In der östlichen Brooks Range, Alaska

der östlichen

Brooks Range, Alaska

Photo: Chlaus Lötscher

Chlaus Lötscher, Homer ( Alaska/USA )

Der vergletscherte Gipfel des Mount Michelson ( 2655 m ) in den Romanzof Mountains über der grünen Tundralandschaft nördlich der Brooks Range Begegnungen Ich begegne dem nimmermüden Wanderer der Arktis im Aufstieg zu den Romanzof Mountains der Brooks Range in der nordöstlichen Ecke Alaskas. Schwer schlagen die Regentropfen auf meine Pelerine, und die Kapuze verdeckt mir die Sicht nach oben. Als ich mich aber aufrichte und den Weg vor mir überblicke, entdecke ich den als Silhouette vor grauem Gewölk auf einer kleinen Krete stehenden Karibubullen. Das mächtige Geweih verdoppelt seine Höhe. Eine Weile bleibt er reglos, unsere Blicke treffen sich, dann dreht er sich ab und verschwindet. Dies ist meine erste Begegnung mit einem der 180000

Am Abend, als der Himmel aufklart, nähern sich unsern Zelten, die auf einer steinigen Wiese unterhalb der Gletscher des Mount Michelson stehen, drei Dali-Schaf-böcke mit wuchtigen Hörnern, die bei zweien zu einer vollen Rundung gewachsen sind. Die Schafe verbringen das ganze Jahr in diesem Gebirge.

Das Land Diese entlegene Ecke Alaskas fasziniert mich seit Jahren. Sie liegt im Arktischen Nationalen Wildschutz Reservat ( ANWR ), dessen grösster Teil auch unter Wildnisschutz gestellt ist, was besagt, dass in dieser Landschaft nichts verändert werden darf. Auch Bodenschätze dürfen nicht abgebaut werden. Nur der US-Kongress kann diesen Schutz aufheben. Die nördlich davon gelegene Ebene jedoch, ein 90 Kilometer breites und rund 150 Kilometer langes flaches Landstück zwischen Brooks Range und Beaufort-See, ist, obwohl ebenfalls Bestandteil des Reservates, von dieser Bestimmung ausgenommen, weil hier riesige Erdölvor-kommen unter der Erde vermutet werden. Für viele Politiker und mit der Energiewirtschaft verbundene Geschäftsleute ist diese arktische Landschaft nutzloses Ödland. Auf verschiedenen Reisen habe ich aber nach und nach einige Geheimnisse des nördlichen Teils des ANWR kennengelernt. Öde ist für mich die Gegend längst nicht mehr, trotz ihrer Lage weit oberhalb des Polarkreises, wo keine Bäume mehr wachsen, es nur zwei Jahreszeiten - drei Monate Sommer und neun Monate Winter - gibt, in den finsteren Monaten um die Wintersonnenwende Temperaturen von minus 30 bis minus 50 Grad Celsius die Regel sind und Sturmwinde zusätzlich jedes Leben zu vernichten drohen. Trotz dieser unwirtlichen Bedingungen gelingt es aber Pflanzen und Tieren, sich hartnäckig und erfolgreich zu behaupten.

Welt der weissen Tiere -und der Blumen Im Aufstieg vom Hulahula River, wo uns ein Buschflugzeug auf einer Schotterbank abgesetzt hat, zu den Gletschern des Mount Michelson begegne ich Schneehühnern und Erdhörnchen, beides Tiere, die hier überwintern. Während das Schneehuhn Futter suchen muss, Schösslinge von Zwergweiden etwa, verkriecht sich das Erdhörnchen im Winter in seine Höhle, um durchzuschla-fen. Wissenschaftler wunderten sich jedoch, wie das kleine Pelztier es schafft, in diesem extremen Klima einen derart langen Winterschlaf zu halten. Das Forschungsergebnis verblüfft: Das Erdhörnchen, das im Moment ( August ) noch damit beschäftigt ist, sein Heim mit dürren Gräsern auszupolstern, senkt im Winterschlaf seine Körpertemperatur unter den Gefrierpunkt. Allein die langsame Zirkulation des kalten Blutes scheint es am Leben zu erhalten, während es in seiner Höhle vor Feinden geschützt die kalte Jahreszeit überdauert. Das Schneehuhn hingegen muss aufpassen, dass es weder von Wölfen noch von Füchsen entdeckt wird, denn auch diese überwintern hier, jagen aber zusätzlich den weissen arktischen Hasen und - wie die Schneeule - auch Lemminge. Alle diese Tiere, ausser den Lemmin-gen und den Wölfen ( von denen allerdings auch einige einen weissen Pelz haben ), färben sich im Winter weiss. Eine perfekte Tarnung: Weisse Tiere in einer weissen Landschaft, die zwei Monate gänzlich ohne Sonne auskommen und die sich in der langen Übergangszeit, in der sie nur knapp über dem Horizont steht, mit nur ein paar Stunden fadem Licht begnügen müssen.

