Internationale Himalaya-Expedition 1934

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Günter Dyhrenfurth.

Der Kampf um die noch unbezwungenen Riesenberge Zentralasiens, diese wahren Gipfel der Welt, ist allmählich zu einer Menschheitssache geworden, zu einem Problem, das zwar schwere Opfer fordert, das aber trotzdem durchgekämpft werden muss. Stand 1933 wieder einmal der Tschomo-lungmaMount Everest ) im Mittelpunkt des Interesses, so war es 1934 der Westflügel des ungeheuren Gebirgssystems — Nanga Parbat und Karakoram-Himalaya.

Die von mir geführte Internationale Himalaya-Expedition bestand aus Vertretern von sieben Nationen: sechs Schweizern, drei Deutschen, einem Amerikaner, einem Engländer, einem Italiener, einem Österreicher und einem Ungarn.

Unsere Aufgaben waren zweifacher Art: bergsteigerisch und filmisch. Da unsere ganze Expedition im wesentlichen von der Filmseite her finanziert worden war, hatten wir nicht etwa nebenbei etwas zu filmen, sondern die Produktion eines Grossfilms ( « Der Dämon des Himalaya » ) stand lange Zeit im Mittelpunkt unserer Arbeit. Ich bin kühn genug, offen zu bekennen, dass ich mich dessen nicht einmal schäme. Die Aufgabe, einen grossen Himalaya-spielfilm und ausserdem noch einen guten dokumentarischen Film zu schaffen, scheint mir wirklich des Schweisses der Edlen wert. Unseren verschiedenen Aufgaben zufolge schieden sich die Teilnehmer in zwei Gruppen:

Bergsteiger: 1. Ingenieur Marcel Kurz, Neuchâtel, als Topograph. 2. Dr. Hans Winzeler, Schallhausen, als Expeditionsarzt. 3. Ingenieur André Roch, Genf. 4. James Belaielf, Paris. 5. Hans Erti, München, zugleich Kameramann ( mit der Bell & Howell bis in die höchsten Höhen ). 6. Albert Höcht, München. 7. Ingenieur Piero Ghiglione, Turin, Berichterstatter der « Gazetta del Popolo ». 8. Prof. Dr. Günter Dyhrenfurth, Expeditionsleiter, Produk-tionsleiter des Films und Geologe, Zürich. 9. Frau Hettie Dyhrenfurth, Leiterin des Nachschubwesens, Zürich.

Filmgruppe: 10. Gustav Diessl, Wien, Hauptdarsteller. 11. Jarmila Marton, amerikanische Schauspielerin. 12. Andrew Marton, Berlin, Regisseur. 13. Richard Angst, geborener Zürcher, erster Kameramann. 14. Fritz von Friedl, Berlin, HilfsOperateur.

Am 13. April, einem Freitag, reiste unsere 13köpfige Mannschaft ( Marcel Kurz war schon 14 Tage voraus gefahren, um zu erkunden ) in Venedig ab. Der Anmarsch begann am 13. Mai — der Schlusstag war der 13. September — und unser Kameramann hiess Angst... eine unbeabsichtigte Anti-Aber-glauben-Demonstration! Nach mehr als zwei Wochen Fahrt erreichten wir Kashmirs Hauptstadt, Srinagar, den Ausgangspunkt der Expedition. Mit uns auf dem gleichen Dampfer war die Nachhut der deutschen Nanga Parbat-expedition gefahren. Wir unterhielten die besten Beziehungen zu unseren « Rivalen »; von einem grimmigen Konkurrenzkampf, einem « Wettlauf zum Himalaya », wie sensationslüsterne Reporter damals schrieben, war keine Rede.

In Srinagar waren wir noch ein paar Tage zusammen in Nedous Hotel, dann zog die deutsche Expedition westwärts dem Nanga Parbat entgegen.

Wir dagegen wurden durch deutsche Transferschwierigkeiten leider so lange aufgehalten, dass wir erst am 13. Mai, also mit zehn Tagen Verspätung, losziehen konnten.

Der Zofi La, 3527 m, dieser noch im Winterschnee begrabene Pass, stellte unser erstes ernsthaftes Hindernis dar. Der Gontractor, der uns rund 170 Ponies besorgt hatte, behauptete steif und fest, man könne bereits mit Pferden hinüber. Dieser Versuch führte aber nur zu einer furchtbaren Schinderei für die armen Tiere, die nahe der Passhöhe vielfach bis zum Bauch in dem grundlosen Schnee einbrachen und nur mit den grössten Mühen wieder herausgezogen werden konnten. Ich liess deshalb abladen und schickte die Pferde nach Baltal zurück. Da wir viel zu wenig Kulis hatten, konnten die Lasten nur im Pendelverkehr talwärts nach Matayan gebracht werden.

Sonst verlief der Anmarsch sehr angenehm und programmässig, am 28. Mai erreichten wir Skardu, die Hauptstadt von Baltistan. Hier fanden wir leider Marcel Kurz krank im Bungalow liegend. Unweit vor Skardu hatte er einen ernsthaften Reitunfall erlitten, wobei sein Knie so böse zugerichtet wurde, dass er die Expedition aufgeben musste. Wir waren sehr traurig, den lieben Kameraden zurücklassen zu müssen, und dass die topographische Erkundung jetzt ganz ausfiel, war ein schwerer Schlag für die Expedition.

