Jörg-Jenatsch-Hütte - und was wir dort erlebten

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Emil Schimpf, Winterthur

Der Hinweis, dass eine zweite Vergrösserung der Jürg-Jenatsch-Hütte in Aussicht stehe, ruft in mir Erinnerungen aus der Zeit der ursprünglichen « Cabane » wach. Wir erlebten dort einen Wetterumsturz, wie sie oft in den Bergen vorkommen, wobei zuweilen tragische Folgen eintreten können, wenn man nicht darauf vorbereitet und entsprechend ausgerüstet ist.

Mitte April trafen wir an einem Samstagmittag in Zürich ein befreundetes Ehepaar und kut-schierten zusammen mit SBB und RhB nach Spinas im Val Bever. Unterwegs schien uns wunderbares Wetter genussreiche Tage zu verheissen, und auch am Bestimmungsort, wo wir bei einbrechender Dunkelheit in der Pension « Suvretta » das bestellte Quartier bezogen, war der Himmel klar.

Ein strahlender Morgen lockte uns am Sonntag schon zeitig aus den Federn. Durch ein gutes Frühstück gestärkt, machten wir uns kurz nach 7 Uhr auf den Weg zur Jürg-Jenatsch-Hütte. Unser Gepäck bestand aus vollgestopften Rucksäcken mit all den im Winter notwendigen Utensilien und mit genügend Proviant für einige Tage, denn wir hatten im Sinn, von der Hütte aus verschiedene Skitouren zu unternehmen; mein Sack war deshalb zusätzlich mit Pickel und Seil « geschmückt ».

Da der Weg durchs Val Bever zunächst meist aper war, gesellte sich zum Gewicht der Säcke auch noch dasjenige unserer Ski, was zur Folge hatte, dass wir unser Tempo etwas dämpften; aber wir gewannen im langgestreckten Tal doch merklich an Höhe. Nach einer guten Stunde konnten die Bretter ihrer Bestimmung zugeführt werden; das brachte unsern Schultern die ersehnte Entlastung. Die Sonne brannte für die Jahreszeit ziemlich intensiv; oder kam es uns nur so vor? Bei der Alp Suvretta hat man den Punkt erreicht, wo sich der Weg zum Suvrettapass und zur Hütte gabelt; gleichzeitig nimmt von hier an die Steigung zu. So machten wir einen Znünihalt, um uns für den Rest des Aufstieges zu stärken. Bereits konnten wir vorwitzige Murmeli beobachten; auch einen offensichtlich einsiedlerisch veranlagten Gemsbock sichteten wir am Südhang von La Piramida.

Die Wegbeschreibung im Skiführer hatte ich mir gut gemerkt, und die damals schon ausgezeichnete Skikarte war uns überdies eine gute Hilfe. Auf dem teilweise apern Sommerweg hätten wir vermutlich das An- und Abschnallen der Ski zuviel üben müssen, weshalb wir uns stets ans linke Ufer des Ova d' Err hielten. So waren wir zudem weniger der direkten Sonnenbestrahlung ausgesetzt. Oberhalb von P. 2329 ergossen sich trotz der apern Hänge die Ausläufer einer Nassschneelawine, die ihren Ursprung wohl in einem weit oben abgebrochenen Schneebrett hatte, bis zu unserer Spur - ein weiteres Zeichen, dass unsere eingeschlagene Route besser war als der Sommerweg. An diesem Südhang kamen wir uns aber gegen Mittag vor wie in einem Backofen. Das veranlasste uns dummerweise, immer mehr Verschnaufhalte einzuschalten, was meines Erachtens ein Fehler war. Das letzte Stück bis zur Hütte, die man auf dieser Route von Westen her erreicht und glücklicherweise erst kurz vor der Ankunft erblickt, verlangte von unsern Ehege-fährtinnen allerlei Anstrengungen; sie nahmen diese aber trotz ihrer schweren Säcke ohne Murren in Kauf.

