Jubiläum in Engelberg

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON W. MÜLLER-HILL ( FREIBURG I. B. )

An einem strahlenden Augusttag um die Jahrhundertwende entstieg der Bergbahn im Engelberg ein frohgemuter junger Freiburger mit Rucksack, Eispickel und Steigeisen und blickte überwältigt auf den Kranz der hohen Berge, die das Tal umsäumen. Sein Vater hatte die Reise erlaubt, ein Programm leichter Besteigungen und schöner Passübergänge für etwa 10 Tage aufgestellt und missbilligend die alpine Ausrüstung zur Kenntnis genommen, die unnötig erschien.

Immer wieder aber zog den Blick des Jünglings der Titlis an, der in makellosem Weiss unnahbar hoch prangte. Und so entschloss er sich zunächst einmal, zur Trübseealp zu wandern, um von dort dem Berg seinen Tribut zu zollen. Er stieg durch alten Wald zur Gerschnialp, weiter durch herrliche Alpwiesen zur Pfaffenwand und folgte dann dem kleinen Pfad bis zum Trübseehotel.

Dort setzte er sich auf die Terrasse und wurde überraschend von einem Bekannten seines Vaters angeredet und nach seinen Plänen gefragt. Ja, er habe im Augenblick keine besonderen Pläne. Sein Vater habe ihm Touren aufgeschrieben, die recht wenig alpin seien. Nun, meinte lächelnd der Herr, dem könne abgeholfen werden. Er besteige am nächsten Tag mit Führer Waser den Titlis und sei gerne bereit, den jungen Mann ans Seil zu nehmen. Der Jüngling dankte überglücklich, denn er hätte es sich niemals träumen lassen, am zweiten Tag seiner Reise zu einer richtigen Hochtour zu kommen.

Die Besteigung war recht mühsam, aber für den glühenden Burschen gab es keine Müdigkeit. Seine Begeisterung schien dem Führer zu gefallen, denn bei der Gipfelrast deutete Waser auf zwei prächtige Felsgipfel, die Spannörter, und meinte, die könnte man zusammen gut besteigen. Abgemacht! Vom Gipfel stieg man zum Trübseehotel ab, wo sich der Jüngling dankerfüllt von seinem Gönner verabschiedete. Dann eilte er nach Engelberg, um sich für den Führer zur Verfügung zu halten. Nachmittags 3 Uhr wurde zur Spannorthütte aufgebrochen, die im Laufe des Spätnachmittags erreicht wurde.

Am nächsten Morgen bestieg er unter der Führung des lustigen Waser, der seine helle Freude an seinem Schüler hatte, das Kleine und Grosse Spannort, stieg über den Glattenfirn gegen die Kröntenhütte ab, entlohnte am Ende des Firns, hoch über der Hütte, den Führer, der nach Engelberg zurückwanderte, und war sich selbst überlassen. Ein kleines, schlagendes Herz in der gewaltigen Landschaft. Er sass lange auf einem Felsblock und sah dem Führer nach, der langsam den aufgeweichten Firn hinaufschritt. Schliesslich stieg er die grossblockige Halde zur Hütte hinab, setzte sich auf ein Bänklein und stillte Hunger und Durst. Der Führer hatte ihm geraten, nach den anstrengenden Touren in der Hütte zu übernachten und am nächsten Morgen nach Erstfeld zu wandern. Dem Jüngling, dessen Mittel durch den hohen Führerlohn ziemlich erschöpft waren, blieb nur die Heimfahrt übrig.

Es war still um ihn. Hoch ragten die Berge um die kleine Hütte, und nur manchmal wurde die Ruhe durch Steinschlag zerrissen. Und nun, da die Erregung der Besteigungen gewichen war, geschah dem Jüngling etwas Seltsames. Er wurde von der Ungeheuern Einsamkeit überwältigt und von Panik ergriffen. Er versuchte, auf dem Lager in der Hütte zu sich zu kommen, doch war es vergebens. Er packte, zerschunden und müde, doch wie gehetzt seinen Rucksack und eilte auf anstrengendem Alpweg nach Erstfeld, wo er gerade noch den letzten Schnellzug nach Basel erreichte.