Bis Shigar konnten wir unsere 400 Lasten mit Pferden transportieren; von dort ging es nur mit Trägern weiter. Wer den morgendlichen Aufbruch einer grossen Karawane im Himalaya zum erstenmal mitmacht, wird von dem unbeschreiblichen Tumult fast überwältigt. Mit wildem Kriegsgeschrei suchen sich die Kulis des Gepäcks zu bemächtigen, jeder will die leichteste Last haben. Die gebrüllten Kommandos des Shikari, des Trägerobmannes, nützen wenig, selbst auf seine Stockschläge reagieren sie kaum. Nur wenn ein paar in Kulipsychologie und Gepäckausgabe bereits erfahrene Sahibs die Sache leiten, gelingt es, wenigstens halbwegs Ordnung zu halten.

Von Askole, dem letzten Dorf vor der Gletscherwelt des Karakoram, geht es fünf Tage in ständigem Auf und Ab durch das Braldohtal, dann über den schuttbedeckten Baltorogletscher nach Rodokas, 4057 m, einem schönen Weideplatz mit Gras, Holz und frischem Wasser. Von hier sollten die Hochlager mit frischem Fleisch und Kulinahrung versorgt werden, ein schwieriges organisatorisches Problem. Auf unserer ersten Expedition in Nepal und Sikkim hatten die Träger pro Tag ein Kilogramm Attamehl bekommen und dieses zu einem Brei angerührt. Hier aber besteht die Kulinahrung aus Chapattis, d.h. Broten, die auf offenem Feuer gebacken werden müssen. Das geht leicht, solange man Holz hat, aber wir mussten ja monatelang im Gletschergebiet leben, nur auf unsere Petroleum- und Metavorräte angewiesen. Es wurde also beschlossen, in Rodokas zwei Brotbäcker anzustellen, die täglich 120 Brote zu backen hatten, und dann regelmässig Brot und Hammelfleisch ( wir hatten 30 Hammel hier heraufgetrieben ) in die Hochlager transportieren zu lassen.

Die Berge stecken in dicken Wolken, als wir mit einer Riesenkarawane von Kulis auf dem ungeheuren Eisstrom des Baltoro ostwärts marschieren.

Noch immer viel Oberflächenmoränen, aber immer häufiger schaut das Eis durch die Schuttdecke hindurch. Wir sind etwas missgestimmt, dass wir heute so wenig zu sehen bekommen. Da brodeln die Wolkenmassen, und es erscheinen in grosser Höhe kühne Gipfel mit wilden Eisgraten. Offenbar der Masherbrum, 7831 m. Mit gebührendem Respekt bewundern wir ihn. Da — eine neue Bewegung in den flutenden Nebelschleiern — und plötzlich erscheint unglaublich hoch über diesen Gipfeln — wir müssen den Kopf weit in den Nacken legen — die leuchtende Eisspitze des wirklichen Masherbrum. Ein geradezu phantastischer Anblick. Womit soll ich den Masherbrum vergleichen? Am ehesten noch mit dem Matterhorn von der Zmuttseite, aber noch trotziger, viel gewaltiger und fast doppelt so hoch.

Der zweite Tagesmarsch: An einmündenden Seitengletschern vorbei, im Norden der Mustagh Tower, 7275 m, der kühnste Felsberg 1 ) der Erde.

Hier begannen die ersten ernsthaften Trägerschwierigkeiten. Wir hatten das grosse Werk des Herzogs der Abruzzen über seine Karakoramexpedition 1912 genau studiert, in welchem die Braldohträger als die besten und anspruchslosesten Menschen geschildert werden. Sie wären absolut bedürfnislos, an Kälte gewöhnt und vollkommen zufrieden, wenn sie eine halbe Rupie und 1 kg Mehl pro Tag bekämen. Nach dem Herzog der Abruzzen war aber die Riesenexpedition des Herzogs von Spoleto 1929 durch Askole auf den Baltorogletscher gezogen, und da diese über grosse Geldmittel verfügte, waren die Träger ganz verdorben worden. Sie betrachten jeden Europäer als Milliardär, dessen Aufgabe es ist, sämtliche Bewohner des Braldohtales zu ernähren und vor allem von Kopf bis Fuss auszurüsten. Als wir zu den ersten grossen Firnfeldern kamen und bei jedem Schritt in dem faulen Firnschnee tief versanken, forderten die Träger sofort Bergschuhe. Da wir diese aber nur für die besten 45 Hochträger mitgenommen hatten und sonst nur Schneebrillen verteilen konnten, streikten die Leute sofort und weigerten sich, mitzugehen. Wir mussten also die Meuterer entlassen und die Lasten mit den 60 besten Kulis weiter pendeln.

Am Mittag des dritten Tages kamen wir nach « Konkordia », 4627 m. Von drei Seiten fluten hier gewaltige Gletscher heran, vereinigen sich in Konkordia und strömen als Baltorogletscher westwärts. Man soll mit Superlativen äusserst sparsam sein, aber hier kann man es wirklich verantworten: eines der gewaltigsten Hochgebirgsamphitheater der Welt: drei Achttausender und zahlreiche Siebentausender, hoch über allen der Lamba Pahar oder K 2, 8591 m, der Rivale des Mount Everest, 8882 m, und Kangchendzönga, 8603 m. Lamba Pahar = der grosse Berg, ein schöner Name für diesen über alle Beschreibung gewaltigen und formenschönen Gipfel.

