschlag indianischer Rassenmerkmale auf. Der Gesichtsausdruck verglichen mit dem des gewöhnlichen Vénézolan unterscheidet sich durch ein rundlich-ovales Antlitz mit eher etwas verbreiterter Nase, einen grösseren Mund und etwas hervorstehende Backenknochen. Das sehnig straffe Haar ist ebenfalls eine Reminiszenz an die indianischen Vorfahren; das wollige Kraushaar, welches als Andenken an die Negerbeimischung unter dem niedrigen Volke in den Küstenstrichen allverbreitet erscheint, ist in den Anden etwas völlig Unbekanntes.

Wie noch anzuführen ist, reisen wir hier in Hochtälern, die zur Zeit, als in der Mitte des 16. Jahrhunderts die spanischen Conquistadores in diese eindrangen, schon relativ dicht bevölkert und bebaut waren. Die Erinnerung an diese Gebirgs-indianer, die Cuicas, die Timótes, Mucubaches, Mucuchies, Mucunoes, Mucu tu y es und wie sie alle heissen, lebt noch in den Orts- und Geländenamen fort 1 ); in Flora und Fauna sind die populären Bezeichnungen indianischer Abkunft allverbreitet. Der Indianer leibhaftige Abkömmlinge, die noch als relativ rein betrachtet werden können, sind aber leider zu Museumsraritäten geworden, wenn überhaupt noch vorhanden, und ihre Sprache hat überall dem Spanischen Platz gemacht; nur einige wenige alte Leute scheinen dieselbe noch zu kennen. Der « furor de la conquista » hat sauber aufgeräumt und, was an Stelle des Alten getreten ist, macht keinen Anspruch auf Individualität und Rassigkeit. Doch immerhin finden wir, dass gerade hier im abgelegenen Gebirge Heimfleiss eigene Werte schafft und der Eingeborne nicht so sehr der Einfuhr fremder Erzeugnisse anhängt. Spinnen von Schafwolle zu warmen Decken, die verschiedentlich noch mit natürlichen Farbstoffen in einfachen Strichmustern gefärbt werden, ist allgemein Gebrauch. In der Kälte von Apartaderos und anderwärts sieht man Männer und Knaben den ganzen Tag ihre « Roana » tragen ( vgl. verschiedene Abbildungen ). Die meisten übrigen Gegenstände des täglichen Gebrauches — mit Ausnahme von Töpferwaren, Sandalen und Holzprodukten — kommen zum grössten Teile auf dem Rücken der Lasttiere von aussen ins Land. Es sind hauptsächlich angesehene, deutsche Geschäftshäuser, die den Markt in den Andentälern beherrschen.

Beim Durchritt durch M u cu chic s, dem höchst gelegenen Städtchen Venezuelas, tat ich en passant einen Blick in eine solche Import-Tienda. Sie ist, wie alle, gut, ja überreich assortiert; die Kaufkraft des Andenbürgers ist zurzeit schlecht, da der Rohkaffeepreis, der das Befinden seiner Börse regelt, niedrig ist. Neben den Alltäglichkeiten, wie Brot, Bohnen, Käse und Cigarillos lagert eine reiche Auswahl bunter Tücher und Decken; Glas- und Porzellanwaren, Heiligenbilder und -statuen füllen das nächste Gestell; Hüte und Alpargaten ( die gewöhnlichste, sandalenähnliche Fussbekleidung ) liegen daneben und obenauf, dräuend schwarz,Bemerkenswert ist, wie oft das Radikal « mucu » in Ortsnamen wiederkehrt. Es entstammt den verschiedensten indianischen Dialekten, deren beinahe jede Talschaft ihren eigenen besass. Das Wort, wie es heute geschrieben und ausgesprochen wird, tritt uns so in seiner spanischen Ummodlung entgegen, da schon die ersten Conquistadoren und Chronisten den ursprünglichen Laut nicht aussprechen konnten; dies soll, um so zu sagen, ein Mittelding zwischen Guttural und Nasal gewesen sein und eher als « mgö » zu schreiben sein; es scheint soviel als Ort, Gelände oder Platz bedeutet zu haben.

Als Auskunft gebend über Geschichte und Ethnologie des durchreisten Gebietes seien hier erwähnt: Julio C. Salas: Tierra Firme, Estudios sobre Etnologia e Historia. Tulio Febres Corderò: Decadas de la Historia de Mérida.

steht ein Sarg, für einen freundlichen Käufer schon bei Lebzeiten erstehbar; das « Memento » wird ergänzt durch den Ausschank von « Aguardiente », dem gewöhnlichen Schnaps

Das kahle Grasland von Mucuchies — wir befinden uns noch in 3000 m Höhe — ändert sich in der Folge der Talabwärtswanderung in ein solches mit zunehmender Anbaunutzung: von 2500 m abwärts stellt sich wieder Mais ein, und von 2200 m an belebt das Grün der « Cana », des Zuckerrohrs, wieder das Gelände; längs den Wegmauern blühen schrillrote Geranien, und zwischen den Mauersteinen fristet der bis in alle Höhen vorkommende Scheibenkaktus sein Leben, wirklich der genügsamste Plebejer am Wegrand. Die Talsohle in 1800 m Höhe prangt wieder im leuchtenden Rot der Bucarebäume, die mit ihren lichten Kronen die Kaffeepflanzungen beschatten. Alte Veteranen sind über und über bewachsen mit Parasiten aller Art ( Orchideen- und Kaktusartenvon ihren Ästen hängt in meterlangen Barten die « barba de palo », eine Bromeliaceenart ( Tillandsia usneoides; siehe Abb. 16 ). In dieses, den Augen wohltuende, grüne Landschaftsbild schauen die weissen Doppeltürme der Kirche von Ta bai, und in den klaren Morgenstunden sind es die schneeigen Häupter der Concha und Columna, die das Kontrastreiche dieser Landschaft noch besonders betonen. Ja, man könnte sogar geneigt sein, in dieser Gegensätzlichkeit, in diesem Nahebeieinander verschiedenster Lebenszonen eine gewisse Schroffheit zu sehen; im Grunde genommen liegt aber doch eine erquickende Harmonie in dieser Kompensierung von Naturschönheiten. Hier lasst uns wohnen, arbeiten und gemessen! Hier befinden wir uns in jener Höhenlage, wo das Tropenklima ein Genuss ist, wo nicht mehr Schwüle, Fieber und Abmattung dem Menschen verhängnisvoll werden.