Ungeachtet aller klimatischen Härten findet sich eine ebenso reiche wie bunte Pflanzenwelt: Das Blumenfeld, das Ende Juni die kurzgrasigen Bergflanken ziert, vermag mit seiner Vielfalt jeden Botaniker zu begeistern. Das in dichten Büscheln wachsende Vergissmeinnicht ist zur offiziellen Staats- blume Alaskas erkoren worden, und ein Dutzend verschiedenartige Steinbrech erinnert an die Alpen. Dazu finden sich Dryas, arktische Glockenheide, Wollgras, Rhododendron und wollener Lauswurz, sibirischer Phlox, Wild-Süsserbse ( sie soll giftig sein ), Zwergheideröschen, Potentina, Arnika, arktische Margerite, Geum ( dessen Wurzeln essbar sind ), Baldrian. Die Palette der Namen ist ebenso reich wie die der Farben.

Schneefall im August Die erste Augustwoche ist fast vorbei. Während wir über die sumpfige Tundra hochsteigen, finden wir mehrmals Nester von Lappland-Longspornen mit jungen, noch nicht flüggen Vögeln, die den Schnabel weit aufstrecken, wenn wir im Vorbeigehen die Gräser in Nestnähe bewegen. Ich frage mich dabei, ob die Zeit zu ihrer Aufzucht noch ausreichen wird. Schon ist der Gipfel des Mount Michelson knöcheltief verschneit, und sogar auf den Geröllhalden bei den untersten Gletscherausläufern liegt Neuschnee. Entsprechend ist auch das hochsommerliche Blankeis verschwunden, was den Vorteil bringt, dass der Weg zum Gipfel, abgesehen vom Spurenstampfen, leichter wird. Wir steigen ohne Schwierigkeiten über den Nordgrat empor. Auf dem Gipfel stiehlt uns allerdings der Nebel einen Teil der Aussicht. Immerhin sind doch noch einige Berge zu sehen, und wir können südwärts zum Esetuk-Gletscher hinabschauen, der sich durch ein enges Tal mit steilen Seitenwänden windet. Die Gletscher hier sind klein, der längste, der Opilak, ist etwa acht Kilometer lang.

Trotz des langen Winters fällt in diesem Gebirge nur wenig Schnee. Einen beträchtlichen Teil davon erhalten wir jedoch bereits zwei Tage später, nachdem wir einen unbenannten Nebengipfel des Mount Michelson erklommen haben. Es ist der 16. August. Am nächsten Morgen nehmen wir den Rückweg ins Tal des Hulahula River unter die Füsse. Einige Tage später fliegen wir zurück nach Kaktovik, einem Eskimodorf an der Nordküste Alaskas. Schnee liegt bis hinab auf Meereshöhe. Wir erleben damit einen verfrühten Schneesturm, aber noch nicht den Wintereinbruch.

Mitte Juni kehre ich ins ANWR zurück. In Fairbanks steht das Thermometer auf 25 Grad Celsius. Blitzschläge haben entlang des Yukon River mehrere Waldbrände entfacht, das Flugzeug fliegt über aufquellende Rauchwolken hinweg. In der Brooks Range ist der Winterschnee weggeschmolzen. Braune und graue Bergrücken reihen sich endlos aneinander, und nachdem wir die Wasserscheide überquert haben, glitzert von den Gipfeln der Romanzof und Franklin Mountains bereits aperes Eis. Die Küstenebene ist braun wie nasses Stroh, in windgeschützten Mulden und Flussläufen liegen Triebschneehaufen. Die 24 Stunden über dem Horizont kreisende Sonne hat den Winter vertrieben. Im Dauerfrostboden beginnen die jungen Pflanzen aber erst zu wachsen.