Traurig dachten wir unseres armen Kurz, der uns hier mit wichtigen topographischen Nachrichten hätte erwarten sollen, und stellten in einer grossen Erkundungsfahrt am 20. Juni fest, dass der gegebene Platz für unser Standlager noch 12 km weiter südöstlich liegt, auf einer Moräne des « Glacier Duke of the Abruzzi », in einer Höhe von 4990 m.

Am 23. Juni schob sich die Spitze der Expedition nach dem Standlager vor, während Winzeler Konkordia übernahm und die Filmgruppe dorthin nachrückte. Memsahb ( Frau Dyhrenfurth ) übernahm nun das Standlager, wir anderen schwärmten nach den verschiedensten Richtungen aus, um die fehlende Rekognoszierung schnellstens nachzuholen. Ghiglione erkundete den Aufstieg zum Chogolisasattel zwischen Golden Throne und Bride Peak. Unsere Hauptarbeit aber galt dem « Probable Saddle », 6300 m, und den Zugangsmöglichkeiten zu dem geheimnisvollen Gasherbrum I. Der Probable Saddle, welcher neuerdings nach dem grossen englischen Bergsteiger und Forschungsreisenden Sir Martin Conway « Conway Saddle » getauft wurde, ist die seit Jahrzehnten viel besprochene, aber bis 1934 ungeklärte Übergangs-region zwischen dem 60 km langen Baltoro- und dem 70 km langen Siachengletscher. Der Gasherbrum I, 26,470 ft. = 8068 m, wird von den Engländern Hidden Peak = « der verborgene Berg » genannt. Ich möchte aber dem sehr viel älteren einheimischen Namen den Vorzug geben. Gasher = hell, leuchtend. Brum = Berg. Gasherbrum = der leuchtende Berg, ein schöner Name für diese edel geformte Riesenpyramide, die in der Rangliste der Achttausender an zehnter Stelle steht.

Eine Zugangsmöglichkeit zum Hidden Peak bot der noch von keines Menschen Fuss betretene Baltoro-Gasherbrumgletscher. Dieser ist wirklich phantastisch zerrissen und vielfach durch Hunderte von Längs- und Querspalten geradezu schachbrettartig zerhackt. Durch dieses Eislabyrinth hindurchzufinden, wurde zu einem ernsten Problem. Über diesen Gletscher machten also Roch und ich, begleitet von einem Träger, eine « gewaltsame Erkundung », die uns bis 6250 m hinaufbrachte und in topographischer und photographischer Hinsicht reiche Ergebnisse hatte. Dieser von vier Gasher-brumgipfeln und drei namenlosen Siebentausendern umschlossene Gletscher gehört zum Wildesten und Grossartigsten, was mir bisher im Himalaya und Karakoram zu sehen vergönnt war. Bergsteigerisch war das Ergebnis jedoch negativ, der Nordwestgrat und die furchtbar steile Westfront des Gasherbrum I kamen für einen Besteigungsversuch nicht ernsthaft in Frage. Um diese Klarheit zu gewinnen, hatten wir uns zehn Stunden hinaufarbeiten müssen, von unserem letzten Lager ab gerechnet. Am Spätnachmittag traten wir den Rückmarsch an.

Das gewaltige Eismassiv des Golden Throne uns gegenüber leuchtet in den letzten Strahlen der Abendsonne, als wir, uns zwischen Eistürmen hindurchwindend und ständig Gletscherspalten überspringend, dem Tale zustreben. Doch alle Eile ist umsonst. Es wird Nacht, und wir stecken immer noch inmitten des Gletscherbruches. Auf dem Seil sitzend, die Bergschuhe herunter, die Füsse in den Rucksack und dann massieren, dauernd massieren, damit man sich nicht die Zehen erfriert. Sehnsüchtig warten wir auf den heraufkommenden Mond, um den Abstieg fortsetzen zu können. Von 9 Uhr abends bis 1 Uhr nachts müssen wir ausharren. Nur vier Stunden, aber in solchen Fällen hat jede Minute dreifaches Gewicht. Unendlich lange dauert es, bis das Mondlicht von der Spitze des Bride Peak in unser wildes Gletschertal heruntergestiegen ist. Endlich leuchten die Zacken und Türme rund um uns in silbernem Glanz auf, und wir zwängen unsere Füsse in die beinhart gefrorenen Bergschuhe hinein. Dann schleichen wir wieder über trügerische Schneebrücken, springen über gähnende Klüfte, und schliesslich, um 320 Uhr morgens, sind wir auf der Moräne bei unseren Zelten.

Ein gewaltiger Fels- und Eissporn, der in gerader Linie zu den Firnfeldern unter dem Gipfel des Hidden Peak hinaufführt, hätte den idealen Anstieg geboten. Ertl und Roch arbeiteten sich dort in schwerer und sehr ausgesetzter Kletterei bis 6300 m empor und waren überzeugt davon, mit entsprechender Seil- und Hakensicherung den Grat auch für Kulis gangbar machen zu können. Als sie aber wieder bei den Trägern am Einstieg anlangten, die von unten her mit Staunen und Grauen die Bravourleistung ihrer Sahibs verfolgt hatten, wurden sie schwer enttäuscht. Die Leute erklärten: « Rasta karab » = « der Weg ist schlecht » und waren weder durch Güte und Geldversprechungen, noch durch Strenge dazu zu bewegen, mit den Sahibs zu gehen. Mit leisem Neid dachten wir an die deutsche Himalaya-Expedition, welcher 35 der besten Darjeelingträger für die Hochregion zur Verfügung standen. Ursprünglich hatten auch wir vorgehabt, uns Darjeelingträger zu sichern. Infolge der finanziellen Schwierigkeiten zu Anfang der Expedition war es uns aber nicht möglich gewesen.

