In der Nordwand der Tour Sallière

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 1 Bild ( 51 ) und 4 Skizzen.Von Toni Bracher

( Lausanne, Sektion Diablerets ).

Die Flanke der Tour Sallière, welche den südlichen Teil der Hochebene von Salanfe im Wallis abschliesst, hatte mich schon lange gelockt. So gingen wir zu dreien an einem schönen Samstag unserem Ausgangsort, Salanfe, entgegen. Im Berghotel de 1a Cime de l' Est nahmen wir unser Nachtquartier und liessen uns um Mitternacht wecken, denn wir wollten vor Sonnenaufgang auf dem Hängegletscher sein, um den todbringenden Steinen keine Zielscheibe zu bieten. Die Stimme des Hüttenwartes weckte uns aus unserem kurzen, nervösen Schlaf. Noch etwas schlaftrunken zogen wir bald darauf durch die finstere Nacht über die grosse Ebene dem Fusse der steil aufstrebenden Felsen zu. Die Grand-Revers-Route auf dem Gletscher zu kreuzen und den Gipfel im direkten Aufstieg zu erreichen, war unser Plan. Am Fusse der Wand angelangt, arbeiteten wir uns eine immer steiler werdende Schneezunge empor. Als sich diese Rinne über uns in der finsteren Nacht verlor, seilten wir uns an. Im Lichte der Taschenlampe suchte nun Charly seitwärts aus dem Couloir zu kommen, um den fast senkrecht sich emporschwingenden Grat in Angriff zu nehmen. Nach 5 m Seillänge war er hinter dem Grat verschwunden, und nur durch die Schwingungen und das Nachziehen des Seiles konnten wir ermessen, wo und wie weit er ungefähr war. Langsam glitt das Seil durch meine Hände, und der fortwährende Steinschlag gab uns zur Genüge bekannt, wie äusserst vorsichtig man klettern musste. Die zweite Seillänge hatten wir ziemlich schnell hinter uns, als wir, seitlich schon viel höher, in ein zweites Couloir gedrängt wurden. Es war 3 Uhr. Wir hatten noch genügend Zeit, um auf den über unseren Köpfen hängenden Gletscher zu gelangen. Noch ca. 40 m waren bis dort zu bewältigen. Als schwarze Silhouette zeichnete sich rechts wieder ein Grat ab, auf welchem sich Charly anschickte, von seinem luftigen Standorte aus für die Sicherung von Paul zu sorgen. Ungefähr 3 m über mir sah ich seine Schuhnägel, als sich plötzlich unter seinen Füssen ein grosser Stein löste. Paul verlor seinen Halt und stürzte rückwärts in die Tiefe. Der folgenden, kritischen Situation bewusst, presste ich mich instinktiv in die Wand und suchte mit der freien Hand das Seil zu halten, was mir im Moment auch gelang, denn einige Meter unter mir kam Paul mit dem Rücken gegen die Wand in wenig beneidenswerter Lage zum Halten. Er suchte auch sofort Stand zu fassen, denn der schwere Zug im Seil liess nach. Durch seinen Sturz riss er jedoch Charly von der luftigen Gratkante weg, welcher kopfüber an mir vorbei ins Leere fiel. In solchen Augenblicken denkt man nicht im geringsten daran, sich dem Schicksal zu überlassen. Ganz unbewusst musste ich gehandelt haben, denn als ich sah, dass Paul sich notdürftig halten konnte, sicherte ich mit fiebriger Nervosität das Seil über einer kleinen Felsnase, in der Hoffnung, den folgenden, sicherlich gewaltigen Ruck mit Paul halten zu können. Die Zähne verbissen, seitlich in die Felsen gedrückt, hatte ich im selben Augenblick vor mir das Schauspiel zu sehen, wie sich das Seil unter diesem starken Zug dehnte, und zu hören, wie es girrte — oder man sollte sagen, weinte. Es gab einen eigenartigen, zirpenden Ton von sich, den ich in meinem ganzen Leben sicher nie vergessen werde. Das Wichtigste jedoch war, dass es hielt. Langanhaltenes Steinerollen tönte von unten herauf und verlor sich in lautloser Finsternis. In der darauffolgenden Stille fing mein Körper an zu zittern. In solchen Momenten braucht man Sekunden, um sich in die neue Lage zu finden, ja man überzeugt sich sogar, ob man selbst noch da ist. Als sich Paul aus seiner festgeklemmten Lage, welche sich durch sein Dazwischen-befinden von meiner Sicherung und Charlys Sturz ergeben hatte, so gut als möglich befreit und mir einen Teil der Sicherung abnehmen konnte, rief ich nach Charly. Keine Antwort. Wir wagten nicht, weiter zu denken... Endlich, nach angstvollem Hinhorchen hörten wir ein Geräusch. « Charly! »... « Voilà! » kam als Antwort. Froh, dass das Schlimmste nicht eingetreten war, atmeten wir auf. Mit vieler Mühe gelangten wir endlich auf ein sicheres Plätzchen. Nach kurzem Augenschein wurde uns auch bewusst, dass ein fast unwahrscheinliches Glück uns begünstigt hatte, denn ausser einer starken Quetschung von Charlys Fuss wiesen wir nur leichtere Schürfungen auf. Unser Seil jedoch war überall vom Steinschlag stark zerschunden, und auf eine Länge von einem Meter sah man das Resultat der überzogenen Sicherungsstelle. Es war nämlich gerade auf die gegenteilige Seite gedreht, so dass es uns unmöglich wurde, dieses noch zu Abseilzwecken zu benützen. Die Zeit drängte uns jedoch vorwärts. Wir umgingen nun eine turmartige Felswand und nahmen eine breite Rinne, welche direkt unter den ersten Eisabbrüchen endigte, in Angriff. Diese überhängenden Eisnadeln waren wie gespensterhafte, im Halbdunkel lauernde D imonen, welche nur darauf zu warten schienen, von leichter Hand berührt zu werden, um uns IN DER NORDWAND DER TOUR SALLIÈRE.