Am Arktischen Meer Über dem Arktischen Meer liegt eine Nebeldecke, die sich etwa zwei Kilometer landeinwärts zieht. Das erschwert es dem Piloten, Kaktovik auf der kleinen Barter-Insel zu finden. Er kreist mehrmals über dem Nebelmeer auf der Suche nach einem Loch, findet aber keines und dreht schliesslich wieder gegen das Innere ab. Hier gelingt es ihm, unter die Decke, die glücklicherweise nicht bis auf den Grund hinabreicht, zu tauchen und bald darauf auf der schottrigen Piste zu landen. Ein steifer Nordwind schüttelt uns, als wir das Flugzeug verlassen. Wir stellen fest, dass das Meer noch solide gefroren ist.

Das gut 200 Einwohner zählende Eskimodorf Kaktovik - auch Standort einer Früh-warnanlage der Air Force - hat sich ebenfalls erst seit kurzem von der winterlichen Umarmung befreit. Noch liegen deshalb Schneehaufen zwischen den Häusern, und die Lagune zwischen Flugpiste und Dorf ist mit einer allerdings bereits dünn gewordenen und entlang der Ufer angefressenen Eisdecke überzogen.

Als amerikanische Walfangschiffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Nordwal bis in die Beaufort-See nach Kanada hinein verfolgten und überwin-ternde Seeleute mit den entlang der Küste in kleinen Siedlungen lebenden Eskimos in Kontakt kamen, öffnete ein weisser Händler auf dieser kleinen Insel einen Handelspo-sten, der später die Eskimos wie ein Magnet anzog, so dass schliesslich die heutige Siedlung entstand.

Zerbröckelnde Berge Die Cessna unseres Buschpiloten Steve Porter steht bereit, so dass wir sie mit unserem Gepäck vollstopfen können. Als erster fliege ich mit Steve tief in die Berge hinein zum Oberlauf des Kongakut River, der aus der Brooks Range heraus ungefähr parallel zur kanadischen Grenze und in ihrer unmittelbaren Nähe in die Beaufort-See fliesst. Wir fliegen über mehrere hundert Karibus, die, in der Tundra verteilt, weiden, und östlich des Jago Rivers nahe den Bergen, beobachte ich einen rennenden Grizzly-Bären. Für Steve ist es der erste Flug in diesem Jahr zur Piste am Kongakut. Wir drehen eine Schleife, um zu sehen, ob nicht grössere Steine auf der Landebahn liegen. Nachdem alles zu seiner Zufriedenheit aussieht, setzt Steve zur Landung an. Dabei muss er das Flugzeug gleich nach einer etwa zwanzig Meter hohen Uferbank nach unten drücken und sofort aufsetzen, denn die Schotterpiste ist kurz. Wegen des Seitenwindes gelingt dies jedoch nicht auf Anhieb, und erst beim dritten Versuch fasst Steve den Entschluss und lässt die Maschine fallen, die anschliessend in ein paar wilden Sprüngen über die Steine ausrollt und kurz vor Weidenbüschen zum Stehen kommt. Bevor Steve wieder abfliegt, um den Rest der Gruppe zu holen, räumen wir aber noch möglichst viele der grossen Steine aus dem Weg.

Als der Lärm des Flugzeuges verhallt ist, packt mich das Erlebnis der Stille, die nur von natürlichen Lauten unterbrochen wird: vom leisen Gurgeln des Wassers, dem irgendwie fernen Rauschen des Windes, vereinzelten Schreien der Möwen, die sich bis hierher verloren haben, und dem Gesang der vielen Vögel. Über drei Stunden gehört die Wildnis mir allein. Ich stelle ein Zelt auf und schaffe einige weitere Steinbrocken zur Seite. Die nächsten beiden Landungen gelingen Steve auf Anhieb.