Schweren Herzens entschlossen wir uns, den Sporn aufzugeben und ein Standlager auf dem Conwaysattel zu errichten. Von dort aus sollte ein Lager nach dem anderen vorgeschoben werden. Ein Weg von 13 km mit kolossalen Höhenunterschieden, über wild zerklüftete Gletscher, stand uns nun bevor. Aber die technischen Anforderungen an die Kulis waren nicht so gross wie am Sporn.

Nun kamen Schwierigkeiten, die sich niemand vorstellen kann, der es nicht miterlebt hat. Winzeler und Belaieff hatten sich in Skardu eine malaria-artige Infektion geholt, von der sie sich nur sehr langsam erholten. Roch blieb daher bei seinem kranken Freund im Standlager. Ich selbst wurde wegen der filmischen Arbeiten längere Zeit dort zurückgehalten.

Am 29. Juni schlugen Ertl und Höcht bei 6250 m, nahe dem Conwaysattel, das Lager 6 auf. Die Nacht war qualvoll, weniger für die Sahibs als für die Kulis, die fast alle bergkrank waren und jammervoll ächzten und stöhnten. Die Bergsteiger mussten daher ohne Kulis weiterziehen, um den Weg nach Camp 7 zu erkunden. Eine 150 m hohe, etwa 50 Grad steile Eiswand wurde in dreistündiger, schwerer Stufenarbeit überwunden und mit permanenten Seilen für Kulis gangbar gemacht. Damit lag der Weiterweg zu Camp 7 offen, aber das Vorschieben der Lager ging unendlich langsam vor sich, denn von den 400 Kulis, mit denen wir von Askole abmarschiert waren, hatten wir nach und nach den grössten Teil zurückschicken müssen. 20 Träger waren schliesslich noch bis zum Conwaysattel verwendungsfähig, ganze 6 waren nur mit viel Bakshish nach Camp 7 zu bringen.

Als endlich alles zum Angriff Nötige in Camp 6 auf dem Conwaysattel war und die Bergsteiger tatenlüstern oben sassen, da setzte — nach Wochen herrlichsten Wetters — am 6. Juli heftiger Schneefall ein, der sich bald zum Schneesturm steigerte und die Zelte unter 1 1/2 m Neuschnee begrub. Es war der gleiche Wettersturz, welcher der deutschen Nanga Parbat-Expedition zum Verhängnis werden sollte. Nach 5tägigem Schneesturm musste der Conwaysattel wegen Lawinengefahr und Nachschubschwierigkeiten geräumt werden. Das Wetter war von nun an unbeständig, an einen Achttausender war nicht mehr zu denken. Nach meinem genau ausgearbeiteten Plan sollten wir am 3. Juni im Standlager eintreffen, denn der Juni ist der einzige Schönwetter-monat im Karakoram. Durch die finanziellen Schwierigkeiten am Anfang und durch das Ausfallen der von Kurz geplanten Erkundungen waren 20 wichtige Tage verloren worden, und diese unverschuldete Verspätung war eben nicht mehr einzuholen. Bei allen diesen Schwierigkeiten auch noch einen grossen Spielfilm zu drehen, war eine wirklich übermenschliche Aufgabe. Und doch musste es sein! Bei allem guten Willen zu ausgleichender Gerechtigkeit war es unvermeidlich, dass die bergsteigerischen Interessen dabei öfters zu kurz kamen. Diese absolut wahre Erklärung schulde ich den jungen Bergsteigern meiner Expedition.

Zwei Tage hat die Filmgruppe sogar auf Conwaysattel gearbeitet, Spiel-szenen in dieser Höhe — ein bemerkenswerter Rekord und eine erstaunliche Leistung von Gustav Diessl, Richard Angst, A. Marton und E. v. Friedl. Dann zogen sie talwärts, um in Kleintibet die letzten Szenen zu drehen, die Bergsteiger waren endlich frei. Am 30. Juli gingen Ertl, Höcht, meine Frau und ich nach Camp 7, in der Hoffnung, doch noch die Spitze eines Siebentausenders zu betreten. Belaieff, Ghiglione, Roch und Winzeler rüsteten zum Angriff auf Golden Throne.

Über unsere Besteigung von Queen Mary Peak-Westgipfel möge der Originalbericht folgen, den ich damals geschrieben habe:

Im Kampf um Golden Throne und Queen Mary Peak.

Anfang August im Hochlager 7, 6800 m. Wir sitzen fröstelnd in unserer Schneehöhle, die von Hans Ertl und Berti Höcht noch bei gutem Wetter sachkundig gebaut und mit viel Liebe als Küche und Speisezimmer eingerichtet wurde. Nun kämpft Berti, unser Feuerwerker, unermüdlich mit dem widerspenstigen Kocher. Draussen tobt der Schneesturm, die ganze Luft ist von Schneestaub erfüllt. Ist es tatsächlich zu spät? Endgültig vorbei mit all unseren Gipfelplänen? Schwer lastet die Sorge auf uns.