Die Jürg-Jenatsch-Hütte liegt auf 2652 Meter, wurde 1907/08 erbaut und war ausgesprochen klein. Nach den Angaben des Skiführers sollte sie zwar 25 Personen Raum bieten; wir hatten aber den Eindruck, dass sie bereits mit 20 Personen ziemlich überfüllt wäre. ( Inzwischen wurde die herrlich gelegene Bergunterkunft im Jahre 1950 auf eine Beherbungskapazität von 36 Personen erweitert, und eine weitere Vergrösserung steht bevor. ) Bei unserer Ankunft waren nur zwei Touristen anwesend. Vom Hüttenwart hatte ich bei meiner Erkundigung allerdings erfahren, dass über die nächsten Tage noch eine SAC-Sektion kommen werde. Nun, vorläufig konnten wir einmal Auslegeordnung machen und den Inhalt unserer Rucksäcke zweckmässig verstauen. Dann besetzten wir in einer Ecke unsere Schlafplätze, um uns hierauf mit einem reichlichen Mittagessen zu restaurieren. Den Nachmittag verbrachten wir damit, die Aussicht zu geniessen, wobei ich vor allem die nähere Umgebung inspizierte und die verschiedenen Zugangswege für die beabsichtigten Gipfeltouren auskundschaftete.

Kein Wunder, dass wir bei dieser Gelegenheit auch darauf zu sprechen kamen, welche Hüttenanstiege eigentlich bestehen. Die Route von Spinas hatten wir soeben erlebt. Sie dürfte ausser im Winter auch im Sommer bei schlechtem Wetter ( aber nicht bei viel Neuschnee ) empfehlenswert sein. Als Zugang im Sommer wäre allerdings derjenige von der Julierstrasse aus vorzuziehen. Er beginnt bei der ersten scharfen Linkskurve unterhalb der La Veduta. Man folgt vorhandenen Wegspuren auf der linken und wechselt gelegentlich auf die rechte Talseite. Dort, wo östlich des Piz Campagnung ein Seitenbächlein einmündet, kann man ohne grosse Mühe über eine Felsbarriere aufsteigen. Dieses Hindernis lässt sich auch ostwärts umgehen etwa bis zur Kote 2600. Nun strebt man genau nördlich einem Rinnsal entlang, vorbei an zwei kleinen Tümpeln auf einem im obern Teil steilen Geröllhang zur Fuorcla d' Agnel ( 2983 m, damals noch d' Agnelli ge- nannt ) hinauf. Die Lücke weist als gutes Merkmal in der Mitte einen kleinen Felskopf auf. Von hier aus ist die Hütte nördlich in der Mulde sichtbar. Der Abstieg dorthin bietet, auch auf dem Gletscherlein, keine nennenswerte Schwierigkeiten. Im Winter ist diese Route kaum empfehlenswert.

Ein weiterer Zugang führt von Champfèr oder auch von der Chantarella aus über den Suvrettapass und hinunter zur Alp Suvretta, wo man dann dem von uns begangenen Weg zu folgen hat; er ist nur mit leichtem Gepäck empfehlenswert. Neuerdings könnte man sich vor allem im Winter überlegen, ob man nicht als Sitztourist auf den Piz Nair fahren will, um von dort via Fuorcla Schlattein zum Suvrettapass und weiter zur Alp Suvretta abzufahren.

Vom Suvrettapass nehmen aber noch zwei weitere Routen ihren Ausgang: Gemäss Führer gelangt man in westlicher Richtung zur Fuorcla Suvretta ( 2968 m)1. Von dort aus kann man entweder in nordwestlicher Richtung zum P. 2555 abfahren und erreicht, den Hang nördlich des Piz Traunter Ovas querend ( nur wenn absolut keine Lawinengefahr besteht ), ohne grossen Höhenverlust die Hütte. Die andere Variante führt von der Fuorcla aus als eigentliche Gletschertour über den Vadret Traunter Ovas ( Spalten ) zum Vadret d' Agnel und hinunter zur Hütte.

Nun waren aber unsere Freunde vor allem daran interessiert, welche Touren ich für uns geplant hatte. Sowohl im Winter als auch im Sommer bieten sich sehr viele Möglichkeiten; deshalb wird die Hütte oft von Leitern von Clubs oder von Militärkursen als Standquartier gewählt. Beim Pläneschmieden dienen Kartenmaterial und Führer ( am Schluss aufgeführt ).

Für uns, die wir noch mit winterlichen Verhältnissen rechnen mussten, hatte ich als kleine Auswahl die folgenden Touren in Aussicht genommen: Die Tschima da Flix ( 3302 m ), eine Besteigung, die in der Folge noch beschrieben wird.

.'Blatt Julierpass 268 t :50000 nennt sie Fuorcla Traunter Ovas.