Die kommenden zwei Tage wandern wir den restlichen Flusslauf aufwärts und treffen dabei auf einen kleinen Birkenwald. Die Bäume haben sich über den Pass zwischen dem Kongakut und dem Sheenjek River, der auf der Südseite der Brooks Range zum Por- cupine und schliesslich zum Yukon River wegfliesst, so weit nach Norden verbreiten können. Sonst finden sich nur Weidenbüsche an windgeschützten Orten. Wir stellen unsere Zelte hoch oben in einem Seitental auf, über dem zerfallende Berge mit mächtigen Schutthalden aufragen, die durch Tausende kleiner Schritte von Generationen von Dali-Schafen mit einem Netz von Pfaden überzogen wurden. Auf kahlen Graten steht hie und da ein Felsturm, dem es gelingt, dem steten Zerfall etwas länger zu trotzen. Oft scheint es fast, als vermöge einzig der Grasbewuchs diese bröselnden Sedi-menthaufen zusammenzuhalten.

Während wir die Hänge hinaufsteigen, warnen sich die Erdhörnchen gegenseitig mit schrillen Pfiffen vor unserer Anwesenheit. Auf einem der vielen Berggipfel angelangt, zeigt sich immer dasselbe Bild: Gleich dahinter, durch ein ödes Tal getrennt, folgt der nächste Gipfel, dahinter ein weiterer und so fort. Wir stehen auf ehemaligem Das Tal des Hulahula River nach einem Schneesturm Mitte August; rechts hinten dominiert die vergletscherte Pyramide des Mount Chamberlin ( 2706 m ) die Franklin Mountains.

Meeresboden, der vor 140 Millionen Jahren zu Bergen aufgeschoben wurde und jetzt als feinster Schlamm wieder ins Meer zurückgetragen wird.

Tückisches Eis am Kongakut Zurück am Kongakut erwartet uns eine rassige Schlauchbootfahrt. Noch hat sich der Fluss nicht ganz von seinem Wintereis befreien können, so dass wir manchmal nur einen schmalen Streifen offenen Wassers vorfinden und zwischen unterspülten Eisplatten durchtreiben.

Im Boot sitzend, können wir bisweilen nicht einmal über den höher gelegenen Eisrand hinwegsehen. Das Tal ist eng. Verschiedentlich begegnen wir kleinen Karibuher-den, die als Nachzügler auf ihrer jährlichen Frühlingswanderung durch das Gebirge in die Küstenebene des ANWR ziehen.

Ein Eisbär wandert über die gefrorene Beaufort Sea gegen die Küstenebenen des ANWR. Hier findet sich eines der Auf halbem Weg durchläuft der Kongakut in einer S-Schlaufe ein Engnis. Doch noch bevor wir dieses erreichen, erwartet uns eine Überraschung. Das breiter gewordene Flussbett ist mit einem Eisfeld bedeckt, unter dem das Wasser verschwindet. Rechtzeitig landen wir das Schlauchboot und schauen uns die Sache an. Da gibt es kein Durchkommen. Wir müssen das Boot entladen und alles Material das mit Weidenbüschen bewachsene Ufer entlang und über einen kleinen Hügel auf die andere Seite der S-Schlaufe buckeln. Zweimal muss jeder von uns die Strecke zurücklegen, bis nur noch das leere Schlauchboot übrig bleibt. Wir vertäuen es im Weidengebüsch, beschweren es mit Steinen ( gegen den Wind ) und verschieben den Transport auf morgen.

Am nächsten Tag ist die Landschaft frisch verschneit. Wir erklären ihn zum Ruhetag, wenigen Gebiete der Arktis, wo diese Bären ihre Jungen an Land und nicht auf dem Treibeis gebären.

denn die nasskalte Witterung lockt nicht zum Weiterfahren. Nur eines gilt es heute zu erledigen, den Transport des Bootes. Zu unserer Freude hat sich dieses Problem aber von selbst erledigt: Das steigende Wasser hat das über den Fluss gespannte Eisfeld zum Einsturz gebracht, was uns nun freie Durchfahrt erlaubt.

Appetit auf Fische haben wir schon seit Beginn der Fahrt, doch jetzt, als wir in eine kleine Bucht hineinfahren, um zu landen, entdecken wir zufällig ein gutes Angelloch. Die kleine offene Wasserfläche, die fast völlig vom Schlauchboot eingenommen wird, beginnt auf einmal zu sprudeln. Fische! Blitzschnell schaufle ich mit dem Paddel ins Wasser, und es gelingt mir, eine Arktische Rot-forelle ans Ufer zu werfen. Wir packen die Angelrute aus, und zum Nachtessen hat jeder von uns seine eigene fette Forelle.