Unser kleines Mahl ist beendet. Durch tiefen Neuschnee kämpfen wir uns zu unseren — nur wenige Schritte entfernten — Zelten, kriechen in die Schlafsäcke und brauchen lange — lange, bis endlich auch die Füsse halbwegs warm geworden sind. Denn auf 6800 m lässt die Blutzirkulation doch schon einiges zu wünschen übrig, und insbesondere Frauen sollen ja auch in geringeren Höhen nicht gerade selten an kalten Füssen leiden. In unserem Falle ist die Temperatur im Zelt minus 11 Grad Celsius, draussen minus 20 Grad.

Am nächsten Morgen strahlendes Wetter! Haben wir eine Chance verschlafen? Nein — bei dem tiefen Neuschnee und der dadurch bedingten grossen Lawinengefahr hätten wir heute keinesfalls einen Gipfel machen können. Aber wenigstens wollen wir den heutigen Tag ausnützen, um vorzuspuren und so den morgigen Angriff vorzubereiten. Ertl und Höcht mit Kimbek, unserem besten « Hochkuli », als erste Seilpartie, ich mit Rodji, einem anderen « Tiger » als zweite, so gehen wir es an.

Mit sorgsamer Atemtechnik, zwei Atemzüge für jeden Schritt, pflügen wir schweigend durch den tiefen Neuschnee empor. Drüben am Golden Throne, durch die Senke des Conwaysattels von uns getrennt, schieben unsere Kameraden James Belaieff, Piero Ghiglione und André Roch ein kleines Hochlager gipfelwärts vor, über einen tollen Gletscherbruch hinauf. Auch drüben bereitet man sich für den kommenden Tag vor.

2000 m unter uns fliesst der Kondusgletscher in wundervoll geschwungenen Windungen südwärts. Und da, zum Greifen nahe, die wichtige topographische Entdeckung, die mir Ertl und Höcht schon auf Grund ihrer ersten Erkundungsfahrt gemeldet hatten: das bisher fehlende Bindeglied zwischen Baltoro- und Siachengletscher! Der eine 60 km, der andere 70 km lang, zwei der gewaltigsten Eisströme der Erde ausserhalb der Polargebiete. Ob von einem zum anderen ein Übergang möglich sein würde, war eine seit 40 Jahren, seit Martin Conways denkwürdiger Karakoramfahrt, viel erörterte und nie geklärte Frage. Das Gebiet des Queen Mary Peak-Massivs, des Eckpfeilers zwischen Baltoro-, Kondus- und Siachengletscher, war immer ein dunkler Punkt geblieben. Nun sahen wir die Lösung dieses alten bergsteigerischen und geographischen Problems: einen direkten Übergang via Conwaysattel gibt es nicht. Aber auf der Südseite des Queen Mary-Massivs zieht sich eine Eisterrasse hin, die auch unser Lager 7 trägt, und von dort aus flutet ein nur massig steiler Gletscher südostwärts. Er ist zwar ziemlich zerschrundet, aber doch gut begehbar, sogar mit Ski. Dieser Gletscher — nennen wir ihn Queen Mary Glacier — vereinigt sich mit dem West Source Glacier des Siachen-systems. Ein Übergang vom Baltoro zum Siachen ist also tatsächlich möglich, allerdings muss man dazu bis 6800 m herauf, also — sehr bequem ist es nicht.

Wundervolles Wetter ist heute, die ganze Bergwelt des Kondus- und Siachengebietes liegt ausgebreitet vor uns, mit zahllosen Seitengletschern, mit formenschönen Gipfeln bis zu 7700 m Höhe. Unsere Leicas arbeiten « wie Maschinengewehre ».

Der eisbedeckte Gratrücken, über den wir emporstiegen, verschwindet in der Flanke des Queen Mary-Massivs, es wird steiler, mühsamer und — lawinengefährlich. Bei 7100 m habe ich für heute genug und steige ab. Die Partie Ertl arbeitet sich noch 100 m höher hinauf, dann ist auch ihr Bedarf gedeckt, denn mächtige Schneebretter krachen mit dumpfem Dröhnen, sobald sie einen Steilhang zu betreten versucht. Diese Warnung ist nicht zu überhören. Nachmittags sind wir alle wieder in Lager 7.

Ein strahlender Abend. Langsam steigen aus den Tälern die stahlblauen Schatten herauf, aber die Hochgipfel leuchten noch wie rotglühende Fackeln. Hoffentlich ist das Wetter morgen ebenso!

In einem Himalayahochlager bei Tagesgrauen zu starten — aus der Wärme des Schlafsacks, aus dem Windschutz des Zeltes hinaus in die Eiskälte — erfordert viel Selbstüberwindung. Wieder gehen wir in zwei Seilpartien, Ertl und Höcht mit dem Hochträger Kimbek als erste, ich mit meiner Frau und dem Hochträger Rodji als zweite.Von den mehr als 50 Baltikulis, die wir nach sorgsamer Prüfung für den Dienst in den Hochlagern ausgewählt hatten, waren hier oben nur noch diese zwei leistungsfähig geblieben.