Bei der alten Jenatschhütte. Blick nach NW: Piz Calderas; Einmündung des Vadret Calderas und des Vadret d' Err Photo Emil Schimpf. Wintcrthur 2Im Aufstieg zum Piz d' Agnel 3Jürg-Jenatsch-Hütte mit Piz Calderas Sie lässt sich gut mit einem Abstecher auf den Piz Picuogl ( 3333 m ) verbinden, da dieser vom Skidepot aus in ungefähr einer halben Stunde erreichbar ist. Weiter lohnt sich hier ein Besuch des Piz Calderas ( 3397 m ), indem man zuerst über den Vadret Calderas bis oberhalb des Felskopfes ( P. 3084 ) leicht abfährt und dann in gut einer Stunde ( zuletzt ebenfalls mit Skidepot ) zum Gipfel aufsteigt. Die Abfahrt zur Hütte liegt auf der Hand ( nördlich P. 3084 Spaltengefahr !). Diese beiden Varianten lassen sich sogar gut an einem Tag bewältigen.

Der Piz d' Err ( 3378 m ) figurierte als erstrebens-wertestes Ziel ebenfalls auf dem Programm, und dies nicht nur, weil der Name in jedem zweiten Kreuzworträtsel vorkommt, sondern auch deshalb, weil von dort aus eine prächtige Aussicht in allen Richtungen der Windrose zu geniessen ist. Aufstieg und Abfahrt sind bei guten Verhältnissen problemlos. Eine Strecke weit lässt sich die Route sogar von der Hütte aus überblicken; im übrigen ist es natürlich empfehlenswert, sich den Gegebenheiten anzupassen. Auf dem Vadret d' Err sollte man eher nördlich des Felskopfs ( P. 3143 ) aufsteigen und dann der gegebenen Geländeformation bis zum Aufstieg auf den Gipfel ( Skidepot ) folgen.

Gleich zwei Gipfel wollten wir in einem weitern Anlauf besteigen, nämlich den Piz Traunter Ovas ( 3151 m ) und den Piz Surgonda ( 3197 m ). Einen grossen Teil des Aufstieges dorthin über den Vadret d' Agnel kann man ebenfalls von der Hütte aus begutachten. Wenn man auf rund 2900 Meter in östlicher Richtung abbiegt, erreicht man die Fuorcla Traunter Ovas ( 3030 m ) 2, wobei auf diesem Teilstück Vorsicht wegen der Spalten geboten ist. Beide Gipfel lassen sich gut von hier aus erreichen ( meist auch mit Skidepot ), und für den Rückweg dient die gleiche Route.

Die erwähnten Besteigungen lassen sich natürlich auch, und zum Teil mit interessanten Varianten, im Sommer durchführen; ferner dürfen 2gemäss Blatt Bivio 1256 1:25000. Blatt Julierpass t :50000 hat dafür keine Bezeichnung.

die drei Gipfel des Piz d' Agnel nicht unerwähnt bleiben ( Ostgipfel auch im Winter ), wobei eine Überschreitung der Kette von der Fuorcla d' Agnel zur Fuorcla da Flix oder umgekehrt möglich ist ( Klettertour ). Auch der Piz Jenatsch ( 3250,6 m ) kann auf verschiedenen Routen angegangen werden. Da zudem noch andere Gipfel und Grate locken, dürfte man auch bei einem wöchigen Aufenthalt in der Jürg-Jenatsch-Hütte nicht um Ausflüge verlegen sein.

Beim Diskutieren, Erklären und Plänemachen verstrich die Zeit wie im Fluge, und da wir uns vorgenommen hatten, noch einen ordentlichen Holzvorrat anzulegen, machten wir Männer uns gemeinsam an dessen Aufbereitung.

Nach dem Nachtessen bemerkten wir, dass kein Petrol für die Lampe vorhanden war ( es war Kriegszeit ), und im Kerzenstock befand sich auch nur noch ein schäbiger Stummel; aber mein Rucksack enthielt neben der Sturmlaterne noch zwei ganze Kerzen, so dass wir doch noch über die Dämmerung hinaus sitzenbleiben konnten. Eine letzte « Inspektion » des Hüttenweges liess nirgends Ankömmlinge erkennen.

Am Montagmorgen — ein schöner Tag kündigte sich an - brachen unsere Hüttengefährten schon recht früh Richtung Spinas auf. Bevor wir uns unserseits marschbereit machten, legten wir für die zu erwartenden SAC-Mannen noch Holz bereit.