Dieser Vorzüge erfreut sich die Stadt Mérida, die historische Hauptstadt der Venezolanischen Anden. Die Stadt liegt hoch oben über dem Chamaflusse in 1640 m Höhe auf weiter Mesahochfläche und zählt ungefähr 14,000 Einwohner. Schon aus der Ferne zeigt dem von oben Kommenden eine hohe, weisse Säule am Rande des 200 m hohen Terrassenabbruches die Lage der Stadt an; es ist das Bolivardenkmal, die Büste des « Libertador », hinaufgesetzt auf eine fabrikschlot-artige Säule. Beinahe kein grösserer Ort entbehrt dieses Erinnerungszeichen an den Helden der Befreiung, der nunmehr des Landes Idol geworden ist, zu seinen Lebzeiten aber in die Verbannung getrieben wurde. Leider aber bringt diese Denkmalsmanie in Venezuela wenig befriedigende Schöpfungen zustande; mag gelegentlich das plastische Werk für sich annehmbar sein, so beleidigen doch dessen Aufstellung, Unterbau oder Umgebung jedes ästhetische Gefühl.

Die Anlage von Mérida, dessen Gründung als spanische Niederlassung schon in das Jahr 1542 fällt, ist weit und offen, aber von der gleichen banalen Eintönigkeit, die allen jenen Orten eigen ist. Längs einem System rechtwinklig sich schneidender Strassenzüge ordnen sich die schmuck- und stillosen Häuser zu langen Reihen. In der wichtigsten derselben treffen wir wohlversorgte Kaufläden und die offiziellen Gebäude der Staatshauptstadt, die sich um die « Plaza » konzentrieren. Ja, sogar eine « Universität » hat sich hier hinauf in die Berge verloren; dass eine solche einer europäischen Hochschule nicht gleichwertig ist, ist klar. Auch das Hotel, das mir während meines Aufenthaltes gastlichen Verbleib bot, lag an dem rosenbestandenen Hauptplatz; vom Balkon schweifte der Blick zwischen den Türmen der Kathedrale hinauf zu den beiden Wächtern 19. Das Biwak unterhalb des El Alto Passes in ca. 4150 m 20. Das Columna-Massiv, gesehen vom Gipfel des Toro 21. Tiefblick durch eine Gratscharte im Aufstieg nach dem P. Espejo 23. Der gletscherumpanzerte Columna-Gipfel, gesehen vom P. Espejo des Tales, dem Toro und Leon, die ihre Häupter, von einzelnen Schneebändern umleistet, mehr als 3000 m über die Stadt erheben. Der stolzeste aber in ihrem Kreise, die Columna, guckt mit ihrer hohen, gletscherumsäumten Stirn eben noch über die firstförmig ins Chamatal vorspringenden Vorberge. Zur nähern Erläuterung der Wohnstätte dieser Herrschaften müssen erst einige Bemerkungen über die Orographie der Umgebung eingeschaltet werden.

Im Abschnitte von Mérida erreicht der nach Venezuela virgierende Ast der südamerikanischen Kordillere seine höchste Erhebung. Diese Kulmination fällt so ziemlich mit der Mitte dieses venezolanischen Kordillerenastes zusammen. Zwischen den beiden Längstälern, dem Chamatal und jenem seines linksseitigen Nebenflusses, des Rio de la Nuestra Senora, sinkt die Kammlinie der zentralen Andenkette auf mindestens 40 km nicht unter 4000 m Meereshöhe. Hier erheben sich, um nur einige Auserwählte vorzustellen, von Nordosten nach Südwesten der Pico Torrecito zu 4547 m, der Pico Cardenillo zu 4480 m, La Concha zu 4922 m, die Corona mit dem Humbold- und Bonpland-Peak zu 4942 und 4883 m, La Columna zu 5002 m, der Toro zu 4758 und der Leon zu 4743 m. Die Columna spitze erreicht mit ihren 5000 m die Rekordhöhe für das ganze Land. Diese kristalline Hochgebirgskette, die als die Sierra Nevada de Mérida bezeichnet wird, erscheint eingekeilt zwischen zwei Sedimentärzonen; der einen sind wir in der Längsrichtung des Gebirges vom Motatantal ins Chamatal hinübergefolgt, wo sie mit jüngeren Kreidegesteinen vergesellschaftet ist; die andere Sedimentärzone, ebenfalls hauptsächlich phyllitische Tonschiefer enthaltend, streicht durch das Tal von Los Nevados und fällt gelegentlich unter das Kristallin der Sierra ein. Ob wir in dem kristallinen Massive eine autochthone Gebirgsmasse oder eine ortsfremde Schubmasse vor uns haben, liegt noch vollkommen im Dunkel. Die genauere geologische Erforschung der Venezolanischen Anden hat überhaupt noch gar nicht eingesetzt, und es wäre deshalb verfrüht, hier Theorien anderer Strecken zur Anwendung bringen zu wollen. Immerhin sind einige allgemeine Kongruenzen zwischen regionaler Alpentektonik und jener unseres Andenabschnittes zu erkennen; im grossen und ganzen macht die Andenkette den Eindruck, weniger unter regionalen tektonischen Umwälzungen und regionaler Metamorphose gestanden zu haben als die Alpen.

In Anbetracht der grossen Höhen ragt, wie der Name der Kette andeutet, eine kleine Gruppe von Hochgipfeln über die Schneegrenze hinauf, welche eher niedrig liegt. Nach meinen Beobachtungen — und diese fallen so ziemlich in die Zeit der stärksten jährlichen Rückschmelzung — kann man die Grenze dauernder Schneeflecke, also die Schneegrenze, in eine Höhe von zirka 4650 m verlegen. ( Vergleichsweise: Himalaya 5500 m, Anden Bolivias 4850 m [Ost], 5630 m [West], Nord-Chile 5500 m, Kilima-n'djaro 4600 m, Mexiko 4500 m, Abessinien 4300 m etc. ) Über diesem Niveau fällt also ein wesentlicher Teil des Jahresniederschlages in Form von Schnee, dessen Übermass an den Gipfelstöcken der Corona, Concha und Columna zu ansehnlicher Gletscherbildung geführt hat. An der Concha und der Corona sind es Gletscher, die mehr einem Hochplateautypus ähneln, die aber nach unten in eine breite Eiszunge auslaufen, ohne jedoch einen Talgletscher zu formen; desgleichen entwickeln sich an der allseitig vergletscherten Columna keine Talgletscher; es sind vielmehr kleine, zusammenlaufende Eiszungen, welche die Sammelrunsen der kleinen Täler füllen. ( Vgl. stets die Abbildungen sowie das Eckkärtchen der S.Nevada-Route. ) Am Glaciar del Espejo ( Nord-westfront der Columna ) wurde die Eisdicke des Gletscherabbruches durch Dr. A.J.ahn auf 24 m bestimmt. Die Vergletscherung der Nordost- und Nordwestseite ist bedeutender als jene der südwärts schauenden Talabschlüsse, ein Umstand, der die Exposition nach der Lagunaküste mit den von ihr aufsteigenden, feuchteren Luftströmungen zum Ausdruck bringt. Die Gesamtoberfläche der Vergletscherung in der Sierra Nevada dürfte doch immerhin einige Quadratkilometer bedecken.