in das Tal hinabzuschmettern. Wir durchstiegen diese äusserst exponierte Stelle, als ob das Schwert des Damokles über unseren Häuptern schwebe. Schwarzeis und grifflose Platten trieben uns den Schweiss auf die Stirne. Einmal am Rande des Gletscherabbruches angelangt, bezeugte jeder, dass er um eine gewisse Schwere leichter wurde, doch konnten wir uns noch keine Ruhe gönnen, denn am Horizont sammelten sich immer schönere und hellere Farben an. Mit angeschnallten Steigeisen traten wir nun in ein märchenhaftes Labyrinth. Im tiefen Grünblau schimmernde Nadeln, Blöcke, Spalten und hocliaufsteigende Eismassen gaben unserm Aufstieg ein zauberhaftes Auf dem Hängegletscher mit den Dents du Midi.

und feeartiges Gepräge. Sicherlich gehört eine richtige Gletscherfahrt zu den eindruckvollsten aller Bergfahrten. In Stemm-, Zieh- und sonstiger Eistechnik kamen wir mit den ersten Sonnenstrahlen auf den leichtansteigenden Gletscher, wo wir den wohlverdienten, ersten und sorgenfreien Halt geniessen durften. Notdürftig verbanden wir uns die diversen Schürfungen. Der herrliche Rundblick liess uns jedoch die ausgestandenen Strapazen vergessen, denn, liebe Menschen dort unten im noch dunklen Tal, wisst ihr welch Zauber sich beim Sonnenaufgang in hoher Bergwelt abspielt, wie wunderbar schön die Welt ihre Tore öffnet, um dem neuen Tag Durchlass zu gebenIch glaube nicht, wenn ihr nicht selbst derselben Gilde angehört wie wirWeit im Hintergrund sah man in ein Kobaltblau getaucht das Berner Oberland, vorgelagert die Waadtländer Alpen mit den dominierenden Diablerets, und über all dieser Pracht bahnte sich die Sonne den Weg durch den so tiefblauen Berghimmel. Das sind für mich immer Ereignisse, deren tiefste Sprache das Schweigen ist. So sah sich jeder von uns, ohne zu sprechen, dieses immer wieder schöne Naturschauspiel mit tiefer, innerer Genugtuung an.

IN DER NORDWAND DER TOUR SALLIÈRE.

Links von uns sahen wir auf den vorgelagerten Gletscher der Dents du Midi, und weit unter uns konnten wir noch die zwei Lichtlein des Berghotels von Salanfe, ins Halbdunkel gehüllt, wahrnehmen. Unstete, zitternde Lichtscheine gaben uns den Weg der vielen Seilpartien an, die im Aufstieg zu den Dents du Midi begriffen waren und welche uns auch in Ermahnung riefen, wieder an die Arbeit zu gehen. Leider zwang uns unser Missgeschick, den vorgesehenen, direkten Aufstieg mit der Grand-Revers-Route zu vertauschen. Auch war die verhältnismässig warme Temperatur nicht von Unter der Wächte des Gipfelgrates.

guter Bedeutung, denn als wir den leichtansteigenden Gletscher querend in die Gipfelwand traten, zogen wildzerfetzte Nebelschwaden über den Grat. Durch die Wärme wurden die Felsen auch lebendig. Drohend polterten und pfiffen Steine unaufhaltsam in die Tiefe. Wie vielmal gefährlicher musste es nun in der unteren Wand sein? Mit grösster Vorsicht passierten wir die mit Schwarzeis ausgepolsterten Rinnen und liessen die « Vire de la mort », eine nicht gerade aufmunternde Bezeichnung, hinter uns. Unter der Wächte des Gipfelgrates angelangt, überwanden wir dieses Hindernis mit doppelter Sicherung. Ordentlich mitgenommen drückten wir uns die Hände.

