Kleines Bergmosaik

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ALFRED BOLLINGER, HERISAU

Kühl, düster und lotrecht ist die Wand. Aber sie ist der Weg zum Licht, zur Sonne, die hoch oben am Grat goldene Kringel auf den weissgrauen Fels hinzaubert. Der Weg zum Licht ist hart. Während Stunden krallen sich unsere Finger in die Rillen und Ritzen des festgefügten Gemäuers. Da, auf einmal versinken die Fingerspitzen in einem tiefen Griff, einem echten « Briefkasten », und ruhen auf einem saftig schwellenden Moospolster, feucht und weich. Sie vergessen für Augenblicke, dass ihre Kuppen schmerzen. Sie kosten allein die wohlige Gemeinschaft mit dem weichen Kissen in seinem Spalt. In stürzenden Flüchten aus Fels ist eine Mooskugel wie ein Märchen...

4 Die Alpen - 1958 - Les Alpes49 Wir pusten und dampfen, wie einst der alte Montenvers-Choli, mit Bart und Sack und Pack zum Theodulpass hinauf. Da surrt ein Motor in den Lüften, ein Flugzeug beschreibt einen eleganten Bogen, verschwindet für Sekunden und setzt sich federnd leicht auf dem Gletscher ab. Zwei Herren entsteigen der Kabine und marschieren mit grosser Zähigkeit die paar Schritte bis zur Passhöhe oder besser bis zu Côtelettes und Pommes frites in der Testa Grigia. Uns bleibt « die Spucke » weg! Die Säcke drücken ungeheuer, und im Bart haben sich Gletscherflöhe verfangen. Aufgebracht über diese Art Bergsteiger bleiben wir stehen...

Am Fenster der Mountethütte sitzt eine Frau so, dass sie ungehindert zum Obergabelhorn hinaufblicken kann, wo Mann und Freund als schwarze Pünktchen hoch oben am Gipfel kleben, in den letzten Metern der stotzigen Nordwand. Sie spricht mit uns mit ruhiger, weicher, manchmal wehmütig singender Stimme, einer Stimme, die von Bergerlebnissen voll ist. Sie erzählt von Eiswänden, den « faces nord », dass man in diese Flanken seine eigene Route legen könne wie ein Künstler, der mit seinen Strichen ein leeres Blatt durchmisst. Im Fels ist es ein Suchen des Weges, im Eis « on fait son chemin ». Und wieder gleiten ihre Augen hinaus in die Dämmerung zu den zwei Punkten, die den Gipfel überquert haben. Sie schaut stolz und besorgt zugleich. Wir können nicht anders: Morgen wollen wir unsere erste face nord durchsteigen!

Einmal allein. Mutterseelenallein. Makellos glänzen und funkeln die Berge in einem neuen Schneemantel, der sich nach der letzten Welle des Unwetters über ihre mächtigen Schultern ge-gelegt hat. In der weiten Runde kein Mensch, keine einzige Spur unter dem strahlend blauen Himmel. Ich stampfe über einen Firnhang, oft bis zu den Hüften im stäubenden Schnee versinkend, meinem Südgrat entgegen. Als ich oben an der Wächte anlange, läuft dort eine Spur, wie von zierlichen, dreizackigen Zweiglein geformt, genau auf der überhangenden Crête, wo sich keines Menschen Fuss hinwagt. Dohlenfüsse! Und rund herum die blendende Runde der einsamen und stummen Wächter: Matterhorn, Dent Blanche, Dent d' Hérens, Monte Rosa.

Er ist ein ehrwürdiger Haken, krumm und rostig und steckt in einer luftigen Ritze in den Kreuzbergen. Ich klopfe ihm freundlich ein paar Schläge aufs Haupt, bis er das beruhigende Lied des sicher sitzenden Stiftes singt. Eingehängt! Schnaufpause. Zwiesprache mit dem krummen Kerl. Er scheint heute etwas Besonderes zu verheissen. Ich weiss nicht was, vielleicht eine Extrarosine aus den vielen kleinen Freuden des Kletterns. Und wirklich! Kaum ein paar Griffe weiter oben, als wir in die Sonne tauchen und alle Schwierigkeiten hinter uns haben, krabbelt ein Marienkäfer mit zwei leuchtend weissen Tupfen auf uns zu. Unter uns pfeilt der weissgraue Plattenschild des « Vierten » in die Tiefe. Was wohl den kleinen Kerl, der auf des Freundes Jacke kriecht, bewogen hat, in solch unwirtliche Wände zu steigen? Wir indes glauben an unser Glück und lassen einen frohen Jodel in die Felsenrunde schallen.

Nun haben wir genug, einfach genug von dieser elenden Bergsteigerei! Schon wieder diese ewigen Moränen, diese verschrundeten Gletscher! Und das nicht enden wollende Aufpassen-müssen... Nicht einmal den Gipfel erreicht haben wir heute! Wir fluchen und schwören, morgen schon heimzureisen und Seil und Pickel einzubalsamieren. Ein Bad, nicht daran zu denken, und erst die Côte d' Azur, blonde Frauen und leichte Sommerhosen! Ein tiefes Ach entfährt uns, und weiter stolpern wir über lose Blöcke. Dazu übergiesst uns ein Berggewitter, als ob dann unsere dünn gesäten Haare neu spriessen würden! Nein, an en a assez! Morgen der Zug. Und am selben Abend, bei einer Tasse Tee: « Schau dort die Drus! » « Herrlich. Morgen ?» So sind wir: unverbesserliche Narren.

Verirrt im Schneesturm. Beissender Wind. Unser Bartrudiment ( noch sind wir erst aus der Zivilisation emporgestiegen ) ist in ein Rauhreifgärtchen verwandelt. An der Nase hängt kokett ein Eiszapfen. Der Wind heult, und vor uns sperrt eine tiefe Kluft ihr gähnendes Maul auf. Fünf Stunden später betreten wir die raucherfüllte Stube der Monte-Rosa-Hütte, nachdem wir bereits ein fertiges Schneebiwak gebaut hatten. Nichts ist mehr selbstverständlich. Welch Wunder: eine Kerze mit ihrem warmen, flackernden Schein, welche Wohltat, eine Wolldecke und ein Lager!

Ich sitze in einem Felsloch, hoch in der Wand, und lasse das Seil, das zum Kameraden führt, durch die Hände gleiten. Wassertropfen perlen auf der Windjacke und auf dem Gestein, kleine Weltkugeln für den Bergsteiger, denn in ihnen leuchtet das Blau des Himmels, die steile Flucht der Wand, und dazwischen blitzt die vertraute Silhouette des Freundes auf, der dem Gipfel ent-gegenklimmt.

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