Indian Creek und Moses Tower

Markus Gasser, Tenniken

Zauberworte für Sandsteinliebhaber Indian Creek Es ist Mai, wir fahren auf einer kurvenreichen Strasse in Richtung Indian Creek. Die Sonne brennt. Es herrscht eine Bruthitze, die das Wageninnere in einen wahren Backofen verwandelt. Meine Gedanken schweifen ab in die Vergangenheit: Erst drei Wochen ist es her, dass ich ebenfalls kräftig schwitzte. Nur aus einem andern Grund, denn zu diesem Zeitpunkt steckte ich mitten in meiner Lehrabschlussprüfung als Schreiner. Wie froh bin ich jetzt, hier zu sein und unsern Aufenthalt in den USA geniessen zu können. Wie lange unser Auto noch durchhält, wissen wir allerdings nicht. Wir haben es in Los Angeles für nur 900. Franken gekauft. Bis jetzt mussten wir einzig den Schlauch für die Kühlflüssig-keit abdichten, während wir Handbremse, Tankanzeiger und Scheibenwischer in ihrem ursprünglichen, mehr oder weniger unbrauchbaren Zustand beliessen. An den defekten Anlasser haben wir uns inzwischen auch bereits gewöhnt und parkieren das Auto deshalb jedesmal so, dass es sich leicht anrollen lässt.

Jetzt im Frühling, wenn die Blätter der den Fluss entlang wachsenden Bäume in intensiven Grüntönen leuchten, zeigt sich die Landschaft in diesem Gebiet am schönsten. Nun öffnet sich der Blick auf die Felsen des Indian Creek, und wir schauen an der gewaltigen Sandsteinmauer hinauf, die von unzähligen gradlinigen und wie mit dem Messer geschnittenen Rissen durchzogen ist, von denen unter Kletterern der Super Crack der berühmteste ist. Mit einem etwas verlegenen Lächeln schaue ich auf unsere Friends. Ob wir genügend von der richtigen Grösse bei uns haben? Oft braucht man 8 Stück von der genau gleichen Sorte. Am Einstieg treffen wir einige Amerikaner, die einen schmalen Riss klettern wollen. Das trifft sich gut, denn so können wir gegenseitig schmale gegen breite Friends eintauschen und uns einem breiten Riss zuwenden.

Rissklettern ist für mich fremd. Die Amerikaner haben dazu eine ausgeklügelte, jedoch schmerzhafte Handverklemmtechnik entwickelt. Und um dabei die Finger zu schonen, wickeln sie sich mehrere Lagen Tape ( Klebeband ) um die Hände, wodurch die Schmer- Zum ersten Mal sehen wir die freistehende Sandsteinnadel des Moses Tower.

w... A*- zen beim Klettern wohl erträglicher werden, nicht jedoch beim Entfernen des Tape, bei dem der Eindruck entsteht, als reisse man sich buchstäblich die Haut ab. Da ich meinen Fingern das Gefühl ersparen möchte, in eine Schraubzwinge gepresst und anschliessend noch enthäutet zu werden, halte ich mich vor allem an die Piaz-Technik.

Die meisten Routen weisen nach 30 Metern eine Abseilstelle auf. Die einzigen Sicherungen, die sich zwischen dem Boden und dem Umlenkpunkt anbringen lassen, sind somit Friends, was voraussetzt, dass man der Haltekraft solcher Klemmgeräte Vertrauen schenken muss. Diese Form der Kletterei ist deshalb die beste Vorbereitung für unser nächstes Ziel, den Moses Tower.

Moses Tower Wir verlassen den Indian Creek und fahren nach Moab. Ich hoffe, Moab sei ein schönes Städtchen. Aber leider präsentiert es sich uns im üblichen amerikanischen Stil: ein endloser Schilderwald mit knallig leuchtenden und blinkenden Neonlichtern und Schriftzügen wie und dergleichen mehr. Immerhin finden wir einen Kleiderwaschsalon, denn unsere Kleider haben ihn bitter nötig. Diese Einrichtung ist bei uns weniger bekannt, doch in Utah verfügen die wenigsten Leute über eine eigene Waschmaschine. Deshalb spielt sich dann im Waschsalon das ganze dörfliche Leben ab. Nebst langen Reihen von Waschau-tomaten finden sich zudem Spielautomaten und Billardtische, so dass auch für Unterhaltung gesorgt ist.

