Jeder im eigenen Film?

Es soll Zeiten gegeben haben, als man die Einsamkeit am Berg vor allem deshalb schätzte, weil man hinterher in der Hütte umso bessere Geschichten erzählen konnte: Dass das eiskalt durchgezogene Abseilmanöver im heraufziehenden Gewitter eigentlich eher eine unkontrollierte Panikreaktion mit ungewissem Ausgang war, musste ja niemand wissen. Heute ist es umgekehrt: «Pictures or it didn’t happen» ist der Imperativ der Generation GoPro. Die einsamen Tage in der Bergwildnis sind verloren, wenn man sie nicht mit Bildern, besser noch mit einem dramatisch geschnittenen Video, «sharen» kann. Die Menschenleere ist ohne Publikum nichts Wert. Man wird zum Held im eigenen Film. Nur, dass dieser Film nicht mehr im Kopf abläuft, sondern auf ein Publikum zielt.

Ändert sich damit das Bergerlebnis? Ich meine ja. Nicht, weil die Kamera auf dem Helm zu riskanteren Abfahrten verleitet. Vielleicht tut sie das bei manchen, doch wer wegen ein paar Minuten verwackelten Films sein Leben aufs Spiel setzt, würde es wohl auch aus jedem anderen Grund tun. Was sich verändert, ist die Motiva­tion. Wer sich durch die unzähligen Amateurfilme im Internet klickt, stellt schnell fest: Der Schnitt, die Bildsprache, die Musik – alles imitiert die Filme der Gros­sen. Die Bergträume der Generation GoPro entsprechen aufs Haar der Werbewelt der Outdoorindustrie.

Wenn die Generation GoPro in die Berge fährt, begibt sie sich nicht in erster Linie in eine Natur- und Kulturlandschaft, dann geht es ihr nicht um Routen, mit denen Alpingeschichte geschrieben wurde, nicht um das Entdecken der Welt jenseits der eigenen Grenzen. Wichtiger sind die Gefühle, die Stimmungen, die Bilder, die man aus Film und Werbung kennt und selbst erleben will. Die Berge sind nurmehr das Abbild der Werbe­bilderwelt. An ihr wird die Qualität des Erlebnisses gemessen. Das ungefilterte Erleben geht verloren.

Das klingt nach Kulturpessimismus. Doch man kann es auch anders sehen: In den Bergen mehr Ideal sehen als reale Landschaft – war das bei den Pionieren des Bergfilms, der Bergliteratur nicht genauso? Vielleicht ist alles ganz anders. Vielleicht ist es gerade die Generation GoPro, die dem Alpinismus den Sinn für Ästhetik und Landschaft, für Drama und Traum zurückgibt.

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