Käse und Menschen

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Von Pfr. Joseph Ignaz von Ah j-.

Wir entnehmen den nachfolgenden Auszug aus den « Ausgewählten Predigten und Predigtentwürfen » von Joseph Ignaz von Ah, weiland Pfarrer in Kerns. ( Herausgegeben von Dr. J. Beck, 4. Band, Stans 1914. ) Die Predigt « Käse und Menschen » hielt Pfarrer von Ah am 21. Wintermonat des Jahres 1875 in der Pfarrkirche zu Stans, anlässlich des Älplerfestes.

«... Jesus redet in Gleichnissen, und ohne Gleichnisse redet er nicht... So will denn auch ich, sein unwürdiger Diener und Priester, auch ich will zu Euch in Gleichnissen reden; ich will an ein Bild, an einen Gegenstand aus Euerem täglichen Leben einige wichtige Lehren und Mahnungen anzuknüpfen versuchen. Gebet also wohl acht und verstehet mich recht, wenn ich Euch sage: Der Mensch ist wie ein Käse. Das heisst: das ganze Menschenleben hat merkwürdige Ähnlichkeiten mit einem Käse; oder: was so ein Käs alles erlebt und erleiden muss, das zeigt, uns deutlich und verständlich, was auch ein Mensch erleben kann, zeigt uns noch mehr, was ein Mensch tun soll. Kurz: Das Menschenleben gleicht der Geschichte eines Käses ganz genau...

Das Menschenleben gleicht einem Käse. Wenn ein Käs auf die Welt kommt, wenn ihn der Senn mit starkem Arm aus dem Kessel hebt, so schlägt er ihn zuerst in leichte Tücher ein, er wird in einen Reif gebunden; er wird mit Steinen beladen, damit er eine rechte, schöne Form bekomme; später wird er gesalzen, damit er recht schmackhaft werde; wochenlang muss er fast täglich gereinigt und wieder gesalzen werden und erfordert eine sorgfältige Pflege... Ist es mit dem Menschen nicht auch so?

Wenn der Mensch geboren ist, dann wird er auch in Windeln gewickelt, und es geht nicht lange, so wird er auch beladen, er wird in den Reif der Schule getan. Wenn der Mensch etwas werden will, wenn er eine rechte Form und Art bekommen soll und wenn er auf dem grossen Markte der Welt einst etwas gelten und bedeuten will, so muss er etwas lernen. Also, meine lieben Freunde! Dass ein Käs in den Reif muss, dass er beladen werden muss, das sehet Ihr ein, das begreifet Ihr; aber dass die Kinder in die Schule müssen, dass sie etwas lernen müssen, wenn sie sich heutzutage mit Not und Ehren durch die Welt schlagen, wenn sie selber einst mit Ehren ein Stück Brot verdienen wollen, das wollt Ihr hie und da nicht recht begreifen. Ist das nicht sonderbar? Also: wir Geistliche wollen Euch in Zukunft nicht mehr von Schule und Erziehung Eurer lieben Kinder predigen; aber Eure Käse sollen Euch davon predigen. Wie es keinen rechten Käse gibt ohne Reif und Lab, so gibt es auch kein Lebensglück und keine Ehre ohne Schule und Unterricht. Denket daran, das wäre ein elender Knecht, der Euch den Käs nicht laden und besorgen würde, und das ist ein elender Vater, der seine Kinder nicht zur Schule und Unterricht anhalten würde.

Aber zu einem rechten Käs braucht es nicht nur einen rechten Reif, sondern auch die rechte Belastung. Und so auch im Menschenleben. Da beklagen sich die einfältigen Menschen gar oft über Unglück, über Leiden KÄSE UND MENSCHEN.

und Krankheiten, über Prüfungen aller Art: Merket Ihr denn nicht, dass Euch der himmlische Hausvater gerade durch diese Belastung in die rechte Art und Form bringen will? Wartet nur, wenn die rechte Zeit vorüber ist, dann nimmt er diese schweren Steine weg von Euch und werdet zur rechten Zeit inne werden, dass gerade dieses schwere Unglück, diese harte Prüfung Euch sehr gut und nützlich gewesen. Überhaupt der Mensch wird nichts ohne durch Erfahrung; die Schule des Unglücks und der Prüfungen, das ist die beste Schule; aus ihr sind alle grossen Männer und grössten Heiligen hervorgegangen...