Wir fahren weiter zum Canyon National Park, wo kilometerlange Täler das Wüstenplateau durchziehen. In einem der Canyons hat die Erosion inmitten des Tales einen völlig alleinstehenden Felsturm, den Moses Tower, stehengelassen, dessen Gipfel genau gleich hoch ist wie das umgebende Plateau. Im Visiter Center angelangt, melden wir uns an, denn wer mehrere Tage durch die Canyons wandern will, muss sich einschreiben und genau angeben, wie lange er sich im Gebiet aufhält. Der ganze Bürokram bringt letztlich wohl nicht viel, denn bis ein Vermisster gefunden wird, ist er vermutlich längst verdurstet. Trotzdem ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass jemand nach uns suchen würde, wenn wir uns nicht rechtzeitig zurückmelden. Beladen mit dem gesamten Biwakmaterial, Wasser und Esswaren, die für zwei Tage reichen sollen, dazu mit 100 Meter Seil und dem ganzen Kletterkram steigen wir auf einem steilen, mit Steinmännchen markierten Pfad auf den Grund des Canyons hinab.

Fast unheimlich kommt mir diese Stille vor. Wochenlang begegnet man hier keinem Menschen, denn die Amerikaner sind normalerweise nur in der Nähe einer Strasse anzutreffen. Wir befinden uns in einer Märchen- Auf dem Weg zum Moses Tower sehen wir die 1000 Jahre alten weissen Flechten.

".. .cy-j*.,; 4*4H landschaft: unberührter Sandboden, ein ausgetrocknetes Bachbett, umrandet von saftig-grünem Gras. Zu beiden Seiten ragen die gewaltigen, den Canyon begrenzenden intensiv roten Sandsteinwände empor. Der Boden ist zum Teil mit schwarzen und weissen Flechten bedeckt, auf die man nicht treten darf, da hier diese verschiedenerorts schon tausend Jahre alt gewordene Pflanzenart geschützt ist. Wir marschieren durch den endlos sich hinziehenden Canyon. Mir scheint fast, als ob mich das Gewicht des ungewohnt schweren Rucksacks bei jedem Schritt tiefer in den Sandboden hineindrückt. Glücklicherweise fasziniert uns die fremdartige Landschaft jedoch derart, dass wir mit der Zeit den Ballast auf unsern Schultern vergessen. Zudem um- Schlingenstand 150 Meter über dem Einstieg gibt uns jetzt noch ein Duft nach getrockneten Kräutern, würzig und stark, aber mit anderen Komponenten und in anderer Zusammensetzung als wir es von der Provence gewohnt sind - diesmal handelt es sich eben um eine echt amerikanische Mischung. Auf einmal sehen wir den Moses Tower. Mir steht der Atem still - die 150 Meter hohe, unheimlich schlanke Felsnadel strebt gleich einer riesigen Kerze himmelwärts. Will ich da wirklich hinauf? Und was geschieht, wenn einer von uns sich bei einem Sturz verletzt? Hier bleibt man vollkommen auf sich selbst angewiesen. Bis zur Strasse sind es 10 Kilometer, zur nächsten Ortschaft vielleicht bereits 40, und wo sich das nächste Spital befindet, das will ich schon gar nicht wissen.