Dieses eisige Hochland lässt sich von dem Immergrün Méridas aus täglich gemessen; die Höhe kann ohne sehr grosse Anstrengung erreicht werden. An der nötigen Bergfreude, solches auszuführen, mangelte es mir nicht. Die Vorbereitungen für eine Nevadatour entbehrten auch nicht der humorvollen Beigabe; ich kam mir nachgerade, bis alles geregelt war, ein wenig als Tartarin vor; dies um so treffender, als mir zum Ersatz des leider fehlenden Eispickels eine verrostete Gartenhaue angeboten wurde. Wer Bergbesteigungen in den Anden ausführen will, tut am besten, seine Ausrüstungsgegenstände von Europa mitzubringen — und auch einen guten Gefährten, der jeden Führer ersetzt. Denn, was dem Alpinisten zweckdienlich, ist es auch dem « Andinisten ».

Leider wollte es ein neidiges Geschick, dass es mir nicht vergönnt war, in Begleitung des vorzüglichen Andenkenners Dr. Alfredo Jahn, der eben im Staate Mérida anwesend war, eine gemeinsame Bergfahrt auszuführen; es hielt ihn unerreichbar abseits in den Bergen. Mit Rat und Hilfsbereitschaft trat an seine Stelle sein Freund, der Apotheker Dr. Pablo Franco. Als « mas conocido » für die « Nevados » verschaffte er mir Méridas Eismann als « Führer ». Wirklich, Mérida hat seinen Eismann! Francisco Arraque heisst er und bringt wöchentlich zweimal den Meridensern « hielo natural », Gletschereis, das er in schwerer Last auf seinem Rücken zu Tale schafft; 4 bis 5 « arrobas » ( zirka 200 Pfund ) jede Reise, bezahlt mit zirka 20 Bolivar, erzählt er mir seufzend; das Eis schlägt er freilich nicht, wie gewöhnlich erzählt wird, am Gletscher selbst, sondern am Fusse eines Gletscherabbruches, was freilich der Eigenartigkeit, dass ein Tropenstädter sein « dulce » mit Natureis gekältet erhalten kann, keinen Eintrag tut.

Doch nun hinan den hohen Berghang! Während in den bis anhin durchzogenen Tälern die Aufeinanderfolge der einzelnen Vegetationsstufen zufolge der Rodung und Bebauung des Menschen nicht mehr sehr deutlich zu erkennen ist, wird man ihrer bei einem Anstieg in die Sierra Nevada viel besser gewahr. Ein breiter Gürtel feuchten Tropenwaldes folgt über einer tieferen Zone mit Anbau; diese letztere weist in der Taltiefe Kaffeepflanzungen auf, darüber liegen auf den firstförmig ins Tal vorspringenden Bergrippen kleinere Äcker von Mais, Bohnen und Kartoffeln, die mit den sie begleitenden dürftigen Behausungen bis 2100 m anhalten. Der Hochwald ist von Baumfarnen reichlich durchsetzt; verschiedene Cinchonaarten erinnern daran, dass wir uns in Südamerika in der eigentlichen Heimat des Chinarindenbaumes befinden; dieser von Feuchtigkeit triefende Wald hält bis in eine Höhe von zirka 2950 m an. Darüber gelangen wir in eine blumenreiche Gestrüpp- und Krummholzzone, welche die Waldgrenze markiert und nach oben in die früher schon erwähnte Frailejonvegetation übergeht.

Ein feuchtkalter Rieselregen durchnässte uns beim Aufstieg durch den Wald und machte den steilen Hohlweg äusserst schlüpfrig; es galt, sich festzuhalten im Sattel des « macho » ( männliches Maultier ) und seinem Ächzen und Stöhnen kein Mitleid zu schenken; das Zurückbleiben der Gepäckmula liess jedoch befürchten, dass das Ziel des ersten Tages, ein aufzuschlagendes Biwak nächst der 4276 m hohen Passhöhe des « Alto de los Nevados », nicht erreicht werden sollte. Mit etwas Schamgefühl habe ich hier einzugestehen, dass ich beabsichtigte, mich bis in diese Höhe hinauftragen zu lassen; zur Entschuldigung mag der allgemeine Gebrauch des stetigen Reitens angeführt sein, der im vorliegenden Falle zweckdienlich war, da bei der zu erreichenden, grossen Höhe Ausschaltung körperlicher Anstrengung von Wert war, um da, wo eigene Arbeit erforderlich ist, vollkommen « frisch » zu sein.

In der Gesträuchvegetation ausserhalb des feuchten Waldes angelangt, wurde beschlossen, den ersten Tag der Nevadatour schon hier zu beschliessen. Eine für eine kopfreiche Bergbauernfamilie eben errichtete Heimstätte diente als Unterschlupf ( El Aguada ). Wenig versprechend rieselte es draussen aus den Nebelschwaden, während man drinnen dem wärmenden Herdfeuer stets näher rückte. « El paramo es muy frio, la vida muy dura, pero la gente esta sano », meinte die geschwätzige Hausfrau und, um dies zu beweisen, wurde sie nicht müde, stetsfort neue Arepafladen an das Feuer zu stellen und sie langsam zu rösten. « Arepa » nimmt in der Speisekarte des Andinen die gleich hervorragende Stellung ein wie « Platanos » ( Bananen ) in derjenigen des Vorlandbewohners. Maismehl wird zu einem zähen Teig geknetet, zu Scheiben ausgezogen und am offenen Feuer geröstet. Stundenlang dauerte die Arepabackerei; sie wurde zur Massenproduktion, was in Anbetracht der stets neu eintretenden Gäste, die alle mehr oder weniger zum Hausgesinde zu gehören schienen, auch sehr nützlich war; ein letzter Ankömmling hatte rucksackmässig seine Mandoline über den Rücken geschnallt und gab alsbald die Töne des verstimmten Instrumentes zum besten. Die Schlafberechtigten waren nun so zahlreich, dass mir für eine Schlafmöglichkeit bald bange wurde. Es gab eine Lösung der verwickelten Frage! Der Americano » ( so heisst beinahe jeder Weisse ) bekam den Ehrenplatz. Ein kleiner Hausanbau enthielt den Hausaltar; eine Pritsche, bedeckt mit wolligen Frailejonblättern, lag daneben; unter der Beschirmung der « Nuestra Santa Senora » hoffte ich auf einen bessern Tag, einen Tag voll Sonnenglanz und Berggenuss.

Das nächste Morgengrauen traf uns schon im kühlen Hauch des nahen Eises. Aus lichtem Wolkenschleier enthüllte sich der Bergkoloss, die C o l u m n a, ein Hochgebirgsbild, das würdig einen alpinen Vergleich aushält ( Abb. 17 ). Von den gezackten Graten, die nach dem abschliessenden Felsaufsatz des Gipfels zustreben, strömt, noch in das Licht des Morgengrauens gehüllt, der Espejogletscher talwärts; ein lieblicher, kleiner Glazialsee träumt am Fusse der das Tal abschliessenden Felswände; seine Umgebung sind Rundbuckel; sie erzählen von der einst noch mächtigeren Eisbildung. Die kahlen, felsdurchsetzten Gehänge der Bergseite unseres Anstieges ziehen hinauf nach dem Toro, unserm heutigen Ziel.