Die Spur von gestern erleichtert uns die Arbeit. Ich gehe von Anfang an sehr langsam und gleichmässig, denn ich will meine Frau jedenfalls über 7000 m hinaufführen, wenn möglich — aber das wagen wir kaum laut zu sagen — bis zum Gipfel. Der alte « Frauenweltrekord », von der Amerikanerin Fanny BuUock-Workman im Jahre 1906 aufgestellt, steht auf 6932 m. Es war der Pinnacle Peak in der Nun Kun-Gruppe ( Kashmir ). Dieser seit fast 30 Jahren unangetastete Rekord ist bald gebrochen, die 7000-m-Grenze ist erreicht. Nur das Wetter macht uns Sorge. Aus Südwesten ziehen Wolkenschleier heran, vom Baltoro steigen Nebelfetzen auf, der Wind wird immer stärker. Trotz allem — vorwärts! Schweigend, in maschinenmässiger Gleichmässigkeit, mit sorgsamer Atemtechnik, ziehen wir unsere Bahn.

Auch unsere Kameraden drüben am Golden Throne sind fleissig an der Arbeit. Wie uns das Trieder zeigt, sind sie etwa in gleicher Höhe wie wir gerade dabei, sich durch ein System von mächtigen Gletscherspalten hindurchzuwinden, dem Gipfelgrat entgegen.

Eine mindestens 50 m hohe, überhangende Eismauer zwingt uns zu einem grossen Umgehungsmanöver nach links ( Norden ). Als wir durch einen Eisbruch mit herumliegenden mächtigen Brocken hindurchsteigen, hüllt uns bereits dichter Nebel ein. Über einen Bergschrund mit höchst verdächtiger Schneebrücke führt die Spur der Partie Ertl einen Steilhang hinauf und hinein in das graue Nichts.

Memsahb beginnt stark unter der Höhe zu leiden — Atemnot und Herzbeschwerden. Mein Aneroid zeigt 7315 m = 24,000 ft. Ich melde also tröstend meiner mit aller Willenskraft sich aufwärts kämpfenden Frau, dass es bis zum Gipfel nur noch wenig mehr als 100 m Höhe sein könne. Wieder vergeht eine Stunde harter Arbeit, da plötzlich zerreisst der Nebel, und wir sehen — 60 m über uns die Partie Erti und erst hoch, hoch darüber den Gipfelgrat! Ja, ums Himmelswillen, was ist denn los? Mein Barometer, hundertfach geprüft, auf Conwaysattel und noch heute früh im Lager 7 genau eingestellt, kann doch nicht plötzlich verrückt geworden sein! Aber nein, wir überhöhen ja bereits den Golden Throne, der von der Great Trigonometrical Survey of India genau vermessen und mit 7312 m fixiert ist. Also ist die Höhenangabe von 24,350 ft. oder 7426 m für den Queen Mary Peak auf der Bullock-Work-man-Karte von 1912 offenbar falsch, Queen Mary Peak muss ein gutes Stück höher sein. Eine sehr erfreuliche Entdeckung, wenn man einen Berg gemacht hat, aber für uns jetzt augenblicklich ein harter Schlag. Doch was hilft 's — wir müssen hinauf, vorwärts I Ertl und Höcht, im Vortritt sich wiederholt ablösend, kämpfen hart mit dem tiefen Neuschnee, in dem sie oft bis zum Bauch versinken und trotz aller Anstrengung nur unendlich langsam vorwärts kommen. So können wir schliesslich sogar aufschliessen. Wieder sind wir in dichtem Nebel, eisiger Wind peitscht uns den Schneestaub in die Augen. Endlich, endlich ist der Sattel zwischen Mittelgipfel und Westgipfel erreicht. Unverzüglich beginnen unsere beiden jungen Freunde, zum Westgipfel, dem höheren von beiden, vorzuspuren. Die zwei Kulis bleiben im Sattel zurück.

Nun gilt es, die letzten Willens- und Kraftreserven einzusetzen. Es geht die Gipfelpyramide empor, langsam, Fuss um Fuss. Da — Hans Ertl und Albert Höcht, die wirklich aufopfernde Arbeit geleistet haben, treten zur Seite, um Memsahb und Barasahb den Vortritt zu lassen. Wir haben es geschafftder Gipfel — der Sieg!

Der Sturm setzt aus, der Wolkenschleier zerreisst und gibt den Blick frei hinüber auf die Gasherbrums. Von neuem sehen wir, wie hoch unser Standpunkt ist. Ertl photographiert und filmt eifrig.

Der Barometer zeigt 7580 m — nach meiner späteren Berechnung 50 m zu hoch. Die wahre Höhe des Queen Mary Peak-Westgipfels ist also etwa 7530 m oder 24,705 ft.

Wieder setzt das Schneetreiben ein, wir beginnen den Abstieg. Etwa 50 m unterhalb der Spitze tritt rechter Hand stellenweise der nackte Fels zutage. Mein Geologengewissen erwacht, ich nehme eine Probe davon mit, ohne zu prüfen, fast ohne mir das Handstück anzusehen. Zu dem allen bin ich viel zu abgekämpft. Aber — ein glücklicher Zufall — später stellt sich heraus, dass der kleine Kalkbrocken vom Gipfelgrat des Queen Mary Peak sogar eine Versteinerung enthielt, die ich erst in Ruhe genauer untersuchen werde.

Im Sattel nehmen wir die beiden Kulis wieder ans Seil. Weiter, hinunter! Memsahb ist ziemlich fertig, aber — wir müssen nach Camp 7. Nur kein Freilager in dieser Höhe, das ist der sichere Tod. 9 Stunden haben wir für den Aufstieg gebraucht, von 6 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags, 3 Stunden erfordert der Abstieg.