Als erste Tour hatte ich, weil sie mir am einfachsten und am leichtesten erschien, die Tschima da Flix ausersehen. Wir stiegen, den Nordgrat des Piz Picuogl umgehend, über den Calderasgletscher zur Lücke zwischen dem erwähnten Gipfel und unserm Ziel. Der Schnee war hart gefroren. Deshalb deponierten wir vor dem letzten Steilhang unsere Ski, stiegen aber nicht bis zum Gipfel, sondern machten kurz unterhalb desselben an einem windgeschützten Plätzchen halt, denn da hat man einen herrlichen Blick in die Engadiner Berge. Heute aber kam mir die Beleuchtung irgendwie merkwürdig vor, und als ich nach einem Weilchen ganz zum Gipfel stieg und 1 4Blick vom P. Surgonda gegen Bergeller Alpen 5Blick von der Fuorcla d' Agnel gegen Süden 6Blick von der Fuorcla Suvretta nach Westen. Mitte rechts: P. Surgonda 7Ausblick aus der Jenatschhütte. Rechts: P. d' Agnel Photos 2 bis 7: Photo Plattner. St. Moritz nach Westen blickte, sah ich, wie sich beim Piz Piatta eine schwarze Wolke auftürmte und eine zweite « Ladung » sich mit unheimlicher Geschwindigkeit näherte. Darum mahnte ich zu sofortigem Aufbruch und liess nichts mehr von der ursprünglichen Absicht, noch zum Piz Picuogl zu gehen, verlauten. Bereits um io Uhr standen wir wieder beim Skidepot. Es war auch Zeit, denn schon wurden der Piz d' Err und der Piz Calderas von Nebelfetzen umflogen, die Beleuchtung wurde gleichzeitig diffus und liess die Einzelheiten des Geländes nicht mehr so gut erkennen. Der Schnee war aber jetzt ausgezeichnet sulzig, und da wir im Aufstieg keine Spalten an der zu befahrenden Strecke gesichtet hatten, konnten wir ohne Seil noch eine herrliche schwungvolle Abfahrt geniessen. Nachdem wir im untern Teil -bei der Umfahrung des Nordsporns des Piz Picuogl — keinen Lawinenniedergang befürchten mussten, waren wir eigentlich im Nu wieder bei der Hütte.

Von den gemeldeten Zuzüglern war aber auch jetzt noch weit und breit nichts zu sehen. Während die zwei Frauen nun in der Küche hantierten und ungestört das Mittagessen zubereiteten, verdienten sich Gusti und ich vor der Hütte wieder den Taglohn mit der Ergänzung des Brenn-holzvorrates. Nebelschwaden schlichen jetzt zu uns herunter, die Sicht wurde immer schlechter. Plötzlich setzte ein steifer Wind unserer Tätigkeit im Freien ein Ende und vertrieb uns ins Hütteninnere. Unzählige Male hielten wir in der Folge Ausschau nach den SAClern, die aber einfach nicht kamen, und immer wieder konsultierten wir das fallende Barometer. « Im Westen nichts Neues », konnte man nicht sagen, denn die Wolken jagten von dort her wie gehetzt in den Talkessel.

Zum Zeitvertreib inspizierten wir die Hütte noch genauer und entdeckten hinter einer geheimnisvollen Türe, ingeniös auf einem verbreiterten Schlitten gelagert, einen « Stinkberg », der von oben « gespiesen » wurde. Da unzweifelhaft schon sehr viele Besucher zu seinem Entstehen beigetragen hatten, nannten wir ihn den « Turm zu Babel ». Damit uns die Zeit der « Gefangenschaft » nicht zu lange würde, begannen wir mit der « Frühjahrsputzete »; unsere Frauen wuschen im recht ausgiebig anfallenden Heisswasser ununterbrochen Geschirr und Handtücher.

Gegen Abend begriffen wir dann endlich das Nichterscheinen der Sektion: Es begann zu schneien. Nun hatten wir also Platz zur Genüge; aber den hätten wir doch gerne gegen Sonnenschein eingetauscht. Bei Kerzenlicht machten wir nach dem Nachtessen noch einen « Schwarzpeter », um dann wiederum zeitig das Lager aufzusuchen; zuvor mussten wir allerdings den starken Luftzug, der durch alle Ritzen drang und unsere Schlafplätze abkühlte, durch Aufhängen von Wolldecken an der Innenwand abbremsen.