Wir biwakieren am Einstieg, können es kaum erwarten, dass es wieder hell wird. Am nächsten Morgen brauchen wir deshalb nur das Kletterzeug anzuziehen, und bereits in den ersten Seillängen geht es richtig los. Diesmal sind meine Friends alle zu breit für den senkrecht sich hochziehenden Riss, doch ein als Zwischensicherung fixierter Stopper gibt mir neuen Mut. Als nächstes folgt ein 30 Meter hoher ( breiterer ) Faustriss, so dass nun plötzlich Dreier- und Vierer-friends zu einem gefragten Artikel werden. Von diesem Standplatz aus müssen wir 10 Meter abseilen, um pendelnd in ein anderes Riss-System zu gelangen. Nun hängen wir unter einer in der Sonne metallisch rot glänzenden Sandsteinverschneidung, die pfeilgerade durch eine 100 Meter hohe senkrechte Mauer zum Gipfel führt. Hier heisst es . Dabei sind die Wände zu beiden Seiten so glatt poliert, dass ich schon gar nicht auf die Idee komme, nach Tritten zu suchen, sondern mich darauf beschränke, die Sohlen meiner Kletterfinken möglichst platt und nur auf Reibung gegen den Fels zu pressen. Jeweils einarmig im Verschneidungswinkel hängend, suche ich mit der andern Hand nach den passenden Friends, um damit die nächsten Meter absichern zu können. Zum Glück ist es jetzt noch nicht heiss. Je nach Sonneneinstrahlung könnte sich diese Felsnadel nämlich leicht in eine Art glühenden Eisenstab verwandeln. Und mit schweissnas- sen Händen würde die Kletterei zu einem schwierigen Unternehmen. Aber noch sind wir nicht oben, denn erst die letzte Seillänge ist die schwierigste und anspruchsvollste, wobei es gilt, an einer 20 cm breiten Schuppe hochzupiazen. Hier passt kein Friend mehr, weshalb die Erstbegeher kleine Löcher von 4 mm Durchmesser gebohrt und mit bohrhakenähnlichen Gebilden versehen haben, die meiner Meinung nach allerdings längst sanierungsbedürftig wären. Ich bin am Vorsteigen, und ich weiss, dass ich im Falle eines Falles all die unsicheren Stifte ausreisse, um schliesslich voll auf meinen Freund zu fliegen, der mich am Schlingenstand sichert. Die Vernunft in mir bekommt die Überhand. Also greife ich zu den Trittleitern, um diese Passage in künstlicher Kletterei zu bewältigen. Gott sei Dank halten die Metallbolzen bei vorsichtiger Belastung wenigstens mein Körpergewicht. Die nächste Seilschaft kann sie aber vielleicht nur noch für dekorative Zwecke verwenden.

Noch ein 3 Meter kurzer Fussweg, dann stehen wir auf dem kleinen Gipfelpodest, das sich tatsächlich auf genau gleichem Niveau befindet wie das umgebende Plateau. Am liebsten möchte ich jetzt eine Seilbahn zur benachbarten Hochfläche einrichten, denn das würde es uns ersparen, wieder abzuseilen, 10 Kilometer zurückzumarschieren und erneut die gesamte Höhendifferenz zu überwinden. Da dies aber Wunschträume bleiben, müssen wir den Weg über die auf der Nordseite hinabführende Abseilpiste nehmen, die allerdings über derart schlecht eingerichtete Stände verfügt, dass wir dankbar sind, die Steigklemmen dabei zu haben. Wohl sind die Stände jeweils schon nach 25 Metern eingebohrt ( damit man auch mit einem Einfachseil wieder hinunter kommt ), und wohl können wir dank unserer Jümars wenigstens noch die besten Abseilstellen aussuchen. Doch da sich die nur 6 mm dicken Bohrstifte bisweilen im weichen Sandstein drehen lassen, sind wir heilfroh, als wir nach der wilden Abseilerei wieder festen Boden unter den Füssen verspüren. Beim Rückmarsch richten sich unsere Gedanken bereits auf unsere nächsten Ziele in den Staaten. Vor allem möchten wir in den Yosemite-Na-tionalpark fahren, um am El Capitan eine Big-Wall-Route zu klettern. Derart in Diskussionen über unsere bergsportlichen Zukunftspläne vertieft, verfliegt die Zeit im Nu. Wir sind deshalb erstaunt, als wir uns auf einmal oben auf dem Plateau wiederfinden.

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