Der unmittelbare Anstieg nach dem Toro beginnt bei der Passhöhe des « Alto de los Nevados » ( 4276 m ). Es ist 7 Uhr morgens; ein bitterkalter Wind erinnert an die grosse Meereshöhe. Eine unschwere und kurze Kletterpartie über die leicht vereisten Gneisplatten des Gipfelgrates führt nach 1% Stunden auf die hohe Warte des Torogipfels ( Abb. 18 ), von wo aus wir — mehr als 100 m über Monte Rosa-Höhe — das Land überblickten. Venezuela präsentiert sich heute jedoch nicht viel anders als die biedere Eidgenossenschaft an einem trüben Novembertag von der Höhe des Uto gesehen. Wallende Nebel erfüllen die Täler in allen Richtungen; die wesentlich über die 4000 m sich erhebenden Bergzüge der Sierra del Norte ragen nur als kleine Inseln aus dem weissen Meer. Wer weiss, vielleicht schauen sie drunten in Mérida in einen Regentagmorgen, während uns strahlende Hochlandsonne leuchtet.

In geschützter Lage, zirka 100 m unter der Passhöhe, war nach meiner Gipfelrückkehr ein Biwak erstanden. Zwischen Blöcken eingeschlossen, in deren Schutz noch reichlich Gesträucher ( z.B. Salbeiarten ) ein Fortkommen fristen, war das Zelt aufgeschlagen ( Abb. 19 ). Nach einer brennend heissen Nachmittagssonne fröstelte der Abendschatten schon ganz empfindlich und versprach eine kalte Nacht, gegen die ich durch Vollstopfen der Kleider mit Zeitungspapier einigermassen vorsorgte, war ich doch nicht viel anders gekleidet als im tropischen Tieflande. Die Kälte der Morgenfrühe wurde begreiflicherweise zur sicheren Weckeruhr. Zähneklappernd konstatierte ich —3° C. Das Wasser, welches ich abends zuvor für den Morgenkaffee bereitgestellt hatte, war gefroren, welch Tropenidyll I Die Besteigung des Toro tags zuvor war eine Wiederholung einer durch relativ wenige Vorgänger ausgeführten Gipfel visite; würde ich dagegen den Columnagipfel erreicht haben — was ich in wenig bescheidener Weise natürlich auf das folgende Tagesprogramm gesetzt hatte —, so wäre eine respektable Erstbesteigung ausgeführt worden. Zu meinem Ärger aber wartet die stolze Col um na noch heute auf ihren Erstbesteiger; auf einem der Vorgipfel, den « Hermanas », war ich in zirka 4920 m Höhe gewissennassen an der Schwelle des Tempels angelangt, ersah dessen glänzende Pracht, der Eintritt blieb mir aber für diesmal versagt.

In einigen Umrissen sei die Columnatour anhand des schematisch gehaltenen Eckkärtchens skizziert. Den Anstiegsgrat formt ein mehr oder weniger felsig-zackiger Grat — resp. erst ein Seitensporn desselben —, der sich mit Nordostrichtung von der Passhöhe nach einem Columnagratgipfel, dem Pico Espejo, hinanzieht. Über rauhrippige, teilweise zu Rundbuckeln modellierte und mit Gletscherschliffen versehene Schiefer ( meist Glimmergneise ), vorbei an dem anmutigen Karsee der Laguna del Gallo, wurde in ansteigender Traverse diesem Grate gefolgt. Grandios war der Tiefblick beim Erreichen der Gratscheide in ungefähr 4500 m. Zwischen den grotesken Gratgendarmen hindurch labt sich das Auge an den Talgründen in schattiger Tiefe, an dem lang sich hinziehenden, spitzen-besäumten Wall der gegenüberliegenden Sierra del Norte, bleibt aber bezaubert gebannt an der eisbepanzerten Columnafront des Vordergrundes. ( Siehe Abb. 21, 22, 23. ) Des Geologen Auge im besondern hat noch den weitern Genuss an der wunderbaren Durchaderung der Gneise und Glimmerschiefer durch endlose, weisse Bänder pegmatitischer Injektion. Die kahle Felsoberfläche ist völlig durchschwärmt von den Bändern und Schnüren des schönen Injektionsgesteins, das in der Hauptsache der Schieferungsfläche folgt. Handgrosse Muskovitblätter und Säulen von Turmalinen und Augiten regen zum Sammeln an.

gipfel(l ) und den westlichsten Hermanas-Zacken Mit dem Pico E s p e j o, der nach dreistündigem Anstieg erreicht wurde, war Mont Blanc-Höhe schon überholt ( 4835 m ). Auch war damit der bis anhin höchst erreichte Punkt der Columna gewonnen ( Dr. A.J.ahn und P. Franco, 1911 ). Begeisterung und Enttäuschung packten mich hier oben zugleich; der ersteren Ursache erklärt ein Blick auf Abb. 23; die Missstimmung aber hatte ihren Grund in der betrübenden Erkenntnis, dass eine Fortsetzung des Aufstieges über den Südwestgrat ein allzu kühnes Unternehmen wäre; meine Ausrüstung verbot mir, mich mit dem vereisten, stets von scharfen Zacken und Türmen unterbrochenen Grate zu messen; auf meinen « Eismann » konnte ich im Eise nicht bauen. Ich hielt somit Ausschau nach irgendeinem Felseinstieg, der gipfelwärts leiten konnte. Nur vermutungsweise glaubte ich einen solchen in dem zwar nicht sichtbaren Ostgrate voraussetzen zu dürfen. Bis zu einer kleinen Einschränkung gab mir die Fortsetzung der Tour auch recht. Das Erreichen des Ostgrates, der die Columna mit dem nächst östlicheren Hochgipfel, der Concha, verbindet ( gelegen hinter dem in Abb. 24 sichtbaren, kurzen Südgrat ), war aber nur mit ganz bedeutendem Höhenverlust und Gegensteigung zu erkaufen. Ein Abstieg durch ein Couloir in das Valle Timoncito war bald gefunden ( obere Verzweigung des Tales von Los Nevados ). Über uns liessen wir den Abbruch des kleinen Timoncitogletschers ( Abb. 24 ), und vor uns glänzten die Eishäupter des Coronamassivs ( Abb. 25 ). Eine Schwenkung wieder in der Richtung grataufwärts führte in die der Timon-citonische analoge Bergnische, welche den kleinen « Hermanas»-Gletscher birgt ( Abb. 26 ).