Am Dienstagmorgen hielt ich zeitig Ausschau nach dem Wetter. Geschneit hatte es scheinbar nicht viel, doch liess sich nicht ermessen, wieviel Schnee allenfalls vom Sturm verfrachtet worden war. Um so kompakter war der Nebel in der Höhe geworden. Nach dem Frühstück ermahnte mich eine innere Stimme, es wäre vorteilhaft, einmal den Übergang über die Fuorcla d' Agnel in Augenschein zu nehmen. Da alle mit meinem Vorschlag einverstanden waren, machten wir uns bald auf den Weg, wobei wir für den Aufstieg genau eine Stunde brauchten. Der Schnee schien führig, aber die Sicht war beschränkt. Mit meiner Frau kletterte ich von der Lücke bis zu einem Gratvorsprung ( P. 3033 ) am Ostgrat des Piz d' Agnel; dort war gerade noch so viel Sicht, dass wir den obern Teil der allfälligen Abfahrt zum Julier beaugapfeln konnten. Mit dem Feldstecher machte ich mir so gut wie möglich ein Bild vom Gelände, ohne aber Einzelheiten erfassen zu können. Dann ging 's zurück zur Lücke, wo unsere Begleiter füssetretend gewartet hatten, und durch die « Erbssuppe » in möglichst geschlossener Formation, unsern eigenen Aufstiegsspuren folgend, zur Hütte zurück. Bei guter Sicht wäre man vielleicht in 5 bis o Minuten dort gewesen, so schien uns die Abfahrt eine Ewigkeit zu dauern.

Den restlichen Tag vertrieben wir auf ähnliche Weise wie am Vorabend. Das Buch von Henry Hoek, « Am Hüttenfeuer », kam mir in den Sinn; nur fühlten wir uns nicht ganz so behaglich wie die darin geschilderten drei Alpinisten. Natürlich studierten wir auch die Eintragungen im Hüttenbuch, wobei wir wieder Auftrieb bekamen und uns auf schönes Wetter und entsprechende Touren freuten. Aber das Barometer behielt die fallende Tendenz bei.

Ums Haus fegte der Wind in verbesserter Auflage und brachte abends sogar im Hütteninnern das Kerzenlicht zum Flackern. Zudem fielen die Flocken recht dicht. So dachte ich bereits an die wahrscheinlich schon morgen vorzunehmende Dislokation nach Bivio.

Der Mittwoch brach - sofern das überhaupt möglich war— noch düsterer an als der Vortag. Es hatte offensichtlich nachts abermals geschneit, ohne dass jedoch infolge des Windes die Schneehöhe mit Sicherheit festgestellt werden konnte; jedenfalls waren die gestern noch apern Hänge weiter unten nun durchgehend weiss. Hatte ich am Vortag beim Spiel den « Schwarzpeter » nicht erhalten oder ihn immer wieder abschieben können, so lag er nun heute eindeutig und endgültig bei mir, denn unsere Freunde waren wohl sehr gute Skifahrer, aber nicht hochgebirgsgewohnt. Es galt zu entscheiden, was nun geschehen sollte. Proviant besassen wir noch genug, so dass wir einen weitern Tag an unserm Standort bleiben könnten, und in Bivio wurden wir am Donnerstag erwartet. Alle Anzeichen sprachen aber dafür, dass die Situation sich höchstens noch verschlechtern könnte. Bei weiterem Schneefall sässen wir dann in einer Falle, die sich vielleicht nicht so schnell wieder öffnen würde. Demnach mussten wir uns heute auf den Weg machen, und zwar entweder zurück durchs Val Bever nach Spinas oder über die Fuorcla d' Agnel. Ich versuchte, mir in Gedanken vorzustellen, was nun mein Freund Willy, der draufgängerische Skiinstruktor, oder mein Freund Phons, der besonnene Alpinist, machen würde. Mit Phons hatte ich mich vor einigen Jahren - zusammen mit einem Dutzend Sektionskameraden — in der Konkordiahütte in einer ähnlichen, angesichts der Umgebung aber doch noch schwierigeren Situation befunden. Damals berieten wir gemeinsam, was zu tun sei. Jetzt aber lag die Verantwortung bei mir allein, und nach reiflicher Überlegung entschied ich: « Abmarsch, und zwar über die Fuorcla! » Wir packten unsere Siebensachen, klebten unsere Felle mit ganz besonderer Sorgfalt auf die Ski, machten im Hüttenbuch eine genaue Eintragung über unsere Absicht und brachen kurz nach 7 Uhr auf.

