Klein Fiescherhorn NW-Wand, erste Winterbegehung

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Michael Boos, St. Gallen

Ich hänge den Hörer auf... eine weitere Absage. Die wievielte schon? Das letztemal, während der Schönwetterperiode Ende Dezember, ging auf diese Weise ein Tag verloren, leider der entscheidende. Dennoch sind wir damals in die Wand eingestiegen, so dass ich jetzt wenigstens weiss, womit wir zu rechnen haben.

Als nächsten rufe ich Urs an. ( Was, jetzt ?) tönt es mir entgegen, ) nein, ich würde erst im März gehen... ich gebe dir später Bescheid. Aber such weiter ...> Tu ich. Name um Name muss ich nun abhaken, alle erfolglos: Martin ist mit der Arbeit im Rückstand, Paul sonstwie beschäftigt, Kurt kann man nicht erreichen, Franz weilt zur Zeit in der UO, Marcel hat zu tun, Kari den Daumen im Gips, Thomas winkt ebenfalls ab - vergebliches Bemühen! Trotzdem will ich nicht aufgeben. Ich telefoniere Patrick Hilber.

( Wasja, also nächste Woche muss ich in die RS, morgen zur Schule und Ferien habe ich ohnehin keine mehr zugute. Aber ich werde versuchen, den Lehrmeister zu erreichen. Ich ruf dir dann zurück. ) Wer sucht, der findet.

Bald klingelt das Telefon erneut: ( Ich habe den Lehrmeister nicht erwischt, aber morgen gebe ich dir sofort Bescheid. Ich werde um halb sieben in die Bude gehn und ihn fragen; bis dann. ) Es ist jetzt Mittwochmorgen, und am Sonntag habe ich das erste Telefon gestartet; nun endlich verfüge ich über einen Seilkameraden - Patrick hat zugesagt. Noch immer zeigt sich das Wetter von der besten Seite und die Prognose lautet ebenfalls günstig. Also brechen wir auf. Wir treffen uns in Luzern, tätigen in Interlaken die letzten Provianteinkäufe, und auf geht 's nach Grindelwald.

Wenn nur das Bähnchen nicht dermassen langsam emporschleichen würde! Doch schliesslich erreichen wir die Station Eismeer.

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Anders als beim letzten Versuch mit Franz Coester haben wir nun Stirnlampen dabei. Durch den Spalt zwischen Fels und Schnee gelangen wir bald vorsichtig ans Tageslicht.

Rasch das Seil im Rucksack verstaut, die Ski angeschnallt- und schon schwingen wir auf der schön eingeschneiten Rampe ( ) in die Ebene und weiter in das Becken des Fieschergletschers hinunter. Langsam nähern wir uns unserem ( Reizob-jekt ), der NW-Wand des Ochs oder Klein Fiescherhorns.

Nach der im Schütze einer geräumigen Schneehöhle gut verbrachten Nacht, stapft Patrick frühmorgens dem Bergschrund entgegen. Ich schwanke hintendrein. Anseilen, den Schrund überwinden, Stand einrichten - im Prinzip wiederholt sich der Ablauf bei jeder Tour, nur der Schauplatz ändert und damit das konkrete Objekt: hier ist es die Oberlippe. Patrick löst das Problem souverän. Einziger Schönheitsfehler: die Schneebrücke bricht unter seinem Abstoss zusammen. Doch die Begehung einer 1050 Meter hohen Wand scheitert nicht an läppischen 50 cm.

Uns in der Führung abwechselnd steigen wir über das manchmal blanke, überwiegend jedoch firnbedeckte Eisfeld in Wandmitte links des Pfeilers empor. Auf eisenfest gefrorenem Schutt erreichen wir die Pfeilerkante. Nun Blick auf die NW-Wand des Klein Fiescherhorns steilt sich der Sporn etwas auf und bietet auf einigen Metern eine echt winterliche Rauferei über einen heiklen, teilweise schneebedeckten Felsriegel, eine Kletterei, die sich etwa mit einem Freistil-Wettschwimmen in einem Bassin voll Watte vergleichen lässt.