Aber der Käse wird nicht nur belastet; was ein rechter Käse werden soll, das wird auch gesalzen. Auch zum Menschenleben gehört ein Körnlein Salz. Merket wohl auf, was ich sagen will und wie ich 's meine!... Das Salz bedeutet den Glauben, die Religion es bedeutet das Christentum. Mit andern Worten: Wenn der Mensch erzogen wird, so muss diese Erziehung eine christliche sein; wenn der Mensch etwas werden soll, so muss man ihn erziehen und bilden; aber nicht nur für die Künste und Kniffe des Lebens, man muss ihn erziehen für die Ewigkeit; er muss erzogen werden zur Gottesfurcht, zu christlichem Sinne und christlichen Sitten Wenn der Mensch nichts weiss von der Ewigkeit, wenn er nur für diese Welt lebt und arbeitet, wenn er nur seinem Leibe lebt, seinem Bauch und seiner bösen Lust, dann ist der Mensch nur ein Vieh — verzeihet! Altmeister Goethe hat das Wort gebraucht — dann ist der Mensch nur ein Vieh. Ein Käs ohne Salz und ein Mensch ohne Glauben, die taugen beide nichts.

... Was Salz ist, das wisst Ihr alle; das heisst, Ihr habt wenigstens schon Salz gesehen; vielleicht schon Salz getragen, mehr als Euch lieb war; und jedenfalls habt Ihr alle schon Salz genossen. Das Salz ist zwar bitter oder sauer, es brennt wie Feuer; aber merkwürdig! dennoch können wir gar nicht leben ohne Salz. Wir essen zwar kein Salz, wir können es gar nicht essen; aber wir können nichts essen ohne Salz; keine Speise schmeckt uns, wenn nicht wenigstens einige Körnlein Salz darin sind; und wenn etwa einmal die Mutter vergessen hätte, die Suppe zu salzen, so gibt es Lärm und Aufbegehren am ganzen Tisch. Zu allen Speisen brauchen wir also etwas Salz. Sogar das liebe Vieh will Salz haben; und wenn einer Ziegen hüten will, so muss er eine Salztasche umhängen, damit die armen Tiere wenigstens meinen, sie bekommen Salz. Sieh! wie die Schäflein kommen und die Rinder und Kühe, alles kommt gelaufen, wenn man ihnen nur eine Handvoll Salz gibt. Das Salz ist uns also notwendig und unentbehrlich, und wir können nicht einen Tag leben ohne Salz.

Und so wie mit dem Salze, gerade so ist es auch mit der Religion, mit dem Glauben und mit dem Christentum. Nämlich so: Man kann kein Salz essen, aber man kann nichts essen ohne Salz; das heisst, man kann nicht immer beten, man muss auch arbeiten; man kann nicht immer in der Kirche sein, man ist auf der Welt, und man muss handeln und wandeln; man kann nicht immer beichten und wallfahrten, man muss auch essen und lebenso saget Ihr, und damit bin ich ja einverstanden. Aber — nun merket wohl auf! Bei jeder Arbeit, bei jedem Handel und Tausch, beim Essen und Trinken sogar und in allem muss wenigstens ein Körnlein Gottesfurcht und Glaube, muss Christentum und Tugend sein. Also das wollen wir jetzt nicht mehr predigen, das sollen Euch die Käse predigen; daran sollt Ihr selber denken, wenn Ihr die Käse salzet. Ja, dann denket und saget Euch: Mit dem Glauben ist es wie mit dem Salz; ohne Salz können wir nichts essen, und ohne Glauben und Gottesfurcht kann der Mensch nicht leben und nicht sterben.

Also sehet, was wir alles von einem Käs lernen können; aber das ist noch nicht alles, jetzt kommt noch etwas ganz anderes. Es kann ein Senn lange Mühe und Arbeit haben und alle Sorgfalt anwenden, es geht auch bei den Käsen wie beim Menschen: Es fehlt hie und da einer. Und da gibt es vorzüglich zwei Sorten von gefehlten Käsen: Die einen „ lüpft es ", das heisst, sie blähen sich, und die andern sind angegriffen, sie fangen an zu faulen... Auch da können wir wieder etwas lernen. Kluge Leute merken vielleicht schon, was ich sagen will. Es gibt auch hie und da Käse, die es lüpft, die sich aufblähen, die ein wenig Blasen bilden und sich mit Luft füllen. Woher das komme, wisse man nicht recht. Die einen meinen, es habe an der Milch gefehlt; die andern sagen, es habe am Käsbrett gefehlt; noch andere behaupten, es komme vom warmen Speicher her, und der Wind habe sie zersprengt. Jedenfalls sind solche Käse weniger wert als andere; sie kommen in den Ausschuss, und man hat sie nirgends gern.

Ist es nicht so bei,den Menschen? Jawohl! auch unter den Menschen gibt es solche, die es lüpft und die sich aufblähen... Ein rechter Senn braucht einen aufgeblähten Käs nicht anzuschneiden, er weiss ja sonst, dass dieser inwendig hohl und leer ist. Und so braucht ein Menschenkenner auch einen Hochmütigen auch nicht lange zu examinieren; er weiss auch sonst, dass dieser Hoffärtige inwendig hohl und leer ist. Das heisst: Rechte Menschen bleiben demütig und bescheiden, sie wollen immer noch mehr lernen und besser werden; nur der Einfältige, nur der hohle Kopf wird hochmütig, rühmt und lobt seine Sachen und ist niemals eines Bessern zu belehren. Aber der aufgeblähte Käs bringt es nicht weit; er kommt zum Ausschuss, er gilt nicht so viel als der andere, kurz, er ist ein verfehlter Käs. Und so ist es wieder beim Menschen: Meinet Ihr, dieser hochmütige, aufgeblasene junge Mensch, meinet Ihr, der werde einst etwas Rechtes? Der werde einst ein Richter, Rat oder Vorsteher? Meinet Ihr, auf ihn könne einst das Vaterland hoffen? Ja, er meint es, aber sonst niemand...