Der Kompass war eingestellt, von der gestrigen Spur nichts mehr zu sehen. Einen Höhenmesser besass ich damals noch nicht. So musste ich mich zusätzlich auf mein relativ gutes Orientierungsvermögen im Nebel und meinen sehr gleichmässigen Schritt verlassen, was zusammen eine gute Spur in der vorgesehenen Richtung gewährleisten sollte.Versehen mit Lawinenschnüren, wählten wir eine etwas tiefer liegende Route als am Vortag, um nicht zu nahe am Ostabhang des Piz Picuogl vorbeizukommen ( Lawinenhang ). Nachdem wir die ersten paar hundert Meter -mit grossen Abständen von einem zum andern -hinter uns hatten, schloss unsere kleine Kolonne wieder auf. Am Schluss ging mein Freund Gusti, vor ihm seine Frau und hinter mir meine « bessere Ehehälfte », wobei aber Gusti mich nicht sehen konnte. Bei leichtem Schneefall stieg ich stetig, und mir schien alles in bester Ordnung, als mein Freund nach etwa 50 Minuten unvermittelt steif und fest behauptete, ich sei im Begriff, viel zu sehr nach rechts zu halten, ja geradezu einen Bogen zu machen. Ich nahm an, er müsse das ja schliesslich von hinten eindeutig festgestellt haben, und tauschte mit ihm auf sein Verlangen den Platz. Nach etwa weiteren t o Minuten sollten wir, entsprechend unserem gestrigen Zeitaufwand, in der Lücke eintreffen. Dies war aber nicht der Fall. Mir schwante nichts Gutes, so dass ich nach weitern 5 Minuten einen Halt gebot, um nachzuholen, was ich schon beim Führungswechsel hätte tun sollen: nämlich den Kompass kontrollieren. Sofort stellte ich fest, dass etwas nicht stimmen konnte. Aber was? Dass gerade in diesem Moment ein Windstoss den Nebel für kaum eine Minute aufriss, war ein besonderes « Geschenk des Himmels »: Vor uns, aber weit unten, lag die Jürg Jenatsch-Hütte; also hatten wir eine weite Linkskurve gemacht, unsere Richtung bereits um fast 180° geändert und befanden uns nun am Nordfuss des Piz Surgonda - in unmittelbarer Nähe einiger Spalten! Höhe hatten wir keine verloren; die Sache liess sich also fast mühelos ein-renken, und gute i o Minuten später standen wir—natürlich wieder im Nebel - dann doch in der Lücke.

Wie hatte es aber zu dieser merkwürdigen Richtungsänderung kommen können, ohne dass sie auch nur einem von uns bewusst geworden war? Während des obern Teils des Aufstieges bewegten wir uns an einem leichten Schräghang, der linke Ski war also immer etwas niedriger als der rechte. Das blieb auch so, als wir in der Mulde unterhalb der Lücke unsere Richtung änderten.

Für mich war dieser Irrtum eine Lehre, um so mehr, als ich aus Bequemlichkeit den Kompass nicht oft genug zur Hand genommen hatte!

Während wir unsere Felle verstauten, den guten Sitz der Schuhe ( wir trugen damals noch genagelte Bergschuhe ) in den Bindungen kontrollierten und die Rucksäcke sicherten, gab es auch in Richtung Julier eine momentane Aufhellung; dann zog sich der Vorhang endgültig zu. Da wir aber konstatiert hatten, dass nirgends grosse Ansätze zu Wächten sein konnten ( wir fuhren in einen Südwesthang, und der Wind kam dauernd von Westen ), womit auch die Schneerutschgefahr hier oben gering sein mochte, gebot ich meinen Gefährten, so aufgeschlossen wie möglich zu fahren. Dabei hielten wir die ursprüngliche Reihenfolge des Aufstieges ein. Leicht seitlich abrutschend, schlug ich zunächst Richtung Südost ein, um in den Kessel zu gelangen, aus welchem der Abfluss durchs Val d' Agnel kommt. Es war eine sehr unangenehme Sache; kein Anhaltspunkt liess eine Schätzung zu, wie steil man fuhr, ja man konnte als erster manchmal kaum feststellen, ob man sich überhaupt fortbewegte. Auf und Ab war auch nicht im voraus zu unterscheiden, so dass ich sogar stemmend in einem Gegenhang plötzlich fast auf dem Kopf stand. Für meine Nachfolger war es etwas einfacher; es gab infolgedessen auch weniger Stürze bei ihnen. Doch nun schienen wir in die flache Mulde zu kommen, wo im Sommer ein Seelein das Ufer und den blauen Himmel widerspiegelte... Aber bei diesem Nebel sah ein kaum 50 Zentimeter aus dem Schnee ragender Stein auf drei Meter Distanz wie ein grösserer Fels aus.