Von dieser Seite ( Südosten ) zeigte die Columna ein etwas anderes, weniger weiss verschleiertes Gesicht. Hohe Strebepfeiler steilgestellter Gneisplatten, durch ihr Streichen den Verlauf des Grates bestimmend ( vgl. Abb. 24 und 26 ), formen eine zackige Bergmauer; deren höchste Zinne bildet der Columnasüdgipfel, mit dem von hier nicht sichtbaren Hauptgipfel durch einen scharfen Firnkamm verbunden; nach Osten setzt derselbe in einen Zackengrat fort, der einigermassen an die bekannten Jungfrauen oder Tschingelhörner am Segnespass erinnert; ich gestatte mir deshalb, eine gedankenverwandte Taufe vorzunehmen und sie als die « Hermanas » — es sind deren fünf Schwestern — zu bezeichnen ( Abb. 27 ).

Leider war es inzwischen schon Mittag geworden; stürmisch drängten von Süden her die siegesgewissen Nebelvorposten, die tagtäglich das Blau des Himmels erobern. Wollte ich noch etwelche Aussicht geniessen, dann hatte ich nach der nächsten Grathöhe, also nach den Hermanas, zu halten. Eine kurze Kletterpartie brachte mich auf die grosse Gratgwächte, welche die Nordkante der Hermanas, sofern überhaupt Ansetzungsmöglichkeit vorhanden, besäumt ( Abb. 27 ). Von hier aus, dem östlichsten Hermanasgipfel, durfte ich mich mit einer Gipfelschau begnügen ( Abb. 28 ). Weiteres Vordringen über den Grat wäre noch harte Arbeit gewesen; zudem verdeckte der Himmel gänzlich sein freundliches Gesicht; die Rückwanderung war eine kontinuierliche Nebelreise. Erst bei Dämmerung wurde das Biwak erreicht und noch schleunigst als Flucht vor der Kälte der Nacht einige 100 m talwärts geeilt.

Ich erwähnte schon vorher, dass die kristalline Kette der Sierra Nevada auf der Südostseite von einer phyllitischen Schieferzone begleitet wird, welcher das Tal des Rio de la Nuestra Senora folgt. Zur Erweiterung des Einblickes in dieses schöne Gebirgsland wurde die Rückkehr nach Mérida um den Abstieg in Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 57. Jahrg.. „ dieses Tal verlängert. Nur ungern verzichtete ich auf weitere Besteigungen, wie sehr auch Concha und Corona ( Abb. 29 und 25 ) mich mit hundert Banden zu halten schienen. Das vorgenommene Reiseprogramm verbot Ergänzungen.

Eingeschlossen zwischen die Kette der Sierra Nevada im Nordwesten und der auch noch mit 3200ern besetzten Bergkette von Aricagua im Südosten, hängt das genannte Tal von Los Nevados — dies sein Hauptort in zirka 2700 m — nur durch Paramopässe mit der Aussenwelt resp. dem Chamatal zusammen, welch letzteres bei solcher Abgeschlossenheit schon als grosse Heeresstrasse sich ausnimmt. Den « Alto de los Nevados » haben wir schon passiert, der Paramo del Morrò, der den Talweg auch wieder beinahe zu 3000 m hinaufführt, setzt das Tal an tieferer Stelle mit Mérida in Verbindung.

Der Ritt in der Längsrichtung durch das Tal von Los Nevados auswärts reihte wieder echt andine Bilder aneinander. Hunderte von Metern über dem schäumenden Talfluss führte der schmale Reitweg an runsendurchfurchtem Gehänge entlang ( Abb. 30 ). Gewisse Talpartien erinnerten nicht unwesentlich an irgendein von Erosion zerschnittenes, tobeldurchsetztes Bündnerschiefertal. Anfänglich boten die tiefen Runsen des Geländes mit ihren Überraschungen an Ein- und Austrittsstelle ihren Reiz; wie aber die Mittagssonne, die hier in 1800 m Höhe ihren scharfen Blick hat, gar lästig wurde, wünschte man sich doch sehnlichst zur Kürzung dieser endlosen Wegverlängerung die Geradheit der banalen Landstrasse herbei — doch in Venezuela geht nichts den kürzesten und geraden Weg, weder im Mulasattel noch im täglichen Leben!

Es war schon vorgerückter Nachmittag, als die Waldgrenze des Paramo von El Moro erreicht war. Wie ein Blütenstrauss zur Erinnerung an die prächtige Nevadatour präsentierte sich hier die Gesträuchvegetation noch in üppiger Blüte, bedeutend reicher als an andern Orten. Leuchtend rot flammte aus dem satten Grün des stattlichen Strauches die Blüte der unserer Alpenrose sehr ähnlichen Bejaria — meine Begleiter nannten sie « Pegapega », d. i. « die Klebrige », wegen des klebrigen Saftes, der den Blüten anhaftetdaneben erfreuten dichte Vac-ciniumbüsche, Albrecias, besetzt mit leicht rosa gefärbten, blütenähnlichen Beeren, und verschiedene Hypericumsträucher in prangendem Blütenschmuck. Besonders letztere Johanniskräuter erscheinen in den Anden, wie dies Prof. Bürger hervorhebt, in einem eigentümlich verkappten Kleide; in Blattwerk und Form ahmen sie weitentfernte Pflanzengattungen nach, welche Eigentümlichkeit seinerzeit Humbold und Bonpland durch die Namengebung passend zum Ausdruck brachten: den wacholderähnlichen Hypericum nannten sie H. juniperinum, den cypresseähnlichen H. thuyoides. Wie der Abstieg ins Chamatal einsetzte, umfing uns wieder der obligate Nachmittagsnebel; noch vor Erreichen von Mérida musste eine Nachtstation eingeschaltet werden.

Einige Tage später wurde die Ausreise aus Mérida angetreten. Strahlender Sommerhimmel erglänzte über dem farbenreichen Andental, als ich in Begleitung des inzwischen aus Mene Grande eingetroffenen, holländischen « Petrol-kollegen » die einzige Fahrstrasse des Tales ( Merida-Ejido-Lagunillas ) über die Mesa hinabritt, um bei Ejido wieder bergwärts abzuschwenken. Es wäre Missachtung gewesen, die zentrale Andenstrecke zu verlassen, ohne auch den Paramo und seine Gipfel in der nördlichen Hauptkette besucht zu haben. Ein solcher Abstecher von Mérida aus in die Sierra del Norte hatte wenig Erfolg.

Nun wollte ich es von Jaji aus versuchen. Hier gab es endlich für den geologischen Hammer auch jüngeres Sediment zu klopfen. Blauschwarze Schiefertone von Kreidealter formen einen weiten, wellig-hügeligen Talzirkus, der an eine voralpine Flyschlandschaft erinnert. In äusserst anmutiger Weise erscheint das kleine Bergdorf Jaji mit seinem weissen Kirchlein in dieses grüne Gelände hineingestellt; einzelne zerstreute Gehöfte markieren die verschiedenen Kaffeeplantagen, die zu einem guten Teil Eigentum des Dorfmagnaten, eines Italieners, sind.

