Kleines Bergerlebnis

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Der Wanderer, der von Braunwald her über die grünen abwechselnd mit breiten Ahornbäumen und Nadelhölzern bedeckten Hänge aufwärtsschreitet, ahnt kaum, dass hinter der langgezogenen Felswand zwischen dem Ortstock und den Eckstöcken sich eine stundenweite steinerne Einöde ausdehnt. Es ist dies das sagenumwobene Gebiet der Karrenalp.

So befand ich mich nach einem ziemlich steilen Aufstieg vom Grosstal her unvermittelt in diesem wüstenähnlichen Hochland. Hier hatte der eigentliche Weg sein Ende gefunden. Dafür musste ich mich von nun an an die rote Markierung halten, die den Weg anzeigte, der sich zwischen den vor Urzeiten von einem mächtigen Gletscher glattgeschliffenen Steinplatten hindurchschlängelte. Später waren die etwa meterhohen Steinsplitter richtungweisend, die dolchähnlich aus den Bodenerhebungen hervorragten.

Heiss brannte die Sonne auf dem grauen Gestein und auf den vereinzelten Schneeflecken. Über mir wölbte sich ein tiefblauer Himmel. Nur hinter dem nahen Flätstock türmte sich langsam eine leuchtendweisse Sommerwolke auf. Die unheimliche Stille wurde einzig von Zeit zu Zeit vom warnenden Pfiff eines Murmeltieres unterbrochen.

Nach einer Wanderung von etwas über einer halben Stunde verliess ich die markierte Route, um Stufe um Stufe des dem Faulen vorgelagerten Hanges zu erklimmen. Eben hatte ich einen neuen Vorsprung erreicht, als mich das Geprassel fallender Steine aufblicken liess. In einer Entfernung von kaum fünfzig Meter zog ein Rudel von acht Gemsen vorüber. Hinter einen Felsblock geduckt, hatte ich alle Musse, das Wild zu beobachten, wie es die Berghalde durchquerte. Sich völlig allein wähnend, überschritten die Tiere in gemächlicher Gangart jetzt einen steilen Schneehang. Einige kauerten ab und zu kurze Zeit auf dem Schnee nieder.

Wieder liess mich ein Geräusch aufhorchen! Doch diesmal kam es aus einer Distanz von nur wenigen Schritten. Aus einem der unzähligen Felslöcher erschien für einen Augenblick ein dunkelbrauner Kopf. An den etwa meterlangen waagrecht verlaufenden Spalt herantretend, gewahrte ich darin ein ausgewachsenes Schaf, das sich bemühte, aus seiner Zwangslage sich zu befreien. Da das Tier mit dem Körper in der Karrenspalte eingeklemmt war und die Beine keinen Boden fanden, konnte es sich nicht mehr befreien.

Ich kniete am Rand des Spaltes nieder, um zu versuchen, das Schaf aus seiner misslichen Situation zu befreien. Doch meine Bemühungen blieben erfolglos.

Hilfe konnte nur ein Hirte bringen, der sich in solchen Dingen auskennt. Wo aber diesen finden? Weit und breit keine Hütte. Nur weit unten im Felsenkessel stand eine solche. Ich versuchte durch Rufe die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber niemand zeigte sich. Da ich das Tier nicht seinem elenden Schicksal überlassen wollte und fest vermutete, dass die Hütte bewohnt sei, stieg ich zum Felskessel hinab. Zur Kennzeichnung des Standortes errichtete ich an einem Vorsprung zuvor ein Steinmännchen, worauf ich auf dem gangbarsten Wege meinem Ziele zustrebte.

Aus der einzigen Fensteröffnung des oberen Stockwerkes der Hütte empfing mich Hundegebell, was ich als ein gutes Zeichen deutete. Und bald traten zwei sonnengebräunte Gestalten aus der Türe der rauchverdunkelten Schäferhütte. Ich erzählte mein Erlebnis den Männern, und sie beschlossen, dass der jüngere der beiden Hirten mich zur Stelle begleiten möge, während der andere zu der auf abgelegener Weide grasenden Herde zurückkehren wolle. An derartige Vorkommnisse gewöhnt, liessen es sich die Leute jedoch nicht nehmen, vorerst noch ihr Mittagsmahl einzunehmen, zu dem sie auch mich einluden. So senkten wir drei unsere Löffel in die gemeinsame Schüssel, um uns an dem dampfenden Maisbrei gütlich zu tun. Dabei wurden die näheren Umstände des Vorfalles erörtert. Da die Herde schon vor zwei Tagen die betreffende Gegend verlassen hatte, musste das Tier seither ohne jegliche Nahrung in seiner Zwangslage ausgeharrt haben.

An Ort und Stelle angekommen, gelang es dem Hirten, das Schaf mit einigen festen Griffen aus dem Loche herauszuzerren. Das erschöpfte Tier konnte sich jedoch nicht mehr auf seinen Beinen halten, weshalb es der Hirte auf seiner Schulter zu Tal tragen musste. Als ich mich später von den Hirten verabschiedete, lag das Tier in einem Pferch und kaute vom hier reichlich vorhandenen Gras. Es hatte keinen Schaden davongetragen.

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