Es war Zeit, einen Halt einzuschalten. Die Ski zogen wir ab und steckten sie ein, um unsere kalten Füsse etwas zu vertreten und heissen Tee zu trinken.

Merkwürdigerweise behaupteten beim Aufbruch nach kaum einer Viertelstunde alle drei Gefährten — einschliesslich meiner Frau —, wir müssten in der Richtung weitergehen, aus der wir soeben gekommen waren. Heute noch ist mir diese Desorientierung unerklärlich. Nun, ich beharrte auf der Richtung, in der ich mit angeschnallten Ski bereits im Aufbruch begriffen war, und nach einer Weile kamen wir in einen kleinen Kessel, der mir auf Grund des Kartenbildes die Gewissheit gab, dass ich recht hatte. Und kaum 50 Meter weiter sichtete ich eine gefrorene Skispur, die allerdings nur einige Skilängen betrug; aber gleichzeitig weitete sich die Sicht auf 30 bis 50 Meter. Dafür wurde nun der Schnee wesentlich schlechter. Links und rechts der eher sanften Mulde gewahrten wir alte Lawinenreste. Bei der leichten Biegung des Tales, genau westlich von P. 2704, war mir dann eindeutig klar, dass nun wirklich nichts mehr fehlgehen konnte. Jetzt verhinderte lediglich die schlechte Schneebeschaffenheit, dass wir flüssig fahren konnten. Immer musste man die Skispitzen unter dem Schnee « hervorknorzen », was Zeit und Kraft raubte. Oberhalb der Julierstrasse schnallten wir darum während einiger Zeit die Ski ab, um sie auf der iBei der Weritzalp; Blick zum Langgletscher und zur Lötschenlücke 2Lb'tschental und Langgletscher 3Blick vom Augstbordpass zum Meidenpass 4Augstbordpass. Blick zum Fletschhorn und Lagginhorn Photos Emil Schimpf, Winterthur bereits apern linken Talseite gegen die Julierstrasse zu tragen.

Schon hörten wir Murmeli pfeifen, ja die ersten Soldanellen läuteten uns zum Erfolg, und leicht geöffnete Frühlingsenziane erfreuten uns mit ihrem jungen Blau.

Auf der Strasse, die schneebedeckt und damals natürlich ohne Autospuren war, gab es ein wiederholtes « Ski-an - Ski-ab », mit Zwischenhalt um 11 Uhr, bis uns dieses Manöver ungefähr bei der bekannten Julierarve verleidete und wir die Ski endgültig schulterten.

In Bivio erweckte unser Auftauchen einiges Aufsehen, denn man glaubte, wir hätten die Strecke Silvaplana—Bivio der Strasse entlang zurückgelegt. Ein mir bekannter Skilehrer liess sich unsere Erlebnisse schildern, und zu meiner Genugtuung fand er, wir hätten die Sache richtig gemacht.

Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass sich die Verhältnisse nicht gebessert hatten. Während der ganzen Nacht war weiter oben Schnee gefallen; also wäre auch das Val Bever zweifellos kaum passierbar gewesen.

Wir jedenfalls empfanden es wie eine Belohnung, als es uns in der Folge vergönnt war, doch noch einige Touren durchzuführen und dabei recht günstige Schneeverhältnisse anzutreffen.

Unterlagen:

Führer: Bündner Führer VI Albula 1934 ( vergriffen; Neuauflage steht in Aussicht ); Alpine Skitouren Graubünden, Verlag SAC, Band II.

Karten: LK I :50000, Blatt 268 Julierpass ( auch mit Skirouten erhältlich ); LK 1 :25000, Blatt 1237 Albulapass, Blatt 1256 Bivio, Blatt 1257 St. Moritz.

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