Das Bergziel von Jaji ( 1820 m ) aus war der letzte 4000er in der gegen Südwesten rasch niedriger werdenden Sierra del Norte, der Pico los Conejos ( zirka 4070 m ). ( Abb. 31, 32 und 33. ) Es war ein letzter Gruss hinüber zu den neuen Bekannten der letzten Tage, dann konnte auch hier der Hirte das Lied von dem dahingegangenen Sommer sich ins Gedächtnis zurückrufen; solcher Herbststimmung entsprach auch die blumenarme Flora, dieses Paramo. Die Weiterreise war nur mehr eine Tal- und Passwanderung und zudem nicht mehr begünstigt von gutem Wetter.

Ein Weilchen sei eben noch in Lagunillas stillgestanden. Der Name des Städtchens weist auf die Anwesenheit eines Sees oder Laguna hin. Ein solcher liegt in die gewaltig dicken Schuttmassen eingebettet, die hier das Chamatal erfüllen, und besitzt die Eigentümlichkeit, das von hier seinen Namen tragende Salz Urao zu enthalten. Es wird in den landfest gewordenen Randpartien des Sees in untiefen Schächten ergraben, aus der Lösung niedergeschlagen und verkauft. Seine Verwendung beschränkt sich im wesentlichen nur auf die Beimischung zu dem sogenannten « Chimo », einem schmierig braunen Tabakabsude, den jeder venezolanische Peon sich in den Mund streicht, eine ähnliche, aber noch widrigere Unsitte wie das Betelnusskauen des Ostens. Urao ist ein seltenes Mineral, das sonst noch in den Natronseen Ägyptens und Ostindiens gefunden wird; es ist ein basisches, wasserhaltiges Natriumkarbonat.

Von Lagunillas aus wird zurzeit am Weiterbau der Talstrasse gebaut, welche das Chamatal mit der Aussenwelt verbinden soll, eine Unternehmung, die zurzeit unter der Oberaufsicht von Dr. A.J.ahn steht. So hatte ich hier endlich das Vergnügen, den verdienten Andenforscher anzutreffen, der eben von einer Expedition nach dem Süden des Staates zurückkehrte. Doch welche Tücke, Karneval beraubte uns des gemütlichen Plauderstündchens, das ich erhoffte. Lagunillas, das an diesem für ganz Latein-Amerika so wichtigen Fest zum erstenmal « Stadt mit Autostrasse » geworden war, feierte es deshalb dieses Jahr mit ganz besonderem Eifer. Da des Staates erster Politiker und Beamter, der Präsident des Staates Mérida, diese « Geschäfte » selbst angeregt hatte und persönlich leitete, gab es kein Entschlüpfen — und mitgefangen, mitgehangen!

Die Umgebung von Lagunillas, insbesondere die Strecke talabwärts, besitzt ausgesprochen den Charakter einer Einöde mit spärlicher, xerophytischer Vegetation auf sonst kahlen, runsendurchfurchten Gehängen ( Abb. 34 ). Diese sterile Kaktuslandschaft formt einen wuchtigen Gegensatz zu der üppigen Vegetation von Mérida, das nur 600 m höher liegt im Abstand von zirka 35 km, wieder ein Beispiel für das nahe Nebeneinander der verschiedensten Lebenszonen. Während Mérida einen jährlichen Niederschlag von zirka 2000 mm ( bei einer Jahrestemperatur von 19° C. ) besitzen soll, ist derselbe für Lagunillas auf etwa 500 mm gesunken ( Mitteilungen von Dr. Jahn ). Bewässerung könnte hier einen Garten von Üppigkeit hervorzaubern, sie wäre bei Nutzbarmachung der mit starkem Gefälle einmündenden Seitenbäche relativ leicht möglich, doch solche Initiative fehlt dem Durchschnittsvenezolanen.

Eine Rückkehr ins Grün war die Wanderung durch das Tal des Rio Moco-ties. Dieses Tal setzt die Haupttalrichtung nach Südwesten fort, während der Chama selbst diese verlässt und, die äussere Andenkette durchbrechend, in nordwestlicher Richtung dem Vorland zustrebt. Das Tal des Mo co ties ist verhältnismässig reich bebaut und birgt eine Anzahl ansehnlicher Ortschaften; freilich auch hier, wie überall in Venezuela, könnte bei mehr Zweckmässigkeit und grösserem Fleiss seiner Bewohner das Zehnfache aus dem Boden geholt werden. Erster und letzter Ort des Tales, Santa Cruz de Mora und Bailadores, waren meine Nachtquartiere, während das einen bedeutenden Handel besitzende Städtchen Tovar nur einen Mittagsbesuch bekam ( Abb. 35 ) Den Talabschluss überschreitet der Talweg wieder in einem Paramopass, dem « Paramo de Portachuelo »; dass dieser zirka 2970 m hohe Pass ebenfalls von bedeutendem Verkehr belebt wird, zeigten die stetigen Saumtierkolonnen, denen man begegnete. Es war gerade Aschermittwoch, wie ich über den Portachuelo zog, der im jenseitigen Staate Tachira gelegenen Stadt La Grita zustrebend. Zahlreich pilgerten von allen umliegenden Gehöften her die Leute im Sonntagsgewand zur Messe nach Bailadores. Der Karneval hatte ausgetobt; die Mengen bunter Papierstreifen am Wegesrand erzählten noch von der gestrigen Freude. Aschermittwochstimmung zeigte auch der Himmel; trüb und grau hing es den ganzen Tag hernieder, und als ich am frühen Nachmittag die langen Strassen von La Grita durchritt, hatte der feuchte Nebel und Rieselregen Reiter und Gepäck bis in alle « Fugen und Winkel » durchdrungen.

La Grita, gelegen in 1420 m Höhe, veranschaulicht wieder typisch die eigenartige, geographische und kulturelle Position einer kleinen Andenstadt. Ebenmässig in Gittersystem auf ziemlich stark geneigter Mesafläche angelegt, repräsentiert es eine in Anbetracht der Isoliertheit in den Bergen noch respektabel grosse Siedelung. Nach dem Staate Mènda wie auch nach dem übrigen Tachira, wo die Stadt San Christobal das Handelszentrum bildet, leiten nur Paramosaum-pfade, den Weg bis in eine Höhe von 3000 m hinaufziehend. Und talauswärts hängt die Stadt allein durch einen mehr als Schluchtweg zu bezeichnenden, holperigen, schlechten Pfad mit der Station La Fria an der Tâchira-Eisenbahn zusammen. Ein 16 stündiger Ritt führt hier auf und ab durch das Tal des Gritaflusses, durch die mehrere 1000 m dicke Schichtfolge vom Kristallin der Batallonkette durch Kreide und Tertiär bis in die Schotterablagerungen des Vorlandes. Ein steiniger Alpweg, soweit der Pfad im Sandstein verläuft, steht der Verbindung einer Stadt mit der Aussenwelt nicht nach, während weiter auswärts, in der Strecke der Jüngern Schiefertone, ein fürchterlicher Schlammbrei das Fortkommen zu einem andauernden Kampfe macht. Alpine Verhältnisse liessen bei solcher Abgeschiedenheit ein kleines Bergdorf erwarten, wetterfeste Bauern und grosse Einfachheit. Statt dessen finden sich in diesem Andenstädtchen gesellschaftliche Formen nach spanischem Muster, gepuderte und geschminkte Dämchen à la mode de Paris, monumentale Kirchenfassaden, Feste, Vergnügen und Autos, welch letztere freilich keinen andern Ausweg haben.

als auf den « ripple marks » des holperigen Strassenpflasters von La Grita ihre Banden zu zerschinden.