Mitten in der Nacht kam er nach dreitägiger Abwesenheit zu Hause an, todmüde, von der Gletschersonne verbrannt, aber doch, soweit sein schlechtes Gewissen es zuliess, glücklich wie ein Märchenprinz, der seine Liebe gefunden hat.

Beim Frühstück erzählte er. Der Vater, in den Bergen erfahren, stellte kopfschüttelnd fest, dass der Sohn in zwei Tagen drei Berge über 3000 Meter bestiegen hatte. Er sah ihn lange prüfend an und schüttelte wieder den Kopf, da er wohl ahnte, dass wieder einmal ein Mensch den Bergen verfallen war.

Er hatte sich nicht getäuscht. Aus dem Jüngling wurde ein Mann, dessen Begeisterung für die Berge niemals erlosch.

Der Zufall führte ihn nach 50 Jahren wieder nach Engelberg. Die Berge standen in ihrer eisigen Schönheit unbekümmert um alles, was die Menschheit in diesen Jahren erlebt und erlitten hatte, bereit, den alten Mann zu empfangen. Er lernte einen Führer kennen, nicht einen der alten Art, sondern einen jungen, eleganten Berg- und Skiführer, der nach Aussehen und Bildung ebensogut Legationsrat in einer Botschaft hätte sein können. Dem vertraute er an, er wolle als Jubiläumstour den Grossen Wendenstock, die abweisende Felszinne, die das Titlismassiv abschliesst, besteigen. Der Bergführer meinte, man könne es versuchen, Umkehr sei immer möglich.

Engelberg hatte sich verändert. Eine Bahn führt zur Gerschnialp, eine Schwebebahn zum Trübsee und eine Sesselibahn zum Jochpass. Was früher viele Stunden mühsamen Steigens bedeutete, wird heute in einer Stunde gemächlichen Fahrens zurückgelegt.

Auf der Jochhütte neben dem Pass sassen Führer und Tourist und prüften durch das Glas den Aufstieg. Steile Firnhänge führten zur Felswand, in die man einzusteigen hatte. Steigeisen waren bei hartem Firn nicht zu entbehren. Dem Touristen war seltsam zumute. Er war in die Jahre gekommen, in denen man über blumenbesäte Alpwiesen schlendern und den Jüngeren die Gipfel überlassen sollte. Aber es zog ihn noch immer in die Berge. Sollte es noch möglich sein, den herrlichen Berg zu besteigen? Der nächste Tag musste es erweisen.

Dieser nächste Tag hub an mit schneidender Kälte und klarem Sternhimmel, und es war, wie es immer gewesen war: Man trennte sich, kaum eingeschlafen, schwer vom Lager und hätte rieselnden Regen ohne grossen Kummer in Kauf genommen Beim Frühstück war die nächtliche Müdigkeit der Erwartung gewichen, nicht der fiebernden Spannung der jungen Jahre, eher einer skeptischen Neugier, wie alles wohl gehen würde.

Um 4 Uhr nahmen sie Rucksäcke und Eispickel und brachen auf. Bald kamen sie an die steilen Firnhänge und legten Seil und Steigeisen an. Dann begann langes Steigen in steilem Firn, bei denen die alten Gelenke einer schweren Prüfung unterzogen wurden. Seillänge wechselte mit Seillänge, und noch immer lagen die von der Sonne inzwischen rötlich gefärbten Felsen weit oben. Aber einmal endete das mühsame Hängen in den Zacken der Eisen, man hatte den Fels erreicht. Was nun folgte, war reiner Genuss, ein Klettern in hartem Kalk, bei dem der Führer behend emporstieg und der Tourist geruhsam nachfolgte. Immer schmäler wurde der dunkle Streifen der Wand, das Blau des Himmels am Grat kam immer näher, und schliesslich waren die beiden beim Steinmann des Gipfels angelangt. Dankbar drückte der Alte dem Jungen die Hand, und der Junge gratuliert dem Alten. Gipfelrast, wie sie schöner nicht sein konnte. Und müheloser Abstieg zum Jochpass. Dann schwebten sie neben dunkelhäutigen, hoheitsvollen Inderinnen, mit leichten Sarongs und Sandalen an den schmalen Füssen, langsam in die grünen Tiefen hinab.

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