Die Fahrt endet dort, wo das Gebirge in die Küstenebene ausläuft. Im Licht der arktischen Sommernacht steigen wir auf die Berggipfel oberhalb des Karibu-Passes. Es Ein Eskimobub aus Kaktovik lutscht an einem Ice-cream.

sind die nördlichsten Gipfel der Brooks Range, nahe der kanadischen Grenze. Unter uns liegt die Küstenebene, und dahinter, im gelben Dunst der tiefstehenden Sonne, das gefrorene Meer. Die Temperatur schwankt nur knapp um den Gefrierpunkt, Gräser und Blumenstiele sind mit Eis belegt. Unten am Pass weiden Karibus. Die rauhe Landschaft, ihre Abgeschiedenheit und die absolute Stille sind schier unwahrscheinlich. Es ist als hätte man uns in eine frühere Zeitepoche zurückversetzt.

Das Wochenende, das ich in Kaktovik verbringe, bevor ich am Montag mit neuen Begleitern zum Hulahula River einfliege, verläuft nicht ohne Aufregung, denn an einem auftauenden Haufen Walfett, der zwischen Flugpiste und Dorf am Ufer liegt, halten Eisbären Mahlzeit. In ihrem gelbweissen Fell sind sie leicht auszumachen, wenn sie über das gefrorene Meer dahergelaufen kommen.

Hulahula River Die Landepiste am Beginn des Hulahula ist bedeutend leichter anzufliegen als jene am Kongakut. Dieses Tal ist auch viel breiter. Die Jahreszeit ist weiter fortgeschritten, so dass die grasigen Hänge nun viel grüner sind als noch vor eineinhalb Wochen am Oberlauf des Kongakut. Grosse Herden von Dali-Schafen weiden an den Bergflanken, und die seit Brutbeginn geschäftigen Singvögel flitzen stetig zwitschernd von Busch zu Busch. Die Brooks Range ist lebendig geworden.

Die Sonne scheint so warm, dass wir nur ein T-Shirt unter den Schwimmwesten tragen, als wir im Schlauchboot den schnell fliessenden, aber ausser einem Canyon unschwierig zu befahrenden Fluss hinabtreiben. Die Wärme passt ganz gut zum hawaiia-nischen Namen, der ihm von Walfängern gegeben wurde, die im letzten Jahrhundert aus Hawaii kamen.

Wir unterbrechen die Fahrt für Tageswanderungen. Einmal besteigen wir die Vorberge des sehr schönen, pyramidenförmigen und vergletscherten Mount Chamberlin ( 2706 m ), des höchsten Berges der Franklin Mountains, und finden hier fossile Korallen.

Schwarze Gewitterwolken quellen vom Landesinnern über die Bergkette. Mächtige Regenbogen spannen sich über das Tal, aber es gelingt uns immer, einen Tag Vorsprung zu haben und trocken zu bleiben. Doch das Wasser steigt, färbt sich schlammig braun. Dies erhöht die Schwierigkeiten im Canyon bedeutend. Seine Befahrung wird unter normalen Umständen mit dem Schwierigkeitsgrad III und bei Hochwasser gar mit IV bewertet; er befindet sich dort, wo der Hulahula aus den Bergen heraustritt und in die Küstenebene mündet. Wir schaffen die Durchfahrt gerade noch rechtzeitig. Als wir unterhalb des Canyons campieren, steigt das Wasser so stark, dass sogar unserer Küche, die wir in sicherer Distanz zu haben glaubten, Gefahr drohte, überschwemmt zu werden.