La Grita war eigentlich für mich der Abschied von den Anden. Meinen Plan, die Reise bis zur Hauptstadt von Tâchira fortzusetzen, gab ich am letzten Scheidewege auf; die nebelumhangenen Berge machten ein allzu finsteres Gesicht, um von einem neuen Paramoübersteigen irgendwelchen Nutzen oder Naturgenuss zu erwarten. Gleich ungestüm wie der La Gritafluss drängte ich talauswärts, auf und ab über Steine und durch Kotströme in der Richtung nach La Fria. Ein Regentag hielt mich noch in dem Städtchen Seburuco, wo es mir eben noch darum zu tun war, die Kupferabsätze in den dortigen, wahrscheinlich kretazeischen, brecciösen Sandsteinen zu besuchen — auch wieder ein optimistischer Minentraum der Eingebornen!

Ich hatte das Bergland wieder mit der Ebene vertauscht. Eintöniger Wildbusch zog an den Fenstern des Eisenbahnwagens vorbei, der mich nach dem Städtchen Encontrados drunten am grossen Catatumboflusse bringen sollte. Gras-felder und einzelne Kakaopflanzungen, dann verschiedene Häusergruppen kündeten wieder die dürftige Kultur des Tieflandes an; auch die Barrieren, die hier einem glatt sich abwickelnden Verkehr in den Weg gelegt werden, bringen dem Reisenden die Rückkehr in echt venezolanische Verkehrspolitik ins Bewusstsein; in umständlicher Art, als ob man zu Kriegszeiten eine Landesgrenze passieren müsste, wird der Reisende mit Kontrollen, Revisionen und Abgaben belästigt, um vom Land auf den Flussdampfer zu kommen. Es beschlich mich ein Gefühl von Ruhe und Ungestörtheit, als in den frühen Abendstunden der Dampfer zur 48stündigen Fahrt nach Maracaibo die Windungen des Cata-tumbo hinabglitt. Mit der Fahrt durch den weiten Lago de Maracaibo war das Abschlussglied in die lange Reisekette gefügt.

Wieder lagen die von hellem Licht durchwirkten Umrisse von Maracaibo ( Abb. 36 ) vor mir, wie sie vor dem von Süden her Einfahrenden auftauchen; die blaue See, begrenzt durch den Saum einer niedrigen, rotbraun gefärbten Steilküste, an welche sich die von den überragenden Kirchtürmen beherrschte weisse Häuserkolonne anschliesst; ein schmaler Saum tief grüner Kokospalmen umsäumt das Weichbild der Stadt längs der Küste. Dieses tropische Landschaftsbild vor Augen, eilt unwillkürlich der Gedanke wieder zurück zu den Schneefeldern der Anden, so kurze Zeit zuvor geschaut; er lässt das Bild beider im Geiste gewissermassen zusammenfallen, zergliedert es aber alsbald wieder; hätte ich zu wählen zwischen beiden, ich glaube die rauhe Hoheit der Berge würde doch stets den Sieg davon tragen über das lieblichere Bild der Tieflandsküste.

Verzeichnis der Illustrationen mit erläuterndem Text.

Tafel I zu Seite 214.

1. Das Städtchen Vaierà, gesehen vom Süden. Die Berglandschaft ist zum Teil durch Nebel verdeckt; im Hintergrund die Talgabelung: links das Haupttal des Rio Motatan, rechts jenes des Rio Monboy, die Verkehrsrichtung talaufwärts. Erkenntlich ist die Anlage mit den geradlinigen Strassenzügen, gelegen auf einer Schotterhochfläche mit einzelnen Inselbergen darin ( z.B. Vordergrund ).

2. Das Tal des Rio Monboy bei dem Städtchen Mendoza. Im Hintergrund links das Städtchen; die Anpflanzungen im Talboden sind Zuckerrohr, die Baumgruppen hauptsächlich leuchtendrot blühende Bucarebäume, während die « Faldas » ( Abhänge ) kahl sind.

3. Blick vom Passwege von Lagunitas gegen das obere Motatantal. Den Hintergrund des Bildes nehmen die kristallinen Berge ( Las Porqueras ) unterhalb Timótes ein; in der Taltiefe ist eben noch die talausfüllende Schotterablagerung ( Mesa ) sichtbar.

4. Tiefblick auf die Mesa von Esnojaque mit gleichnamigem Dorf. Dieses Bild schliesst an vorangehendes links an und zeigt die geneigte Mesaoberfläche aus grösserer Nähe; am Fusse des runsendurchfurchten Mesaabhanges fliesst der Rio Motatan.

5. Der Gipfelgrat des Pico las Tapias, gesehen vom Gipfel des Pico Turmero. Der höchste Punkt des Berges ( 4550 m ) befindet sich ausserhalb rechts des Bildes. Der Grat repräsentiert einen schneefreien Hochgebirgskamm im Gneis der Sierra del Norte.

6. Das Bergdorf Chachópo. Höchstes Dorf im Tale des Rio Motatan ( 2580 m ). Der rundliche Bergsporn hinter dem Dorfe ist geformt durch die schwarzen Tonphyllite, während das dahinter ausmündende Tal ( San Lazaro, Abstiegsroute vom Pico Turmero ) in Gneisen liegt.

Tafel II zu Seite 220.

7. Frailejónvegetation in zirka 3200 m Höhe im Turmerotal. Zeigt den in dieser Höhe noch niedrigeren Frailej ón.

8. Frailejonstöcke in zirka 4200 m Höhe, am Aufstieg zum Pico Turmero. Aus dem hier mannshohen Blattstocke schiesst die langstielige, gelbe Blüte.

9. Auf dem Gipfel des Pico Turmero. Der Blick geht gegen SW und umfasst die Hochregion der Sierra del Norte mit lauter Gipfeln über 4500 m Höhe.

10. Das Gelände von Apartaderos. Das Tal, das nach dem Hintergrunde leitet, führt nach Paramo de Mucuchies, rechts ist der Anstieg nach der Wasserscheide von Santa Domingo. Das kahle Gelände enthält grösstenteils schon geerntete Getreideäcker.