Seillänge um Seillänge arbeiten wir uns höher, bis zur Steilstufe unterhalb des zentralen Eisfeldes. Mehrere gute Zwischensicherungen unter mir wissend, stehe ich unvermittelt in einer senkrechten, von dünnem Eisbelag überzogenen Passage. Hier rauscht im Sommer ein kleiner Wasserfall hernieder, der jetzt allerdings erstarrt ist. Der Fels scheint wohl von bester Qualität, doch alle Griffe werden vom bläulichweissen Panzer gleichmässig überzogen. Trotzdem, irgendwie geht 's ja immer, zumal schwierige Stellen durch Warten auch nicht leichter zu werden pflegen. Mit dem Vorsatz, endlich einmal nach Göschenen zu gehen um dort Wasserfallklettern zu üben, schwindle ich mich schliesslich über die böse Stelle hinweg.

Allmählich setzt jetzt die Dämmerung ein. Ohne uns einen Gutenachtkuss zu gönnen, versinkt die Sonne und lässt das Berner Oberland im Dunkeln zurück. Das Gelände ladet gewiss nicht zum Verweilen ein, ist doch schon die durchschnittliche Wandneigung grösser als die der Droites NW-Wand im Ar-gentièrebecken. So schnell es geht, klettert Patrick die folgende schöne Seillänge in gutem Fels empor - Stand - nachkommen! Über das anschliessende Schneefeld gelangen wir rasch höher und traversieren einen Trichter in Richtung eines im Zwielicht noch eben knapp erkennbaren Pfeilerkopfes. Wuhh - tatsächlich, wir haben uns nicht getäuscht, hier findet sich ein schmales Plätzchen. Wir reissen uns trotz grosser Müdigkeit nochmals zusammen und richten uns so angenehm wie möglich ein: Jeder schaufelt sich seinen , wir ziehen die obligatorischen ( Sicherheitsgurte ) an und - Liebe geht durch den Magen - bereiten unser Abendessen zu. Dabei kommen wir zum Schluss, dass es wohl kein Restaurant gibt, das seinen Gästen eine derart grandiose Aussicht zu bieten vermag. Die nun folgende Vorstellung des eben frisch gegründeten Klein-Fiescher-Chors dauert noch bis in die tiefste Nacht und verklingt erst, als der verdiente Schlaf uns übermannt. Leider pflegt der Übergang vom fast schwerelos sitzenden in den hängenden bzw. aufgehängten Zustand sanft schlummernde Bergsteiger unangenehm abrupt zu wecken. Man robbt dann in die Ausgangslage zurück, stets hoffend, die Verankerung halte auch ein nächstes Mal...

Einssein mit der Natur, Wetter und Laune sind prima. Rasch wird gefrühstückt, gepackt und schon stürmt Patrick über den relativ leichten Wandteil hoch. Dabei muss ich wieder feststellen, dass ich schwieriges Gelände oft mehr schätze, da man dort weniger ausser Atem kommt; allein schon weil man in einer Seilschaft ohnehin die halbe Zeit herumsteht... Aber es dauert nicht lange und die -vorhin erhoffte - Besserung tritt ein: das zur Gipfelwand leitende Eisfeld präsentiert sich in blassgrau schimmerndem Tone. Spätestens wenn man die erste Zwischensicherung anbringen möchte, wird der Unterschied zwischen Sommer- und Wintereis deutlich: während sich die Rohreisspirale in ersteres wie in einfrisst, gebärdet sich letzteres, als wolle man versuchen, einen Nagel in eine Fensterscheibe einzuschlagen. Doch sogar das gelingt uns irgendwie. Aber nun hält der Berg noch eine weitere klassische Überraschung für uns bereit: die perspektivische Verkürzung! Diese tritt vorzugsweise bei Eisflächen in Erscheinung und führt dazu, dass in Tat und Wahrheit praktisch das Doppelte der von unten geschätzten Höhendifferenz zu überwinden ist.

Der sich fortsetzende Frontzackentanz weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Spitzen-schritt des klassischen Balletts auf, jedoch mit dem kleinen Unterschied, dass man bei diesem jederzeit ebenen Boden unter den Fussen fühlt. Vor allem aber muss bei einem Pickel-bruch auf der Bühne nicht mit einem 20- oder sogar 40-Meter-Sturz des Hauptdarstellers gerechnet werden.

Schliesslich nimmt auch das Eisfeld ein Ende, so dass wir uns der nunmehr störenden Zackenkränze entledigen können. Der hier ansetzende Fels ist teils fest, teils wenig ver-trauenserweckend, aber... was hält die niedere Temperatur nicht alles zusammen!