Am gleichen Tage, dem 3. August 1934, eroberten unsere Kameraden Belaieff, Ghiglione und Roch drüben den Ostgipfel des Golden Throne ( 7250 m ), und 8 Tage später den Mittelgipfel der Queen Mary, 7450 m.

Am 12. August 1934 endlich gelang der Hauptschlag, nämlich die Besteigung von Mittelgipfel, Ostgipfel und Hauptgipfel des Queen Mary Peak durch Ertl und Höcht. Es war knapp vor Toresschluss. Die Filmgruppe war bereits abmarschiert. Mit Winzeler, Ghiglione, Roch und Belaieff eilte ich ihr in langen Märschen nach, um zu den Filmaufnahmen in Lamayuru, einer überaus malerischen Klosterstadt Kleintibets, noch zurecht zu kommen. Nur Memsahb, Ertl und Höcht waren auf dem Conwaysattel zurückgeblieben, mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, das restliche Expeditionsgut hinunterzuschaffen und mit Hilfe von frischen Trägern, die von Askole angefordert waren, ein Lager nach dem andern aufzurollen. Auf Gipfelerfolge rechnete keiner mehr. In den letzten Wochen war buchstäblich auf acht Tage Hundewetter kaum ein Tag Sonnenschein gekommen. Doch kaum waren wir unterwegs, Baltoro abwärts, da klarte es auf. Für uns zu spät, aber glücklicherweise waren Ertl und Höcht, meine unermüdlichen jungen Freunde, noch sprungbereit. 52 Tage insgesamt hatten sie auf Conwaysattel gesessen. Als aas Wetter sich jetzt zu bessern schien, da gingen sie sofort in alter Frische wieder nach Camp 7 hinauf.

Über die erfolgreiche Bergfahrt vom 12. August hat Hans Ertl im Januarheft 1935 von « Der Bergsteiger » genau berichtet. Ich beschränke mich deshalb hier auf die blossen Ersteigungsdaten:

Aufbruch 2 Uhr nachts, durch tiefen Bruchharsch äusserst mühsam bis zur grossen Eisbarriere. In harter Stufenarbeit die Wand hinauf, weiter ziemlich genau in der Fallirne bei grimmiger Kälte zum Mittelgipfel. Dort längere Rast, um die erfrierenden Füsse zu massieren. Der Träger Hakimbek bleibt in einer windgeschützten Mulde zurück, die Filmapparatur muss also von den beiden Sahibs selbst getragen werden. Hinüber zum Ostgipfel und weiter, die breite plateauartige Mulde überquerend, zum Hauptgipfel, der über eine etwa 200 m hohe Blankeiswand in mühsamer Stufenarbeit um 4 Uhr nachmittags erreicht wird. Bei den letzten Felsen, 10 m unter der Gipfelwächte, wird ein Steinmann gebaut, in dem eine Blechbüchse mit den Ersteigungsdaten hinterlegt wird. Rückweg über den Mittelgipfel, 7 Uhr abends Ankunft in Camp 7, und 8 Uhr abends dank der Ski im Conwaysattel. Innerhalb von 18 Stunden 1100 m Höhendifferenz im Aufstieg, 1650 m im Abstieg.

Unsere Höhenangaben.

Über die Höhen der von uns bestiegenen Queen Mary-Gipfel schwirren in der Presse die unsinnigsten Zahlenangaben herum. Zur Beruhigung aller Fachleute eine kurze Klarstellung:

Der Queen Mary Peak ist auf der Bullock-Workman-Expedition 1912 von Grant Peterkin vermessen worden, und zwar von drei Punkten aus. Diese drei Punkte lagen sämtlich auf der Siachenseite, und zwar nahezu in einer Geraden hintereinander, also denkbar ungünstig für Queen Mary Peak. Auf der Expedition des Herzogs von Spoleto im Jahre 1929 ist der Berg trigonometrisch nicht neu vermessen worden, wie aus dem Probedruck der neuen Karte von Desio hervorgeht. Auf allen bisherigen Karten, einschliesslich der neuen Desiokarte, ist die Terrainzeichnung des Queen Mary Peak-Massivs vollkommen falsch. Überall ist als höchster Gipfel der gegen den Siachengletscher vorgeschobene Ostgipfel verzeichnet, von welchem ein nach Westen ziehender, stark absinkender Kamm ausgeht. In Wahrheit trägt dieser Kamm den Mittelgipfel, der niedriger als der Ostgipfel ist, und den Westgipfel, der sogar etwas höher als der Ostgipfel ist. Nach der Desiokarte wäre dieser Westgipfel nur etwa 6700 m hoch, also nur 400—500 m höher als der Conwaysattel. In Wirklichkeit ist der Westgipfel mindestens 7430 m hoch, nach unseren Beobachtungen sogar 7530 m.

Der Ostgipfel allein ist bisher trigonometrisch vermessen und liegt auf 35° 39'51 " Breite und 76 » 45'43 " Länge. Der Hauptgipfel erhebt sich ein ganzes Stück rückwärts, jenseits einer breiten plateauartigen Senke, und liegt etwa auf 35° 40'22 " Breite und 76° 45° 30 " Länge. Dieser höchste Queen Mary-Gipfel ist ungefähr 250 m höher als der Ostgipfel und kann weder vom Conwaysattel noch Siachengletscher aus gesehen werden. Man muss vom Conwaysattel erst ein gutes Stück auf der Golden Throne-Seite hochsteigen, bis endlich dieser hinter dem Plateau versteckt gelegene Hauptgipfel zum Vorschein kommt. Dieser Hauptgipfel ist bisher überhaupt noch nicht vermessen worden, weder trigonometrisch, noch photogrammetrisch.