11. Blick über die Wasserscheide von Santa Domingo gegen die Sierra Mucubahi mit Pico Mucuiìuque. Der schneetragende Pico Mucunuque ( 4692 m ) ist im Hintergrunde mit einem kleinen Schneefleck eben noch sichtbar. In der Bildmitte auf dem Bergpasse die prächtige Doppelmoräne mit der Laguna Mifés. Im Vordergrunde Frailejón.

12. Am Ufer der Laguna Mifés. Der den See umsäumende Rücken ist die innere Wallmoräne ( zirka 40 m hoch ). Im Vordergrund typische Frailejonbüsche.

Tafel III zu Seite 224.

13. Partie im Aufstieg nach dem Pico Mucunuque in zirka 4200 m Höhe. In der Ferne die Sierra Nevada mit der vergletscherten Columna. Noch in seinen Mantel gewickelt, mein Begleiter, Don Salomon aus Apartaderos.

14. Gipfel und Gipfelgrat des Pico Mucunuque ( 4692 m ). Hinter dem kleinen Schneefleck in der Bildmitte beginnt der zackige Gipfelgrat, der, über viele Zacken auf und ab, in längerer Kletterei nach dem pyramidenförmigen Gipfel des Hintergrundes leitet.

15. Das Tal des Rio Chama unterhalb des Mucuchies.Zwischen den Ohren der Mula hindurch sieht man am Ufer des Flusses eine Posada mit davorliegender « Era de Trigo » ( Rondelle ).

16. Ein von Tillandsia überwucherter Bucarebaum. In meterlangen Barten hängt dieser Parasit von den Bäumen. Unter dem Baum mein « Herr Assistente » mit dem Reisegepäck.

17. Der Pico Columna, gesehen vom Abhang des Toro ( Westfront ). Die tiefste Partie, wo die Nebel über den Bergkamm drängen, ist der Pass El Alto de Nevados. Der Vorgipfel rechts des « Gletschers » ( Glaciar Espejo ) ist der 4835 m hohe Pico Espejo. Links der Columna ist noch die Concha ( 4922 m ) mit ihrem Gletscher sichtbar.

18. Auf dem Gipfel des Toro ( 4758 m ): Blick gegen den Leon. Der in die Tiefe schauende Mann ( der « Eismann » ) trägt eine « Roana » mit dem Streifenmuster, wie es in El Moro gebräuchlich ist. Der Leongipfel ( 4742 m ) zeigt auf der uns zugewandten Seite einzelne kleine Schneebänder.

Tafel IV zu Seite 228.

19. Das Biwak unterhalb des El Alto-Passes in zirka 4150 m Höhe. Zwischen den Blöcken nistet hier noch reichlich Zwergholz.

20. Das Columnamassiv, gesehen vom Gipfel des Toro. Hinter der Columna wieder die Berggruppe der Concha. Beachte rechts am Fusse des Anstieggrates nach dem Espejo das Kar, in welchem die Laguna del Gallo liegt.

21. Tiefblick durch eine Gratscharte im Aufstieg nach dem Pico Espejo. Der Bergwall im Hintergrund ist die gegenüberliegende Sierra del Norte.

22. Blick vom Grat im Aufstiege zum Espejo gegen Toro ( rechts ) und Leon ( links ). Die Zacken des Grates zeigen die Fältelung und Bänderung des Gesteins, hervorgerufen durch die Injektion.

23. Der gletscherumpanzerte Columnagipfel, gesehen vom Pico Espejo. Links über dem Espejogletscher der 5002 m hohe Hauptgipfel, rechts über dem kleinern Timoncitogletscher der Südgipfel. Man beachte die langgezogenen, zackenbilden-den Gneissplatten.

24. Die Südfront der Columna. Zeigt wieder Haupt- und Südgipfel mit Timoncitogletscher. Durch die Felsen im Vordergrund wurde abgestiegen und unter dem kleinen Gletscher nach dem Ostgrat traversiert, von welchem eben noch ( rechts des Südgipfels ) die Hermanasspitzen sichtbar sind.

Tafel V zu Seite 232.

25. Die Corona, gesehen vom Pico Espejo. Links Humbold-, rechts Bonpland-Peak ( 4962 und 4883 m ).

26. Der Hermanasgletscher mit Columna-Südgipfel ( links ) und den westlichsten Her-manaszacken ( rechts ). Man achte wieder auf die langen Gneisplatten; der Eisabbruch des Gletschers ist zirka 15 m hoch.

27. Die Zacken der Hermanas, gesehen von deren östlichster Spitze. Schmaler, vereister und gwächtenbesetzter Grat mit hohen Abbruchen rechts ( Nord ) und links. Der Columna-Südgipfel ist z.T. schon im Nebel, während der Hauptgipfel rechts noch sichtbar ist.

28. Die Columna-Gipfelpartie, gesehen von den Hermanas. Man beachte vor dem Hauptgipfel die nordwärts gerichtete, grosse Gwächte.

29. Blick von den Hermanas gegen Osten. Die hohe Spitze rechts ist die Concha, links von deren Gletscher die Picos Parrà. Am Fusse der mit Moränenschutt und Gletscherrundbuckeln versehenen Gehänge ist ein kleiner Gletschersee sichtbar, in Abmessungen, wie solche sehr zahlreich sind.

30. Das Tal des Rio la Nuestra Sefiora. Rechts unten in der Tiefe der Talfluss. Am Gehänge links zieht hoch über dem Fluss der Talweg, tobelein- und auswärts. Im Hintergrund schaut aus den Wolken noch der Pico Espejo.

Tafel VI zu Seite 236.

31. Der Paramo in der Sierra del Norte. Der Pico Conejos ( 4070 m ) rechts, der Pico Campanario ( zirka 4300 m ) links, die letzten 4000er gegen SW zu.

32. Frailejóngruppe im Aufstieg nach dem Pico Conejos. Der niedrige Busch: Espe-letia fioccosa, die hohen Stämme wahrscheinlich Esp. grandifloris.

33. Blick vom Gipfel des Pico Conejos gegen die Gruppe des Pico Salados. Der Pico Salados ( 4486 m ) als kleine Spitze ganz links. Das dazwischenliegende Tal der Qu. Pedrezosa zeigt den scharfen Kamm einer Moräne eines ehemaligen Pedrezosagletschers.

34. Gelände unterhalb Lagunillas. Runsendurchzogenes, unfruchtbares Gelände; Vordergrund Kakteen und Weg, der das Tal mit der Aussenwelt verbindet.

35. Auf dem Hauptplatz in Tovar. Zwischen Kirche und Denkmal fruchtbeladene Orangenbäume.

36. Die Plaza Bolivar in Maracaibo. Rechts die Kathedrale, links der Palacio Legislativo. Schönster Platz mitten in der Stadt mit Bolivardenkmal; Rendez-vous der Spaziergänger während der sehr guten Konzerte.

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