...Woher kommt diese Hof f art, woher kommt das Blähen? Bei den Käsen fehle es an der Milch, und so kann man bei den Menschen sagen, sie haben es schon im Blut, sie bringen es auf die Welt... Woher kommt das Blähen? Es fehle am Brett, und weil der Käs zu wenig belastet worden, weil man die Syrte zu wenig abgelassen. Ist es bei den Menschen anders? Kommt nicht diese stinkende Hoffart daher, dass diese Menschen in der Jugend zu wenig zum Gehorsam und zur Demut angehalten worden sind?... Woher kommt das Blähen? Wenn der Speicher zu warm sei oder der laue Wind die Käse sonst verderbe. Ist es beim Menschen anders? Ja, wenn man dem jungen Menschen schon in der Schule, schon in der Kindheit den Kopf gross macht mit dem warmen Wind und Schwindel des Rühmens...

KÄSE UND MENSCHEN.

Jetzt wollen wir auch vom faulen Käs noch etwas lernen. Welcher Käs fault am ehesten und wird angegriffen? Da wird jeder Bauer sagen: Der Käs fault am ehesten, der „ lugg gemacht ist Es gibt leider auch unter den Menschen solche, viele, die angegriffen sind und faulen; angegriffen nicht etwa an der Lunge und die den Husten haben und einen bösen Auswurf; nein! angegriffen am Herzen, angegriffen in ihren Gedanken, angegriffen an ihren Sitten und die den bösen, stinkenden Auswurf unflätiger Reden von sich geben. Und das sind gerade jene Menschen, die „ zu lugg " gemacht sind; das heisst: es sind die Faulen und Trägen...

Wenn man einen faulen Käs genau untersucht, so findet man gewöhnlich im Mittelpunkt der Fäulnis einen fremden Körper; vielleicht eine Krys-nadel, die vom Vollenschaub in die Milch gekommen; vielleicht eine kleine Mücke, kurz etwas ganz Kleines und Unbedeutendes. Und dieser kleine Körper kann einen Käs zur Fäulnis bringen; das erzeugt Hunderte von Maden und Würmern... So geht es auch bei den Menschen...

Ich könnte Euch noch vieles erzählen von Käsen und Menschen. Aber es ist Zeit, dass ich mit meinen Gleichnissen zu Ende komme und Euch nicht länger ermüde. Höret also noch ein letztes Wort.

Im Herbst, da werden die Käse verkauft; sie werden gewogen, dann in Spahlen verpackt, das heisst in Gefässe von weissen Tannenbrettern, und mit schwarzer Farbe wird auf jede Spahle gezeichnet oder geschrieben, wem die Käse gehören. Dann werden sie fortgeschafft, sie kommen weit fort, über die Berge zuerst, dann über das weite, grosse, unendliche Weltmeer; viele unserer Käse kommen bis nach Südamerika. Sehet, so geht es auch beim Menschen: im Herbst, am Abend unseres Lebens, im hohen Alter, da werden auch wir in weisstannene Bretter eingeschlagen; und bevor wir noch im Totenbaum liegen, stehen wir schon vor dem Richterstuhl Gottes und werden gewogen und gerichtet. Auch uns legt man in weisstannene Bretter, und auf unseren Sarg schreibt man auch mit schwarzer Farbe; auch auf unseren Totenbaum schreibt und zeichnet man genau, wem wir gehören; nämlich man malt darauf ein Kreuz zum Zeichen, dass wir Christus angehören, dass wir von ihm gekauft seien um einen kostbaren Preis, um sein bitteres Leiden und Sterben; und dann müssen auch wir jene grosse Reise antreten, weit — weit fort, weit hinüber durch den unermesslichen Ozean der Ewigkeit. Die Käse werden zuletzt gegessen, und auch der Mensch wird eine Speise der Würmer. Sind wir jetzt am Ende — ist der Mensch wirklich nicht mehr als ein Käs? Gibt es am Ende keinen Unterschied, als dass der Käs von den Menschen, der Mensch aber von den Würmern aufgezehrt wird? Hier ist das Ende, und hier ist auch der Unterschied zwischen Käs und Mensch!

Erhebet Euere Gedanken, Ihr Menschenseelen, und vergesset nicht, woher Ihr kommet und wohin Ihr gehet!... »

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