Während der kurzen Rast raubten uns die Nebelschwaden immer häufiger den Tief blick. Das Herz der Bergwelt, la « chaîne du Mont Blanc », war vollständig hinter einer dichten Nebelwand verborgen. Wir entschlossen uns nun, über den Grat von Emaney abzusteigen, um uns für den gescheiterten, direkten Durchstieg der Gipfelwand zu entschädigen Mit grossen Schritten zogen wir in den Sattel hinab, um den richtigen Einstieg zu suchen. Der Nebel wurde jedoch so anhänglich, dass wir Mühe hatten, die Orientierung IN DER NORDWAND DER TOUR SALLIÈRE.

nicht zu verlieren. Der eigentliche Grat ist sehr steil und stürzt beidseitig in eine freie Tiefe. Zudem ist er unterbrochen durch drei senkrecht abfallende 30-50 m hohe Felsstufen, welche durch Abseilen bewältigt oder nordwärts im Abstieg umgangen werden müssen. Indem wir nun ins Ungewisse abstiegen und den Emaney-grat links von uns glaubten, nahm ich als Letzter die Sicherung auf mich. Ohne Anhaltspunkte, in einen dichten Nebel gehüllt, suchten wir nach einiger Zeit linkerhand den Grat zu gewinnen, was aber durch ungangbare Felsen unmöglich war. Immer darauf bedacht, sobald als möglich zu queren, kamen wir immer tiefer und enger in das Couloir hinein. Wir mochten schon 100 m abgestiegen sein, als wir alle überzeugt waren, uns in einem falschen Couloir zu befinden. Nach einer kurzen Beratung waren wir entschlossen, dennoch weiterzugehen und eventuelle Hindernisse zu forcieren, um Der Vorangehende befand sich plötzlich vor dem Nichts.

auf das Plateau von Emaney zu kommen, denn, dass wir zu viel rechts waren, konnten wir mit Sicherheit annehmen. Die Rinne wurde nun schluchtartig immer enger und steiler, bis wir uns zuletzt in ein enges Kamin hinabstemmen mussten. Meine Vorahnung, dass diese Runse eine von den vielen ist, welche in eine senkrecht glatte Wand münden und von den Pointes à Boillons herunterkommen, wurde uns leider zur bitteren Gewissheit, als der Vorangehende sich plötzlich vor dem Nichts befand. Durch zerteilte Nebelschwaden gewannen wir einen Tiefblick über die Hunderte von Metern abfallende Wand. Dieser Durchblick war eine erste Orientierung für uns, aber auch eine Enttäuschung. Es gab somit für uns keinen anderen Ausweg mehr, als umzukehren und so hoch als möglich eine Querung auf den verfehlten Grat zu suchen. Müdigkeit und Enttäuschungen stellten an uns immer grössere Forderungen. Die immer häufiger werdenden nervösen Dialoge halfen unsere Lage nicht im geringsten zu verbessern. Nach beträchtlichem Höhengewinn fanden wir endlich eine schwache Stelle, um den Übergang mit doppelter Sicherung zu erzwingen. Auf dem richtigen Grat angekommen, konnte unsere Moral wieder ein grosses Plus verzeichnen. Trotzdem der Grat beidseitig in grosse Tiefen stürzt und wir noch harte Arbeit vor uns sahen, waren wir dennoch froh, auf dem richtigen Weg zu sein. Schwierige, seitliche Abstiege ins Leere, um weiter unten den abgebrochenen Grat wieder zu erreichen, suchten unsere gesunkene Energie ganz mürbe zu machen. Nach dieser fortwährend exponierten Kletterei langten wir endlich beim Endsteilgrat auf dem Col d' Emaney an. Schnell ging 's IN DER NORDWAND DER TOUR SALLIERt :.

durch die wilde Bergalp dem Hotel entgegen, wo wir vor dem Abschied die wohlverdiente Stärkung einnahmen. Auf die schwarze Wand der Tour Sallière zurückblickend, war ich glücklich, trotz alledem dort oben gewesen zu sein. Nachdem nun das Seil, das uns während so manchen Stunden miteinander verbunden hatte, wieder zusammengerollt im Sack war, konnte ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Allein mit der Natur zu leben und zu reden, sind meine schönsten Erlebnisse. Der schäumende Bergbach, welcher nach « Ven-d'en-bas » und ins Rhonetal hin-unterquillt, die vielen, schönen Bergblümlein am Wegesrand und die grosse Stille der reinen Natur gaben mir wieder meine Ruhe und waren wie wohl- Auf dem Endsteilgrat.

tuende Salbe auf die gespann- ten Nerven. Die Abendsonne verlieh mit ihren Schatten und Farben den so melancholisch weichen Zauber der stillen Alpenwelt. Dankbar, mit den Berger, wieder unvergessliche Stunden verbracht zu haben, nahm ich mit einem letzten Blick wehmütig Abschied von der hohen, herben und so schönen Bergwelt.

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