Weidegründe der Karibus Die Landschaft ändert sich jetzt schlagartig. Statt an steilen Bergen fahren wir an langgestreckten Hügelzügen vorbei, die sich schliesslich in völlig flachem Gelände verlieren. Das warme Wetter wird jetzt vom aufkommenden Nordwind abgelöst, der bissig kalte Luft vom Eismeer her über die Ebene treibt. Vermehrt sehen wir nun Karibus. Das unvergessliche Erlebnis mit ihnen kommt im letzten Camp, etwa 4 Kilometer vom Meer entfernt. Während wir das Zelt aufstellen, nähern sich uns einige Karibus, dann mehr, und schliesslich verbringen wir die Nacht im Schlafsack ausserhalb der Zelte auf der Tundra und schauen Zehntausenden von Karibus zu, die stundenlang an uns vorbeimarschieren, manchmal nur dreissig, vierzig Meter entfernt. Sie wandern stetig, selten lässt sich ein Tier zum Ruhen nieder. Sie fressen und ziehen weiter, so dass der Eindruck von Unruhe, von Drang entsteht. Die Kälber, jetzt einen Monat alt, springen hinter ihren Müttern her, werden aber selten Durch die Erosionswirkung haben sich über weite Gebiete der Brooks Range riesige an die Milch gelassen. Zunächst versucht die Herde, den Hulahula südlich unseres Camps zu queren, nimmt aber auf halbem Weg im Flussbett unsere Witterung auf und kehrt verwirrt wieder um. Eine Gruppe von Böcken mit riesigem Geweih übernimmt die Führung, marschiert östlich an uns vorbei und quert schliesslich nördlich von uns den Fluss. Die Mitternachtssonne überflutet Landschaft und Tiere mit warmem Licht, die Brise vom Meer her hält die Moskitos, die bei Windstille zur entsetzlichen Qual werden, ab. Wir schlafen schliesslich ein.

Als wir erwachen, gleicht das nächtliche Erlebnis einem Spuk: Kein Tier ist mehr zu sehen, selbst als wir mit dem Fernglas den Horizont absuchen. Es ist jetzt Anfang Juli, und in zwei bis drei Wochen werden die Karibus der aus der Küstenebene erneut wegziehen und sich durch Täler und über Pässe auf die Südseite der Brooks Range begeben, wo sie in kleine Grüppchen aufgeteilt den Winter verbringen werden. Tausende von Jahren schon findet diese Wanderung statt, diese feine Anpassung der Herde an eine delikate Geröllhalden gebildet, so wie hier im Quellgebiet des Hulahula River.

Umwelt, wo alles präzise aufeinander abgestimmt sein muss, damit es nicht zur Katastrophe kommt. Wer anders als der Mensch taucht immer wieder auf, um solche Verhältnisse zu stören, und genau dies droht auch hier. Das Stichwort heisst Erdöl!

Die Ölfelder der Prudhoe Bay, wo die Trans Alaska Pipline startet, liegen kaum 100 Kilometer westlich von hier; dort vermuten Geologen unter der Küstenebene das grösste noch nicht angezapfte Erdölreser-voir der USA. Diese Vermutungen haben bisher verhindert, die Ebene unter Wildnisschutz zu stellen. Der politische Druck, dieses Gebiet zu erschliessen, ist gewaltig. Doch bislang haben sich einige wenige Politiker im US-Kongress genügend dafür wehren können, dass diese einmalige, letzte offiziell geschützte und in öffentlicher Hand liegende arktische Wildnis nicht wie die Prudhoe Bay in eine Industriezone verwandelt worden ist. Sonst würde hier, wo mein Zelt einsam in der Tundra steht und nur Karibus im Vorbeigehen hastig ein paar Kräuter abrupfen, vielleicht ein Bohrturm, ein Werk-stattgebäude oder ein Flugplatz stehen.

Mount Chamberlin ( 2706 m ) dominiert als alleinstehende vergletscherte Pyramide die Franklin Mountains der Brooks Range.

Ein Sonnenuntergang über der Beaufort Sea Mitte August. Von Mitte Mai bis Anfang August sinkt die Sonne an der Küste der Beaufort Sea nie unter den Horizont, taucht aber nach der dritten Novemberwoche bis zur dritten Januarwoche auch nie wieder darüber auf.

Morgens paddeln wir den letzten Kilometer zum Abholplatz und überraschen zum Abschluss unserer Reise durch den arktischen Frühsommer auf einer Schotterbank eine Herde Moschusochsen. Dieses Urtier wurde bereits 1865 in Alaska ausgerottet, ist aber seither hier und an einigen andern Orten Alaskas durch Überführungen aus Grönland wieder erfolgreich angesiedelt worden. Naturlandschaften, selbst in der entferntesten und rauhen Arktis, sind dem steten Angriff des Menschen ausgesetzt; Landschaften, die in uns noch Träume von Abenteuer wecken, die uns Oasen der Stille und der Besinnung sein können. Sie sind genau so gefährdet, beseitigt zu werden, wie der Bauernhof, der am Stadtrand in die Bauzone eingeschlossen wird. Auch für den nimmermüden Wanderer der Arktis wird der Raum enger. Zu eng vielleicht.

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