Bisher bin ich stets der Meinung gewesen, die Verwendung dieser neuen angelsächsischen Klemminstrumente sei durch Einsatz konventioneller Mittel vermeidbar.

Auf dieser Tour muss ich mein Vorurteil nun gründlich revidieren. Zum einen materiell, da sich die im Gegensatz zu den bisher üblichen Sicherungsgeräten immer anbringen lassen, und formell, weil die Europäische Menschenrechtskonvention mir doch das Recht auf eine Meinungsänderung zugesteht.

Ein ohrenbetäubendes Donnern verbreitet tödlichen Schrecken in der ganzen Wand -Fehlalarm! Nicht die Gipfelwächte hat sich über unseren Köpfen gelöst, sondern Kampf-flugzeuge kommen unvermittelt über den Grat dahergebraust und verschwinden rasch Richtung Grindelwald. Endlich nähern wir uns der Schlüsselstelle. Feine Risse und schmale Bänder ausnützend, steigt Patrick eine volle Seillänge die sich hier aufbäumende Platte empor. Stand. Für mich bleibt damit die nachfolgende unangenehme Spalte. Die Schuhe ( jeder wiegt 2,4 kg !) ziehen mich mächtig in die Tiefe, die Steilheit ist bereits übers Lot, da bricht Patrick noch der halbe Standplatz ab und poltert die Wand hinunter. Mit ein klein wenig Mogeln schaffe ich den Riss. Gewiss, ist anders, nämlich für mich momentan bedeutungslos und zudem vorzugsweise mit EBs zu klettern. Aber wir befinden uns nicht auf einem Sportklettertrip, sondern unternehmen diese Tour zu unserem Vergnügen...

Das Gelände wird nun zusehends leichter, der Tag geht zur Neige; wir sind müde. Etwa sechzig Meter unterhalb des Gipfels erreichen wir die Nordkante. Damit haben wir es ge- schafft, die erste Winterbegehung der Nordwestwand des Klein Fiescherhorns oder Ochs, wie dieser herrliche Berg auch genannt wird. Nun, wie obiger Aussage zu entnehmen ist, hat auch hier der Ehrgeiz ein bisschen mitgespielt, wenn auch nur ein ganz klein wenig. Die Frage sei deshalb gestellt: Welche der grossen Berner Nordwände wurde von sagen wir, Grindelwaldner Bergsteigern erstbegangen? Oder wintererstbegangen?

Beim Einnachten steigen wir über den ( Biancograt ) des Berner Oberlandes hinab, bis in die Dunkelheit uns nicht mehr weiterlässt und uns nötigt, auf einer luftigen Kanzel das Nachtlager zu beziehen. Ungeachtet unseres grossen Ruhe- und Schlafbedürfnisses zwingen wir uns, noch etwas zu trinken und zuverlässige Sicherungen einzurichten. Wie sinnlos sich jetzt eine kleine Nachlässigkeit zu leisten, wenn man dann für den Rest des doch so herrlichen Lebens... tot ist! Diese oder jede andere vermeidbare Sorglosigkeit ist es nicht wert, eine Tour zur letzten zu machen. Wohl gilt der Tod als das dem Menschen vorbestimmte Ziel. Doch nicht derjenige gewinnt, der am wenigsten lange dazu braucht... Wer einmal - vielleicht völlig unerwartet und unvermittelt - realisieren musste, wie wenig ihn im eben durchlebten Augenblick vom endgültigen Ende getrennt hat und sich dabei plötzlich bewusst wird, was wirklich bedeutet, der betrachtet von nun an alles mit einem bescheideneren Blick. Plötzlich weiss er jede selbst noch so geringe Bequemlichkeit, ohne die andere glauben nicht existieren zu können, sehr zu schätzen. Dies weil er nun über die Erfahrung verfügt, wie wenig wir tatsächlich zum Leben benötigen.

Vor diesem Hintergrund nimmt das Erlebnis Klein Fiescherhorn für uns Beteiligte eine ganz eigene, fast irreale Dimension an. Die idealen Verhältnisse am Berg, das prächtige Wetter, die enge, intensive Kameradschaft, die erfolgreiche Durchführung eines langgehegten Planes - dies alles verbindet sich in uns nun zu einem überströmenden Glücksgefühl, wie es einem nur in ganz seltenen und besonderen Fällen beschieden ist.

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