Wenn man die Peterkin-Messungen als korrekt ansieht, so ergeben sich also folgende Höhen:

Ostgipfe124,350 Fuss = 7424 m.

Mittelgipfel, ca24,190 » = 7375 m Westgipfel, ca24,370 » = 7430 m Hauptgipfel, ca25,174 » = 7675 m Hierbei handelt es sich um Minimalzahlen, die nach unseren Beobachtungen hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Nach unseren Beobachtungen sind die Höhen:

Ostgipfe124,682 Fuss = 7525 m Mitte1gipfe124,518 » = 7475 m Westgipfe124,705 » = 7530 m Queen Mary Peak Hauptgipfe125,502 » = 7775 m Hierbei handelt es sich bereits um korrigierte Aneroidablesungen. Auf dem Westgipfel hat das Aneroid z.B. 7580 m gezeigt. Wir haben diesen Betrag um 50 m reduziert, da das Wetter sich untertags verschlechterte und der Luftdruck am Abend bei unserem Wiedereintreffen im Lager 7 um den Gegenwert von 50 m gesunken war. Ich darf in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass ich nicht nur Bergsteiger bin, sondern von Haus aus Geologe und Geograph. Über den zweifelhaften Wert von Aneroidablesungen, speziell in diesen grossen Höhen, bin ich also genau informiert. Bei Queen Mary Peak handelte es sich aber nicht um eine einmalige Ablesung, sondern um wiederholte Messungen mit zwei Aneroiden und an drei verschiedenen Tagen. Dabei wurde stets mit Camp 7 und dem Conwaysattel verglichen, wo wir ja bekanntlich durch lange Zeit ein grosses Lager hatten. Der Conwaysattel, auf dem wir insgesamt ungefähr 50 Tage waren, ist von Desio auf 6300 m bestimmt worden. Unser Camp war ungefähr 40 m unterhalb der Passhöhe, ich habe aber vorsichtshalber für Camp 6 immer nur 6250 m als Höhe eingesetzt.

Noch wichtiger als unsere Aneroidmessungen scheint mir die Tatsache, dass wir am 3. August bereits zwei Stunden, bevor wir den Queen Mary Peak-Westgipfel erreichten, die Höhe von Golden Throne, 7312 m, hatten. Unser Steigtempo war langsam, nämlich rund 100 m pro Stunde, wie die ständige Aneroidbeobachtung zeigte. Auf dem Queen Mary Peak-Westgipfel waren wir ganz wesentlich höher als der Golden Throne, wie der blosse Augenschein einwandfrei lehrte. Auch aus den Photos vom Mittelgipfel aus geht klar hervor, dass bereits dieser niedrigste der vier Queen Mary-Gipfel höher ist als Golden Throne ( siehe Bild Nr. 39 ). Man sieht darauf über den Golden Throne hinweg die ganze Gipfelpyramide des Bride Peak und die Horizontwolken. Die Höhen von Bride Peak, 7654 m, und von Golden Throne-Hauptgipfel, 7312 m, liegen einwandfrei fest, mit einer Fehlergrenze von nur noch wenigen Meter.

Die approximative Höhenbestimmung auf Grund von Photographien der Spoleto-expedition dürfte von nur zweifelhaftem Wert sein, da auf dieser Expedition kein Punkt erreicht wurde, der einen genauen Einblick in das Queen Mary Peak-Massiv ermöglicht. Trotz monatelanger Arbeit auf dem Glacier Duke of the Abbruzzi und dem Conwaysattel hatten wir selbst ja keine richtige Vorstellung von dem Aufbau dieses Massivs und von der Existenz des Hauptgipfels, bis sich endlich durch die drei Besteigungen am 3., 10. und 12. August das Geheimnis enthüllte.

Von entscheidender Wichtigkeit scheint mir, dass die Differenz zwischen unseren berichtigten Aneroidmessungen und den von Peterkin angenommenen Höhen sich nicht auf etwa 300 m beläuft, wie vielfach angenommen wurde, sondern in Wahrheit nur auf 100 m. Der Hauptgipfel der Queen Mary war vor uns überhaupt noch nicht vermessen worden.

Redensarten wie « Neue Höhenrekorde » oder « höher als der Kamet » sind Produkte der heutigen Schnellpresse, an denen wir unschuldig sind. Ob der Kamet höher oder niedriger ist, wird sich wohl erst anhand exakter trigonometrischer Messungen einer späteren Expedition herausstellen. Bis heute sind gerade in diesem Grenzgebiet zwischen Baltoro, Siachen und Shaksgam die Angaben der Great Trigonometrical Survey of India noch sehr lückenhaft.

38 - Photo Hans ErtiQueen Mary Peak gesehen vom Aufstieg zum Golden Throne in etwa 6400 m. Der Hauptgipfel ist noch nicht sichtbar 39 - Photo Hans Ertije vier Qpfe| ^es Golden Throne 7312 m Brunner & Ge. A.G. Zurichvom Mittelgipfel der Queen Mary aus gesehen. Im Hintergrund die Spitze des Bride Peak 7654 m Die Alpen — 1935 — Les Alpes 40 - Photo Hans ErtiQueen Mary Massif Brunner & Cie. A.G. ZurichDie Alpen — 1935 - Les Alpes

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